Die Fichte haben wir aufgegeben

Bärbel Kemper

Die Fichte haben wir aufgegeben

Bärbel Kemper aus dem sächsischen Liebstadt ist mit dem Deutschen Waldpreis 2021 ausgezeichnet worden. Seit der Gründung des Landguts Kemper & Schlomski 2004 engagiert sich Kemper für ökologische Bewirtschaftung, Naturschutz und Umwelt-Kommunikation. Auf 100 Hektar Wald und Grünland hat sie als Leuchtturmprojekt einen „Bienenwald“ angelegt. Ein Gespräch über Arten-Vielfalt, Fichten-Sterben und den Wald der Zukunft.

Klimawandel ist mitunter schwer zu begreifen. Passiert es Ihnen, dass Sie nach einem schönen Regenschauer im Wald stehen und denken, so schlimm wird es vielleicht doch nicht? 
Bärbel Kemper: Ein Waldspaziergang nach einem Landregen ist ein Genuss für die Sinne. Aber wer mit offenen Augen durch unsere Wälder streift, erkennt bereits heute die dramatischen Folgen der Klimaveränderung.

Woran genau?
Die Fichte haben wir praktisch aufgegeben. Durch die Trockenheit der Jahre 2018 bis 2020, welche die Wissenschaft als die verheerendste Hitze- und Dürreperiode seit mehr als 2.000 Jahren ermittelt hat, sind die Fichten so geschwächt, dass der Borkenkäfer ein leichtes Spiel hatte und sie flächenweise zum Absterben brachte. Wir meinen schon, dass dies Zeichen des Klimawandels sind. Trockene Jahre gab es sicherlich immer einmal, so wie 1976 oder 2003, doch drei solche extremen Jahre hintereinander sind doch außergewöhnlich. Es ist ja sicherlich auch kein Zufall, dass die drei heißesten Sommer seit der Wetteraufzeichnung alle nach 2010 lagen.

Sie sind gerade als „Waldbesitzerin des Jahres“ geehrt worden. Was bedeutet das für Sie?
Ich sehe diesen Preis als Mittel, um unser Konzept in die Breite zu tragen. Ich gelte schon etwas als Exotin, aber das war mir immer egal. Ich mache das nicht im Stillen, sondern versuche, andere zu inspirieren. Wir hatten gerade drei Exkursionen mit Schulkindern, jedes hat ein Insektenhotel aus Konservendosen gebastelt und mit nach Hause genommen, das war toll. Jeder kann in seinem Gärtchen, auf dem Balkon etwas für Artenvielfalt tun.

Ihr großes Thema heißt „Bienenwald“ – warum ist das wichtig?
Eine Studie hat ergeben, dass von 1989 bis 2016 in rund 60 Schutzgebieten die Biomasse der Fluginsekten um circa 75 Prozent zurückgegangen ist. Die Insekten sind in unserer Natur ein so zentrales Element in der Nahrungskette, sei es für Kriechtiere, Vögel oder Fledermäuse, dass wir diese Entwicklung dringend umkehren müssen. Der Bienenwald wurde deshalb angelegt, um die Insekten zu fördern. Da „Insektenwald“ halt nicht so gut klingt, haben wir uns der positiv besetzten Biene bedient. Dabei sind wir uns bewusst, dass im Wald nicht die Honigbiene der erste Adressat ist, sondern Wildbienen, Hummeln oder Grabwespen.

Wir als Privatwaldbesitzer begreifen die Krise als Chance, den Wald neu zu denken, mit mutigen Ansätzen.

Wie muss so ein Bienenwald aussehen?
Es wurden nur nektar- und pollentragende Laubbäume und Sträucher gepflanzt. Dabei wurde darauf geachtet, dass diese zu unterschiedlichen Zeiten von früh wie zum Beispiel die Sal-Weide bis spät wie die Winter-Linde im Jahr blühen. Außerdem stellt sich darunter eine Bodenvegetation ein, die das Blütenangebot zusätzlich erhöht.

