Professor Gerhard Henkel forscht seit 50 Jahren über die Entwicklung des ländlichen Raums. Die Krise vieler Kommunen lastet er Fehlentwicklungen „von oben“ an: Der lokalen Politik seien alle Freiheiten genommen worden. Was dagegen zu tun ist, erläutert der Humangeograf im „Land.“-Interview ein „gewaltiges Umdenken in den Zentralen der Macht“.

Herr Professor Henkel, schrumpfende Dörfer, wütende oder resignierte Dorfbewohner – was ist für Sie die Hauptursache?

Daran haben der Staat in Gestalt von Bund und Ländern eine wesentliche Mitschuld. Unzufriedenheit und sogar Resignation in den Dörfern und Landgemeinden hat eine Hauptursache, und zwar im ganzen Land: Die Kommunalpolitik ist durch demokratiefeindliche „Reformen“ und permanente Gängelung und Entmündigung schleichend entmachtet worden. Das wird in den Entscheidungszentralen von Politik und Gesellschaft kaum wahrgenommen oder ganz ignoriert.

Wie wirkt sich das im Dorf aus?

Die Gemeinden erfahren zu wenig Respekt und Unterstützung durch Bund und Länder, haben zu wenige Möglichkeiten der freien Entscheidung und Gestaltung, unterliegen zu vielen Regeln und Hürden. Da taucht immer wieder die Klage auf: Wir können kaum noch etwas selbst gestalten. Die im Grundgesetz verankerte kommunale Selbstverantwortung verdient diesen Namen kaum noch. Das ist weitgehend nur noch eine Verwaltung von Aufgaben im Sinne von Vorgaben, die man selbst nicht beeinflussen kann. Die fehlende Befugnis führt zu Resignation und Verdruss und auch zum Rückzug vieler engagierter Bürger aus der Kommunalpolitik.

Ich verstehe
ehrenamtliche Bürgermeister, die sagen:
das schaffe ich nicht!

Gerhard Henkel

Der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte ist mit Abstand der größte Deutschlands, mehr als doppelt so groß wie das Saarland. Ist das vernünftig?

Nein! Die von oben diktierten, harmlos klingenden Gebietsreformen haben nicht nur riesige, bürgerferne Landkreise geschaffen und in den alten Kreisstädten Leerstände produziert, sondern auch in mehr als 20.000 deutschen Dörfern und Kleinstädten die bewährte Selbstverantwortung mit Bürgermeistern und Gemeinderäten beseitigt. Die in Jahrhunderten bewährte lokale Selbstverantwortung mit Bürgermeister und Gemeinderat wurde abgeschafft. Dabei sind bisher über 300.000 ehrenamtlich tätige Kommunalpolitiker „entlassen“ worden. Der Staat signalisierte damit: Wir brauchen eure lokale Kompetenz, euer Denken, Fühlen und Handeln für euer Dorf nicht mehr.

Sind die Auswirkungen belegbar?

Durch zahlreiche neue Studien wissen wir, dass Gebietsreformen keine finanziellen Einsparungen, aber verheerende demokratische, infrastrukturelle und soziale Verluste verursacht haben. Langzeitstudien in Bayern haben ergeben, dass selbständig gebliebene 1000-Einwohner-Dörfer sich bei Bevölkerung, Infrastruktur und den Immobilienwerten besser entwickelt haben als gleich große eingemeindete Dörfer. Gebietsreformen haben die Mehrheit der deutschen Dörfer und Kleinstädte durch den diktierten Verlust der lokalen Selbstverantwortung traumatisiert und zugleich die demokratische Basis des Staates massiv geschwächt.

Sehen Sie eine Chance, das zu ändern?

Dies erfordert ein gewaltiges Umdenken in den Zentralen der Macht in Bund und Ländern. Wie das Wirtschaftssystem unterstützt auch das politische System das Große, nicht das Kleine. Sehr viele Menschen lieben das naturnahe und überschaubare Landleben – und gestalten dies mit Gemeinwohldenken und Anpackkultur. Mein Appell: Lasst das Dorf leben und seine bürgerschaftlichen Kräfte neu entfalten. Wenn die Kommunalpolitik wieder Gewicht und Befugnisse bekommt, wird auch ihr Ansehen steigen. Dann werden auch die Bürger wieder mitmachen und sich mit dem Gemeinwesen solidarisieren. 

