Über die Hälfte der Deutschen erwartet, dass es den Menschen in Zukunft schlechter geht. Dieser Pessimismus führt zu Unzufriedenheit mit der Demokratie und zu Wahlerfolgen für die Parteien außerhalb der politischen Mitte. Was dagegen hilft: die Entwicklung von Zukunftsszenarien, auf die es sich hinzuarbeiten lohnt – und die Erkenntnis, dass wir handlungsfähig sind und Zukunft gestaltbar ist.
Die graue Tristesse mit bunter Zuversicht überlagern: Beim Stadtfest in Friedrichsthal passiert das ganz unbewusst. (Foto: Frank Schinski)

Auf dem belebten Marktplatz von Gnoien, einer Kleinstadt im Osten des Landkreises Rostock, steht an einem frischen Frühsommertag im Juni zwischen Zeltpavillons, Bierbänken und einer Hüpfburg ein sonderbarer Holzkasten auf Rädern. Rohre, Schläuche und Kabel kommen aus seinem Inneren, an einer Seite hängen Kopfhörer, ein altes Kassenbuch liegt aufgeschlagen bereit. An der Seite ist ein Klapptisch angebracht, davor ein Stuhl, darüber ein Schild: WVM26 steht darauf, WVM steht für Wunsch­visualisierungsmaschine.

Der Holzkasten mit dem magisch klingenden Namen ist Teil der Aktionstour „Auf einen Sprung!“, die an diesem Tag in Gnoien startet und von dem zivilgesellschaftlichen Bündnis „Zusammen bewegen“ ins Leben gerufen wurde; ein Zusammenschluss von Engagierten aus verschiedenen Vereinen und Verbänden Mecklenburg-Vorpommerns. Sie wollen in den Monaten vor der Landtagswahl im September Menschen zusammenbringen, mit ihnen ins Gespräch kommen und ihre Anliegen sichtbar machen, an Orten wie dem Marktplatz von Gnoien, in Loitz, Anklam oder Lassan. Das Format „Klönschnack“ zum Beispiel lädt ein bei Kaffee und Kuchen die Themen auf den Tisch zu legen, die die Menschen vor Ort am meisten umtreiben – dokumentiert werden die Gespräche direkt auf der Tischdecke. Oft gehe es um Mobilität, ärztliche Versorgung, Schulen und Kitas, steigende ­Lebensunterhaltskosten, Klimaschutz oder die AfD, sagt Ina Gross-Bajohr, Sprecherin von „Zusammen bewegen“. „Unser Ansatz ist, zuzuhören und ohne jede Wertung in ein Gespräch zu gehen“, sagt sie. „Wir wollen erstmal erfahren, was überhaupt die Sorgen und Probleme der Menschen in MV sind – und was sie sich wünschen.“

Über Wünsche zu sprechen, sie sichtbar zu machen und über Wege nachzudenken, wie sich ein Wunsch erfüllen lässt, sind erste Schritt zu einem positiven Zukunftsbild; zu einer Vorstellung davon, was zu einem guten Leben gehört, zu einer Vision und zur Vorfreude auf sie. All das kann etwas auslösen, kann menschliches Verhalten ­ändern und somit Einfluss nehmen auf die Gesellschaft, ihre Transformationen, auf den Zustand der Demokratie. Das behauptet zumindest die Kultur­anthropologin und Zukunftsforscherin Lena Papasabbas in ihrem Buch ­„Radikale Zuversicht“ (siehe auch Seite 54). Papasabbas schreibt: „Wie Gesellschaften funktionieren – oder eben nicht funktionieren – ist unmittelbar mit unserer Vorstellung von Zukunft verknüpft. Zukunftsangst ist die ­treibende Kraft für Populismus, Hass und Gewalt. Die ­geteilte Vision einer besseren Zukunft ist der Motor für Revolutionen, Aktivismus und Engagement.“

