Lernen, Machen, Feiern

Wandel voranbringen kann anstrengend und frustrierend sein. Umso wichtiger, sich ab und zu eine extra Portion Energie und Impulse zu gönnen – und sich auch mal selber feiern für das schon Geschaffte. Für das Festival 2021 kann man sich jetzt anmelden - ein Grund, auch nochmal auf das Letzte zurückzublicken.

Wandel voranbringen kann anstrengend und frustrierend sein. Umso wichtiger, sich ab und zu eine extra Portion Energie und Impulse zu gönnen – und sich auch mal selber feiern für das schon Geschaffte.  

Das war das Überland – Festival der Akteure 2020

Am Stadtrand von Görlitz, im Stadtviertel Weinhübel steht
umgeben von Wald und Feld ein imposanter mehrgeschossiger Stahlbetonbau.

Ein Koloss mit klassizistischer Fassade. Gebaut in den 50er Jahren diente er der DDR als eines von zwölf Kühlhäusern für die Staatsreserven in einem Krisenfall. Seit 2008 wird das Gelände vom Kühlhaus-Görlitz e.V. bespielt und was an einem überraschend warmen Septemberwochenende hier los ist, könnte von dem ursprünglichen Zweck nicht weiter entfernt sein. Statt für eine Krise in der Zukunft vorzusorgen, treffen sich hier knapp 400 Menschen, die am gesellschaftlichen Wandel im Hier und Jetzt arbeiten. 

Es ist das Überland-Festival der Akteure, der bisherige Höhepunkt des NeulandgewinnerInnen-Programms. Dass es fast wegen der Covid-19-Pandemie ausfallen musste, mit einem nachjustierten Hygiene- und Raumkonzept dann aber doch stattfinden kann, ist im Nachhinein betrachtet sogar ziemlich passend. Denn unter widrigen Umständen etwas möglich machen, das ist der NeulandgewinnerInnen-Geist. 

Empowerment Ost

Ein umfangreiches Angebot kommt hier zusammen, 100 Menschen sind nicht nur Gäste, sondern mit Vorträgen oder Workshops Teil des Programms. Insgesamt 60 Programmpunkte gibt es, allein am Samstag 45 parallel an acht Orten. Alles mitzunehmen ist unmöglich. Aber darum geht es auch nicht. „Die Leute sollen sich einfach mal selber feiern“, sagt Andreas Willisch, einer der Initiatoren des Festivals und Leiter des Thünen-Instituts für Regionalentwicklung. Obwohl Dinge auch mal nicht klappen, strahlt er eine unglaubliche Ruhe aus. Vielleicht, weil er das eigentliche Ziel der Veranstaltung schon erreicht hat: Die Leute zusammenbringen und ihnen zeigen, dass sie mit ihrem Engagement nicht alleine sind – sondern ganz im Gegenteil, dass in den Dörfern und den Städten der Provinz gerade viele die Dinge selber in die Hand nehmen und am guten Leben feilen. ExpertInnen würden solche Veranstaltungen vielleicht als Empowerment Ost (Thomas Oberender) bezeichnen. Egal wie man es nennt, wenn man vor Ort in ein Sandwich mit regionalen Zutaten aus der Oberlausitz beißt, sich im selbstgezimmerten Begegnungspavillion TAKATAK bei Bier und Bratwurst austauscht oder minimalistischem Sound mit Synthesizern von ‚poly ghost‘ im ironischem Glitzeroutfit lauscht – fühlt es sich fast an, wie auf einem hippen Festival in Berlin oder Leipzig – nur irgendwie wichtiger. Denn hier geht es wirklich um was und die Leute meinen es ernst. Nicht verbissen, aber ziemlich produktiv und anpackend. Mit Idealismus, aber oft im Abgleich mit dem gegenwärtig Möglichen. 

Dass die hier zusammengekommenen Menschen mit dieser Haltung eine neue Bewegung markieren, hat inzwischen auch die Politik erreicht. Die Teilnahme des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer an einer Podiumsdiskussion, ein Speed-Dating Angebot vom Ostbeauftragten Marco Wanderwitz und die Einladung „Auf ein Bier“ vom Staatsekretär Nikolaus Voss aus Mecklenburg-Vorpommern sprechen dafür. Auch die Wiederbegegnung mit einer Neulandgewinnerin der ersten Förderrunde, Franziska Schubert, die inzwischen für die Grünen im sächsischen Landtag sitzt, zeigt, dass die NeulandgewinnerInnen mit ihren Themen auch Politik bewegen. 