Das Schlagwort „Wald der Zukunft“ kommt gerade auf und klingt irgendwie optimistisch. Werden wir den Wald noch wiedererkennen?
In der Forstwirtschaft haben wir gern zurückgesehen. Wenn man vor großen alten Bäumen stand, wusste man, diese wieder zu pflanzen, kann nicht falsch sein. Was die Zukunft bringt, wissen wir nicht, dafür gibt es unterschiedliche Prognosen in den verschiedensten Szenarien. Sicher scheint nur, dass uns eine Temperaturerhöhung bevorsteht, die es erdgeschichtlich in so kurzer Zeit noch nie gegeben hat. Ist ein solcher Prozess früher in Jahrtausenden abgelaufen, rechnen wir heute in Jahrzehnten. Für uns heißt das, vielen natürlich hier bereits vorkommenden Baumarten eine Chance zu geben. Die „neue Natur“ wird entscheiden, wer fit ist und wer sich nicht mehr durchsetzen kann.

Die Landwirtschaft experimentiert mit neuen Arten und Sorten, die aus dem heißen Süden stammen. Funktioniert das bei Bäumen auch?
Die Landwirtschaft arbeitet schon seit Jahrtausenden mit Kulturpflanzen aus der ganzen Welt. Diese Züchtungen werden getestet, ehe der Landwirt sie anbaut. Diese Kulturpflanzen werden intensiv gepflegt. Sie müssen gegenüber der Witterung nur ein Jahr lang bestehen. Und wenn es schief geht, kann er es im nächsten Jahr wieder korrigieren. In der Forstwirtschaft müssen sich unsere Bäume in einem komplexen Ökosystem bewähren, wo wir sie durch Kulturpflege und Zaunbau in den ersten Jahren unterstützen können. Doch die übrigen Jahrzehnte sind sie auf sich allein gestellt. Deshalb denken wir, dass Baumarten, die sich seit Generationen in diesem Ökosystem bewährt haben, am besten geeignet sein werden, um auch den bevorstehenden Wandel bestehen zu können. Allerdings werden wir uns an den natürlicherweise hier vorkommenden Baumarten orientieren. Baumarten aus dem Süden werden sicherlich nicht großflächig angebaut. Wir können für unsere Breiten „normale Winter“ ja nicht ausschließen, die solche südländischen Arten einfach nicht überstehen. Solche Winter werden seltener werden, aber bei Standzeiten von über 100 Jahren wollen wir nicht darauf wetten.

 

Die sächsischen Staatsforste rechnen mit sechs Millionen Neupflanzungen pro Jahr. Kann die Forstwirtschaft die schiere Menge überhaupt bewältigen?
Das ist eine gewaltige Aufgabe. Es gibt so viel zu tun im Wald wie noch nie, aber es fehlt an Forstwirten, die das können. Man wird in manchen Bereichen auf Naturverjüngung setzen müssen.

Ändert sich der Charakter des Waldes, wenn zum Beispiel die Fichte verschwindet?
Diese Monokulturen mit dem „Geld-Baum“ Fichte haben auch etwas Bedrohliches, es ist dunkel, keine Vegetation am Boden. Ein Mischwald mit Krautschicht und Schmetterlingen ist für mich natürlicher.

Kann es die Holzwirtschaft wie bisher noch geben?
Die Holzwirtschaft hat länger Zeit, um sich auf die neuen Bedingungen einzustellen, denn unsere Bäume müssen ja erst einmal wachsen. Insofern kann man optimistisch sein, dass diese Anpassung gelingt. Denn an dem klimaneutralen Werkstoff Holz wird kein Weg vorbeiführen.

Wer kann und muss den Wandel vorantreiben: Ministerien und Staatsforste, oder eher private Waldbesitzer?
Aktuell werden alle vom merklichen Klimawandel getrieben. Wir als Privatwaldbesitzer begreifen die Krise als Chance, den Wald neu zu denken, mit mutigen Ansätzen, wie dem einer insektengerechten Aufforstung. Der positive Effekt auf die biologische Vielfalt ist unmittelbar und macht Schule. Inzwischen unterstützen wir andere Waldbesitzer bei der Umsetzung ihrer Waldnaturschutzprojekte im Rahmen unseres Netzwerks BienenwaldSchwärmer.

