Der langsame Fluss in die Zukunft

Eine Reise über die Peene ist nicht nur ein Naturschauspiel, sondern auch eine Fahrt an Orte vielfältigen gesellschaftlichen Engagements. Mal wie im Paradies, mal voller Probleme. Ein Trip in eine Zukunft, die noch nicht so recht kommen mag.

Eine Reise über die Peene ist nicht nur ein Naturschauspiel, sondern auch eine Fahrt an Orte vielfältigen gesellschaftlichen Engagements. Mal wie im Paradies, mal voller Probleme. Ein Trip in eine Zukunft, die noch nicht so recht kommen mag.

Die letzten hundert Meter auf dem Weg ins Paradies ist Sache der Schwäne. Theresa, Lena und Andi, die entenvogelgleichen Plastik-Tretboote, liegen vertaut am Steg und glotzen stumm ins Schilf. Startbereit für all die Gäste, die heute wieder einmal zahlreich in ihnen auf die andere Seite der Peene zum Moorbauern hinüberrattern werden, um dort vielleicht nicht gleich in Milch und Honig zu schwelgen, sondern um die Rempliner Wildbratwurst zu probieren oder den Bratbarsch von einem der hiesigen Fischer. Uta Berghöfer steht am anderen Ufer auf den Planken vor der Gaststätte, beschirmt ihre Augen vor der hoch stehenden Sonne mit der Hand und blickt übers Wasser. Sie lächelt. „Egal, wer zu uns kommt, woher sie sind und was sie darstellen“, sagt die 45-Jährige, „das Ankommen bei uns macht alle Menschen erst einmal gleich.“ 

Vorausgesetzt, man findet überhaupt dorthin. Der Moorbauer ist einer dieser Hidden Places, südlich des Kummerower Sees bei Malchin gelegen, inmitten der Weiten Mecklenburg-Vorpommerns am nördlichen Rand der Seenplatte, eine Oase inmitten einer rauen Wildnis (Anfahrt: siehe rechts). Und der perfekte Startpunkt, um von hier aus über die Peene Richtung Norden bis nach Anklam zu schippern, über diesen etwas eigenwilligen, naturbelassenen Fluss, der nicht ohne Grund „Amazonas des Nordens“ genannt wird, und an dessen Ufer nicht nur Seeadler und Störche, Biber und Fischotter zu finden sind – sondern eine besondere Spezies von Menschen. Menschen, die aus müden Dörfern lebendige Orte machen wollen, der Partizipation und des Engagements, des Aufbruchs und der Gemeinschaft. Einer guten Zukunft eben. Die aus dem Nirgendwo ein Dort machen wollen.

Beim Moorbauern nahe Malchin lässt sich nicht nur hervorragend speisen, sondern auch über die Herausforderungen der Zeit diskutieren. Foto: Jörg Gläscher

Menschen wie Uta Berghöfer und ihr Mann Augustin. Die beiden betreiben die Gaststätte, ehemals eine alte Bauernstelle, erst seit 2020, sind gleichzeitig MiteigentümerInnen und PächterInnen. Und anspruchsvoll. Augustin, der nach dem Abitur eine dreijährige Ausbildung zum Koch gemacht hatte, wollte „keine normale Gastronomie“, keine Fertiggerichte, wie man sie in dieser Gegend so häufig bekommt, sondern vor allem mit regionalen, saisonalen und zumeist biologischen Lebensmitteln frisch kochen. Auf einer Tafel in der Gaststube lässt sich das Ergebnis betrachten: Milch von der Gläsernen Molkerei in Dechow ganz am Westen des Bundeslands bis Bio-Taccos aus Rothenklempenow an der polnischen Grenze im Osten, Störtebecker-Bier aus Stralsund im Norden bis Quark vom Siebengiebelhof im südlichen Drenkow.

Kein Wunder also, dass im Paradies heute wieder einmal alle Plätze belegt sind. Doch nicht nur wegen der guten Speisen, sondern wegen einer besonderen Atmosphäre: Wer hier herkommt, hat das Gefühl, zu Gast auf einer Familienfeier zu sein. Kinder springen kreischend in den Fluss und sonnenbaden auf dem Steg, Frösche quaken, Vögel singen, Menschen plappern. „Beim Moorbauern geht es um Gemeinschaft, um eine solidarische Gastronomie. Wir wollen mit den Menschen aus der Region ins Gespräch kommen, um über gesellschaftlich relevante Fragen zu sprechen“, sagt Uta Berghöfer. „Denn so etwas gibt es in Malchin nicht.“

Zum Beispiel auch über die Mobilität im ländlichen Raum reden, über die Bildung der Zukunft, über das Potenzial für Veränderung. Über jene Themen eben, die sie seit vielen Jahren bewegt. Und für die sie sich engagiert. Zuletzt war Uta Berghöfer Mitglied des von der Landesregierung einberufenen Zukunftsrats von Mecklenburg Vorpommern, der eine Vision für 2030 für eines der strukturschwächsten deutschen Bundesländer erarbeitet hat (siehe auch Interview auf Seite 38). Außerdem ist sie eine der rund hundert NeulandgewinnerInnen des gleichnamigen Programms der Robert-Bosch-Stiftung, das nun in den Händen des Thünen Instituts für Regionalentwicklung liegt, und das Pioniere des ländliches Raums unterstützt. Uta Berghöfer wurde für ihr Projekt des „Moortheaters“ aufgenommen, ein mobiles Landschaftstheater für alle Generationen, bei dem Laien und Profis seit 2013 gemeinsam Stücke aus der Welt des Moores einstudieren und aufführen, um die Menschen in Kontakt mit der Landschaft und ihrer Kraft zu bringen. Es geht um Identität und vielfältige Formen des Zusammenlebens.