Verantwortung übernehmen und einfach machen

Was das für Themen sind, repräsentieren die fünf inhaltlichen Schwerpunkte des Festivals: 1. Lebendige Kleinstädte, 2. Land(wirt)schaften zum Leben, 3. Zusammenhalt bauen, 4. Offene Landgesellschaft und 5. Impulsorte und ihre Netzwerke. Die diskutierten Inhalte innerhalb dieser Themenstränge sind ein Spiegel dessen, was die Leute umtreibt (Lösung von Konflikten, das richtige Geschäftsmodell, Gestaltung von Kooperationen), was sie voranbringen wollen (regionale Kreisläufe, soziale Landwirtschaft, Bürgerpartizipation) und was sie aufhält (Subventionspolitik, Bürokratie, Vorurteile). 

In einer Gesprächsrunde, ein aufgebautes Zirkuszelt schützt vor der Sonne, gibt Jan Hufenbach von der Raumpionierstation Oberlausitz praktische Tipps zum Thema Leerstandsmanagement. So kompliziert es sein kann, eine verlassene Immobilie vor dem Verfall zu retten, gebe es doch etwas ganz Einfaches, was ganz am Anfang komme: „Lüften“. Deshalb brauche es „Leute, die Verantwortung übernehmen und es einfach machen.“ Ein Satz, der wie eine Formel über diesem
Festival steht. 

Herz und Hand des Kühlhauses

Danilo Kuscher ist ein ziemlich unaufgeregter Typ, dafür, dass er ziemlich aufregende Sachen in Görlitz bewegt. Auf der Suche nach Techno-Parties entdeckten er und ein paar Freunde 2006 das alte Kühlhaus als Industriebrache am Rande der Stadt. Dass da noch viel mehr möglich ist, war schnell klar und der Eigentümer aus den Niederlanden war nach beharrlichen Kontaktversuchen auch überzeugt. Inzwischen verschmelzen auf dem 4,2 Hektar großen Gelände Kunst, Kultur, Freizeit, Arbeit und Bildung. Von Großveranstaltungen wie dem Überland-Festival über kleinere Konzerte, MakerLabs, Seminaren und Workshops bis zu Anmietungen von Proberäumen und Übernachtungen im Garagenhotel ist so ziemlich alles möglich. Dass so ein Engagement nicht unter dem Radar des NeulandgewinnerInnen-Programms bleibt, ist klar.

Bereits 2015 baute Danilo Kuscher als Neulandgewinner mit dem Projekt „Mittelpunkt Stadtrand“ mit verschiedenen Veranstaltungen und Gesprächsformaten die Brücke vom Stadtrand zur Stadtmitte. Damit konnte sich der inzwischen gegründete Kühlhaus Görlitz e.V. in und um Görlitz einen guten Namen machen. Weil aber auch da mehr möglich ist und Danilo Kuscher hofft, noch mehr ProgrammiererInnen,
DesignerInnen, GrafikerInnen oder HandwerkerInnen aus Deutschland und den angrenzenden Ländern anzulocken, haben er und seine Mitstreiter-Innen etwas Neues ausgeheckt: die Kühlhaus-Kolonie. 

Möglich ist das, weil dem Eigentümer das Geschehen auf dem Gelände so gut gefiel, dass er auch das angrenzende Grundstück samt Blechbaracken kaufte. Diese hat der Verein nun zu Atelierhäusern umgebaut, in denen im Rahmen des neuen Programms sogenannte ‚Workations‘ für die Kreativszene von außerhalb stattfinden werden. Einmal im Monat finden sie hier einen Platz zum Arbeiten, Schlafen und Austausch – kombiniert mit Workshops, Konzerten und einem guten Gespräch am Lagerfeuer. Damit sie überhaupt von dieser Möglichkeit erfahren, schickt das Kühlhaus BotschafterInnen hinaus zu nationalen und internationalen Netzwerkevents. Das Kalkül von Danilo Kuscher: Mehr junge progressive Menschen nach Görlitz zu locken und mit einer wachsenden Digital- und Kreativszene auch die Wirtschaft zu stärken. 

Reise ins Neuland

Wer sich ein eigenes Bild von innovativen Projekten im ländlichen Raum machen möchte, sollte seine Koffer packen. Mit dem Verein Neuland gewinnen e.V. können Neugierige jetzt die Land-Pioniere besuchen. Wir haben sie begleitet – und Orte entdeckt, an denen das Leben zurückgekehrt ist.