Wo kann dieses Umdenken beginnen?

Bund und Länder versuchen ja, mit Heimatministerien den Dörfern und Landkommunen Zuwendung zu signalisieren. Ich bin aber skeptisch, ob damit wirklich eine Kehrtwende in der Denkweise verbunden ist. Das hieße nämlich, den ländlichen Kommunen mehr Respekt und Unterstützung, vor allem mehr Freiheit in den Entscheidungen zukommen zu lassen.

Ihr neuestes Buch heißt „Rettet das Dorf!“ Geht das nur durch einen Wandel der Politik „von oben“? 

Der Wandel von oben ist das Wichtigste. Natürlich müssen die Bürger und Gemeinden auf dem Land auch das Ihre tun. Jedes Dorf, jede Gemeinde ist einzigartig. Jedes hat andere Werte und Potenziale, aber auch andere Defizite und Probleme. Jede Gemeinschaft muss selbst herausfinden und bestimmen, was für sie wichtig ist. Das bedeutet: Jedes Dorf, jede Gemeinde muss für seine Gegenwart und Zukunftsfähigkeit selbst sorgen. Salopp gesagt, muss es sich also selbst retten.

Man hat den Eindruck: Geld für die Entwicklung ist vorhanden, aber es irrsinnig kompliziert, an Fördermittel heranzukommen…

Das stimmt. Es gibt zu viele bürokratische Vorgaben, zu viele und immer neue Hürden, zu viel Töpfchenförderung. Ich verstehe einen ehrenamtlichen Bürgermeister, der vor diesem Labyrinth aus Anträgen, Bewilligungen, Kofinanzierungs- und Evaluationshürden sagt: das schaffe ich nicht. Und viele Dörfer und Gemeinden hängen am Tropf immer neuer Fördertöpfchen, die auch der Fernsteuerung und Machtausübung von oben nach unten dienen. 

Kann das Land die Krise der Städte – hohe Mieten, Verdichtung – auffangen?

Die Probleme der Großstadt sind natürlich für immer mehr Menschen ein Beweggrund, sich mit den Vorzügen des Landlebens zu befassen: günstiger Wohnraum, viel Natur, Ruhe, enge soziale Kontakte. Da bietet es sich an, mit kleinen Kindern oder beim Start einer kleinen Firma in ein Dorf zu ziehen. Die Politik sollte diese Trends fördern. Sehr positiv für das Land ist die Einführung des Baukindergelds, die gerade jungen Eltern bei der Eigenheimgründung hilft.

Mecklenburg Vorpommern ist durch die Zeit der Gutswirtschaft geprägt. Wie wirkt sich das aus auf die Entwicklungschancen?

Ich greife nur einen Aspekt heraus: Die in Jahrhunderten entstandene Kulturlandschaft mit Schlössern, Gutshöfen, Vorwerken, kleinen und mittelgroßen Dörfern hat ihre spezifische Prägung, die auf die vielen Besucher eine große Anziehungskraft ausübt. Aber trotz aller bisherigen Investitionen in historische Anlagen und Gebäude sind viele immer noch vom Verfall bedroht und warten auf Rettung. Das Fontane-Jahr hat ja gerade wieder in den Fokus gerückt, dass die Weite, Ruhe und Grandezza dieser Landschaft eine große Entwicklungschance darstellen, wie sowohl die Touristenzahlen und als auch die Zuzüge aus dem Westen belegen. Für mich hat Mecklenburg Vorpommern einen Trumpf, den es auch gut ausspielt: die Schönheit seiner Landschaft, Dörfer und Kleinstädte.

Erkennen Sie östlich der Elbe Besonderheiten, was die dörfliche Gemeinschaft und das kommunale Engagement betrifft?

Viele sind der Meinung, dass das zivilgesellschaftliche Mitwirken in den östlichen Bundesländern durch die jahrzehntelange staatliche „Vollversorgung“ in den Kombinaten und LPGs noch ausbaufähig ist. Entscheidend wichtig ist es, dass die Länder den Dörfern, Kleinstädten und Landgemeinden Gestaltungsfreiheit geben. Ich bin fest überzeugt, dass die Dörfer und Landgemeinden dann gute Chancen haben, zu überleben und ihre Kräfte neu zu entfalten.

Interview: Raimund Witkop

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