Doch wie geht das alles zusammen? Zumal ihr Mann Augustin, Umweltwissenschaftler wie Ute Berghöfer selbst, seit fast zwanzig Jahren beim Umweltforschungszentrum Leipzig angestellt ist, sie vier noch minderjährige und schulpflichtige Kinder haben, die zwar tatkräftig im Moorbauern mithelfen, aber doch noch Betreuung und Zuwendung brauchen. Wie gelingt der Spagat zwischen dem Betreiben einer Gaststätte und all den anderen Herausforderungen? „Eine gute Organisation“, sagt Uta Berghöfer. Der Moorbauer ist nur von Donnerstag bis Sonntag in drei Monaten von Juni bis August geöffnet, es gibt viele helfende Hände und eine Eigentümergemeinschaft, die sie unterstützen. Trotzdem bekennt sie: „Es ist eine Herausforderung, die uns auch an die eigenen Grenzen führt.“

Es sei ein ständiger Balanceakt zwischen romantischer Idylle und praktischen Notwendigkeiten, zwischen Kopf- und Handarbeit. Hier geht es nicht ums Geld. Es geht um ein neues Lebensmodell „jenseits des nine to five“, an dem das Eigene – für sich und die Familie – wachsen kann. Und wo gleichzeitig Verantwortung für die Region übernommen wird, in Zukunft etwa mit einem neuen Format, bei dem man Politiker-Innen zu Diskussionsrunden einladen will. Denn: „Es gibt keinen besseren Ort als diesen.“

„Für eine echte Transformation muss man die Komfortzonen ­dehnen“

Vielleicht. Über den See geht es entlang des imposanten Kummerower Schlosses hinauf über die Peene in den Hafen von Demmin, quer durch die Stadt in die Treptower Straße 30, Sitz des nach der Adresse benannten Vereins T30, in ein kleines Ladenbüro an den Tisch von Sarah Dittrich und Hannah Kuke.

Demmin, am Zusammenfluss von Peene, Trebel und Tollense gelegen, 11.000 EinwohnerInnen, ein Mittelalterdorf als touristisches Highlight, bekannt durch regelmäßige rechte Aufmärsche am 8. Mai – und einen langen, düsteren Schatten. In den letzten Kriegstagen wurde die Stadt von den SoldatInnen der Roten Armee heimgesucht, was zu einem Massensuizid von bis zu tausend EinwohnerInnen führte. „Während des Kriegs war hier vielleicht eine Bombe gefallen, und dann brach plötzlich die Hölle los“, sagt Hannah Kuke. „Die Tiefe und das Tempo der Erschütterung wirken bis heute nach.“

Doch das Trauma wurde nie richtig aufgearbeitet, ebenso wenig wie etwa die Folgen der Wendezeit. Vieles liege im Argen, sagt Sarah Dittrich, „wir wollen das Zusammengehörigkeitsgefühl aber nicht über die Vergangenheit und das Meckern darüber schaffen, sondern über das Arbeiten an einer gemeinsamen, besseren Zukunft“. Und so werfen sie die beiden Frauen, die seit rund acht Jahren in der Stadt leben, in zahllose Aktivitäten, um die kulturelle DNA neu zu formatieren. Immer geht es dabei um Mitsprache und -gestaltung, sei es in der Kulturwirtschaft, im Tourismus, in der kommunalen Politik und im Bürgerengagement.

Das T30-Haus ist ihr Knotenpunkt. Hinter dem Ladenbüro hindurch geht es in den Garten in eine Backstein-Remise, wo ein kleiner Co-Working-Space für gemeinnützige Vereine, eine Werkstatt und ein Workshop-Raum eingerichtet wird. Im Haupthaus, das Sarah Dittrich und ihrem Mann gehören, entstehen vier Wohneinheiten. Es ist ein Leben auf einer Baustelle. Und das auch im übertragenen Sinne. Bei all ihren Aktivitäten – der Ideenwettbewerb „Mein Stadtwunsch“, das Aufstellen einer Flüsterbank, Gesprächskreise, Ausstellungen, ein Netzwerk des Engagements spinnen – stoßen sie immer wieder an Grenzen, sowohl in der Verwaltung wie auch bei den BürgerInnen. „Für eine echte Transformation muss man die Komfortzonen dehnen“, beschreibt Hannah Kuke die Aufgabe. „Wandlung und Umbruch passieren nicht von alleine. Man muss machen.“

„Das Leben in Balance ist eine echte Herausforderung“

Das ist auch das Credo von Wibke Seifarth. Mit dem Bus (ab ZOB Demmin Richtung Altentreptow) geht es wenige Kilometer nach Gatschow, südlich von Demmin. Ein Ort mit 80 EinwohnerInnen, an dem sich Fuchs und Hase nicht einmal „Gute Nacht“ sagen können, so weitläufig ist es hier. Und doch ein Ort, an dem das Leben tobt. Ein anderes, ganz eigenes Leben.

Ein Ort für sich, die Familie und die Gemeinschaft – Wibke Seifarth hat mit dem Landkombinat in Gatschow einen Ort des Gemeinwohls geschaffen. Foto: Jörg Gläscher

Wibke Seifarth lebt hier mit ihrer Familie auf einem Hof am Rande des Dorfs, der dem Verein „Landkombinat“ gehört, der den formalen Rahmen für all die Aktivitäten hier bildet und dessen Heimat hier sie mit aufgebaut hat. Derzeit leben und arbeiten insgesamt sechs Erwachsene und zwei Kinder hier. Wer mag, kann gegen Kost und Logis mitmachen. Schließlich gibt es genug zu tun: regelmäßige Repair-Cafés in der alten Backsteinscheune von 1890, internationale Workcamps, eine Mosterei, Gemüseanbau und NaturKulturTage für Schulklassen, Hoffeste, eine offene Werkstatt – ein bunter Strauß fürs Gemeinwohl. Ihre Vision beschreibt Wibke Seifarth so: „Wir wollen einen Lebens- und Arbeitsort, einen Lern- und Begegnungsort für Gemeinschaft und Familie schaffen, verbunden mit dem Boden und den Menschen vor Ort.“