Ein sonderbarer Holzkasten mit skurrilen Details: Die Wunschvisualisierungsmaschine bringt Menschen ins Gespräch. Macht Wünsche sichtbar. Teilt den Weg zu ihrer Erfüllung in Schritte ein. Das erhöht die Chance auf Umsetzung ungemein. (Foto: Frank Schinski)

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung und dem Meinungsforschungsinstitut YouGov, in der es um die Bedeutung von Zukunftserwartungen für die Demokratie geht. Pessimismus bezüglich des Wohlergehens zukünftiger Generationen, heißt es dort, sei in Deutschland weit verbreitet – und die Menschen nähmen kein ausreichend großes Angebot politischer Parteien wahr, das ihnen Orientierung biete. Mehr als zwei Drittel (68 Prozent) der 2.117 Befragten finden, dass es in der Gesellschaft an positiven Bildern von der Zukunft fehlt. Und das hat Auswirkungen auf ihr Wahlverhalten: Wer pessimistisch nach vorne blickt, wählt häufiger die AfD. Konklusio: Ein Mangel an Zukunft, Zuversicht und Perspektive gefährdet die Stabilität vieler Demokratien.

Andersherum können konkrete Zukunftsbilder und -narrative emotionale Anziehungskraft entfalten und so erfahrbar machen, warum sich Anstrengungen, Veränderungen oder Belastungen lohnen können. „Positive Zukunftsbilder machen also wünschenswerte Zukünfte vorstellbar und können Hoffnung, Zuversicht und Motivation erzeugen“, heißt es in einer Einordnung der Studienbefunde.

Ausgehend von diesen Erkenntnissen haben wir uns auf die Suche gemacht. Nach Menschen, die trotz großer ­Herausforderungen, trotz Frustration und multipler Krisen an eine lebenswerte Zukunft glauben. Auf die Suche nach Zuversicht. Wo ist sie erlebbar und spürbar? Wo finden wir Menschen, die eine positive Vorstellung vom gesellschaftlichen Zusammenleben der Zukunft entwickeln, die sich gegen die Resignation entschieden haben und etwas dafür tun, dass ihre Vision, ihre Vorstellung von einem guten Leben vielleicht irgendwann Realität wird?

Ein Wunsch als Wahlplakat

Auf dem Marktplatz in Gnoien ist die Wunschvisualisierungsmaschine eine beliebte Abwechselung, auch weil eine gut gelaunte Clownin die Menschen dazu animiert, sich doch etwas für Mecklenburg-Vorpommern zu wünschen. Der Ablauf ist immer gleich und angelehnt an den Besuch in einer Behörde: die Wünschenden füllen ein Formular aus, bekommen eine Auftragsnummer und einen Stempel. Danach werden sie zum Gespräch gebeten, um ihren Wunsch zu hinterfragen und zu präzisieren. „Das ist für uns die entscheidende Phase“, sagt Anett Simon, die sich gemeinsam mit anderen Engagierten die WVM26 ausgedacht hat und den Sommer über durch das ganze Bundesland tourt. Mal steht sie mit der WVM26 auf Stadtfesten, mal auf irgendeinem Supermarktparkplatz. „Wir reflektieren den Wunsch gemeinsam, kommen darüber ins Gespräch, versuchen dahinterzukommen, welches Bedürfnis dahintersteckt.“ Dann folgt die Visualisierung: ein*e in der Box sitzender Zeichner*in malt den Wunsch auf und schickt ihn per Rohrpost hinaus. Zum Schluss bekommen die Wünschenden eine Quittung – und die Einladung zu einem Siebdruckworkshop, bei dem sie ihren Wunsch auf Wahlplakatgröße drucken können. Das Ziel: das Sichtbarmachen der visualisierten Wünsche im öffentlichen Raum.

