Wer sich ein eigenes Bild von innovativen Projekten im ländlichen Raum machen möchte, sollte seine Koffer packen. Mit dem Verein Neuland gewinnen e.V.
 können Neugierige jetzt die Land-Pioniere besuchen. Wir haben sie begleitet – und Orte entdeckt, an denen das Leben zurückgekehrt ist.

Fotos: Robert Bosch Stiftung/Jörg Gläscher

Lernen bis die Funken fliegen

Schmieden, schweißen, malen, meißeln, hämmern, schnitzen, löten – es gibt wohl kaum ein Handwerk, das Kinder und Erwachsene im offenen Werkstatthaus in Qualitz nicht lernen können. Es ist ein fröhliches, belebtes Haus, dessen Türen für alle offen stehen. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Lernen von neuen Fertigkeiten – unabhängig von Alter und Vorwissen. Und das sogar täglich. Das Angebot umfasst regelmäßige Kurse, Vorträge, Workshops, einen Mathekreis, gemeinsames Singen, Krabbelgruppen, Waldtage und eine offene Werkstatt. Insgesamt zwanzig Stunden pro Woche. Für ein Dorf mit 380 Einwohnern ist das ziemlich viel.
Barbara Wetzel ist eine der Gründerinnen des Allerhand e.V., dem Verein, der die Werkstatt betreibt. „Uns war es wichtig, permanentes Tun aufs Land zu bringen. Kein Blitzlicht, sondern ein stetiges Angebot direkt vor der Haustür“, erklärt die gelernte Bildhauerin. Bevor die Werkstatt 2014 in die Räumlichkeiten eines zuvor leerstehenden Hofes gezogen ist, mussten Eltern ihre Kinder für Freizeitaktivitäten bis ins dreißig Kilometer entfernte Güstrow fahren – vorausgesetzt sie hatten Zeit dafür. Deshalb ist das Haus noch viel mehr als ein Lernort: Es ermöglicht unabhängig vom finanziellen Hintergrund allen die Teilnahme und sorgt so für ein besseres Miteinander im Dorf. Auch die Schulen und Kitas haben inzwischen den Wert erkannt und integrieren das Vereinsangebot in den Lehrplan. Die Kurse wiederum sind auf den Busfahrplan abgestimmt, damit auch die umliegenden Ortschaften vom Angebot profitieren. Das hat sich herumgesprochen. Barbara Wetzel: „Es sind schon junge Familien nach Qualitz gezogen, weil es unser Angebot gibt.“

Bauen für die Seele

Manche Leute haben einen grünen Daumen. Klaus Hirrich hat zwei grüne Hände. Weil die Landschaft in und um die Dörfer Wangelin und Gnevsdorf „so leer geräumt aussah“, begann der gelernte Schlosser in den neunziger Jahren mit vielen Mitstreitern Bäume zu pflanzen. Und hörte nicht mehr damit auf: 50.000 müssen es mittlerweile sein, sagt er. Im Schatten der gepflanzten Bäume blüht der Wangeliner Garten mit dem größten Kräutergarten Mecklenburgs und 900 Pflanzensorten auf 15.000 Quadratmetern. Bis zu 9.000 Touristen kommen dafür pro Jahr ins Dorf. Doch nicht nur deswegen: Ein Holzschuppen wurde zum Tauschhaus umfunktioniert, eine Filzmanufaktur entstand und Obst und Kräuter werden zu besonderen kulinarischen Spezialitäten weiter verarbeitet.

International bekannt ist das Dorf westlich des Plauer Sees inzwischen aber vor allem für die Lehmbauschule, in der sich Gäste aus ganz Europa und darüber hinaus ausbilden lassen. Auch interessierte Laien können sich in Schnupperkursen ausprobieren und lernen, was Bauen mit Lehm für die Seele bedeutet: Ressourcen schonendes und gleichzeitig ästhetisches Bauen. Träger all dieser Aktivitäten ist der Verein FAL. Die Abkürzung steht für Förderung ökologisch-ökonomisch angemessener Lebensverhältnisse. Und darum geht es dem Verein: Möglichst vielen Menschen in der Region im Einklang mit der Natur einen Platz zum Leben und Wohnen schenken. Nach der Wende bedeutete das vor allem, Beschäftigung zu schaffen, um Abwanderung zu vermeiden. Heute bedeutet es: Menschen, die durch das vielfältige Angebot in Wangelin angelockt werden, die Möglichkeit zu eröffnen, hier neu anzufangen.