Klingt gut. Und nicht ganz einfach. Doch auch wenn der Anspruch hoch und das Leben bescheiden anmutet, so ist es doch ein selbstbestimmtes und entspanntes Dasein hier. Das Landkombinat hat sich über die Jahre so gut entwickelt, dass Wibke Seifarth kürzlich sogar nach zwei Jahren ihre Arbeit beim Kreisjugendring, die sie sehr schätzte, aufgab, um sich ganz dem Projekt zu widmen, und um ihren Ideen in der Kinder- und Jugendarbeit selbstbestimmt nachzugehen – um so das Landkombinat mit ihrem Berufsleben zu vereinen. Und das hat geklappt. „Für mich ist die beste Entwicklung, dass wir es geschafft haben, Arbeitsbereiche auch an andere abzugeben und nun zu mehreren Verantwortung auf dem Hof tragen“, sagt sie. Aber natürlich sei viel Energie nötig, um die „Dinge im Laufen zu halten“. Und trotzdem: Um noch mehr als bislang schon bewegen zu können, überlegt sie, sich noch mehr in den kommunalen Ausschüssen zu engagieren, schließlich fallen dort die wichtigen Entscheidungen für die Region. Aber noch mehr Aktivitäten? Die studierte Umweltbildnerin zuckt mit den Schulter. „Das Leben in Balance und für die Transformation ist eine echte Herausforderung.“

Da ist es vielleicht gut, wenn man nicht alleine ist oder nur ein paar MitstreiterInnen hat, sondern gleich eine ganze Stadt, die den Wandel wagt.

Ein feiner Aufbruch in Loitz – wären da nicht all die Probleme

Wie die Stadt Loitz, nur wenige Kilometer über die Peene weiter Richtung Norden. Schon 2015 wurde das Dorf mit seinen 4.200 EinwohnerInnen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in das Programm „Zukunftsstadt“ aufgenommen, und die LoitzerInnen schafften es bis in die finale Förderphase, in der ihre in diversen Arbeitsgruppen gemeinschaftlich entwickelten Projektideen nun bis 2030 umgesetzt werden sollen. Doch wer durch die Straßen bummelt, entdeckt zwar viel Stadt, aber wenig Zukunft.

Da ist es hilfreich, dass heute der Verein „Neuland gewinnen e.V.“, ein Ableger des Neulandgewinner-Programms, für einen Tag zu Gast in Loitz ist, um die Aktivitäten sichtbar zu machen. Im renovierten Rathaus diskutiert Bürgermeisterin Christin Witt mit Gästen über die Zukunft der Jugend, ein Paar aus den alten Bundesländern führt durch ihr kürzlich erst erworbenes und heruntergekommenes Haus von 1796, berichtet über Hürden beim Kauf, aber auch über die „tollen Menschen“ hier und ihre gemeinwohlorientierten Visionen. Am Rande des Dorfes können die Gäste bei der Wiederbelebung der ehemaligen und weitläufigen Stärkefabrik mithelfen, die einst 500 Menschen Arbeit gab und Anfang der 1990er Jahre durch die Treuhand abgewickelt wurde – und nun zu einer Art Kultur-Campus ausgebaut werden soll, wenn es nach dem Willen der Engagierten hier geht. Einige munkeln aber auch, dass sich die Stadt gegen einen finanzkräftigen Investor nicht sträuben würde, der die Gebäude abreißen und etwa für einen Hotel-Neubau nutzen würde.

Nicht nur auf den Fassaden, sondern auch dahinter arbeiten die Loitzer an einem neuen Bild für die Stadt. Foto: Jörg Gläscher

Überhaupt, der Leerstand. Wo laut Bürgermeisterin der Zuzug „das große Thema ist“, braucht es kreative Ideen. Das Ehepaar Annika Hirsekorn und Rolando Gonzales haben heute ihr Haus für eine Kleidertauschbörse, Siebdruck und Upcycling geöffnet. Es ist mit dem Projekt „Dein Jahr in Loitz“ Teil der Zukunftsstadt – ein Experiment. Loitz hatte mit der Idee gelockt, dass man ein leerstehendes Gebäude und ein Jahr lang ein Grundeinkommen von monatlich tausend Euro bekommt, wenn man das Haus auf Vordermann bringen und für die Gemeinschaft öffnen würde. Es gab 90 Bewerbungen, Annika aus Ost-Berlin und der in Ecuador geborene Rolando bekamen den Zuschlag. Und sind nun seit April diesen Jahres in Loitz, haben bereits eine kleine Comic-Bibliothek für die Kinder und Jugendlichen eingerichtet und Workshops für sie organisiert. 

„Mir fehlt nichts“, sagt Annika, und auch der selbstständige Videoproduzent Rolando lobt die Offenheit der neuen Mit-BewohnerInnen und dass „viele NachbarInnen bei uns vorbeischauen“. Gemeinsam wollen sie einen Ort des Mitmachens und der Partizipation schaffen, damit „der Edeka nicht der einzige Ort bleibt, wo man die meisten Menschen trifft“, sagt Annika, die in der Hauptstadt bei einem Verein tätig ist und jedes Jahr für zwei Monate in Mexiko arbeitet, weil „ich es nicht mag, das ganze Jahr in Deutschland zu sein“.

Wer sich mit den AkteurInnen unterhält, könnte zu dem Schluss kommen, dass es einen kleinen, aber feinen Aufbruch in der Stadt gibt. Wären da nur nicht all die Probleme.

„Derzeit gibt es einen Stillstand“, sagt Zukunftsstadt-Projektkoordinator Frank Götz-Schlingmann, „verursacht durch Schub und Gegenwind.“ Was er damit meint: Es mangelt nicht an Ideen noch an Engagierten, dafür aber an Einigkeit. Beim Übergang in die derzeitige Umsetzungs-Projektphase habe es einen Bruch gegeben. Zuvor hätten sich die in den diversen Arbeitsgruppen Engagierten mitgenommen gefühlt, das sei nun vorbei. Stattdessen gibt es Schuldzuweisungen: mangelnde Transparenz bei der Fördermittelverwendung, zu viel Geld sei bei DienstleisterInnen versandet und nicht in den Projekten angekommen, das Programm schlichtweg zu groß für eine kleine Verwaltung wie Loitz, Mit-Initiator und Ex-Bürgermeister Michael Sack, heute Landrat Vorpommern-Greifswald und CDU-Landeschef, habe die Stadt im Stich gelassen.