„Wir versuchen, den Menschen ein Ventil zu geben“, sagt Simon. Was sie sich wünschen, ist sehr unterschiedlich: es kann ein neuer Fußball sein; eine Bar, in der man sich treffen kann; eine Arztpraxis, die leichter erreichbar ist. Oder einfach, dass die Enkel häufiger zu Besuch kommen. „Die meisten Wünsche sind erstmal nicht offensichtlich politisch“, sagt Simon. „Doch wenn wir dann ins Gespräch gehen, stellt sich manchmal heraus, okay, es geht um Gesundheitsversorgung oder um Mobilität, also durchaus politische Themen.“ Der Grund für die Gespräche ist klar: „Zusammen bewegen“ setzt sich für demokratische Teilhabe, gleiche Chancen und ein respektvolles Miteinander ein. Doch durch die vielen Begegnungen auf Marktplätzen und Veranstaltungen, durch die Visualisierung individueller Wünsche erreicht das Bündnis möglicherweise noch viel mehr: Es verbreitet Zuversicht.

(Foto: Frank Schinski)

Luca Piwodda hat alles im Griff – und es scheint ihm überhaupt nicht schwer zu fallen.

Der Bürgermeister, der alles anders macht

Die Zeit, in der Luca Piwodda beschlossen hat, Politik neu zu denken und sich selbst einzubringen, ist schon einige Jahre her. Mit Anfang zwanzig gründete der heute 26-Jährige gemeinsam mit Kommiliton*innen aus einer politischen Frustration heraus in Greifswald eine eigene Partei, die „Freiparlamentarische Allianz“, die später mit der Partei des Fortschritts (PdF) fusionierte. Schon mit 15 war er von Vater und Großvater zu Parteiveranstaltungen der SPD mitgenommen worden – denn sein Opa, Bürgermeister der Landstadt Gartz, die am östlichsten Rand Brandenburgs liegt, dort, wo die Oder Deutschland und Polen trennt, sah in seinem Enkel ein politisches Talent. Damit hatte er recht, so viel ist inzwischen klar, allerdings fand der junge Luca in der SPD keine Anknüpfungspunkte. Ihn frustrierten die Grabenkämpfe, die er mitbekam, die Parteipolitik, die immer wieder zu Blockaden führte. Heute ist Luca Piwodda selbst ehrenamtlicher Bürgermeister von Gartz, seiner Heimatstadt. Er ist gegen seinen Opa angetreten – und hat gewonnen.

„Es war sehr intensiv für die Familie, aber es ist alles in Ordnung“, sagt der Enkel lächelnd an einem sommerlichen Julitag in Friedrichsthal, einem Stadtteil von Gartz, sieben Kilometer über die Bundesstraße Richtung Süden. Hier offenbart sich, was Piwodda meint, wenn er sagt: „Politik anders gestalten und neu denken“. Friedrichsthal, das nur noch 83 Einwohnende hat, feiert sein 275-jähriges Bestehen. Die Hauptstraße, die quer durch das langgezogene Dorf führt, ist zu beiden Seiten mit bunten Fähnchen geschmückt. Vor dem Kulturhaus, ein etwas erhöht stehender, schmuckloser Bau aus dem Jahr 1953, sammeln sich die Leute auf einer Wiese unter Birken. Es sind deutlich mehr als 83. Sie warten darauf, dass der große Festtagsumzug losgeht. Stühle und ­Bänke werden für die Älteren aufgestellt, andere stehen oder sitzen auf dem Gras. Hinter dem Kulturhaus ist alles vorbereitet für das Fest danach: eine kleine Bühne, ein offenes Bierzelt, eine Hüpfburg, Essens- und kleine Marktstände. Es riecht nach Bratwurst und Waffeln.