Wie teuer wird das, und wer kann das alles bezahlen?
Bezahlen werden das alle! Die Waldeigentümer sowieso, der Steuerzahler, weil vermutlich weiterhin Fördermittel gezahlt werden müssen, der Verbraucher, weil er absehbar vielleicht höhere Holzpreise bezahlen muss, der Waldbesucher, weil er sich möglicherweise erst einmal an neue Waldbilder gewöhnen muss.

Wird man in 30 Jahren noch einfach so zu einem Waldspaziergang aufbrechen können?
Das hoffe ich doch, Sie sind zum Spaziergang in unserem Wald herzlich eingeladen. Nach Kurt Mantel stellt der Wald als stärkste Pflanzengesellschaft das extremste und dauerhafteste Ökosystem in der Biosphäre dar. Das sollte auch noch in 30 Jahren gelten.

 

„Die Kommunen werden gegängelt und entmündigt“

Professor Gerhard Henkel forscht seit 50 Jahren über die Entwicklung des ländlichen Raums. Die Krise vieler Kommunen lastet er Fehlentwicklungen „von oben“ an: Der lokalen Politik seien alle Freiheiten genommen worden. Was dagegen zu tun ist, erläutert der Humangeograf im „Land.“-Interview ein „gewaltiges Umdenken in den Zentralen der Macht“.

Herr Professor Henkel, schrumpfende Dörfer, wütende oder resignierte Dorfbewohner – was ist für Sie die Hauptursache?

Daran haben der Staat in Gestalt von Bund und Ländern eine wesentliche Mitschuld. Unzufriedenheit und sogar Resignation in den Dörfern und Landgemeinden hat eine Hauptursache, und zwar im ganzen Land: Die Kommunalpolitik ist durch demokratiefeindliche „Reformen“ und permanente Gängelung und Entmündigung schleichend entmachtet worden. Das wird in den Entscheidungszentralen von Politik und Gesellschaft kaum wahrgenommen oder ganz ignoriert.

Wie wirkt sich das im Dorf aus?

Die Gemeinden erfahren zu wenig Respekt und Unterstützung durch Bund und Länder, haben zu wenige Möglichkeiten der freien Entscheidung und Gestaltung, unterliegen zu vielen Regeln und Hürden. Da taucht immer wieder die Klage auf: Wir können kaum noch etwas selbst gestalten. Die im Grundgesetz verankerte kommunale Selbstverantwortung verdient diesen Namen kaum noch. Das ist weitgehend nur noch eine Verwaltung von Aufgaben im Sinne von Vorgaben, die man selbst nicht beeinflussen kann. Die fehlende Befugnis führt zu Resignation und Verdruss und auch zum Rückzug vieler engagierter Bürger aus der Kommunalpolitik.

Der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte ist mit Abstand der größte Deutschlands, mehr als doppelt so groß wie das Saarland. Ist das vernünftig?

Nein! Die von oben diktierten, harmlos klingenden Gebietsreformen haben nicht nur riesige, bürgerferne Landkreise geschaffen und in den alten Kreisstädten Leerstände produziert, sondern auch in mehr als 20.000 deutschen Dörfern und Kleinstädten die bewährte Selbstverantwortung mit Bürgermeistern und Gemeinderäten beseitigt. Die in Jahrhunderten bewährte lokale Selbstverantwortung mit Bürgermeister und Gemeinderat wurde abgeschafft. Dabei sind bisher über 300.000 ehrenamtlich tätige Kommunalpolitiker „entlassen“ worden. Der Staat signalisierte damit: Wir brauchen eure lokale Kompetenz, euer Denken, Fühlen und Handeln für euer Dorf nicht mehr.

Sind die Auswirkungen belegbar?

Durch zahlreiche neue Studien wissen wir, dass Gebietsreformen keine finanziellen Einsparungen, aber verheerende demokratische, infrastrukturelle und soziale Verluste verursacht haben. Langzeitstudien in Bayern haben ergeben, dass selbständig gebliebene 1000-Einwohner-Dörfer sich bei Bevölkerung, Infrastruktur und den Immobilienwerten besser entwickelt haben als gleich große eingemeindete Dörfer. Gebietsreformen haben die Mehrheit der deutschen Dörfer und Kleinstädte durch den diktierten Verlust der lokalen Selbstverantwortung traumatisiert und zugleich die demokratische Basis des Staates massiv geschwächt.

