Investiert in Menschen!

Was ist gutes Leben im ländlichen Raum wert? Wer steht dafür ein? Was können wir selbst tun? Was gemeinsam erreichen? Und wer wiederum unterstützt uns, damit nicht alles auf unseren Schultern lastet?

Was ist gutes Leben im ländlichen Raum wert? Wer steht dafür ein? Was können wir selbst tun? Was gemeinsam erreichen? Und wer wiederum unterstützt uns, damit nicht alles auf unseren Schultern lastet?

Dass diese Fragen mich umtreiben und ich mich heute stolz als „Akteurin im ländlichen Raum“ bezeichne, das hätte ich noch vor zehn Jahren nicht gedacht. 2012 beginnt meine „Bahnhofsgeschichte“: Jeden Morgen sah ich vom Küchenfenster aus auf den verfallenden Erlauer Bahnhof und in mir wuchs der Wunsch, etwas für und mit diesem Gebäude in unserer Gemeinde zu bewegen. Ich ließ Studierende der TU Dresden, an der ich zu der Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war, eine Entwurfsstudie zur Sanierung der ruinösen Immobilie anfertigen. Die guten Ideen der jungen Leute wurden von den Erlauern begeistert aufgenommen. Sie gaben den zündenden Funken, unseren Bahnhof zu retten und sinnvoll gemeinschaftlich zu nutzen. 2017 wurde der „Generationenbahnhof“ mit großem Rummel eröffnet. Heute ist er ein wichtiger Anlaufpunkt im Ort, beherbergt neben unserem Veranstaltungsraum, dem „Erlauer Wohnzimmer“, eine Seniorentagespflege plus ambulanten Pflegedienst und eine Zahnarztpraxis. Bürgerschaftliches Engagement und professionelle Dienstleistungen sollen hier unter einem Dach Hand in Hand gehen.

Möglich war das, weil die Gemeinde die „Hardware“ übernahm. Sie finanzierte die bauliche Sanierung und meisterte mit dem erforderlichen Know-how der Verwaltung alle bürokratischen Hürden einer LEADER-geförderten Baumaßnahme mit über 2 Mio. Euro Bauvolumen und ca. 700.000 Euro Fördermitteln. Weitere Mitstreiter aus Erlau und ich gründeten den Generationenbahnhof Erlau e.V. und wir kümmerten uns um die „Software“ – den inhaltlichen Aufbau des Generationenbahnhofes, die Vernetzung aller Beteiligten (immer auf Augenhöhe und gleichberechtigt) und sammelten die Wünsche und Ideen der Erlauer für das neue Zentrum. Natürlich standen nicht alle hinter dem Projekt: Es gab auch Zweifler und nicht immer Rückenwind: „So viel Geld in dieses Haus stecken – Irrsinn! Reißt den Schandfleck weg!“ Möglichst viele zu begeistern und mitzunehmen – das war eine große und langwierige Aufgabe. Wir agierten mit viel Enthusiasmus, Begeisterung, Bauchgefühl und manchmal auch ganz schön naiv.

Gesellschaft selber machen ist anstrengend

Unser Haus generiert keine nennenswerten Einnahmen. Die Miete refinanziert die Baukredite. Die Betriebskosten für die öffentlichen Bereiche trägt derzeit die Gemeinde, das ist keineswegs selbstverständlich. Erlöse aus Veranstaltungen decken gerade die entstehenden Unkosten. Über ein großes bundesweites Modellvorhaben „Regionalität und Mehrfunktionshäuser“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft hatten wir für drei Jahre die Möglichkeit, im Bahnhof eine Koordinatorenstelle zu besetzen – für die Organisation unser vielen Veranstaltungen, für ein kleines Bürgerbüro mit offenen Ohren und Herzen für die Erlauer, für den Kontakt zu den MieterInnen im Gebäude, für Öffentlichkeitsarbeit. Und nun? Wir können diese so notwendige Personalstelle nicht aus den wenigen Einnahmen finanzieren. Also wieder alles „ehrenamtlich“ auf viele Schultern verteilen? Schwierig! Wir merken, dass wir langfristig an unsere Grenzen stoßen und dass wir das alles zusätzlich zu unseren Jobs (zu denen wir pendeln müssen), zusätzlich zu unseren großen Höfen mit großen Gärten, zusätzlich zu unserem Familienalltag nicht mal eben nebenbei „wuppen“ können.

