Julian Barlen, SPD-Generalsekretär Mecklenburg-Vorpommerns, über die Ehrenamtstiftung des Landes, bürgerschaftliche Partizipation durch Würfel-Spiele und warum Storch Heinar gerne Eierlikör trinkt.

Wir treffen Julian Barlen in Schwerin. Großer Mann, fester Händedruck, eine sonore Stimme. Seit Mai 2018 ist er der Generalsekretär des Landesverbands der SPD in Mecklenburg-Vorpommern, zuvor war er von 2011 bis 2016 und ist seit Mai 2019 wieder Abgeordneter im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Der 39-Jährige ist in Mettingen (Nordrhein-Westfalen) aufgewachsen und gelernter Hotelkaufmann und studierter Volkswirt, heute widmet er sich dem Kampf gegen Rechtsextremismus und der Gesundheitspolitik. Über die korrekte Aussprache seines Nachnamens sagt er, dass einige auf der ersten Silbe, andere auf der zweiten betonen. Richtig aber ist: auf beiden Silben. „So wie: Der an der Bar lehnt. Nur ohne H und T.“ Hätten wir das also auch geklärt.

Herr Barlen, Sie sind Eierlikör-Beauftragter von Storch Heinar. Das müssen Sie erklären.

Storch Heinar ist ein Satireprojekt, das wir hier 2008 gegründet haben, um auf eine humoristische Weise etwas gegen rechtsextremen Lifestyle zu tun. Die Neonazis versuchen durch Bekleidung, Musik und Freizeitaktivitäten eine politische Botschaft zu transportieren. Wir haben festgestellt, dass konventionelle Mittel der politischen Bildung nicht dazu führen, die Bevölkerung positiv zu sensibilisieren. Da kam die Idee einer kritischen Gegenöffentlichkeit durch Storch Heinar. Das reimt sich auf Thor Steinar, eine in rechtsextremen Kreisen beliebte Modemarke. Und Storch Heinar steht eben für Demokratie und Frieden und Fröhlichkeit, verfügt über eine eigene Kapelle und eine eigene Modelinie. Und weil er ein Storch ist und ein großes Ei hat, mag er natürlich gerne Eierlikör. Und irgendjemand muss sich ja darum kümmern.

Kümmern Sie sich auch ums Land?

Mecklenburg-Vorpommern ist ein ländliches Bundesland und in der Eigenschaft als Abgeordneter sind wir in allen Regionen des Bundeslandes unterwegs, dementsprechend auch viel auf dem Land. Die SPD hat 92 Ortsgruppen, die im ganzen Land verteilt sind, entsprechend bin ich ständig auf dem Land unterwegs. 

Sie sind zuständig für Gesundheitspolitik. Wie gesund ist denn das Land Mecklenburg-Vorpommern – im übertragenen Sinn?

Ich habe den Eindruck, dass sich die Stimmung im Land in den vergangenen Jahren verbessert hat. Das ist meine persönliche Wahrnehmung. In einer großen Umfrage zur Zufriedenheit haben 93 Prozent gesagt, dass sie gerne in Mecklenburg-Vorpommern wohnen. Das belegt ja eine gewisse Zufriedenheit ganz grundsätzlicher Art. Menschen empfinden ihre persönliche Situation als glücklich und lebenswert, wenn es Gemeinschaft gibt und wenn man das Gefühl hat, vor Ort mit anderen Menschen etwas bewirken und verändern zu können. Auch da, finde ich, hat sich in den vergangenen Jahren viel getan.

Hat die Regierung daran ihren Anteil?

Ja. Wir haben zum Beispiel schon 2015 die Ehrenamtsstiftung eingeführt. Die Kommunen sollen die Stiftung als Partner und Impulsgeber sehen, um Mitmachzentralen zu schaffen, in denen Menschen erfahren können, was es eigentlich in dem Bereich vor Ort gibt, wo man sich einbringen kann und wo man gegebenenfalls auch Mitstreiter findet. Außerdem bietet die Stiftung Rechts- und Fundraising-Beratung an, aber auch Angebote zur Weiterbildung und Vernetzung. Zudem wird niedrigschwellig materiell gefördert.

