Der neue Tu-rismus

Der neue Tu-rismus

Der ländliche Raum Ostdeutschlands hat nicht nur wunderschöne Landschaften für einen Urlaub zu bieten, sondern auch viele Möglichkeiten, währenddessen im Sinne der Nachhaltigkeit und des Gemeinwohls ins Tun zu kommen. Ob Gemüse in barocken Gärten ernten, Bäume pflegen, Ställe bauen oder sich mit echten Profis über Regionalgenossenschaften austauschen – zwischen Harz und Havelland gibt es viele Anlaufpunkte. Wir stellen einige davon vor.

Alte und neue Kulturtechniken

Das Projekt: Mitten im hügeligen Harzvorland liegt die ehemalige Residenzstadt Ballenstedt, und im Zentrum der Altstadt das „Gut Ziegenberg“: Zentrale des Vereins heimatBEWEGEN, den Nicole Müller gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen 2017 gegründet hat, um die zwar immer noch elegante, aber doch in die Jahre gekommene Kleinstadt mit neuem Leben zu füllen. Und das gelingt ihr in zahlreichen Projekte ziemlich gut. Immer unter dem Motto: „Stellen Sie sich vor, Ihre Stadt wäre wunderbar und Sie sind schuld daran!“
Gebündelt werden die Aktivitäten auf dem „Gut Ziegenberg“ oder um im Sprech des Vereins zu bleiben: dem heimatHOF. Ein Ort für BallenstedterInnen genauso wie für Reisende, für junge und alte Neugierige, der einlädt mit anzupacken, ins Gespräch zu kommen, gemeinsam nachzudenken und mitzugestalten.

Mitmachen: Auf dem Hof gibt es genügend Gelegenheiten, aktiv zu werden und dabei auch noch etwas zu lernen. Etwa beim Bau eines Schaf- und Ziegenstalls, beim Ernten der Streuobstwiesen, beim Hühner versorgen, im Mitmachgarten, bei Kräuterwanderungen, bei der Verarbeitung von Schafwolle, bei einer Einführung ins historische Färberhandwerk oder einfach bei selbstgebackenem Kuchen mit Zutaten aus dem Hofladen im eigenen Hofcafé. Auch handwerklich geschickte Leute finden immer etwas zu tun, denn fertig ist der Hof noch nicht. Ein wichtiger Meilenstein wurde im letzten Frühjahr allerdings schon erreicht: Fünf Herbergszimmer stehen UrlauberInnen und helfenden Händen seitdem zur Verfügung. Und wer glaubt, sich hier vor allem nur mit altem Kulturgut beschäftigen zu können, kennt den Verein nicht gut genug, der stetig auf der Suche ist nach neuen zukunfsweisenden Möglichkeitsräumen. Deshalb steht seit diesem Herbst auf dem Hofgelände auch ein zum MakerLabor ausgebauter Seecontainer. Ein außerschulischer Lernort, der nicht nur SchülerInnen zur Verfügung steht, um sich mit den digitalen Chancen der Zukunft vertraut zu machen.

Ballenstedt

Ort:
Ballenstedt

Kontakt:
Nicole Müller, Jan Söchting, gutziegenberg.de

Übernachten:
fünf Ferienzimmer mit acht Übernachtungsplätzen, auch Zelt- und Wohnmobilstellplätze stehen zur Verfügung.

Horse meets Yoga

Das Projekt: Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde? Nicht unbedingt. Denn das eigene Glück lässt sich auch auf Augenhöhe mit den Vierbeinern finden. Zumindest wenn man sich in die Hände von Steffi Halupnik begibt, die sich auf pferdegestütztes Coaching spezialisiert hat. Und das geht so: Die studierte Psychologin und ausgebildeter Coach Halupnik geht mit ihren Coachees auf die Koppel. Sie stellt viele Fragen, ähnlich der systemischen Aufstellung fühlen sich die Befragten in bestimmte für sie problematische Konstellationen hinein. Immer mit dabei das Pferd – und das reagiert mit seinen feinen Sensoren auf die unterschwelligen Gefühle: Es wird unruhig, nähert sich dem Coachee oder wendet sich ab. „Das funktioniert eigentlich immer“, erklärt Halupnik, die durch diese Zuarbeit des Pferdes viel schneller an den Kern des Problems kommt, als bei einem Gespräch in der Praxis. Ihr Ziel: Menschen nachhaltig in eine bessere Balance mit sich und der Umwelt zu bringen. Deshalb bietet sie jetzt neben dem Coaching auf ihrem Hof auch Yoga an – wer will, auch das gerne auf der Koppel.