„Wir gehen quasi in Vorleistung für unsere Gesellschaft, indem wir neue zivilgesellschaftliche Strukturen denken und entwickeln.“

Jana Ahnert

In Förderanträgen wird oft ein Eigenanteil gefordert. Haben wir den nicht schon längst erbracht und erbringen ihn jeden Tag aufs Neue? Wir gestalten unser Leben vor Ort – eigenverantwortlich und kreativ. Wir haben Verantwortung übernommen für unsere Mitmenschen und für uns selbst. Wir gehen quasi in Vorleistung für unsere Gesellschaft, indem wir neue zivilgesellschaftliche Strukturen denken und entwickeln. Aber woran hängt eigentlich die Zivilgesellschaft? An Förderprogrammen, auf die wir uns wieder und wieder bewerben müssen? Für die wir uns immer wieder neu erfinden müssen? An deren geforderten finanziellem Eigenanteil wir scheitern? Oder die uns einen kurzen Zeitraum über Wasser halten, immer mit dem bangen Gedanken, was am Ende der Förderphase sein wird? Es braucht dringend staatliche Institutionen, Mittel und Strukturen, die uns helfen und tragen. Es braucht Investitionen in Menschen! Am Ende ist es doch nicht nachhaltig, immer viel Geld in „Gebautes“ zu stecken, aber den langfristigen Betrieb der Orte für Gemeinschaft und Engagement nicht im Blick zu haben.
Rückblickend denke ich manchmal, es war gut, dass wir nicht wussten, was auf uns zukommt, wie lang und steinig die Wege mitunter sind (und bleiben). Gesellschaft selber machen ist anstrengend. Es ist nicht immer alles Zucker. Aber zum Glück sind wir auch nicht aus Zucker. Wir sind robust und haben auf den von uns eingeschlagenen Wegen etliche Hürden genommen. Eine funktionierende Zivilgesellschaft ist eine wichtige Säule unserer Demokratie. Dafür braucht es Menschen wie uns, die gelernt haben, dass sie selbst die ExpertInnen für ein gutes Leben auf dem Land sind. Die VordenkerInnen, VorbereiterInnen, VorreiterInnen, Vorbilder und manchmal „Spinner“ sind. Denn es sind diese Menschen, die vor Ort entscheiden, wie lebendig eine Region ist. Die hartnäckig bleiben, auch auf lange Sicht. Aber wie das so ist auf langen Wegen: Es braucht WegbegleiterInnen, Motivation …und Proviant für die Strecke!

Was ist gutes Leben auf dem Land wert? Wer steht dafür ein?
Am Generationenbahnhof steht wieder ein Gerüst. Das Dach muss drei Jahre nach Fertigstellung bereits repariert werden. Unter diesem Dach sind wir weiter aktiv und engagiert. Aber auch wir wünschen uns ein Gerüst, eine Struktur, ein Fundament, auf das wir uns stützen können.

„Dafür braucht es Menschen wie uns, die gelernt haben, dass sie selbst die ExpertInnen für ein gutes Leben auf dem Land sind. Die VordenkerInnen, VorbereiterInnen, VorreiterInnen, Vorbilder und manchmal „Spinner“ sind. Denn es sind diese Menschen, die vor Ort entscheiden, wie lebendig eine Region ist.

