Wandel voranbringen kann anstrengend und frustrierend sein. Umso wichtiger, sich ab und zu eine extra Portion Energie und Impulse zu gönnen – und sich auch mal selber feiern für das schon Geschaffte.  

Das war das Überland – Festival der Akteure 2020

Am Stadtrand von Görlitz, im Stadtviertel Weinhübel steht
umgeben von Wald und Feld ein imposanter mehrgeschossiger Stahlbetonbau.

Ein Koloss mit klassizistischer Fassade. Gebaut in den 50er Jahren diente er der DDR als eines von zwölf Kühlhäusern für die Staatsreserven in einem Krisenfall. Seit 2008 wird das Gelände vom Kühlhaus-Görlitz e.V. bespielt und was an einem überraschend warmen Septemberwochenende hier los ist, könnte von dem ursprünglichen Zweck nicht weiter entfernt sein. Statt für eine Krise in der Zukunft vorzusorgen, treffen sich hier knapp 400 Menschen, die am gesellschaftlichen Wandel im Hier und Jetzt arbeiten. 

Es ist das Überland-Festival der Akteure, der bisherige Höhepunkt des NeulandgewinnerInnen-Programms. Dass es fast wegen der Covid-19-Pandemie ausfallen musste, mit einem nachjustierten Hygiene- und Raumkonzept dann aber doch stattfinden kann, ist im Nachhinein betrachtet sogar ziemlich passend. Denn unter widrigen Umständen etwas möglich machen, das ist der NeulandgewinnerInnen-Geist. 

Empowerment Ost

Ein umfangreiches Angebot kommt hier zusammen, 100 Menschen sind nicht nur Gäste, sondern mit Vorträgen oder Workshops Teil des Programms. Insgesamt 60 Programmpunkte gibt es, allein am Samstag 45 parallel an acht Orten. Alles mitzunehmen ist unmöglich. Aber darum geht es auch nicht. „Die Leute sollen sich einfach mal selber feiern“, sagt Andreas Willisch, einer der Initiatoren des Festivals und Leiter des Thünen-Instituts für Regionalentwicklung. Obwohl Dinge auch mal nicht klappen, strahlt er eine unglaubliche Ruhe aus. Vielleicht, weil er das eigentliche Ziel der Veranstaltung schon erreicht hat: Die Leute zusammenbringen und ihnen zeigen, dass sie mit ihrem Engagement nicht alleine sind – sondern ganz im Gegenteil, dass in den Dörfern und den Städten der Provinz gerade viele die Dinge selber in die Hand nehmen und am guten Leben feilen. ExpertInnen würden solche Veranstaltungen vielleicht als Empowerment Ost (Thomas Oberender) bezeichnen. Egal wie man es nennt, wenn man vor Ort in ein Sandwich mit regionalen Zutaten aus der Oberlausitz beißt, sich im selbstgezimmerten Begegnungspavillion TAKATAK bei Bier und Bratwurst austauscht oder minimalistischem Sound mit Synthesizern von ‚poly ghost‘ im ironischem Glitzeroutfit lauscht – fühlt es sich fast an, wie auf einem hippen Festival in Berlin oder Leipzig – nur irgendwie wichtiger. Denn hier geht es wirklich um was und die Leute meinen es ernst. Nicht verbissen, aber ziemlich produktiv und anpackend. Mit Idealismus, aber oft im Abgleich mit dem gegenwärtig Möglichen. 

Dass die hier zusammengekommenen Menschen mit dieser Haltung eine neue Bewegung markieren, hat inzwischen auch die Politik erreicht. Die Teilnahme des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer an einer Podiumsdiskussion, ein Speed-Dating Angebot vom Ostbeauftragten Marco Wanderwitz und die Einladung „Auf ein Bier“ vom Staatsekretär Nikolaus Voss aus Mecklenburg-Vorpommern sprechen dafür. Auch die Wiederbegegnung mit einer Neulandgewinnerin der ersten Förderrunde, Franziska Schubert, die inzwischen für die Grünen im sächsischen Landtag sitzt, zeigt, dass die NeulandgewinnerInnen mit ihren Themen auch Politik bewegen. 