 

Ich verstehe ehrenamtliche Bürgermeister, die sagen: das schaffe ich nicht!

Sehen Sie eine Chance, das zu ändern?

Dies erfordert ein gewaltiges Umdenken in den Zentralen der Macht in Bund und Ländern. Wie das Wirtschaftssystem unterstützt auch das politische System das Große, nicht das Kleine. Sehr viele Menschen lieben das naturnahe und überschaubare Landleben – und gestalten dies mit Gemeinwohldenken und Anpackkultur. Mein Appell: Lasst das Dorf leben und seine bürgerschaftlichen Kräfte neu entfalten. Wenn die Kommunalpolitik wieder Gewicht und Befugnisse bekommt, wird auch ihr Ansehen steigen. Dann werden auch die Bürger wieder mitmachen und sich mit dem Gemeinwesen solidarisieren. 

Wo kann dieses Umdenken beginnen?

Bund und Länder versuchen ja, mit Heimatministerien den Dörfern und Landkommunen Zuwendung zu signalisieren. Ich bin aber skeptisch, ob damit wirklich eine Kehrtwende in der Denkweise verbunden ist. Das hieße nämlich, den ländlichen Kommunen mehr Respekt und Unterstützung, vor allem mehr Freiheit in den Entscheidungen zukommen zu lassen.

Ihr neuestes Buch heißt „Rettet das Dorf!“ Geht das nur durch einen Wandel der Politik „von oben“? 

Der Wandel von oben ist das Wichtigste. Natürlich müssen die Bürger und Gemeinden auf dem Land auch das Ihre tun. Jedes Dorf, jede Gemeinde ist einzigartig. Jedes hat andere Werte und Potenziale, aber auch andere Defizite und Probleme. Jede Gemeinschaft muss selbst herausfinden und bestimmen, was für sie wichtig ist. Das bedeutet: Jedes Dorf, jede Gemeinde muss für seine Gegenwart und Zukunftsfähigkeit selbst sorgen. Salopp gesagt, muss es sich also selbst retten.

Man hat den Eindruck: Geld für die Entwicklung ist vorhanden, aber es irrsinnig kompliziert, an Fördermittel heranzukommen…

Das stimmt. Es gibt zu viele bürokratische Vorgaben, zu viele und immer neue Hürden, zu viel Töpfchenförderung. Ich verstehe einen ehrenamtlichen Bürgermeister, der vor diesem Labyrinth aus Anträgen, Bewilligungen, Kofinanzierungs- und Evaluationshürden sagt: das schaffe ich nicht. Und viele Dörfer und Gemeinden hängen am Tropf immer neuer Fördertöpfchen, die auch der Fernsteuerung und Machtausübung von oben nach unten dienen. 

Kann das Land die Krise der Städte – hohe Mieten, Verdichtung – auffangen?

Die Probleme der Großstadt sind natürlich für immer mehr Menschen ein Beweggrund, sich mit den Vorzügen des Landlebens zu befassen: günstiger Wohnraum, viel Natur, Ruhe, enge soziale Kontakte. Da bietet es sich an, mit kleinen Kindern oder beim Start einer kleinen Firma in ein Dorf zu ziehen. Die Politik sollte diese Trends fördern. Sehr positiv für das Land ist die Einführung des Baukindergelds, die gerade jungen Eltern bei der Eigenheimgründung hilft.

Mecklenburg Vorpommern ist durch die Zeit der Gutswirtschaft geprägt. Wie wirkt sich das aus auf die Entwicklungschancen?

Ich greife nur einen Aspekt heraus: Die in Jahrhunderten entstandene Kulturlandschaft mit Schlössern, Gutshöfen, Vorwerken, kleinen und mittelgroßen Dörfern hat ihre spezifische Prägung, die auf die vielen Besucher eine große Anziehungskraft ausübt. Aber trotz aller bisherigen Investitionen in historische Anlagen und Gebäude sind viele immer noch vom Verfall bedroht und warten auf Rettung. Das Fontane-Jahr hat ja gerade wieder in den Fokus gerückt, dass die Weite, Ruhe und Grandezza dieser Landschaft eine große Entwicklungschance darstellen, wie sowohl die Touristenzahlen und als auch die Zuzüge aus dem Westen belegen. Für mich hat Mecklenburg Vorpommern einen Trumpf, den es auch gut ausspielt: die Schönheit seiner Landschaft, Dörfer und Kleinstädte.