Jana Ahnert

Jana Ahnert

Sie engagiert sich beruflich und ehrenamtlich für ein gutes Leben in ihrer Region: Sie ist Geschäftsführerin eines Evangelischen Schulvereins für Bildung und Betreuung, Initiatorin und Vereinsvorsitzende des Generationenbahnhof Erlau e.V., Regionalknoten-Ansprechpartnerin im Neulandgewinnernetzwerk und im Kirchenvorstand. Und natürlich war sie Neulandgewinnerin, und zwar der Runde 2015-2017. Aufgewachsen ist sie in einer Kleinstadt in Mittelsachsen. Nach ihrem Architekturstudium in Dresden 2007 kehrte sie mit ihrer Familie aufs Land zurück.

Energie auf zwei Beinen

Unsere Regionen, Orte und Menschen haben maximale Vielfalt zu bieten. Lasst uns diese Schätze sichtbar machen und eigene Lösungen praktizieren.

Manchmal fragen mich die Leute, warum ich so viele Hüte aufhabe. Also nicht nur den, den ich meistens auf dem Kopf trage. Sondern die vielen Jobs.  Geschäftsführer vom Postel und dem 100Haus in Wolgast, Vorsitzender der LEADER-Arbeitsgemeinschaft Vorpommersche Küste und Vorsitzender des Tourismusverbandes Vorpommern, Beisitzer in der deutsch-polnischen Gesellschaft Vorpommern, Aufsichtsrat in der Usedomer Tourismusgesellschaft. Und seit kurzem auch stellvertretender Fraktionschef von der  überparteilichen “Kompetenz für Wolgast“ im Stadtparlament.

Warum also das alles? Ganz einfach: Weil es so viele Aufgaben gibt. Was uns im ländlichen Raum fehlt, ist oft Energie auf zwei Beinen.  Menschen, die gestalten wollen, die nicht resigniert, sondern optimistisch und zupackend sind. Zu Zeiten der DDR stand die Solidarität in der Gemeinschaft ganz weit oben, im heutigen System macht jeder nur noch Seins. Also könnte ich locker noch weitere Posten sammeln, aber irgendwann ist die Grenze erreicht. Denn, wenn ich etwas mache, dann will ich aktiv mitgestalten. Dazu bekommt man in unserer Region wirklich viele gute Möglichkeiten.

Mein Herz schlägt für den Tourismus im ländlich geprägten Binnenland und damit für die Entwicklung innerhalb großer Landschaftsräume. Wo man mich lässt, packe ich gern persönlich mit an.  In meinen Mitmenschen finde ich dabei viele begeisterte Mitmacher. Die Probleme beginnen erst mit einem anderen Mangel. Es fehlt an klug aufeinander abgestimmten Strukturen. Bei  jedem Engagement geht es ja immer auch um Geld.  Die öffentlichen Verwaltungseinheiten im Land wurden extrem vergrößert, ohne auf regionale und lokale Besonderheiten und Bedürfnisse zu achten. Zudem gilt das politische Landesmotto: Stärkt die Starken !  Die Regierungsmaxime dazu lautet: Teile und herrsche! Der ländliche Raum ist deshalb, ganz anders als die Landwirtschaft, in diesem Spiel fast immer der Loser.  Die EU will gegensteuern,  die Menschen in ländlichen Gebieten unterstützen und schnürt dafür extra Investitionspakete, wie beispielsweise die LEADER-Förderung.

Das bottom up-Prinzip soll sicherstellen: entschieden wird in den Regionen. Das Geld fließt nun über die Länder bis in die Orte.  Alles könnte so schön sein. Theoretisch.

Die Praxis sieht anders aus. Die Antragstellung ist für private Antragsteller oft der reine Horror, fürchterlich formalisiert und bürokratisch. In manchen Verwaltungsnischen gedeihen aus einer Mischung von Herrschaftswissen und Fördermittelzugang nicht selten kleine Fürstentümer. Die eigentliche Aufgabe, den Menschen zu dienen, gerät dabei gelegentlich aus dem Blickwinkel. So schlägt manchem Projektträger beleidigendes Misstrauen entgegen, wenn ein innovatives Projekt das bisher Gewohnte in Frage stellt. Das zähe Ringen  der Engagierten und Ambitionierten mit bürokratischen Betonköpfen oder mutlosen Sachbearbeitern um die Almosen gut gemeinter Förderpolitik verbraucht riesige Ressourcen an Kraft, Zeit, frisst Lebensqualität und raubt letztendlich auch das Vertrauen in die Institutionen.