Der Umzug startet. Eine Reise durch die Geschichte Friedrichsthals, es geht um Tabakanbau, Flucht und Vertreibung, Landwirtschaft, die Wendejahre. Es dauert ein bisschen bis zum Jahr 2002, dem Jahr der Eingemeindung von Friedrichsthal in die Landstadt Gartz. Ein Kastenwagen fährt nun an den winkenden und zur ­Musik wippenden Menschen vorbei. Auf einem Banner steht: „Gartz ist so froh als Stadt, dass es einen Ortsteil Friedrichsthal hat.“ Luca Piwodda winkt freundlich ­lächelnd von der Ladefläche zurück. Er trägt ein Ratsherrenkostüm, schwarze Robe, weiße Halskrause, schwarzer Riesenhut. Drei Kolleg*innen aus der Gartzer Stadtverwaltung sind auch mit dabei. Etwa hundert Meter weiter hält der Wagen, Piwodda springt ab, schält sich aus dem Kostüm, darunter trägt er eine dunkle Anzughose, weißes Hemd, grüne Krawatte. Er hat es eilig, gleich soll er eine Rede auf dem Festplatz halten und vorher muss er noch das Jackett aus dem Auto holen. Auf dem Weg dorthin grüßen ihn ständig Leute, kommentieren irgendeinen Artikel oder Beitrag über ihn. Piwodda bleibt häufig stehen, plaudert kurz, grüßt, schüttelt Hände.

Er ist gerade viel in den Medien, saß schon bei Carmen Miosga, bald bei Markus Lanz. Warum interessiert sich die Medienwelt für einen Bürgermeister aus einer Stadt mit 2.500 Einwohnenden am Rande der Uckermark? Zum einen wahrscheinlich, weil Piwodda, als er vor zwei Jahren ins Gartzer Rathaus einzog, der jüngste Bürgermeister Brandenburgs war. Viel wichtiger aber: Luca Piwodda hat es geschafft, Gartz zu einem Hoffnungsmodell zu machen – eine Kleinstadt, in der bei der letzten Bundestagswahl über 50 Prozent der Wahlberechtigten der AfD ihre Stimme gegeben haben (allerdings bei einer Wahlbeteiligung von nur 34 Prozent). In der die politischen Grabenkämpfe zu Stillstand und Frustration führten und von der manche sagten, sie habe ihre Zukunft schon hinter sich.

„Ich werde Fehler machen. Die Kassen der Stadt sind leer. Und alle müssen mit anpacken.“

Gespannte Erwartung: Piwodda ist beeindruckt, was Friedrichsthal zum Jubiläum auf die Beine gestellt hat. (Foto: Frank Schinski)
Ob verkleidet auf dem Umzug in Friedrichsthal oder bei Markus Lanz: Luca Piwodda macht alles mit und meistens vieles anders. (Foto: Frank Schinski)

Piwodda hat schon im Wahlkampf eine andere Politik versprochen – und er hält sich daran. Seine drei Botschaften sind erfrischend ehrlich:

Ich habe keine Erfahrung als Bürgermeister, ich werde Fehler machen. 

Die Haushaltskassen der Stadt sind leer. Alle müssen mit anpacken.

Ich werde Politik radikal anders machen.

Bereits 2021 hatte Piwodda mit Kolleg*innen aus der neuen Partei den Kulturallianz e.V. in Gartz gegründet, um im ersten Schritt Veranstaltungen zu organisieren, bei denen sich die Gartzer wieder häufiger begegnen. „Mittlerweile gibt es fast jedes Wochenende Veranstaltungen“, sagt er nicht ohne Stolz. Schnell konnte Piwodda den Pfarrer dazu bewegen, seine Kirche, ein gotischer Backsteinbau mit einem offenen Innenhof, als Veranstaltungsort nutzen zu dürfen. Nun finden dort Lesungen, Konzerte oder Filmabende statt, sogar eine Oper wurde dort schon aufgeführt.

Was hat sich noch verändert in Gartz? Jeden Freitag trifft sich die Initiative „Gartz schöner machen“, häufig kommen mehr als 20 Personen, um gemeinsam die Grünflächen im Ort zu pflegen, Hochbeete anzulegen, Blumen zu pflanzen. Die Initiatorin, Eva Kolbe, hat dem Bürgermeister gesagt, dass es ihr nicht bloß um das äußere Stadtbild gehe, sondern darum, Gartz auch von innen schöner zu machen. Noch ein Beispiel: Allein letztes Jahr seien drei neue Vereine gegründet worden, erzählt Piwodda, ein Dartverein, ein Chor sowie der Rathausförderverein, dessen Ziel es ist, das Rathaus stärker zu öffnen und für alle zugänglich zu machen. Begegnungsräume sollen dort entstehen, ein Billardtisch angeschafft und Angebote für junge Menschen gemacht werden. „Sie sollen das Gefühl bekommen, dass jede*r zum Bürgermeister gehen kann und sich niedrigschwellig beteiligen.“