Das beste Rezept gegen den Niedergang einer Kleinstadt wie Loitz: viele helfende Hände – und eine Menge Spaß.
Foto: Jörg Gläscher

Frank Götz-Schlingmann rauft sich die Haare. Der 59-Jährige, auch er ein Neulandgewinner, ist in vielen Gremien Zuhause, ein Netzwerker – und hat gerade einmal einen Vertrag über 15 Stunden in der Woche, um das Herkulesprojekt hier in Loitz ins Leben zu bekommen. Seine Vorgängerin hatte deswegen hingeworfen, und auch er sei kurz davor, bekennt er. Oft müsse er doppelt so viel Zeit in das Projekt stecken, gerade in dieser problembehafteten Phase, da falle viel Anderes hintüber. Zum Beispiel, Natur-Interessierte mit dem Solarboot „UrSolar“ über die Peene zu fahren, was der als „Peenepirat“ bekannte und ehemalige Kapitänleutnant der DDR-Marine wohl am liebsten täte.

Ein Bahnhof und die schwierige Frage des Generationenwechsels

Und so verlässt man Loitz mit gemischten Gefühlen über den Fluss Richtung Anklam, der letzten Station der Reise in eine Zukunft, die hier noch nicht so richtig aus den Puschen zu kommen scheint, hin zu einem Projekt, das schon seit 2014 über die Grenzen der Stadt Bekanntheit erlangen konnte: der Demokratiebahnhof. Und wenn man so will, sind Johanna-Marie Kirchenstein und Christoph Rheinsch die BahnhofvorsteherInnen. Manchmal mehr, als ihnen lieb ist, denn es passiert tatsächlich, dass Fahrgäste in dem Büro der Jugendsozialarbeiterin und des Umweltpädagogen im noch aktiven DB-Bahnhof stehen, um Tickets zu kaufen. „Dann schicken wir sie einmal um die Ecke“, sagt die junge Frau und lächelt ein wenig verlegen.

Gründerin Klara Fries und ihr Team haben hier in ehrenamtlicher Arbeit einen offenen Ort für Kinder und Jugendliche geschaffen, um ihnen eine kostenlose Alternative zu den rechtsextremistischen Angeboten zu machen, mit Musik- und Fitnessraum, einer Fahrradwerkstatt, Tischtennisplatte und Billardtisch, mit Workshops für Siebdruck und Touren in den Kletterpark, Film- und Musikabenden, Arbeitsgruppen zu Demokratie und Toleranz. Und Aktionen gegen Rechts. Manchmal kommt es sogar vor, das Bürgermeister Michael Galander sich bei ihnen meldet um zu erfragen, was sie denn gegen einen der kommenden Neonazi-Aufmärsche geplant hätten. Kein Wunder, dass sie zur Zielscheibe der Rechten geworden sind – im wahrsten Sinne, denn immer wieder fliegen Pflastersteine durch die Fensterscheiben. Vielleicht auch noch aus altem Frust, weil die NPD den Bahnhof ursprünglich für sich nutzen wollte. Daraus ist – auch dank Klara Fries – nichts geworden.

Der Demokratiebahnhof in Anklam ist ein Gemeinschaftsort für die Jugendlichen der Stadt – und mittlerweile ein wichtiger Akteur.
Foto: Jörg Gläscher

Und trotzdem: „Der Demokratiebahnhof ist offen für alle“, sagt Klara Fries. „Und wird von allen gleichermaßen selbstbestimmt mit Leben gefüllt.“ Die jungen Menschen sollen sich hier ausprobieren können, Neues wagen, Selbstwirksamkeit erfahren. Sie selbst ist insbesondere beim Jugendparlament aktiv, das es seit 2018 gibt und die Interessen der jungen AnklamerInnen ins Stadtparlament trägt. Immer wenn es um die Belange von Kindern und Jugendlichen in der Stadt geht, muss der Rat das Jugendparlament mit einbeziehen. Eine eigene Satzung gibt ihm einen Rahmen, Klara Fries begleitet die neun Mitglieder zwischen 11 und 18 Jahren als Honorarkraft ein- bis zweimal im Monat, kümmert sich um die Finanzen und Organisatorisches.

„Endlich spricht man in Anklam über die Probleme, die lange unter den Teppich gekehrt wurden.

Wenn die junge Frau, die Kunst und Geografie auf Lehramt studiert und gerade einen Master-Abschluss in Nachhaltigkeitsgeografie in ihrem Heimatort Greifswald absolviert hat, zurückblickt, dann ist der Jugendtreff „an vielen Stellen so geworden, wie ich es mir vorgestellt habe“. Es läuft hier, auch wenn das viel Durchhaltevermögen gefordert habe. Eine positive Berichterstattung über die Aktivitäten im Demokratiebahnhof und ihre öffentlichkeitsstarken Aktionen hätten zu einer hohen Akzeptanz in Politik und Verwaltung geführt, „so dass man nun endlich in Anklam auch über die Probleme spricht, die zwar offensichtlich sind, aber lange unter den Teppich gekehrt wurden“.