Erkennen Sie östlich der Elbe Besonderheiten, was die dörfliche Gemeinschaft und das kommunale Engagement betrifft?

Viele sind der Meinung, dass das zivilgesellschaftliche Mitwirken in den östlichen Bundesländern durch die jahrzehntelange staatliche „Vollversorgung“ in den Kombinaten und LPGs noch ausbaufähig ist. Entscheidend wichtig ist es, dass die Länder den Dörfern, Kleinstädten und Landgemeinden Gestaltungsfreiheit geben. Ich bin fest überzeugt, dass die Dörfer und Landgemeinden dann gute Chancen haben, zu überleben und ihre Kräfte neu zu entfalten.

Interview: Raimund Witkop

Das niemals zufriedene Musterdorf

Bollewick gilt als Paradebeispiel für eine erfolgreiche Entwicklung im ländlichen Raum. Dutzende Politiker waren schon hier, sogar das niederländische Königspaar. Also alles gut? Davon sind sie weit entfernt. Denn Stillstand ist der Tod.

Bollewick gilt als Paradebeispiel für eine erfolgreiche Entwicklung im ländlichen Raum. Dutzende Politiker waren schon hier, sogar das niederländische Königspaar. Also alles gut? Davon sind sie weit entfernt. Denn Stillstand ist der Tod.

Die Scheune ist, man kann es kaum anders sagen, der Hammer. 125 Meter lang, ein Hektar nutzbare Fläche. Der 130 Jahre alte Feldstein-Bau ist wunderschön restauriert, beherbergt nette Läden und  prächtige Veranstaltungsräume. Und sie hat das Dorf Bollewick in einer Spezialdisziplin berühmt gemacht: die größte Feldsteinscheune Deutschlands – bis zum Beweis des Gegenteils. Im Sommer war das niederländische Königspaar zu Besuch, weil die Botschaft in Berlin genau Bollewick als perfektes Ziel für die Monarchen und ein großes Medienaufgebot ausgemacht hatte.

Da kann man doch ein wenig stolz sein, als Bollewicker? „Die Scheune“, sagt Bertold Meyer, ehrenamtlicher Bürgermeister von 1991 bis zum Mai 2019, „muss dringend weiter entwickelt werden.“ Seine Nachfolgerin Antje Styskal wird noch deutlicher: „Da müssen wir richtig ausmisten. Das ist eine Touristenattraktion, aber wir wollen mehr. Da muss mehr Leben rein.“

Wer das Geheimnis hinter dem Erfolg der Vorzeige-Gemeinde Bollewick ergründen will, findet hier vielleicht eine Antwort. Sie werden landauf, landab beneidet um die Scheune und viele andere Errungenschaften – gerade wird ein dritter Kindergarten eröffnet, wo andere den letzten schließen müssen. Aber sie sind nicht zufrieden. 

Ein Team wie gecastet

Bertold Meyer und Antje Styskal sind ein Team, das sich ergänzt, als wäre es für diese Doppelrolle gecastet worden. Er denkt in großen Linien und langfristigen Projekten, er mag Zahlen und weiß, wie man Fördermittel an die richtige Stelle leitet. Meyer widmet sich mit aller beachtlichen Kraft dem Thema Energiewende, genauer: den Chancen der Bioenergie im ländlichen Raum. Sie ist eine leidenschaftliche  Netzwerkerin mit Überzeugungskraft und will dringend jüngere Menschen für die Dorfpolitik interessieren. Styskal nimmt sie einfach an die Hand: „Entscheidend ist, dass man die Leute mitnimmt.“ Die neue Bürgermeisterin führt im ersten Stock der Scheune eine Naturheilpraxis mit „Traditioneller Chinesischer Medizin“, für ein Mecklenburger Dorf wohl erstaunlich erfolgreich: „Wenn ich einem helfen kann, kommen ganze Familien hinterher.“ Genau so muss man sich auch den Mechanismus der Dorfpolitik vorstellen.    