Auch politisch hat sich einiges getan: Der neue Bürgermeister hat dafür gesorgt, dass es in der Stadtverordnetenversammlung keine Fraktionen mehr gibt. „Ich habe von Anfang an gesagt, lasst uns die Parteipolitik vor den Rathaustüren lassen. Darauf habe ich keinen Bock“, sagt er. Auch die AfD hat zwei von zehn Sitzen in der Versammlung. Es geht Piwodda darum, Sachpolitik zu machen, er möchte, dass sich die beste Idee durchsetzen kann. Der Erfolg gibt ihm bislang recht: Letztes Jahr entschied das Gremium auch mit den Stimmen der AfD, einen Windpark für Gartz zu bauen. Es gab ein einjähriges Beteiligungsverfahren. Alle Argumente für und wider den Windpark wurden ausgetauscht, schließlich setzte sich der Gedanke durch, dass die Gemeinde das Geld, das der Windpark in die Kasse spült, gut gebrauchen und in die Stadtentwicklung investieren kann. Alle sind mit dem Ergebnis zufrieden. Nächstes Jahr startet der Bau.

Zurück auf dem Festplatz in Friedrichsthal. Piwodda sucht nach Jens-Uwe Dietrich, dem Ortsvorsteher. Es ist vorgesehen, dass sie zusammen auftreten. Dietrich, knapp vierzig Jahre älter als Piwodda, trägt Jeans, Poloshirt und Sandalen und ist kein erfahrener Redner. Aber er ist derjenige, der das Fest zu großen Teilen organisiert hat. Piwodda stellt das in seiner Rede heraus: „Es ist sehr beeindruckend und bewundernswert, was Friedrichsthal auf die Beine gestellt hat und dass so viele Menschen gekommen sind“, sagt er. Dietrich, der lange Zeit unzufrieden war mit der Entwicklung seines Heimatdorfes, nickt zufrieden. Als der Gartzer Chor den Platz auf der Bühne eingenommen hat, erzählt er, dass er sich seit einiger Zeit im Ortsbeirat dafür engagiert, das Kulturhaus in Friedrichsthal zu sanieren und aufleben zu lassen. Potenzial sei da, das sehe man ja an einem Tag wie heute, sagt Dietrich. Aber es seien auch Fördergelder nötig, Piwodda unterstütze ihn dabei sehr. „Unser Start miteinander war holprig, aber er ist sehr engagiert und ich habe das Gefühl, dass wir gemeinsam Veränderungen erreichen können.“

Auch Erik Reinert ist mittlerweile überzeugt von Piwoddas Herangehensweise. „Ich hatte zuerst gemischte Gefühle, aber seine Einstellung, neutral und offen an die Sachen heranzugehen, gefällt vielen“, sagt er. Reinert, 26, ein ehemaliger Mitschüler von Piwodda, engagiert sich selbst bei der Ortsfeuerwehr in Friedrichsthal. Er ist hier aufgewachsen und hat nicht vor wegzugehen, obwohl es im Ort außer der Familie seines Bruders keine Menschen in seinem Alter gibt. „Es gab einige Jahre, in denen sich nichts bewegt hat“, sagt er, „mittlerweile bin ich aber zuversichtlich, dass wir mit Luca einen Umbruch schaffen können.“ Was die Menschen in Piwoddas Umfeld zu überzeugen scheint: dass er sich selbst zurücknimmt und als Multiplikator für gute Ideen fungiert. Dass er mutig ist und sich nicht scheut, neue Wege zu gehen. Piwodda hat es innerhalb von zwei Jahren geschafft, eine Kultur zu etablieren, in der die Leute politisch miteinander diskutieren können, egal, ob sie sich mögen oder nicht, egal, welcher Partei sie angehören.

