„Eigentlich ist alles da“ – Landinventur in Vorpommern

Auch wenn die offizielle Laufzeit der Landinventur als Teil des BMBF-Programms vorbei ist, sind wir weiter vor Ort unterwegs. Am 4. März hat uns der neu gewählte Bürgermeister Jan-Hendrik Hempel der Gemeinde Schmatzin, zu der auch die Dörfer Wolfradshof und Schlatkow gehören, eingeladen. Für ihn war der gemeinsame Workshop der Ausgangspunkt für einen Denkprozess: Wo wollen wir als Gemeinde in den nächsten Jahren hin will und was es braucht es vor Ort? Dieser Einladung sind für so kleine Dörfer bemerkenswerte 15 Leute gefolgt und mehr „als die üblichen Verdächtigen“. Neugierig und mit großem Interesse arbeiteten sich die drei Teams durch den Fragebogen. 

Der Vergleich https://landinventur.de/compare?l=2929&l=3603&l=2905 offenbarte anschließend, dass sie von den Daten ein recht ähnliches Bild abgeben. Die Orte sind alle drei vergleichsweise klein, aber haben vom Zuzug der letzten Jahre profitiert. Leerstand gib es keinen, dafür immer mehr Kinder. Fast alle Bewohner arbeiten außerhalb, Wochenendbewohner gibt es so weit im Osten und im Küstenhinterland wenige. Die bauliche Dorfstruktur ist recht locker, die Gärten sind groß und werden zum großen Teil auch für den Anbau von Gemüse und Obst genutzt. Auch Tiere gibt es dementsprechend einige auf den Grundstücken und viele Bewohner*innen haben sogar noch ein Stück Wald, wo sie Holz einschlagen. Mit der klassischen Infrastruktur allerdings sieht es schlecht aus – Internet und Handyempfang sind alles andere als gut und der Bus fährt selten. Kita und der Einkaufsladen haben längst geschlossen, nur ein Dorfhaus, Festscheune und eine Sporthalle gibt es noch. Engagiert ist man im Kulturverein oder der freiwilligen Feuerwehr, die Zahl der Leute ist überschaubar und doch sind sie die verlässliche Basis, damit überhaupt etwas geht. In der Diskussion der Ergebnisse wird dies dann auch nochmal deutlich: eigentlich fehlt es den Bewohner*innen an nichts substanziellen und es gibt eine große Zufriedenheit über das Leben vor Ort. Die Dörfer scheinen gut zu funktionieren, es gibt Zuzug, Kinder und eine nette Dorfgemeinschaft. Nur der besorgte Blick des Bürgermeisters macht deutlich, dass es hinter den Kulissen anders aussieht. Ohne eigenes Verschulden ist die Gemeinde schon lange im Haushaltssicherungskonzept und jedes agieren ist eigentlich unmöglich – selbst den Status Quo zu erhalten ist ein großer Kraftaufwand, der nur durch das ehrenamtliche Engagement gelingt. Und dabei geht es nicht einmal um das Gemeindeleben, sondern darum den Spielplatz einigermaßen zu reparieren, die Straßenlampen zu ersetzen, die Feuerwehr instand zu halten – egal was, „immer müssen die Bewohner*innen mit dem Spaten anrücken und es selbst richten“.  

Am nächsten Tag waren wir im Gemeinderaum in Bauer im Lassaner Winkel. Auch hier haben wir fünf Dörfer kartiert und dabei gemerkt, wie herausfordernd es ist, eine ganze Region in den Blick zu nehmen. Besonders im Lassaner Winkel sind die Engagementsstrukturen und regionalen Netzwerke sehr wichtig für die Regionalentwicklung und das Leben auf den Dörfern. Diese zu erfassen ist mit der Landinventur noch gar nicht so einfach. Aber genau dafür sind wir um jeden Workshop so dankbar und nehmen die Arbeit mit den Dorfbotschaftern bzw. Bürgerwissenschaftler*innen so ernst:  immer wieder stoßen wir auf neue Aspekte, die wir für die nächste Überarbeitung der Landinventur mitnehmen. So bekommen ein genaues Bild für die Qualität der Daten und können diese mit der Situation vor Ort abgleichen. 

Landinventur Arbeitsworkshop: gemeinsam weiter denken

Für den letzten Workshop in der Förderperiode des BMBF haben wir uns einen ganzen Nachmittag mit drei Themen vorgenommen, die wir mit unseren zwölf Gästen diskutiert haben. Uns ging es vor allem darum, welche wichtigsten Entwicklungsstränge wir in Zukunft weiterverfolgen wollen. Denn eins ist in den letzten zwei Jahren deutlich geworden: Potenziale und Anknüpfungsideen gibt es viele und diese werden uns von den unterschiedlichsten Akteuren nahe gelegt. Die Regionalentwicklung braucht genauere Daten über die Dörfer, die Landespolitik einen Einblick in die Herausforderungen des Landlebens und zukünftige Unterstützungsmöglichkeiten (ja, nicht Leerstand ist das Problem, sondern das die gesamte Dorfentwicklung beispielsweise von ehrenamtlich Engagierten geleistet wird), Leute aus den Städten hätten am liebsten eine App um das passende Dorf zu finde, um endlich “raus” ziehen zu können – um nur einige zu nennen. 