Also alles gut? Fast. Denn selbst die heute noch immer jungen GründerInnen, damals zwischen 16 und 23 Jahre alt, stehen heute vor der schwierigen Frage des Generationenwechsels. Die jungen Gäste bräuchten junge Erwachsene „um andocken zu können“, doch die Suche nach NachfolgerInnen gestalte sich kompliziert, zudem bräuchte man sicher eine zwei- bis dreijährige Übergangsphase, in der man den Neuen den Rücken freihalte. Die heute 28-Jährige selbst sieht sich künftig nicht häufiger im Bahnhof, schließlich steht sie gerade an der Schwelle ins Berufsleben. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Und so endet die Reise über die Peene. Es ist keine Reise in eine neue, schon fertige Zukunft, sondern in das redliche Bemühen um sie. Der Fluss der Erneuerung bewegt sich nur sehr langsam. Manchmal – wie das Wasser der Peene wegen ihres geringen Gefälles und bei Hochwasser in Ostsee und Oder selbst – fließt Engagement sogar in die falsche Richtung zurück wie in Loitz. Manchmal verbirgt es sich wie die Tiere entlang des Flusses, und man muss sehr genau wissen, wo es zu finden ist. Und wie die Peene eingebettet ist in Naturschutzgebiete, einem intakten Ökosystem, so wichtig scheint es auch für die Engagierten zu sein, dass sie verbunden miteinander sind, um sich gegenseitig Kraft zu spenden und Mut zum Weitermachen zuzusprechen. Das ist wichtig. Denn der Weg ins Meer einer anderen, besseren Zukunft ist noch lang. Verdammt lang.

Text: Thomas Friemel, Fotos: Jörg Gläscher

Das niemals zufriedene Musterdorf

Bollewick gilt als Paradebeispiel für eine erfolgreiche Entwicklung im ländlichen Raum. Dutzende Politiker waren schon hier, sogar das niederländische Königspaar. Also alles gut? Davon sind sie weit entfernt. Denn Stillstand ist der Tod.

Bollewick gilt als Paradebeispiel für eine erfolgreiche Entwicklung im ländlichen Raum. Dutzende Politiker waren schon hier, sogar das niederländische Königspaar. Also alles gut? Davon sind sie weit entfernt. Denn Stillstand ist der Tod.

Die Scheune ist, man kann es kaum anders sagen, der Hammer. 125 Meter lang, ein Hektar nutzbare Fläche. Der 130 Jahre alte Feldstein-Bau ist wunderschön restauriert, beherbergt nette Läden und  prächtige Veranstaltungsräume. Und sie hat das Dorf Bollewick in einer Spezialdisziplin berühmt gemacht: die größte Feldsteinscheune Deutschlands – bis zum Beweis des Gegenteils. Im Sommer war das niederländische Königspaar zu Besuch, weil die Botschaft in Berlin genau Bollewick als perfektes Ziel für die Monarchen und ein großes Medienaufgebot ausgemacht hatte.

Da kann man doch ein wenig stolz sein, als Bollewicker? „Die Scheune“, sagt Bertold Meyer, ehrenamtlicher Bürgermeister von 1991 bis zum Mai 2019, „muss dringend weiter entwickelt werden.“ Seine Nachfolgerin Antje Styskal wird noch deutlicher: „Da müssen wir richtig ausmisten. Das ist eine Touristenattraktion, aber wir wollen mehr. Da muss mehr Leben rein.“

Wer das Geheimnis hinter dem Erfolg der Vorzeige-Gemeinde Bollewick ergründen will, findet hier vielleicht eine Antwort. Sie werden landauf, landab beneidet um die Scheune und viele andere Errungenschaften – gerade wird ein dritter Kindergarten eröffnet, wo andere den letzten schließen müssen. Aber sie sind nicht zufrieden. 

Ein Team wie gecastet

Bertold Meyer und Antje Styskal sind ein Team, das sich ergänzt, als wäre es für diese Doppelrolle gecastet worden. Er denkt in großen Linien und langfristigen Projekten, er mag Zahlen und weiß, wie man Fördermittel an die richtige Stelle leitet. Meyer widmet sich mit aller beachtlichen Kraft dem Thema Energiewende, genauer: den Chancen der Bioenergie im ländlichen Raum. Sie ist eine leidenschaftliche  Netzwerkerin mit Überzeugungskraft und will dringend jüngere Menschen für die Dorfpolitik interessieren. Styskal nimmt sie einfach an die Hand: „Entscheidend ist, dass man die Leute mitnimmt.“ Die neue Bürgermeisterin führt im ersten Stock der Scheune eine Naturheilpraxis mit „Traditioneller Chinesischer Medizin“, für ein Mecklenburger Dorf wohl erstaunlich erfolgreich: „Wenn ich einem helfen kann, kommen ganze Familien hinterher.“ Genau so muss man sich auch den Mechanismus der Dorfpolitik vorstellen.    

Meyer und Styskal beteuern, jeweils froh um den anderen und seine besonderen Stärken zu sein. Ein gutes Binnenverhältnis ist wichtig, wenn man so viel vorgezeigt wird wie Bollewick: „Wir sind in Mode gekommen“, sagt Meyer. Bundesminister zeigen sich gern vor der Scheune (Backhaus 2012, Aigner 2013, Gabriel 2015 und so fort), holen sich aber nicht automatisch Applaus ab. „Ich rate jedem, sich nicht auf die Versprechungen der Politik zu verlassen“, sagt Meyer. Antje Styskal ist wieder einmal direkter: „Heiße Luft, mehr nicht.“

Nicht schön, aber erfolgreich

Bollewick ist nicht schön, nicht einmal die gigantische Scheune selbst. Im touristischen Sinne hübsch ist es fünf Kilometer weiter, in Röbel und weiter an der Müritz. Aber Bollewick ist erfolgreich. Ein Bio-Energiedorf (siehe Text S. 27), eine wachsende Gemeinde (von 450 auf über 600 Einwohner). Dem Dorf gehören neben der Scheune – mit Hotel, Restaurant, einer Kerzen-Manufaktur und mehr – weitere Gebäude, in den „Landwerkstätten“ gegenüber arbeitet die Bio-Fleischerei Thönes, nebenan wird eine Käserei einziehen.  