Seine eigene Zuversicht schöpft er aus der Arbeit vor Ort und mit seinen Parteikolleg*innen, die immer wieder neue disruptive Ideen entwickeln. „Wir versuchen, vieles anders zu machen“, sagt Piwodda. Die Partei des Fortschritts sei eher eine Art Start-up oder Plattform. Es gebe ein digitales Parteiparlament, in dem alle 1.100 Mitglieder mitdiskutieren und Arbeitsgemeinschaften bilden können. Jeden Samstag finden Gamingabende statt. „Wir haben viele Formate geschaffen, damit die Partei wie ein Projektbündnis funktioniert – junge Menschen denken eher projektorientiert. Die wollen vielleicht für sechs Monate in die Partei kommen, ein konkretes Thema umsetzen und möglichst nichts mit Strukturen zu tun haben.“ Das wäre auch eine gute Idee für den Bundestag, sagt er. „Man sollte auch Netzwerke oder Initiativen für den Bundestag kandidieren lassen, Leute, die eine Legislatur lang ein konkretes Ziel verfolgen.“ So könne man junge Menschen dafür gewinnen, sich für ihre Interessen einzusetzen – und niedrigschwellig Politik und die Gesellschaft mitgestalten.

Im Kleinen fängt es an: Vorfreude löst positive Gefühle aus und kann ganze Gesellschaften beeinflussen. (Foto: Frank Schinski)

Transformation gestalten

„Es gibt überall da draußen Menschen, die Zusammenhalt organisieren, die zeigen, dass es innovative Lösungen gibt, die im Kleinen funktionieren – und von denen der Bund lernen kann. Ihnen und ihren Lösungen wollen wir eine Bühne geben.“ Das sagt Sophia von Bonin, Leiterin des Projekts „Allianz der Gestalter:innen“. Die 42-Jährige arbeitet seit fünf Jahren bei ProjectTogether, einer gemeinnützigen Organisation, die zeigen will, wie Gesellschaft, Politik und Wirtschaft im gemeinsamen Handeln Lösungen für große Herausforderungen entwickeln.

Lässt sich anstecken: Sophia von Bonin. (Foto: Magdalena Türtscher):

Wie das funktionieren kann, zeigt sich bei den „Werkräumen“, einem Format der Allianz der Gestalter:innen, wo regional engagierte Menschen aus ganz Deutschland zusammenkommen mit dem Ziel, Vorhaben für ihre Region zu diskutieren, weiterzuentwickeln und voneinander zu lernen. Hier treffen Chefärzt*innen aus dem Kreiskrankenhaus auf Bürgermeister*innen, Kulturschaffende und engagierte Bürger*innen. „Viele sind auf den ersten Blick total verschieden“, sagt von Bonin. Aber nach kurzer Zeit stelle sich heraus: ihre Haltung verbindet sie. Alle wollen etwas schaffen, gestalten, verändern und teilen den Glauben daran, dass das auch gelingen kann. „In dieser ‚Community of Practice‘ ist schon sehr spürbar, dass das gegenseitige Unterstützen und Inspirieren nochmal zusätzlich motiviert. Und dass Zuversicht ansteckend sein kann.“

Von Bonin, die in der DDR geboren und in der Nachwendezeit erwachsen geworden ist, hat sich schon als junger Mensch gefragt: Lässt sich so eine Transformation nicht besser gestalten? Die Frage, was es eigentlich braucht, damit sich Menschen, Organisationen und damit auch die Gesellschaft bewusst verändern können, hat sie nie so richtig losgelassen. Mittlerweile ist sie ­„absolut überzeugt davon, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Gestalten und der Zuversicht.“ Und in den letzten Jahren habe sie gemerkt, wie bereichernd die Auseinandersetzung mit Menschen ist, die handeln und an Lösungen arbeiten: „Ich erlebe das als extrem mutmachend. Es gibt mir einen grundpositiven Blick auf die Welt. Ja, es ist gerade alles recht schwierig, aber ich bin mir ­sicher: Wir kriegen das hin.“ Auch so entsteht also Zuversicht: durch die Zuversicht der anderen.