Was heißt das?

Ein Beispiel: Die Initiative vor Ort hat eine Idee, kriegt aber die Raummiete nicht gestemmt, genau für solche Fälle gibt es dann die Ehrenamtsstiftung. Wir reden hier also nicht von Landes- und Kreisebenen. Engagement findet immer an spezifischen Orten statt, in der Nachbarschaft, im Verein, im Dorf. Ein lebenswertes Dorf hat immer eine vitale Gemeinschaft, die was auf die Beine stellt. Und dann ist es egal, ob das ein Osterfeuer, die Herbstaktion oder ein Sportfest ist.

Das passiert nicht einfach so.

Dazu braucht es viele. Ein aktiver Landfrauenverein, eine gute Feuerwehr, ein Sportverein, bis hin zu gewerkschaftlichen, politischen und kirchlichen Engagements. Und natürlich den Bürgermeister als den geborenen Ehrenamts-Manager, der ein lebendiges Gemeinwesen aus ureigenem Interesse verfolgt. Wenn es einen positiven Impuls für die Entwicklung von Dörfern, von Siedlungen und Regionen geben soll, dann hat das auch immer etwas mit dem Engagement der dort Lebenden zu tun.

Sie zeichnen ein Land der Lebendigkeit. Die Realität sieht oft anders aus.

Ich habe nicht gesagt, dass es das überall auch gibt. Aber das Bewusstsein hat sich geschärft. Gerade da, wo sich kleinere Dörfer positiv entwickeln, hat es immer auch mit dem Ehrenamt und Engagement zu tun. Wenn sich keiner kümmert, dann gibt es auch diesen Impuls nicht. 

Es gibt Engagierte, die weit über das normale Maß zum Beispiel als Trainer auf dem Fußballplatz hinaus aktiv sind. Dort beklagt man die fehlenden finanziellen Mittel. 

Das Ehrenamt in Mecklenburg-Vorpommern verteilt sich auf wenige Schultern, die dann alles machen. Wir als Politik müssen insbesondere die Engagement-Bereitschaft heben. Da gibt es mit der Ehrenamtsstiftung einen zentralen Ansprechpartner. Weitere Stichworte sind die erwähnten Mitmachzentralen, die Ehrenamtskarte und der Ehrenamtspreis. Das Thema Ehrenamtsförderung bleibt also oben auf der politischen Agenda. 

Wenn sich mehr Menschen engagieren, profitieren davon auch die Parteien?

Es müssen nicht alle gleich in die Politik gehen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass oft bemängelt wird, dass die Politik nicht vor Ort ist. Ich habe folgendes festgestellt: Wenn sich in einem Dorf niemand für die SPD engagiert, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es auch niemanden von der CDU gibt, niemanden von der Linken, niemanden von einer anderen Partei. Und es fällt auf, dass es dann auch insgesamt weniger Engagierte gibt.

Woran liegt das?

Wenn Leute sich in ganz vielen Bereichen engagieren und einen gemeinschaftlichen Willen bilden, ist das ein politischer Akt. Und dann ist der Schritt in eine der Parteien nicht mehr weit. Aber das muss nicht sein. Politik ist nicht etwas ganz Anderes als das, was engagierte Menschen vor Ort machen.

Viele der Engagierten finden sich aber mit ihrem allgemeinen politischen Engagement vor Ort trotzdem nicht wider.

Die Frage ist, wie man unterschiedliches Wollen zum Ausgleich bringt. Dafür sind in unserer parlamentarischen Demokratie politische Parteien vorgesehen. Aber natürlich gibt es Bürgerinitiativen und andere, die auch gehört werden und sich einbringen können. Es gibt für viele Fragen bereits Orte, die man dafür nutzen kann. Hinzu kommt, dass viele Menschen aufgrund der Erfahrungen in der DDR eine gewisse Aversion gegen Parteien haben. Die können ihre Engagementbereitschaft auf eine andere Art und Weise ausleben.