Sie haben ein dichtes Netz gewoben, mit Unternehmen, Projekten, wissenschaftlicher Begleitung (Text auf S. 28) – so stabil, dass ein Scheitern einzelner Teile nicht mehr das Ganze gefährden würde. Viele Auszeichnungen stellten sich ein, dabei wollen die Bollewicker gar nicht als Muster-Dörfler  und Besser-Könner gelten. „Man kann sowieso nichts kopieren“, sagt Meyer, „jedes Dorf ist anders.“

Von der Altlast zum Asset

Doch zurück zur Scheune, mit der alles anfing. 1990, als bald nach der Wende die LPG zumachte, sprach nicht viel für Bollewick. Meyer kann bildreich erzählen, wie der Gestank der Gülle den Ruf und den Alltag des Dorfs verpestete. Dann sprengte das ungetüme Bauwerk den Gemeinderat, weil viele glaubten, das Ding bedeute den sicheren Ruin der Gemeinde. In den 90ern brauchten hunderte ABM-Kräfte Jahre, um das Dorf aus einem Sumpf von Gülle herauszuwühlen, den 650 Kühe zu DDR-Zeiten erzeugt hatten. Dabei wurde es zum Symbol für Zusammenhalt und Aufbau.

1994, die maroden Kabel hingen noch aus den Wänden, kamen 6.000 Besucher zu einem Kunsthandwerkermarkt – da war klar, dass die einstige Altlast jetzt, modern gesprochen, ein „Asset“ ist. Ein industrielles Gebäude, wie es auch in Hamburg-Altona oder Berlin-Friedrichshain stehen könnte. Was im Vergleich dazu fehlt, ist eine junge, dynamische Start-up-Szene. Genau das haben sie jetzt im Blick. „Junge, kreative Zellen“, möchte Antje Styskal anlocken, es könnte um die Digitalisierung der Landwirtschaft gehen, oder auch um Meyers großes Thema, die Bio-Energie.

Nicht gleich nach dem Himmel greifen

Ein weiterer Slogan, den sich Bollewick zu eigen macht, heißt „Garten der Metropolen“. Interpretiert mit Blick nach Berlin, Hamburg und Stettin: hier, auf dem Land, werden für die Städte Lebensmittel produziert und Erholungsräume geschaffen. Unter welchen Bedingungen, ist eine brisante Frage, denn die industriell geprägt Landwirtschaft gerade in Mecklenburg-Vorpommern lässt den Dörfern wenig Spielraum für eine eigene Wertschöpfung. Im Dorfladen der Scheune lokal produzierte Lebensmittel anzubieten, ist nicht so einfach, Fleisch und Käse aus den Landwerkstätten sind nur ein Anfang. Es bleibt also genug zu tun. 

Hartnäckigkeit und andere Tugenden

Wie also haben sie es gemacht in Bollewick, dass aus einer stinkenden „Altlast“ ein prosperierendes Dorf erwachsen ist?  Bertold Meyer zählt drei Grundtugenden auf: „Ideen, Mut, Hartnäckigkeit. Wenn Politik klug arbeitet, unterstützt sie diese Eigenschaften.“ Und bei der Methodik könne man tatsächlich ein Beispiel geben: „Step by Step. Aufräumen, mit kleinen Erfolgen immer voran. Nicht gleich nach dem Himmel greifen, sondern auf den nächsten Schritt konzentrieren.“ 

So soll es weitergehen in dem Dorf, das nach der Vermutung des Bürgermeisters das jüngste weit und breit ist. „Die 30- bis 40-Jährigen fehlen uns“, hat Meyer beobachtet, „aber die Jüngeren engagieren sich wieder, das macht Hoffnung.“

Aber zufrieden, das sind sie trotzdem nicht.

Raimund Witkop 

Aufbruch in neue Welten

Im äußersten Nordosten des Landes blüht ein kleines Wunder. Auf dem Bio-Bauernhof Rothenklempenow ist ein „Campus der Kooperationen“ entstanden mit Food-Startups, Weltacker – und einer Vision, die das Dorf zusammenwachsen lässt.

Wer die Zukunft sehen will, muss an die Ränder des Realen gehen. Es geht über Kopfsteinpflaster an verfallenen Häusern, Höfen und Holzkreuzen am Wegesrand mit dem Namen Laura darauf vorbei und hinein in ein Dorf, an dessen Laternenpfählen Plakate zur „Bumsparty“ mit DJ Melody einladen. Wer dann noch die Dorfkirche hinter sich lässt, kommt schließlich an. Nicht nur am Rand des Dorfs. Sondern auch an den äußersten Rand Deutschlands. Und an den Rand zu einer anderen Welt.

Rothenklempenow. Nichtgeografen würden vielleicht sagen: in Deutschland ganz weit rechts oben. Polen und die Ostsee liegen in Spuckweite, es gibt ein Schloss im Fachwerkstil, den Fangelturm und sogar ein kleines Heimatmuseum, das von der über 800jährigen Geschichte erzählt – insbesondere von den vergangenen Jahrzehnten, als sich das Dorf Pionierort der DDR nennen durfte und hunderte Menschen hier in der LPG arbeiteten. Heute leben noch gut 600 Menschen hier. „Einige Familien blicken auf eine jahrhundertealte Geschichte allein hier im Dorf zurück“, sagt Tobias Keye und nickt Richtung Dorfstraße. „Sie sind das kulturelle Erbe, auf dem wir hier aufsetzen – ohne es zu ersetzen.“

Wenn man so will, ist Tobias Keye so etwas wie der Zukunftsmacher. Der ehemalige Schauspieler aus Düsseldorf hat sich früh der Nachhaltigkeit verschrieben und kam 2016 für die BioBoden Genossenschaft hierher, die auf dem alten LPG-Gelände ihren Sitz hat. Das noch junge Unternehmen kauft seit seinem Bestehen 2015 landwirtschaftliche Nutzflächen, um sie für die ökologische Bewirtschaftung zu sichern. Mittlerweile sind es über 60 Partnerhöfe, auf denen die Genossenschaft deutschlandweit engagiert ist und sie so auch dem Zugriff von Landspekulanten entzieht. Drei der BioBoden-Höfe liegen hier in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander: Neben dem Betrieb in Rothenklempenow sind das der Haffwiesenhof und das Landgut Seegrund. Insgesamt 2.500 Hektar Land, davon 60 Prozent Weide, 40 Prozent Acker. 1.500 Tiere sind hier zuhause, auf den Feldern gedeihen Getreide, Mais, Kartoffeln und Gemüse. Alles in Bioland-Qualität. Alles Teil einer großen Vision.