Jung, verantwortungsvoll, zuversichtlich

Hohe Ansteckungsgefahr besteht auch auf einer zweitätigen Veranstaltung in der zweitgrößten Stadt Sachsen-Anhalts. Auf dem Zukunftsfestival in Halle – Untertitel: Streit und Zuversicht – sind an einem Wochenende im Juni viele Initiativen, Engagierte und Interessierte zusammengekommen, um zu diskutieren, sich zu begegnen und zu vernetzen, um Musik und Podiumsdiskussionen zu lauschen und sich über gute Ideen und Lösungen auszutauschen. Immer und überall im Raum schwebend: die aktuellen Umfrageergebnisse vor der Landtagswahl im September, laut denen die AfD bei über 40 Prozent liegt. Doch trotz der Aussicht, dass die vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextreme Bestrebung“ eingestufte Partei in Sachsen-Anhalt womöglich bald die ­Regierung stellt, ist der Volkspark Halle an diesen zwei Tagen ein Ort, an dem nicht nur häufig über Zuversicht gesprochen wird, sie ist auch spürbar.

Im kleinen Saal, wo unter dem Motto „jung und zuversichtlich“, junges Engagement und junge Perspektiven eine Bühne bekommen, ruft Susi Möbbeck, Staatssekretärin für Gleichstellung, Arbeit und Soziales in Sachsen-Anhalt, in den vollbesetzten Saal: „Wow, so viel Power im Raum!“ Damit startet sie die Verleihung des Jugendengagementpreises, bei dem acht Initiativen aus Sachsen-Anhalt ausgezeichnet werden. Der Saal ist voll – und applaudiert lautstark. „Es wird gerade viel Negatives über Sachsen-Anhalt erzählt“, sagt Möbbeck. „Dabei wäre es viel wichtiger, herauszustellen, dass wir eben auch ein Land der Heldinnen und Helden sind, die Zuversicht verbreiten und den Mut nicht verlieren, sich für eine lebenswerte Zukunft einzusetzen. Ich sehe eine Jugend, die bereit ist Verantwortung zu übernehmen.“ Wieder Jubel.

Wer im Laufe des Tages aufmerksam über das Festivalgelände schlendert, kann den Eindruck der Staatssekretärin bestätigen: da sind zum Beispiel Helene und Valerie von der Initiative „k_einheit“, die der ostdeutschen GenZ eine Stimme und eine Perspektive geben will. Sie moderieren einen Aktivierungsworkshop, in dem kleine Gruppen jeweils eine Herausforderung in ihrem direkten Umfeld benennen – und dann eine Aktion entwickeln, um dem Problem zu begegnen.

Da ist Tanja am Stand von Aktiv:ist:in, einer Plattform, die junge Aktivist*innen in Sachsen-Anhalt sichtbar machen und die Medienkompetenz von Jugendlichen stärken will. Aktiv:ist:in berichtet von politischen Veranstaltungen oder Lesungen und organisiert gemeinsam mit anderen Organisationen aus Halle Formate, wie „Politik abzocken“, bei dem Politiker*innen gegen Jugendliche Mario Kart fahren und sich währenddessen interviewen lassen.

Aktiv:ist:in – online aktiv gegen den Rechtsruck in Sachsen-Anhalt. (Foto: Magdalena Türtscher):
Die Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser (Dritte v. l.) mit den Macher*innen des Zukunftfestivals. (Foto: Magdalena Türtscher):

Da sind Luna Möbius, transsexuelle Content Creatorin und politische Kommentatorin, und Max Schneller alias Maximal Demokratisch, der sich reichweitenstark gegen rechtsextreme Ideologien positioniert. Beide dienen ­vielen Jugendlichen als Vorbild, machen ihnen Mut und geben Zuversicht.