Dabei lässt sich zumeist gar kein direkt Schuldiger ausmachen. Die Verwaltungen sind einfach in das zivilgesellschaftliche Machtvakuum gestoßen, das mit dem Ende der DDR entstanden ist. Die Demokratie ist auf dem Lande 1989 ja nicht erkämpft worden, sondern sie kam wie bereits vorherige Phasen als eine Erscheinung von außen zu den Menschen. Langwierige, anstrengende, bisweilen nervige Beteiligungs- und Teilhabeprozesse sind in Amtsgemeinden, Kreisverwaltungen und Ministerien deshalb nicht immer populär.  

Wenn  Macht wieder geteilt werden soll, gibt keiner gern wieder etwas ab. Wir Bürger und Bürgermeister bekommen unsere Spielräume „von oben“ nur dann zugeteilt, wenn wir uns artig an die pedantischen Spielregeln halten. Als Bittsteller, um an Geld für Investitionen zu kommen, müssen wir uns angepasst verhalten und teilweise den größten Unsinn ertragen oder sogar hohle Phrasen dreschen. Das müsste echt anders laufen, wenn sich bei den Leuten Begeisterung für ihr Gemeinwohl entwickeln soll. 

Ich halte viel von Bottom-up. Heißt: Wir vor Ort wissen am besten, was für unsere Dörfer und Kleinstädte gut ist. Wir sollten selbst bestimmen, wie das Geld am besten vor Ort eingesetzt wird – das weiß weder die EU, noch können es die Landesbehörden wissen. Dort heißt es immer: „Fügt euch der gängigen Praxis!  Wir kontrollieren die Regeln.“  Gut gemacht sieht anders aus.  Unsere Menschen und Kommunen  brauchen Selbstbestimmung statt die Enge der Zwänge.  Mehr Lust auf Engagement und Entfaltung gehören intensiv unterstützt. Vergaberecht und Buchhaltung muss es geben, keine Frage. Aber die Menschen einer Region sind doch niemals kollektive Gauner. Im Gegenteil ! 

Die Folgen eines wachsenden Lenkungs- und Kontrollwahns können böse sein.  Kein Wunder für mich, dass in den ostdeutschen Bundesländern gerade auch wieder radikale Ideen Konjunktur haben. Die Menschen in den ländlichen Räumen sind Wendeverlierer! Langsam formt sich eine Erkenntnis auch bei den bisher Etablierten. „Wir haben uns nicht genug um die Regionen gekümmert“, hieß es häufig nach den letzten Wahlen. Genau! Habt ihr nicht! Viele Menschen denken inzwischen destruktiv, weil zu vieles in die Hose gegangen ist. Okay, wir haben jetzt alle Farbfernseher, Fernreisen und bunte Autos  – aber wo ist die Dorfgemeinschaft, wo ist das soziale Heimatgefühl abgeblieben.  Zu viele Landbewohner empfinden das:  Wir auf dem Land sind die Gekniffenen. Und scheinbar kümmert es keinen. Die Zahl der Enttäuschten wird weiter ansteigen, wenn man nicht bald auf die mutigen, konstruktiven Menschen vor Ort baut und sie in ihrem lokalen Umfeld machen lässt. Dann wird das hilflose Weiterso schnell zur Gefahr für unser friedliches Miteinander.  

Unsere Regionen, Orte und Menschen haben maximale Vielfalt zu bieten.  Lasst uns diese Schätze sichtbar machen und eigene Lösungen praktizieren. 

Lasst uns die eigenen Hüte aufsetzen.

 

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