Stadt auf dem Land – heute und gestern

Die Idee hinter dem sozialistischen Musterdorf Mestlin könnte aus der Gegenwart stammen: Die Urbanisierung des Landes, Landflucht vermeiden, den ländlichen Raum lebenswert gestalten. In den 50er Jahren nahm die DDR dafür viel Geld in die Hand. Den Dorfbewohnern sollte es an nichts fehlen: Krankenhaus, Restaurant, Geschäfte, moderne Wohnungen, Kindergarten, Oberschule – und ein wohnortnahes Kulturhaus. Das Konzept ging auf: In Mestlin blühte das Leben und das Kulturhaus war der Mittelpunkt des Ortes. 180 Musterdörfer dieser Art sollten in der DDR entstehen – aus Geldmangel blieb Mestlin das einzige. Nach der Wende gab es auch hier keine Mittel mehr und das Kulturhaus musste schließen.
Seit 2008 bemüht sich der Verein Denkmal Kultur Mestlin rund um Claudia Stauß, den Prachtbau wieder zum Treffpunkt für die Menschen zu machen. Dafür mussten die gelernte Bühnenmeisterin und ihre Mitstreiter fast bei null anfangen: Die vorherigen Pächter hatten alles Mobiliar und Equipment mitgenommen, Leitungen waren kaputtgefroren. Mit Hilfe von regelmäßigen Subbotniks – ehrenamtlichen Arbeitseinsätzen an Samstag (subbota ist russisch und heißt Samstag) – konnten bereits 2008 wieder Veranstaltungen stattfinden, 2009 begannen parallel die Umbauarbeiten, Schritt für Schritt bis heute. Insgesamt sind schon 1,5 Millionen Euro Fördermittel verbaut. Für einen ehrenamtlichen Verein eine große Summe. Seit 2011 ist das Gebäude als national bedeutsames Denkmal anerkannt. Wer über Kulturpolitik im ländlichen Raum spricht, kommt an Mestlin mittlerweile nicht mehr vorbei. Und dass alles nur durch die Beharrlichkeit einer Kerngruppe von 15 Ehrenamtlichen.

Dorfgestaltung mit Trompeten und Herz

Um zu verstehen was im 478- Seelenort Witzin gerade passiert, gibt es eine schöne Geschichte: 2012 musste der Kindergarten wegen Unwirtschaftlichkeit schließen. Ein Jahr später öffnete er wieder mit nur einem Kind. Inzwischen sind es 39 Kinder. Die Gemeinde wächst, vor allem durch junge Familien. Grund dafür sind mutige Vereine und der unkonventionelle Bürgermeister Hans Hüller, der sich immer wieder Neues für sein Dorf einfallen lässt. 2015 frischte der gelernte Bäcker und Programmierer seine Trompetenkenntnisse auf und gründete ein Dorforchester. Um für Nachwuchs in den Musikgruppen zu sorgen, organisierte er 60 Trompeten und Gitarren und glaubte an die Neugier der Kinder. Der Plan ging auf: Die „Witziner Dorfmusikanten“ wuchsen auf 70 Musiker an. Manche der Kinder haben wieder aufgegeben, aber Hans Hüller ist sich sicher, dass der Samen gut gesät ist. Schließlich gibt es noch andere Aktivitäten, bei denen sie mitmachen können: Sich beim Heimatquizabend mit den älteren Dorfbewohnern messen oder beim Brotbacken für das nächste Dorffest mit anpacken. 

Ideen für Witzin gehen dem Bürgermeister nicht aus. Seine neueste Vision: Witzin zum Bioenergiedorf machen. Dafür testet er gerade eine Solaranlage, Marke Eigenbau. Wenn die funktioniert, kann sie zur Blaupause für andere Haushalte werden. Auf die Frage, was das Geheimnis von Witzin ist, weiß er schnell eine Antwort: „Et löpt einfach. Miteinander reden, kurze Wege nutzen. Und wenn Worte nicht mehr reichen, dann müssen Taten sprechen.“


Neuland gewinnen e.V.

Es gibt Menschen, die mit ihrem Enthusiasmus anstecken, die verrückt genug sind, Neues zu wagen, wild entschlossen, ihr Lebensumfeld mit zu gestalten, Lösungen für Herausforderungen des ländlichen Raums finden und damit ganz nebenbei Beispiele für die Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft liefern. Seit 2017 bietet der Verein „Neuland gewinnen“ diesen Menschen ein Dach und gibt dem vielfältigen Engagement eine gemeinsame und starke Stimme im gesellschaftlichen Diskurs. Ab 2020 bietet er auch Lernreisen zu diesen Werkstätten des guten Lebens an. 