Meyer und Styskal beteuern, jeweils froh um den anderen und seine besonderen Stärken zu sein. Ein gutes Binnenverhältnis ist wichtig, wenn man so viel vorgezeigt wird wie Bollewick: „Wir sind in Mode gekommen“, sagt Meyer. Bundesminister zeigen sich gern vor der Scheune (Backhaus 2012, Aigner 2013, Gabriel 2015 und so fort), holen sich aber nicht automatisch Applaus ab. „Ich rate jedem, sich nicht auf die Versprechungen der Politik zu verlassen“, sagt Meyer. Antje Styskal ist wieder einmal direkter: „Heiße Luft, mehr nicht.“

Nicht schön, aber erfolgreich

Bollewick ist nicht schön, nicht einmal die gigantische Scheune selbst. Im touristischen Sinne hübsch ist es fünf Kilometer weiter, in Röbel und weiter an der Müritz. Aber Bollewick ist erfolgreich. Ein Bio-Energiedorf (siehe Text S. 27), eine wachsende Gemeinde (von 450 auf über 600 Einwohner). Dem Dorf gehören neben der Scheune – mit Hotel, Restaurant, einer Kerzen-Manufaktur und mehr – weitere Gebäude, in den „Landwerkstätten“ gegenüber arbeitet die Bio-Fleischerei Thönes, nebenan wird eine Käserei einziehen.  

Sie haben ein dichtes Netz gewoben, mit Unternehmen, Projekten, wissenschaftlicher Begleitung (Text auf S. 28) – so stabil, dass ein Scheitern einzelner Teile nicht mehr das Ganze gefährden würde. Viele Auszeichnungen stellten sich ein, dabei wollen die Bollewicker gar nicht als Muster-Dörfler  und Besser-Könner gelten. „Man kann sowieso nichts kopieren“, sagt Meyer, „jedes Dorf ist anders.“

Von der Altlast zum Asset

Doch zurück zur Scheune, mit der alles anfing. 1990, als bald nach der Wende die LPG zumachte, sprach nicht viel für Bollewick. Meyer kann bildreich erzählen, wie der Gestank der Gülle den Ruf und den Alltag des Dorfs verpestete. Dann sprengte das ungetüme Bauwerk den Gemeinderat, weil viele glaubten, das Ding bedeute den sicheren Ruin der Gemeinde. In den 90ern brauchten hunderte ABM-Kräfte Jahre, um das Dorf aus einem Sumpf von Gülle herauszuwühlen, den 650 Kühe zu DDR-Zeiten erzeugt hatten. Dabei wurde es zum Symbol für Zusammenhalt und Aufbau.

1994, die maroden Kabel hingen noch aus den Wänden, kamen 6.000 Besucher zu einem Kunsthandwerkermarkt – da war klar, dass die einstige Altlast jetzt, modern gesprochen, ein „Asset“ ist. Ein industrielles Gebäude, wie es auch in Hamburg-Altona oder Berlin-Friedrichshain stehen könnte. Was im Vergleich dazu fehlt, ist eine junge, dynamische Start-up-Szene. Genau das haben sie jetzt im Blick. „Junge, kreative Zellen“, möchte Antje Styskal anlocken, es könnte um die Digitalisierung der Landwirtschaft gehen, oder auch um Meyers großes Thema, die Bio-Energie.

Nicht gleich nach dem Himmel greifen

Ein weiterer Slogan, den sich Bollewick zu eigen macht, heißt „Garten der Metropolen“. Interpretiert mit Blick nach Berlin, Hamburg und Stettin: hier, auf dem Land, werden für die Städte Lebensmittel produziert und Erholungsräume geschaffen. Unter welchen Bedingungen, ist eine brisante Frage, denn die industriell geprägt Landwirtschaft gerade in Mecklenburg-Vorpommern lässt den Dörfern wenig Spielraum für eine eigene Wertschöpfung. Im Dorfladen der Scheune lokal produzierte Lebensmittel anzubieten, ist nicht so einfach, Fleisch und Käse aus den Landwerkstätten sind nur ein Anfang. Es bleibt also genug zu tun. 