Da ist das Außenposten Kollektiv, das in einer Magazin-Lesung von der Lebensrealität Jugendlicher im ländlichen Raum Sachsens erzählt und lokale, oft übersehene Initiativen in den Fokus rückt, die sich gegen rechtsextreme und für demokratische Strukturen einsetzen.

Was immer wieder deutlich wird, sowohl bei den jungen als auch bei den älteren Engagierten: es braucht diese Orte des Aufeinandertreffens, Orte der Begegnung, des Austausches, des gemeinschaftlichen Wirkens. Je bunter und vielfältiger, je mehr unterschiedliche Initiativen beteiligt sind, je mehr Ideen und freudvolle Kultur zu finden ist, desto mehr Zuversicht lässt sich aufsaugen.

Zu dieser Erkenntnis kommen auch die Autor*innen der bereits erwähnten Studie der Bertelsmann-Stiftung, in der es um die Bedeutung von Zukunftserwartungen für die Demokratie geht. „Vielerorts entstehen bereits ­Räume, in denen Zukunft praktisch erprobt und erfahrbar wird“, schreiben sie. „Sie machen sichtbar, dass gesellschaftliche Entwicklung gestaltbar ist, und schaffen konkrete Erfahrungen von Selbstwirksamkeit jenseits von Krisennarrativen und Abstiegsängsten.“

Von Politik, Stiftungen und Zivilgesellschaft fordert die Untersuchung, solche Orte gezielt zu stärken und insgesamt die Hürden für gesellschaftliches Engagement kleiner zu machen. „Zukunftsoptimismus entsteht nicht allein durch politische Kommunikation, sondern auch durch die Erfahrung, gemeinsam etwas gestalten zu können. Wo Menschen erleben, dass gesellschaftliche Entwicklung beeinflussbar ist und Engagement Wirkung entfaltet, werden positive Zukunftsperspektiven nicht nur gedacht, sondern praktisch erfahrbar.“

Das ist auch Elisabeth Kaiser anzumerken. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung ist auf verschiedenen Bühnen des Zukunftsfestivals zu Gast, mal mit jungen Engagierten, mal zur Eröffnung einer Fotoausstellung mit dem Titel „Gesichter der Zuversicht“. Sie nimmt sich Zeit für Gespräche, lässt sich fotografieren, erzählt aus ihrer eigenen DDR-Vergangenheit. Auf einer Podiumsdiskussion sagt sie: „Um gemeinsam Zuversicht zu verbreiten, braucht es gute Ideen, Mut und Visionen. Aber wir müssen auch zuhören, Beteiligungsmöglichkeiten schaffen und ins Handeln kommen. Und es braucht Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit. Die zuversichtliche Mehrheit ist viel zu leise.“

Immerhin, wer hier in den Volkspark von Halle gekommen ist, als Besucher*in oder als Engagierte*r, hat schonmal eine Entscheidung getroffen: sich mit einer positiven Zukunftsvision auseinanderzusetzen. Die meisten Menschen hier verbindet der Glaube daran, dass etwas besser werden kann. Aber es wird auch deutlich: Zuversicht ist kein Zustand, in den man sich einmal hineinversetzt und der dann immer bleibt. Viele Menschen schwanken, zweifeln, sind mal sehr zuversichtlich, mal nicht. Was dann hilft: geistige Beweglichkeit, wie Lena Papasabbas es in ­„Radikale Zuversicht“ ausdrückt: Zukunft als etwas ­Gestaltbares und Vielversprechendes anzuerkennen. Das mache uns offen und neugierig – und schlussendlich handlungsfähig: „Um die Welt zum Positiven zu verändern, brauchen wir Zuversicht. Und für Zuversicht brauchen wir, wie Paul Watzlawick sagt, eine ‚sanfte Kunst des Umdenkens‘ – in der wir die Bruchstücke der Realität zu einer neuen Wirklichkeit zusammenfügen“.

„Um gemeinsam Zuversicht zu verbreiten, braucht es gute Ideen, Mut und Visionen.“

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