Mehr Informationen zum Verein und den Lernreisen unter www.neulandgewinner.de/verein.html oder per Mail unter lernreisen@neulandgewinnen.org

http://www.kombuese.org
Contributor
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LAND. Ausgabe 3

Dieser Artikel ist in Ausgabe 3 des LAND. Magazins erschienen “Reisen in die Zukunft”. Das Magazin kann hier für 12 € im Jahr abonniert werden.

Die Peene – kein normaler Fluss

Mit rund hundert Kilometern ist die Peene der längste Fluss in Mecklenburg-Vorpommern. Er entspringt südlich von Gnoien und mündet östlich von Anklam in den Peene-strom. Durch das geringe Gefälle von nur 24 Zentimetern hat die Peene eine äußerst langsame Fließgeschwindigkeit – und kann sogar bei Hochwasser in Ostsee oder Oder und entsprechenden Winden „rückwärts“ fließen. Ein Großteil der Ufer sind als Naturschutzgebiete ausgewiesen, die Peene gehört zu den letzten naturbelassenen Flüssen Europas und trägt deshalb wohl auch den Titel „Amazonas des Nordens“. Wer Glück hat, kann Seeadler, Silberreiher und Eisvögel entdecken, aber auch Biber und Otter. 2010 erhielt die Flusslandschaft den EDEN Award für nachhaltigen Wassertourismus, eine Auszeichnung für exzellente Reiseziele in Europa.

Der Moorbauer

Wer mit dem Boot über den Peenekanal kommt, findet das Lokal kurz vor der Einfahrt in den Kummerower See auf der rechten Seite und kann am Steg festmachen. Gäste mit dem Auto fahren über die L20 (zwischen Malchin und Neukalen) und biegen zwischen Jettchenshof und Gorschendorf beim Hinweisschild „Moorbauer“ über eine Schotterpiste Richtung Peene ab. Dort gibt es am Ende des Weges einen Parkplatz. Mit einem der Plastik-Schwäne geht es dann in wenigen Minuten hinüber zum „Moorbauern“. Das Lokal ist nur im Sommer geöffnet, etwa zwischen Juni und August, immer donnerstags bis sonntags von 12-20 Uhr. Eine Reservierung ist dringend zu empfehlen. 

Weitere Informationen finden Sie unter: moorbauer.com

Anreise

Wer ab Malchin über die Peene fahren möchte, kann mit Auto oder Zug anreisen. Vom Bahnhof Malchin sind es nur etwa zehn Minuten zu Fuß in die Straße „Am Kanal“, wo die Bootsverleihstationen zu finden sind. Von hier aus geht es über den Peenekanal Richtung Kummerower See.

Bootsverleiher

Reisende können sich Kanus oder Kajaks, Motor- oder Hausboote mieten, um über die Peene zu fahren. Ein Führerschein ist nicht immer vonnöten. Eine Woche in einem 2er Kajak kostet zum Beispiel rund 130 Euro, ein Hausboot für dieselbe Zeit 950 Euro. Wichtig: Fragen Sie vorab, ob ihr Wassergefährt auch wieder am Zielort abgeholt wird und wann das Befahren des Kummerower Sees möglich ist, denn manchmal führt er für bestimmte Boote zu wenig Wasser. Wer ohne Haus reist, kann entlang der Peene auf Wasserwanderrastplätzen zelten, die in regelmäßigen Abständen am Ufer zu finden sind. Abhängig von der Höhe des Bootes sollten Sie außerdem zuvor checken, wann die beweglichen Brücken in Demmin, Loitz und Anklam die Durchfahrt gestatten. Für eine Fahrt vom Kummerower See bis Anklam sollten Sie etwa eine Woche einrechnen.

Verleiher in Malchin

Kanu-Club: malchiner-kanu-club.de

Wasserfreizeit Bremer: wasserfreizeit.com

Wer mit dem Solarboot („UrSolar“) und in Begleitung von Frank Götz-Schlingmann reisen möchte, kann sich bei ihm melden unter: peenebiber@gmail.com

Kontaktinfos

Wer sich mit den AktivistInnen austauschen und besuchen möchte, sollte vorher mit ihnen Kontakt aufnehmen.

Uta Berghöfer (Malchin, Moorbauer): baeuerin@moorbauer.com

Sarah Dittrich und Hannah Kuke (Demmin, Treptower Straße 30, T30 e.V. Demmin): info@t30-demmin.de

Wibke Seifarth (Gatschow 22, Beggerow): post@landkombinat.org

Frank Götz-Schlingmann (Zukunftsstadt Loitz):
f.goetz-schlingmann@loitz.de

Klara Fries (Anklam, Demokratiebahnhof, Bahnhofstraße 1):
demokratiebhf@posteo.de