Hartnäckigkeit und andere Tugenden

Wie also haben sie es gemacht in Bollewick, dass aus einer stinkenden „Altlast“ ein prosperierendes Dorf erwachsen ist?  Bertold Meyer zählt drei Grundtugenden auf: „Ideen, Mut, Hartnäckigkeit. Wenn Politik klug arbeitet, unterstützt sie diese Eigenschaften.“ Und bei der Methodik könne man tatsächlich ein Beispiel geben: „Step by Step. Aufräumen, mit kleinen Erfolgen immer voran. Nicht gleich nach dem Himmel greifen, sondern auf den nächsten Schritt konzentrieren.“ 

So soll es weitergehen in dem Dorf, das nach der Vermutung des Bürgermeisters das jüngste weit und breit ist. „Die 30- bis 40-Jährigen fehlen uns“, hat Meyer beobachtet, „aber die Jüngeren engagieren sich wieder, das macht Hoffnung.“

Aber zufrieden, das sind sie trotzdem nicht.

Raimund Witkop 

Was geht denn hier?

Stolpe an der Peene hat mit dem Etikett „Bilderbuch-Dorf“ kein Problem. Im Gegenteil, sie arbeiten daran, noch schöner, einladender, pittoresker zu werden. Für den aufstrebenden Tourismus im wild-romantischen Peenetal, zwischen Kummerower See und Ostsee, ist Stople ein Katalysator. Zwischen Orchideen, Bibern und Kanus hat ein Dorf seine Identität gefunden.

Stolpe an der Peene hat mit dem Etikett „Bilderbuch-Dorf“ kein Problem. Im Gegenteil, sie arbeiten daran, noch schöner, einladender, pittoresker zu werden. Für den aufstrebenden Tourismus im wild-romantischen Peenetal, zwischen Kummerower See und Ostsee, ist Stople ein Katalysator. Zwischen Orchideen, Bibern und Kanus hat ein Dorf seine Identität gefunden.

1. Die Skulpturen

Mönchsfiguren, aus Kupfer getrieben und alle mit einem verschmitzten Grinsen in Gesicht, als wären sie bei einem nicht ganz so schlimmen Streich erwischt worden: das ist der Stolper „Mönchsweg“. Für die Figuren des Bildhauers Eckhard Herrmann hat Bürgermeister Marcel Falk EU-För- dergelder aufgetrieben, was selbst kein schlechter Streich zu sein scheint.

In Stolpe stand einst das älteste und mächtigste Kloster Pommerns, seit langem nur noch eine Ruine. Die kleinen Kuttenträger erinnern von Ferne an das klösterliche Leben im 12. Jahrhundert, vor allem laden sie zum Erzählen von Geschichten ein: der am Fluss ringt mit einer Nixe und seinem zölibartären Gelöbnis, der am Fährkug hebt, schon etwas linkisch, den Krug. Und vor dem Gemeindehaus, das hier „Doerphus“ heißt, hat der Mönch einen kleinen Schlitz im Ohr. Ein Detail, das Marcel Falk nicht ungern auf sich selbst bezieht.

doerphus-stolpe.de

2. Hotel Gutshaus

„Eine herrschaftliche Auffahrt. Ein weitläufiger Park. Warme Lichter im Gutshaus.“ Verlockender kann man es nicht sagen, als die Webseite des Hotels „Gutshaus Stolpe“, das zur Luxuskette Relais & Chateau gehört. Das Haupthaus und viele immer noch stattliche Nebengebäude sind aufwändig restauriert, alles fügt sich in den historisierenden Glanz des Dorfes. „Ein Bilderbuchdorf“, findet Hoteldirektorin Franziska Grimm.

Der Besitzer Kurt Stürken, Jahrgang 1935, hatte die ersten zehn Jahre seines Lebens auf dem Gut verbracht, ehe die Familie floh, der Hof enteignet und zu einem VEG (Volkseigenes Gut) wurde. 1994 kaufte Stürken, inzwischen Unternehmer in Geesthacht an der Elbe, das Gut zurück. Fügt sich auch im Binnenverhältnis alles so gut wie im optischen Eindruck? „Er hat viel investiert, nicht nur in das Gut, sondern auch in die Gemeinde“, sagt Franziska Grimm, „das ist ein Geben und Nehmen.“ Zudem sei Stürken nicht irgendein Investor, sondern einer „von hier“. Im Dorf leben noch Menschen, die für Stürkens Vater gearbeitet haben. „Stürken ist ein Glücksfall für das Dorf“, sagt Bürgermeister Marcel Falk.