Denn BioBoden mit seinen drei Höfen, die sich für eine bessere Vermarktung zur Höfegemeinschaft Pommern zusammengeschlossen haben, sind gleichzeitig Teil und bilden den Rahmen für den „Campus der Kooperationen“, wie Keye den Ort bezeichnet. Bio-Waren erzeugen kann schließlich jeder. Sie aber als Herz zu verstehen, das viele andere Organe versorgt und damit ein neues Lebewesen schafft, können nur die wenigsten. Tobias Keye und seinen vielen anderen Mitstreitern gelingt es.

Wir wollen den Menschen ein Bewusstsein dafür vermitteln, woher die Dinge kommen, dass unser Planet endlich ist, dass wir sorgsam mit unserem Boden umgehen müssen.

„Aus gutem Boden wächst Gutes.“

Wer Keye über den teils heruntergekommenen Hof bis hinein in die Räume der renovierten Gutsanlage begleitet, kann schon einmal den Überblick darüber verlieren über all das, was hier passiert. Da hilft es, einen festen Boden unter den Füßen zu haben, um nicht die Orientierung zu verlieren. Zum Beispiel den Weltacker, gleich hinter der Scheune. Warum er so heißt, ist ganz simpel: Teilt man die globale Ackerfläche von 1,5 Milliarden Hektar durch die 7,5 Milliarden Erdenbewohner, kommt man auf 2000 Quadratmeter, die jedem einzelnen von uns rein rechnerisch zustehen. Auf diesem Weltacker muss also alles wachsen, was jeder von uns zum Leben braucht: Getreide fürs Brot, Reis, Kartoffeln, Obst, Gemüse, Öl, Zucker, aber auch das Futter für die Tiere, von deren Fleisch, Milch und Eier wir uns schließlich ernähren. Ganz zu schweigen von der Baumwolle für die Jeans oder die nachwachsenden Rohstoffe für die Industrie. „Wir wollen den Menschen ein Bewusstsein dafür vermitteln, woher die Dinge kommen, dass unser Planet endlich ist, dass wir sorgsam mit unserem Boden umgehen müssen“, so Keye. „Und wenn wir beginnen, Boden gut zu machen, dann wächst auch etwas Gutes daraus.“

Und das nicht nur in Form von gesunden Lebensmitteln, sondern auch in der Haltung. Für Keye ist der Weltacker Dreh- und Angelpunkt: Hier kommen Schulklassen und Studierende her, um auf ihm zu arbeiten und Zusammenhänge zu verstehen. Hier kommen die Mitarbeitenden der Nachhaltigkeitsbank GLS aus Bochum her, um zu ackern und so ihr Zahlen-Tageswerk mit Leben zu füllen. Und hier kommen jene her, die blauen Mais machen können.

Interessante Option: Blauer Mais

Anna Wertenbroch ist die Gärtnerin von BioBoden und nutzt die Fläche als Experimentierfeld. Das herkömmliche Gemüse zieht sie auf dem Acker oder im selbst mitgebrachten Tunnel hoch, um den Hofladen und die Biokisten für den Lieferservice für die Menschen rund um Rothenklempenow zu bestücken. Aber blauer Mais ist da schon eine andere Liga. „Wir wollen alte Sorten wiederbeleben“, sagt sie, die zuletzt in Köln einen eigenen Gemüsebetrieb geführt hat. „Samenfeste Sorten, die man kaum noch kennt.“ Als samenfest wird eine Pflanzensorte bezeichnet, wenn aus ihrem Saatgut Pflanzen wachsen, die über exakt dieselben Eigenschaften und dieselbe Gestalt haben wie die Elternpflanze. Heißt: Die Sorte kann sich wie früher natürlich vermehren. In Zeiten von Monsanto und Co. ist das eine Seltenheit geworden.

Und einer dieser samenfesten Sorten ist eben der blaue Mais, einer von 200 Mais-Arten insgesamt. Und für Daniel Möhler eine interessante Option. Gemeinsam mit Co-Gründer Carl Eugen Jahke hat Möhler hier auf dem Gelände das Food-Startup Tlaxcalli angesiedelt. Tlaxcalli kommt aus dem Aztekischen und heißt Maisfladen – der Name ist hier also Programm. Das junge Unternehmen mit seinen sieben Mitarbeitenden produziert hier die ersten und einzigen Bio-Tortillas Europas. Und das ziemlich erfolgreich: Waren es 2017 noch acht Tonnen, sind es zwei Jahre später schon zwanzig.

Verkauft werden die Fladen insbesondere in Gastro- und Delikatessläden Berlins, aber zunehmend auch in ganz Europa, vor allem in Lissabon, wo Möhler zu einer Verkostung war – die Qualität der Tortillas haben sich herumgesprochen. Und nicht nur dort. „Wir bekommen Emails von vielen Mexikanern in Deutschland, die unsere Produkte haben wollen“, so Möhler. Ein echtes Kompliment.

Abfall für Bio-Plastik?

