Folge 2 unseres Landleuchten Podcasts.
Der Podcast vom Lande, das nicht nur lebt, sondern auch leuchtet

Kaum jemand weiß heute noch, wie viele Dörfer es in Mecklenburg-Vorpommern oder in Brandenburg tatsächlich gibt. “Und über das Alltagsleben auf dem Land im 21. Jahrhundert weiß man noch weniger, denn die üblichen Statistiken zeichnen ein viel zu grobes Bild und sind oft “blind” für das, was auf dem Land wirklich passiert”, sagen Andreas Willisch und Eleonore Harmel. Die beiden sind Wissenschaftler und Planer am Thünen-Institut in Schlemmin in Mecklenburg-Vorpommern.

“Unsere Gesellschaften haben sich dramatisch verändert in den letzten Jahren. Und am dramatischsten hat sich wahrscheinlich der ländliche Raum verändert. Und das haben wir mit unseren klassischen Instrumentarien nicht gesehen – diese eigene interne Modernisierung und Transformation. Das ist echt ein Phänomen!”

Andreas Willisch

Seit 2018 sind sie nun dabei, die Dörfer zurück auf die Landkarte zu bringen. Dazu haben sie die Landinventur entwickelt, ein Online-Werkzeug, mit dem die Dorfbewohnerinnen und -bewohner ihr Dorf selbst beschreiben können.

Gemeinsames analoges Entwickeln des digitalen Werkzeugs
[Foto: studio amore]

Die Menschen fliegen zum Mond, der Kühlschrank kann mit dem Internet kommunizieren und digitale Anwendungen sind Teil unseres Alltags geworden. Doch die kulturgeschichtlichen, sozialen und ökonomischen Eigenarten unserer Dörfer verste­hen wir immer weniger. Aktuelle Dynamiken, wie die Pandemie, scheinen den Landtrend zu beschleunigen und zeigen immer deutlicher: statistische Daten als politische, planerische und unternehmerische Entscheidungsgrundlagen weichen mitunter stark von der Lebenswirklichkeit vor Ort ab. Hier setzt die Landinventur an, indem sie die Vielfalt der Dörfer mithilfe einer Datenerhebung durch die Bürger*innen selbst erfasst und damit eine Grundlage für öffentliche Diskussionen und politische Entscheidungen liefert. Denn Forschung, Politik und Planung wissen erstaunlich wenig über die Situation in den einzelnen Dörfern. Die Statis­tiken arbeiten mit stark zusammengefassten Daten, da diese oft nur auf Landkreisebene vorliegen. Selbst wenn es Daten für die Gemeinde gibt, gehören vielerorts zehn und mehr Dörfer zu einem Gemeindeverbund oder sie werden als eingemeindete Ortschaften mit der (Klein-)Stadt zusammengenommen. 

“Immer wieder ist die Rede von sterbenden Dörfern und wachsenden Städten. Dörfer verschwinden aus dem Bewusstsein vieler Menschen – und damit von der medialen, politischen und wirtschaftlichen Landkarte.”

Eleonore Harmel

Andererseits sind statistische Daten oftmals nicht aktuell – der letzte Raumordnungsbericht des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung ist beispielsweise aus dem Jahr 2017, die Datenerhebung liegt noch einige Jahre davor. Viele Indikatoren werden zudem in einem bundesweiten Vergleich entwickelt und in dieser Differenzperspektive erscheint besonders der ländliche Raum Ostdeutschlands meist als unzureichend entwickelt. Die Eigenheiten, Lebensstile und anderen Qualitäten, die für die Menschen alltäglich erfahrbar sind – und auch der Grund warum sich viele trotz mangelnder Daseinsvorsorge für ein Leben auf dem Land entscheiden – werden nicht berücksichtigt. Und doch sind diese Qualitäten ein Motor des neuen Landtrends.

Der “statistische Blick” auf ländliche Räume

Über die Zukunft der ländlichen Bevölkerung wird also auf Grundlage von ungenauen und regional zusammengefassten Daten entschieden. Die sehr unterschiedlichen lokalen Potentiale von Dörfern, selbst innerhalb einer Gemeinde, können in dieser top-down-Perspektive nicht erfasst werden. 

Das Projekt hat daher eine zentrale Idee: Es braucht einen innovativen Teilhabeprozess zur Erhebung von Daten und lokalem Wissen für das Land. Dieser bürgerwissenschaftliche Ansatz ist in der Sozialwissenschaft noch sehr neu und wir wollten wissen, wie sich das Projekt bisher bewährt und welche Erkenntnisse mit dieser neuen Methode gewonnen werden können. 

Im März ist der erste Landinventur-Bericht mit Ergebnissen aus zwei Jahren Bürgerwissenschaft zum Dorf erschienen. Download hier

Mehr Informationen auf Landinventur.de und im aktuellen Landinventur-Bericht.


Idee und Umsetzung des Podcasts: Kerstin Hoppenhaus und Sibylle Grunze
Musik und Tonbearbeitung: Andreas T. Fuchs
Fotos: Jörg Gläscher

Eine Produktion von Hoppenhaus & Grunze Medien im Auftrag des Vereins Neulandgewinnen e.V.

Gefördert durch die Robert Bosch Stiftung GmbH