Touristisch ziehen Dorf und Gut ohnehin an einem Strang. Oder, in diesem speziellen Fall, an einem Blasebalg: Die alte Dorfschmiede auf dem Gutsgelände soll reaktiviert werden, wahrscheinlich wird sie 2020 mit Unterstützung von EU-Fördergeldern umgebaut. Und das Hotel, für das Hochzeits-Gesellschaften kein unwesentlicher Umsatzfaktor sind, kann dort Eheringe schmieden lassen.

gutshaus-stolpe.de

3. Das Naturparkhaus

Warum jemand die Peene „Amazonas des Nordens“ nennt, wie es die Tourismuswerber der Gegend tun, ist auf den ersten Blick schwer zu erkennen. Obwohl, ein paar Ansatzpunkte gibt es: zuerst die Unzugänglichkeit. „Die Peene schützt sich selber“, sagt Frank Hennicke, Leiter des Naturparkhauses in Stolpe an der Peene. Die „tiefgründig vermoorte Niederung“ (so heißt das fachsprachlich) des Peenetals ist eines der größten Naturschutzgebiete Deutschlands, und abseits der vorgese- hen Wege kommt man nicht voran. Dann natürlich der Artenreichtum des Peenetals zwischen Kummerower See und Ostsee: Fischotter und Biber, Flussneunauge und Steinbeißer, Ostseeknabenkraut und Großer Feuerfalter.

„Wir empfehlen jedem, gleich am ersten Urlaubstag zu uns zu kommen, sagt Hennicke und meint das sehr ernst: „Die Leute wissen oft gar nicht, was sie wollen.“ In der Regel wollen sie dies, in absteigender Folge: Paddeln, Angeln, Orchideen sehen (15 Arten), Vögel, Biber und Fischotter. „Was anderswo eine Seltenheit oder ein Geheimtipp ist, gibt es hier Überfluss“, schwärmt Hennicke. Keine Bibersa- fari ohne Biber, keine Vogelschau ohne Adler. 66.000 Menschen besuchen jährlich den Naturpark, nicht wenig für eine Gegend, wo der Tourismus mit dem ersten Kanuver- leih 2003 überhaupt erst einsetzte.

Sorgen machen eigentlich nur die Hausboote, inzwischen mehr als 50. Und auch nicht an sich, sondern weil die Nutzer einen Hang zu „Remmidemmi“ (Hennicke) haben. Das mögen Biber und Adler nicht, und die meisten anderen Besucher des Peenetals auch nicht.

Das Naturparkhaus im kleinen Stolpe Zentrum. „So ein Besucherzentrum braucht Ambiente“, sagt Hennicke. Und wenn sie in Stolpe an der Peene etwas reichlich haben, dann das: Ambiente.

naturpark-flusslandschaft-peenetal.de

4. Klostergarten

Die weithin bekannte Fähre über die Peene in Stolpe erfordert den ganzen Mann, jedenfalls in der Saison. Pro Überfahrt muss Fähr- mann Christian Hahn 400 bis 500 Mal die Kurbel drehen, um das handbetrie- bene Gefährt mit Personen und Fahrrädern über den Fluss zu beför- dern (oder er nimmt, weniger roman- tisch, den Motor zur Hilfe). Wenn er das gerade nicht muss – morgens, und in der Nebensaison, kümmert er sich um den Klostergarten.

Der ist ansonsten ein Gemeinschaftsprojekt des Dorfs: zweimal im Jahr trifft man sich zur „Subbotnik“, einem gemeinsamen Arbeitseinsatz zu Pflege, Neuanpflanzung und Bestaunen des Gartens. Das Grundstück hatte die
Gemeinde gekauft, um einen Spielplatz zu bauen und daneben an die klösterliche Tradition von Stolpe anzuknüpfen. Die nahen Rudimente des Benediktinerklosters aus dem 13. Jahrhundert verleihen Kräutern und Blumen eine zusätzliche Aura.

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