Wer sich ein eigenes Bild von innovativen Projekten im ländlichen Raum machen möchte, sollte seine Koffer packen. Mit dem Verein Neuland gewinnen e.V.
 können Neugierige jetzt die Land-Pioniere besuchen. Wir haben sie begleitet – und Orte entdeckt, an denen das Leben zurückgekehrt ist.

Fotos: Robert Bosch Stiftung/Jörg Gläscher

Lernen bis die Funken fliegen

Schmieden, schweißen, malen, meißeln, hämmern, schnitzen, löten – es gibt wohl kaum ein Handwerk, das Kinder und Erwachsene im offenen Werkstatthaus in Qualitz nicht lernen können. Es ist ein fröhliches, belebtes Haus, dessen Türen für alle offen stehen. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Lernen von neuen Fertigkeiten – unabhängig von Alter und Vorwissen. Und das sogar täglich. Das Angebot umfasst regelmäßige Kurse, Vorträge, Workshops, einen Mathekreis, gemeinsames Singen, Krabbelgruppen, Waldtage und eine offene Werkstatt. Insgesamt zwanzig Stunden pro Woche. Für ein Dorf mit 380 Einwohnern ist das ziemlich viel.
Barbara Wetzel ist eine der Gründerinnen des Allerhand e.V., dem Verein, der die Werkstatt betreibt. „Uns war es wichtig, permanentes Tun aufs Land zu bringen. Kein Blitzlicht, sondern ein stetiges Angebot direkt vor der Haustür“, erklärt die gelernte Bildhauerin. Bevor die Werkstatt 2014 in die Räumlichkeiten eines zuvor leerstehenden Hofes gezogen ist, mussten Eltern ihre Kinder für Freizeitaktivitäten bis ins dreißig Kilometer entfernte Güstrow fahren – vorausgesetzt sie hatten Zeit dafür. Deshalb ist das Haus noch viel mehr als ein Lernort: Es ermöglicht unabhängig vom finanziellen Hintergrund allen die Teilnahme und sorgt so für ein besseres Miteinander im Dorf. Auch die Schulen und Kitas haben inzwischen den Wert erkannt und integrieren das Vereinsangebot in den Lehrplan. Die Kurse wiederum sind auf den Busfahrplan abgestimmt, damit auch die umliegenden Ortschaften vom Angebot profitieren. Das hat sich herumgesprochen. Barbara Wetzel: „Es sind schon junge Familien nach Qualitz gezogen, weil es unser Angebot gibt.“

Bauen für die Seele

Manche Leute haben einen grünen Daumen. Klaus Hirrich hat zwei grüne Hände. Weil die Landschaft in und um die Dörfer Wangelin und Gnevsdorf „so leer geräumt aussah“, begann der gelernte Schlosser in den neunziger Jahren mit vielen Mitstreitern Bäume zu pflanzen. Und hörte nicht mehr damit auf: 50.000 müssen es mittlerweile sein, sagt er. Im Schatten der gepflanzten Bäume blüht der Wangeliner Garten mit dem größten Kräutergarten Mecklenburgs und 900 Pflanzensorten auf 15.000 Quadratmetern. Bis zu 9.000 Touristen kommen dafür pro Jahr ins Dorf. Doch nicht nur deswegen: Ein Holzschuppen wurde zum Tauschhaus umfunktioniert, eine Filzmanufaktur entstand und Obst und Kräuter werden zu besonderen kulinarischen Spezialitäten weiter verarbeitet.

International bekannt ist das Dorf westlich des Plauer Sees inzwischen aber vor allem für die Lehmbauschule, in der sich Gäste aus ganz Europa und darüber hinaus ausbilden lassen. Auch interessierte Laien können sich in Schnupperkursen ausprobieren und lernen, was Bauen mit Lehm für die Seele bedeutet: Ressourcen schonendes und gleichzeitig ästhetisches Bauen. Träger all dieser Aktivitäten ist der Verein FAL. Die Abkürzung steht für Förderung ökologisch-ökonomisch angemessener Lebensverhältnisse. Und darum geht es dem Verein: Möglichst vielen Menschen in der Region im Einklang mit der Natur einen Platz zum Leben und Wohnen schenken. Nach der Wende bedeutete das vor allem, Beschäftigung zu schaffen, um Abwanderung zu vermeiden. Heute bedeutet es: Menschen, die durch das vielfältige Angebot in Wangelin angelockt werden, die Möglichkeit zu eröffnen, hier neu anzufangen.

