Manchmal fragen mich die Leute, warum ich so viele Hüte aufhabe. Also nicht nur den, den ich meistens auf dem Kopf trage. Sondern die vielen Jobs.  Geschäftsführer vom Postel und dem 100Haus in Wolgast, Vorsitzender der LEADER-Arbeitsgemeinschaft Vorpommersche Küste und Vorsitzender des Tourismusverbandes Vorpommern, Beisitzer in der deutsch-polnischen Gesellschaft Vorpommern, Aufsichtsrat in der Usedomer Tourismusgesellschaft. Und seit kurzem auch stellvertretender Fraktionschef von der  überparteilichen “Kompetenz für Wolgast“ im Stadtparlament.

Warum also das alles? Ganz einfach: Weil es so viele Aufgaben gibt. Was uns im ländlichen Raum fehlt, ist oft Energie auf zwei Beinen.  Menschen, die gestalten wollen, die nicht resigniert, sondern optimistisch und zupackend sind. Zu Zeiten der DDR stand die Solidarität in der Gemeinschaft ganz weit oben, im heutigen System macht jeder nur noch Seins. Also könnte ich locker noch weitere Posten sammeln, aber irgendwann ist die Grenze erreicht. Denn, wenn ich etwas mache, dann will ich aktiv mitgestalten. Dazu bekommt man in unserer Region wirklich viele gute Möglichkeiten.

Mein Herz schlägt für den Tourismus im ländlich geprägten Binnenland und damit für die Entwicklung innerhalb großer Landschaftsräume. Wo man mich lässt, packe ich gern persönlich mit an.  In meinen Mitmenschen finde ich dabei viele begeisterte Mitmacher. Die Probleme beginnen erst mit einem anderen Mangel. Es fehlt an klug aufeinander abgestimmten Strukturen. Bei  jedem Engagement geht es ja immer auch um Geld.  Die öffentlichen Verwaltungseinheiten im Land wurden extrem vergrößert, ohne auf regionale und lokale Besonderheiten und Bedürfnisse zu achten. Zudem gilt das politische Landesmotto: Stärkt die Starken !  Die Regierungsmaxime dazu lautet: Teile und herrsche! Der ländliche Raum ist deshalb, ganz anders als die Landwirtschaft, in diesem Spiel fast immer der Loser.  Die EU will gegensteuern,  die Menschen in ländlichen Gebieten unterstützen und schnürt dafür extra Investitionspakete, wie beispielsweise die LEADER-Förderung.

Das bottom up-Prinzip soll sicherstellen: entschieden wird in den Regionen. Das Geld fließt nun über die Länder bis in die Orte.  Alles könnte so schön sein. Theoretisch.

Die Praxis sieht anders aus. Die Antragstellung ist für private Antragsteller oft der reine Horror, fürchterlich formalisiert und bürokratisch. In manchen Verwaltungsnischen gedeihen aus einer Mischung von Herrschaftswissen und Fördermittelzugang nicht selten kleine Fürstentümer. Die eigentliche Aufgabe, den Menschen zu dienen, gerät dabei gelegentlich aus dem Blickwinkel. So schlägt manchem Projektträger beleidigendes Misstrauen entgegen, wenn ein innovatives Projekt das bisher Gewohnte in Frage stellt. Das zähe Ringen  der Engagierten und Ambitionierten mit bürokratischen Betonköpfen oder mutlosen Sachbearbeitern um die Almosen gut gemeinter Förderpolitik verbraucht riesige Ressourcen an Kraft, Zeit, frisst Lebensqualität und raubt letztendlich auch das Vertrauen in die Institutionen.

Dabei lässt sich zumeist gar kein direkt Schuldiger ausmachen. Die Verwaltungen sind einfach in das zivilgesellschaftliche Machtvakuum gestoßen, das mit dem Ende der DDR entstanden ist. Die Demokratie ist auf dem Lande 1989 ja nicht erkämpft worden, sondern sie kam wie bereits vorherige Phasen als eine Erscheinung von außen zu den Menschen. Langwierige, anstrengende, bisweilen nervige Beteiligungs- und Teilhabeprozesse sind in Amtsgemeinden, Kreisverwaltungen und Ministerien deshalb nicht immer populär.  

Wenn  Macht wieder geteilt werden soll, gibt keiner gern wieder etwas ab. Wir Bürger und Bürgermeister bekommen unsere Spielräume „von oben“ nur dann zugeteilt, wenn wir uns artig an die pedantischen Spielregeln halten. Als Bittsteller, um an Geld für Investitionen zu kommen, müssen wir uns angepasst verhalten und teilweise den größten Unsinn ertragen oder sogar hohle Phrasen dreschen. Das müsste echt anders laufen, wenn sich bei den Leuten Begeisterung für ihr Gemeinwohl entwickeln soll. 

Ich halte viel von Bottom-up. Heißt: Wir vor Ort wissen am besten, was für unsere Dörfer und Kleinstädte gut ist. Wir sollten selbst bestimmen, wie das Geld am besten vor Ort eingesetzt wird – das weiß weder die EU, noch können es die Landesbehörden wissen. Dort heißt es immer: „Fügt euch der gängigen Praxis!  Wir kontrollieren die Regeln.“  Gut gemacht sieht anders aus.  Unsere Menschen und Kommunen  brauchen Selbstbestimmung statt die Enge der Zwänge.  Mehr Lust auf Engagement und Entfaltung gehören intensiv unterstützt. Vergaberecht und Buchhaltung muss es geben, keine Frage. Aber die Menschen einer Region sind doch niemals kollektive Gauner. Im Gegenteil ! 

Die Folgen eines wachsenden Lenkungs- und Kontrollwahns können böse sein.  Kein Wunder für mich, dass in den ostdeutschen Bundesländern gerade auch wieder radikale Ideen Konjunktur haben. Die Menschen in den ländlichen Räumen sind Wendeverlierer! Langsam formt sich eine Erkenntnis auch bei den bisher Etablierten. „Wir haben uns nicht genug um die Regionen gekümmert“, hieß es häufig nach den letzten Wahlen. Genau! Habt ihr nicht! Viele Menschen denken inzwischen destruktiv, weil zu vieles in die Hose gegangen ist. Okay, wir haben jetzt alle Farbfernseher, Fernreisen und bunte Autos  – aber wo ist die Dorfgemeinschaft, wo ist das soziale Heimatgefühl abgeblieben.  Zu viele Landbewohner empfinden das:  Wir auf dem Land sind die Gekniffenen. Und scheinbar kümmert es keinen. Die Zahl der Enttäuschten wird weiter ansteigen, wenn man nicht bald auf die mutigen, konstruktiven Menschen vor Ort baut und sie in ihrem lokalen Umfeld machen lässt. Dann wird das hilflose Weiterso schnell zur Gefahr für unser friedliches Miteinander.  

Unsere Regionen, Orte und Menschen haben maximale Vielfalt zu bieten.  Lasst uns diese Schätze sichtbar machen und eigene Lösungen praktizieren. 

Lasst uns die eigenen Hüte aufsetzen.

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