Verantwortung übernehmen und einfach machen

Was das für Themen sind, repräsentieren die fünf inhaltlichen Schwerpunkte des Festivals: 1. Lebendige Kleinstädte, 2. Land(wirt)schaften zum Leben, 3. Zusammenhalt bauen, 4. Offene Landgesellschaft und 5. Impulsorte und ihre Netzwerke. Die diskutierten Inhalte innerhalb dieser Themenstränge sind ein Spiegel dessen, was die Leute umtreibt (Lösung von Konflikten, das richtige Geschäftsmodell, Gestaltung von Kooperationen), was sie voranbringen wollen (regionale Kreisläufe, soziale Landwirtschaft, Bürgerpartizipation) und was sie aufhält (Subventionspolitik, Bürokratie, Vorurteile). 

In einer Gesprächsrunde, ein aufgebautes Zirkuszelt schützt vor der Sonne, gibt Jan Hufenbach von der Raumpionierstation Oberlausitz praktische Tipps zum Thema Leerstandsmanagement. So kompliziert es sein kann, eine verlassene Immobilie vor dem Verfall zu retten, gebe es doch etwas ganz Einfaches, was ganz am Anfang komme: „Lüften“. Deshalb brauche es „Leute, die Verantwortung übernehmen und es einfach machen.“ Ein Satz, der wie eine Formel über diesem
Festival steht. 

Herz und Hand des Kühlhauses

Danilo Kuscher ist ein ziemlich unaufgeregter Typ, dafür, dass er ziemlich aufregende Sachen in Görlitz bewegt. Auf der Suche nach Techno-Parties entdeckten er und ein paar Freunde 2006 das alte Kühlhaus als Industriebrache am Rande der Stadt. Dass da noch viel mehr möglich ist, war schnell klar und der Eigentümer aus den Niederlanden war nach beharrlichen Kontaktversuchen auch überzeugt. Inzwischen verschmelzen auf dem 4,2 Hektar großen Gelände Kunst, Kultur, Freizeit, Arbeit und Bildung. Von Großveranstaltungen wie dem Überland-Festival über kleinere Konzerte, MakerLabs, Seminaren und Workshops bis zu Anmietungen von Proberäumen und Übernachtungen im Garagenhotel ist so ziemlich alles möglich. Dass so ein Engagement nicht unter dem Radar des NeulandgewinnerInnen-Programms bleibt, ist klar.

Bereits 2015 baute Danilo Kuscher als Neulandgewinner mit dem Projekt „Mittelpunkt Stadtrand“ mit verschiedenen Veranstaltungen und Gesprächsformaten die Brücke vom Stadtrand zur Stadtmitte. Damit konnte sich der inzwischen gegründete Kühlhaus Görlitz e.V. in und um Görlitz einen guten Namen machen. Weil aber auch da mehr möglich ist und Danilo Kuscher hofft, noch mehr ProgrammiererInnen,
DesignerInnen, GrafikerInnen oder HandwerkerInnen aus Deutschland und den angrenzenden Ländern anzulocken, haben er und seine Mitstreiter-Innen etwas Neues ausgeheckt: die Kühlhaus-Kolonie. 

Möglich ist das, weil dem Eigentümer das Geschehen auf dem Gelände so gut gefiel, dass er auch das angrenzende Grundstück samt Blechbaracken kaufte. Diese hat der Verein nun zu Atelierhäusern umgebaut, in denen im Rahmen des neuen Programms sogenannte ‚Workations‘ für die Kreativszene von außerhalb stattfinden werden. Einmal im Monat finden sie hier einen Platz zum Arbeiten, Schlafen und Austausch – kombiniert mit Workshops, Konzerten und einem guten Gespräch am Lagerfeuer. Damit sie überhaupt von dieser Möglichkeit erfahren, schickt das Kühlhaus BotschafterInnen hinaus zu nationalen und internationalen Netzwerkevents. Das Kalkül von Danilo Kuscher: Mehr junge progressive Menschen nach Görlitz zu locken und mit einer wachsenden Digital- und Kreativszene auch die Wirtschaft zu stärken. 

http://www.kombuese.org
Contributor
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