Stadt auf dem Land – heute und gestern

Die Idee hinter dem sozialistischen Musterdorf Mestlin könnte aus der Gegenwart stammen: Die Urbanisierung des Landes, Landflucht vermeiden, den ländlichen Raum lebenswert gestalten. In den 50er Jahren nahm die DDR dafür viel Geld in die Hand. Den Dorfbewohnern sollte es an nichts fehlen: Krankenhaus, Restaurant, Geschäfte, moderne Wohnungen, Kindergarten, Oberschule – und ein wohnortnahes Kulturhaus. Das Konzept ging auf: In Mestlin blühte das Leben und das Kulturhaus war der Mittelpunkt des Ortes. 180 Musterdörfer dieser Art sollten in der DDR entstehen – aus Geldmangel blieb Mestlin das einzige. Nach der Wende gab es auch hier keine Mittel mehr und das Kulturhaus musste schließen.
Seit 2008 bemüht sich der Verein Denkmal Kultur Mestlin rund um Claudia Stauß, den Prachtbau wieder zum Treffpunkt für die Menschen zu machen. Dafür mussten die gelernte Bühnenmeisterin und ihre Mitstreiter fast bei null anfangen: Die vorherigen Pächter hatten alles Mobiliar und Equipment mitgenommen, Leitungen waren kaputtgefroren. Mit Hilfe von regelmäßigen Subbotniks – ehrenamtlichen Arbeitseinsätzen an Samstag (subbota ist russisch und heißt Samstag) – konnten bereits 2008 wieder Veranstaltungen stattfinden, 2009 begannen parallel die Umbauarbeiten, Schritt für Schritt bis heute. Insgesamt sind schon 1,5 Millionen Euro Fördermittel verbaut. Für einen ehrenamtlichen Verein eine große Summe. Seit 2011 ist das Gebäude als national bedeutsames Denkmal anerkannt. Wer über Kulturpolitik im ländlichen Raum spricht, kommt an Mestlin mittlerweile nicht mehr vorbei. Und dass alles nur durch die Beharrlichkeit einer Kerngruppe von 15 Ehrenamtlichen.

Dorfgestaltung mit Trompeten und Herz

Um zu verstehen was im 478- Seelenort Witzin gerade passiert, gibt es eine schöne Geschichte: 2012 musste der Kindergarten wegen Unwirtschaftlichkeit schließen. Ein Jahr später öffnete er wieder mit nur einem Kind. Inzwischen sind es 39 Kinder. Die Gemeinde wächst, vor allem durch junge Familien. Grund dafür sind mutige Vereine und der unkonventionelle Bürgermeister Hans Hüller, der sich immer wieder Neues für sein Dorf einfallen lässt. 2015 frischte der gelernte Bäcker und Programmierer seine Trompetenkenntnisse auf und gründete ein Dorforchester. Um für Nachwuchs in den Musikgruppen zu sorgen, organisierte er 60 Trompeten und Gitarren und glaubte an die Neugier der Kinder. Der Plan ging auf: Die „Witziner Dorfmusikanten“ wuchsen auf 70 Musiker an. Manche der Kinder haben wieder aufgegeben, aber Hans Hüller ist sich sicher, dass der Samen gut gesät ist. Schließlich gibt es noch andere Aktivitäten, bei denen sie mitmachen können: Sich beim Heimatquizabend mit den älteren Dorfbewohnern messen oder beim Brotbacken für das nächste Dorffest mit anpacken. 

Ideen für Witzin gehen dem Bürgermeister nicht aus. Seine neueste Vision: Witzin zum Bioenergiedorf machen. Dafür testet er gerade eine Solaranlage, Marke Eigenbau. Wenn die funktioniert, kann sie zur Blaupause für andere Haushalte werden. Auf die Frage, was das Geheimnis von Witzin ist, weiß er schnell eine Antwort: „Et löpt einfach. Miteinander reden, kurze Wege nutzen. Und wenn Worte nicht mehr reichen, dann müssen Taten sprechen.“


Neuland gewinnen e.V.

Es gibt Menschen, die mit ihrem Enthusiasmus anstecken, die verrückt genug sind, Neues zu wagen, wild entschlossen, ihr Lebensumfeld mit zu gestalten, Lösungen für Herausforderungen des ländlichen Raums finden und damit ganz nebenbei Beispiele für die Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft liefern. Seit 2017 bietet der Verein „Neuland gewinnen“ diesen Menschen ein Dach und gibt dem vielfältigen Engagement eine gemeinsame und starke Stimme im gesellschaftlichen Diskurs. Ab 2020 bietet er auch Lernreisen zu diesen Werkstätten des guten Lebens an. 

Mehr Informationen zum Verein und den Lernreisen unter www.neulandgewinner.de/verein.html oder per Mail unter lernreisen@neulandgewinnen.org

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