Glauben Sie, dass die Ehrenamtsstiftung dieses Potenzial heben kann?

Ja. Mit der Ehrenamtsstiftung erzielen wir eine große, große Reichweite. Politische Entscheidungen müssen sich daran messen lassen, was öffentliches Geld bewirkt. Da kann sich die Bilanz der Ehrenamtsstiftung und auch der Mitmachzentralen durchaus sehen lassen. 

Wir reden viel vom Ehrenamt. Was aber ist mit Menschen, die zum Beispiel den lokalen alten Güterbahnhof in ein Kulturzentrum verwandeln wollen? Das passiert meistens zunächst ehrenamtlich, ehe das Projekt zu groß wird und man aus dem Engagement eine unternehmerische Tätigkeit machen muss. Fallen diese Menschen nicht durchs Raster?

Nicht unbedingt. So wie ich das verstehe, haben wir es dann doch mit der klassischen Startup-Förderung zu tun. Bei der Finanzierung gibt es zum Beispiel die GLS Bank, die dann solche Projekte anders bewerten als herkömmliche Banken und den Businessplan nicht nur nach klassischen Profit-maximierenden Kriterien abklopfen. Konventionelle Banken zucken sicher eher mit den Achseln.

Und wenn Banken keine Option sind?

Vielleicht brauchen wir für diese Menschen andere Förderinstrumentarien. Für mich kann ich sagen: Ich finde das ganz hervorragend, wenn Leute das Thema gemeinschaftliches Engagement auch wirtschaftlich noch weiterdenken im Sinne von Schaffung von Arbeitsplätzen und Wertschöpfung. Dafür habe ich viel Sympathie. Da müsste man die bestehenden Förder-Potenziale bündelt und sichtbar machen, denn es gibt ja eine Menge: Kultur-, Raumentwicklungs-, Wirtschafts- und Startup-Förderung. Ich glaube, man sollte zunächst einmal schauen, dass man für Social Entrepreneurship die bestehenden Angebote besser zugänglich und sichtbarer macht. Bei alldem muss man aufpassen, dass unter dem Siegel von unternehmerischen Engagement nicht demokratiefeindliche Aktionen gefördert werden.

Ein gutes Stichwort. In Ihrem Kommunalwahlprogramm Anfang 2019 heißt es, dass sich die SPD für „Elemente direkter Demokratie“ einsetzen will, damit Menschen sich „in die Gestaltung des öffentlichen Lebens und ihres (Wohn-)Umfeldes einbringen können“. Was planen Sie?

In Rostock zum Beispiel gibt es Orts- und Stadtteilbeiräte, in denen Bürgerinnen und Bürger sich regelmäßig treffen und ein institutionalisiertes Mitspracherecht haben, beispielsweise bei Bauvorhaben. Da müssen wir noch viel mehr Werbung machen, dass es sich lohnt, sich damit zu beschäftigen mit Themen, die vor der eigenen Haustür passieren.

Wie soll die Werbung denn aussehen? 

Politik und Verwaltung müssen gucken, ob die bestehenden Instrumente geeignet sind. Der Aushang oder das Amtsblatt in der Vitrine hinter der Säule – warum pilgern die Leute nicht in Scharen hin?! Wir brauchen also einfachere Zugänge. Ich habe zum Beispiel einen ‚Rostocker Würfel‘ vorgeschlagen, einen Würfel mit zwei Meter Kantenlängen. Wenn immer der vom Amt irgendwo abgeladen wird, dann weiß jeder: Pass auf, hier passiert was! Dann kann ich in den Würfel gehen und mir dort den Bauplan und die Anmutung ansehen. Vielleicht kann man sogar buzzern, ob einem das gefällt.

Setzen Sie ihn um?

Ich habe leider noch niemanden gefunden, der das für mich macht. Aber ich bleibe da dran.

Interview: Thomas Friemel, Andreas Willisch

https://www.kombuese.org
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