Für den Workshop haben wir sechs Prototypen entwickelt, die solche zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen

  • eine visuelle Datenauswertung auf Landesebene (statt der einfachen Pins)
  • neue Erfahrungsformate wie eine Soundinstallation 
  • einen Online-Weiterbildungskurs für Landinventur-Multiplikator*innen sowie eine Landinventur-Box für Workshops
  • eine App für Zuzügler und neue kollektive Datenerhebungsmethoden
  • eine “Landinventur-Studie” um die Daten für Regionalentwicklungsprozesse aufzuarbeiten
  • Datenschnittstellen zu WikiData und Open Streetmap um die Daten auch für andere Nutzungen zur Verfügung zur Stellen

An drei dieser Prototypen knüpften sich Themblöcke an, für die wir uns zusätzliche Inputs eingeladen haben. 

Sozialwissenschaftliche Daten in der Regionalentwicklung

Tanja Schmidt vom Institut für empirische Sozial- und Wirtschaftsforschung Berlin

In diesem Input ist deutlich geworden, dass die Daten der Landinventur tatsächlich eine Lücke schließen und ergänzend zu amtlichen Daten oder beispielsweise den sehr lückenhaften Daten des Handelsregisters. Durch quantitative Vorgehensweisen wie multidimensionale Clusteranalysen wäre es durchaus möglich, mit den Landinventurdaten beispielsweise Dorftypen auszuwerten und diese für Regionale Entwicklungsprozesse zu nutzen. Die Hausaufgabe an uns: es braucht noch deutlich mehr kartierte Dörfer!

Wissenschaft anders kommunizieren

Dirk Hendler von stories unlimited

Mit Bürgerwissenschaften insgesamt und der Landinventur besonders, sind wir dabei Wissen anders zu produzieren – nämlich gemeinsam mit den Menschen vor Ort. Wie kann man die Erkenntnisse auch anders kommunizieren? Welche Formate braucht es dafür und wen müssen wir mit diesem Wissen unbedingt erreichen? Die vorgestellte Soundcollage mit individuell erzeugten Klängen, die die verschiedenen Datensätze zum Dorf widerspiegeln ist ein Zugang. Aber auch Ideen wie eine “enkelfähig Challenge” wo Kinder mit ihren Großeltern gemeinsam die Landinventur ausfüllen oder eine ganz andere Aufbereitung der Ergebnisse als in den Balken- und Tortendiagrammen bisher könnten neue Perspektiven eröffnen. 

Open Science

Daniel Mietchen, Biophysiker und Fürsprecher Offener Wissenschaft, Wikimedianer und Daten Wissenschaftler, School of Data Science Virginia

Link zur Präsentation

Daniel Mietchen hat uns einen Einblick in die Idee hinter Open Science und Open Data gegeben. Ganz konkret hat er gezeigt wie WikiData funktioniert und wie die Daten der Dörfer hier einfließen könnten. Klar ist vor allem geworden: die Fragen “Wem gehören die Daten?” und wie “offen” sollen sie sein, sind nicht leicht zu beantworten. Denn der Erhebungskontext im Rahmen eines Bürgerwissenschaftsprojektes ist sicher ein besonderer und kann durch das unkommentierte zur Verfügung und eine Weiternutzung in einem anderen Kontext leicht verloren gehen. Wir nehmen mit: auf jeden Fall ein Thema mit dem wir uns noch ausführlich beschäftigen müssen. 

Ganz besonders war die Atmosphäre an diesem Nachmittag – trotz straffen inhaltlichen Programms wurde viel gelacht und angeregt diskutiert. Und genau das ist Bürgerwissenschaften für uns: gemeinsam weiterzudenken und aus solchen Workshops die Arbeitsaufgaben und Leitplanken für die weitere Entwicklung der Landinventur mitzunehmen. Diese Expertenworkshops ergänzen damit die gemeinsame Arbeit mit den Dorfbotschaftern und den Menschen vor Ort. Für den inspirierenden Workshop möchte ich an dieser Stelle ganz ausdrücklich unseren Gästen danken:

  • Grit Körmer, Dorfbewegung Brandenburg e.V. /Regionalmanagement LAG Märkische Seen
  • Dirk Hendler, Stories Unlimited
  • Tanja Schmidt, Institut für empirische Sozial- und Wirtschaftsforschung Berlin
  • Daniel Mietchen, School of Data Science Virginia
  • Ralph Martens, Wittich Verlag
  • Sebastian Stäbler, Source One, IT Services
  • Tanja Blankenburg, Ministerium für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung, Abteilung Energie und Landesentwicklung Mecklenburg Vorpommern
  • Annett Steinführer, Johann Heinrich von Thünen-Institut, Institut für Ländliche Räume
  • Johann Kaether, Hochschule Neubrandenburg
  • Jens Forkel, Hochschule Neubrandenburg
  • Jan-Hendrik Hempel, Bürgermeister Gemeinde Schmatzin
  • Anke Hollerbach, Biosphärenreservatsamt Schaalsee-Elbe

Wir nehmen auf jeden Fall eine Menge Arbeitsaufträge mit und freuen uns auf die nächsten Workshops am 4. und 5.März 2020 in der Gemeinde Schmatzin und dem Lassaner Winkel.

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