Das kommt nicht von ungefähr. Möhler war nach viereinhalb Jahren in den USA dreieinhalb Jahre in Mexiko, wo er eine Bäckerei in Mexiko-Stadt betrieb. Er weiß also sehr genau, wie man Original-Tortillas macht. Und was man dazu braucht. Zum Beispiel das „Biest“. Die Maschine haben sie eigens aus dem mittalamerikanischen Land importiert, hier wird der Mais gekocht, in einer Vulkansteinmühle zu Teig gemahlen, geformt und auf befeuerten Eisenplatten gebacken. Jeden Tag frisch. Das ist besonders. „Wenn man so will, ist unser Verfahren wie Sauerteig machen im Gegensatz zu Toast herstellen“, sagt Möhler. Was er damit meint: Durch die besondere Herstellung werden Proteinketten aufgespalten und so leicht verdaulich gemacht, der Körper kann andere Nährstoffe leichter aufnehmen, und ganz nebenbei wird das Produkt natürlich haltbar gemacht. Kein Wunder also, dass Tlaxcalli schon den „Next-Organic-Award“ gewinnen konnte.

Und warum sind sie nun ausgerechnet hier? Im letzten Winkel der Republik? „Der Mais hier ist der beste“, sagte Möhler und lässt Tobias Keye strahlen. Die Sorte Padrino von den Feldern in Rothenklempenow hat in einer Blindverkostung gewonnen, da war es klar, dass man sich dem Projekt hier anschließen wollte. Und nicht nur wegen des Mais’. Auch die Vision des Orts war ein Pluspunkt. „Mais ist eine erstaunliche Pflanze“, so der Gründer. „Sie kann die Antwort auf die Frage sein, wie wir den Hunger bekämpfen können.“ Denn: „Mais wächst überall und wie verrückt.“

Die perfekte Rohware also für ganz neue Ideen. Man könnte die Pflanze auch auf andere Gebiete transferieren, so Möhler. „Den Mais-Abfall, also die äußere Schale, könnte man zur Herstellung von Bio-Plastik nutzen“, erklärt er. „Das kalziumhaltige Wasser, das in der Produktion entsteht, könnte auf den Feldern als natürlicher Dünger ausgebracht werden.“

Nichts verschwenden, schonend mit den Ressourcen umgehen, vermeintliche Abfälle für Neues nutzen, in Kreisläufen denken – das ist her die gemeinsame Haltung. „Wir arbeiten hier an einer neuen Landwirtschaft, die vom Boden bis auf den Teller bis in den Körper denkt“, sagt Keye. Und wo man eben auch herumexperimentieren kann. Stichwort: der blaue Mais. Die ersten Samen vom Weltacker haben es schon auf zwei Hektar geschafft – im kommenden Jahr wird Tlaxcalli also ein neues Produkt auf den Markt bringen. „In Zukunft werden wir weitere Maissorten ausprobieren“, so Möhler. Der Vorteil, den sie hier haben: Sie können gemeinsam mit anderen auf Zuruf einfach mal ausprobieren.

Öko-Anbau als Mittel zum Zweck

Das ist nicht nur bei Tlaxcalli so. Auch das andere Food-Startup Lunch Vegaz von Gründerin Govinda Thaler profitiert von der gemeinsamen Haltung, dem gemeinsamen Standort, der gemeinsamen Vision. Lunch Vegaz mit seinen elf Mitarbeitenden produziert fertige Bio-Gerichte komplett ohne Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker. Für die bis zu 30-tägige Haltbarkeit werden die Gerichte lediglich vakuumisiert – was den Vorteil zum Beispiel gegenüber Tiefkühlkost hat, dass die wertvollen Inhaltsstoffe erhalten bleiben. Die Rohwaren kommen – natürlich – von den Feldern direkt vor der Haustür.

Und so ließe sich die Liste noch weiter und weiter und weiter fortsetzen. Sechs neue Startups stehen in den Startlöchern, außer dem Weltacker soll es bald die Weltweide und den Weltwald geben, auch eine Tinyhouse-Siedlung soll entstehen, ebenso wie eine Gaststätte und eine Brauerei fürs gesamte Dorf. Ach ja, und das RCE Stettiner Haff hat hier seinen Sitz, also das Regional Centre of Expertise, ein regionales Kompetenzzentrum für Bildung für Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen Universität, aus dem nun Stipendien im Rahmen des Projekts ResidenZukunft vergeben werden an Menschen, die an einer neuen Landwirtschaft arbeiten wollen.

 

„Wir sind eine Modell-Werkstatt für die Gesellschaft von Morgen“, sagt Tobias Keye. Gemeinsam mit den Bewohnern des Dorfs und der Umgebung wollen sie hier eine neue Form des Zusammenlebens erproben, in dem eine ökologische Landwirtschaft auch Mittel zum Zweck für mehr Gemeinschaft, mehr Miteinander, mehr gegenseitiger Verantwortung bietet. Im Sommer gehen sie zusammen im nahegelegenen See schwimmen, spielen Fußball, sitzen am Lagerfeuer. Bei alldem nehmen sie die Menschen vor Ort mit – und das auf eine ernste und empathische Weise: Sie bauen auf ihr Wissen, auf ihre Erfahrung, auf ihre Geschichte. „Die Menschen fühlen sich hier normalerweise nicht gesehen“, glaubt Keye. Man müsse ihnen wieder wertschätzend begegnen und motivierend mit in eine andere Zukunft nehmen. Das klappt nicht bei allen, die Skepsis gegenüber den „Öko-Freaks“ ist noch hoch. Doch es werden immer mehr – und es sind nicht nur die jungen Leute, die sich dem Experiment von Tobias Keye öffnen. „Die ehemalige LPG-Chefin ist unsere treueste Anhängerin“, erzählt er.

Das war nicht immer so. Als BioBoden sich hier ansiedelte, gab es schnell Gerüchte, dass irgendwelche Wessis wieder nur „fette Geschäfte“ machen wollten, diesmal mit Bio-Lebensmitteln, was ja ohnehin alles „Beschiss“ sei. Das hat sich verändert. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer sind die gegenseitigen Vorurteile zwar auch hier in Rothenklempenow noch zu spüren. Aber sie werden jeden Tag kleiner. Man hat hier den Eindruck, dass die Menschen aus West und Ost an einer wirklichen Einheit arbeiten, an einer gemeinsamen Zukunft. Nach dreißig Jahren und viel Frust ist etwas auferstanden aus den Ruinen. Hier, am Rande der Republik.

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