Mitmachen: Wer nicht nur die Seele baumeln lassen, sondern diese auch pflegen will, ist auf Halupniks denkmalgeschützten Vierseitenhof „Bauernhof Lisa“ genau richtig. Menschen jeden Alters und in jeder Lebenslage, ohne und mit Pferde-Vorerfahrung, können sich bei Steffi Halupnik eine erkenntnisbringende Auszeit gönnen, ob bei einer Einzel- oder Gruppenstunde, bei Yoga-Einheiten oder beidem. Die Beweggründe dürfen ganz unterschiedlich sein. In ihren regelmäßigen Wochenend-Seminaren geht es mal um verbesserte Führungsstile, ein gestärktes Selbstbewusstsein, Hilfe bei Entscheidungen oder beim Grenzen setzen. Weitere Themen willkommen.

Wienrode

Ort:
Wienrode

Kontakt:
Steffi Halupnik, wienro.de

Übernachten:
Platz für acht Gäste in zwei Ferienwohnungen

Agora in Harzgerode

Das Projekt: Dass das leerstehende Restaurant, das sich Solveig Feldmeier und Richard Schmid 2018 in Harzgerode kauften, ausgerechnet Athina hieß, hat schon fast prophetischen Charakter. Wie im antiken Athen die Agora, sollen die Räume des ehemaligen Lokals ein Anlaufpunkt für die Menschen zum Debattieren und Gestalten sein. Während im Obergeschoss des Hauses die eigene Wohnung samt mehrerer Gästezimmer eingerichtet ist, steht der ehemalige Speisesaal nun für Erzähl-Cafés, Philosophische Salons, Sport- und Tanzangebote zur Verfügung; das Außengelände seit Neuestem für einen BügerInnen-Garten. Nicht nur punktuell, auch strukturell bewegt das Ehepaar seit seinem Zuzug in die Kleinstadt einiges: Die Angebote werden im Verein ‚Soziokulturelles Zentrum ATHINA‘ gebündelt und die neugegründete Regionalgenossenschaft (Harz.Coop eG) kümmert sich um eine solidarische Stadtentwicklung. Und die Sterne stehen nicht schlecht, dass ihre vielen Pläne auch umgesetzt werden: Mehrere Jahrzehnte haben sie schon verschiedene Jugend- und Gemeinschaftsorte geschaffen.

Mitmachen: Gerne empfängt das Ehepaar UrlauberInnen. Nicht wie ein Hotel, eher wie ein offenes Haus, in dem Interessierte willkommen sind mitzureden, mitzulernen und mitzumachen. Entweder bei ihnen vor Ort, bei einer von Schmids Lernwerkstätten zu Genossenschaften oder beim befreundeten Gemeinschaftsprojekt Freie Feldlage. Bei letzterem entsteht gerade unweit von Harzgerode ein neuer Lern- und Lebensort, der vor allem viele junge ZuzüglerInnen anlockt. Auch hier gibt es viele Mitmachmöglichkeiten – sei es beim Bau von Komposttoiletten oder Kläranlagen, bei der Gartenarbeit oder beim Kochen. Und zur Entspannung liegt das fast unberührte Selketal vor der Tür, in dem man wandernd über die ganzen Impulse nachsinnen kann.

Harzgerode

Ort:
Harzgerode

Kontakt:
Solveig Feldmeier und Richard Schmid, sz-athina.de

Übernachten:
Vier Übernachtungsplätze stehen zur Verfügung, für Anspruchslose ist auch eine Übernachtung mit Isomatte und Schlafsack im Wintergarten möglich. Auch Stellplätze vorhanden.

Vom Garten auf den Tisch

Das Projekt: Es ist ein geschichtsträchtiger Ort, an dem Zuchini, Fenchel, Kohlrabi, Auberginen, Gurken, Tomaten, Kürbisse und viele Obstbäume mit alten und fast schon vergessenen Apfel-, Birnen- und Pflaumensorten wachsen. Sie alle gedeihen auf dem drei Hektar großen Land des barocken Gutshof-Lausnitz von Alexe von Wurmb. Sie hat aus dem Gutshof in den letzten 15 Jahren einen Ort des nachhaltigen Lebens gebaut. Die Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin kehrte 2006 ihrem Job in Brüssel den Rücken. Mit Mitte Dreißig zog sie mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern auf den Hof, der bereits seit dem 18. Jahrhundert (mit Unterbrechungen) im Familienbesitz ist. Heute bewirtschaftet sie einen vielfältigen Gemüsegarten und Streuobstwiesen, deren Ernte für ihre Familie, Feriengäste und den Direktvertrieb vor Ort ausreicht. Eine Mosterei und Anzucht von Frühpflanzen kommen hinzu. Fernab vom geschäftigen Treiben der EU widmet sie sich nun ganz konkreten Herausforderungen des täglichen Lebens mit dem Anspruch und Willen, nachhaltige Lösungen im Einklang mit den Kreisläufen der Natur zu finden.

Mitmachen: Wie diese Lösungen aussehen, daran lässt Alexe von Wurmb zum Glück auch ihre Gäste teilhaben, die in einem ihrer zehn Ferienzimmer einen Ort der Ruhe finden können. Die können entweder die besondere Atmosphäre eines Spaziergangs unter den 250 Jahre alten Bäumen entlang der alten Steinmauern genießen, einen Permakultur-Workshop besuchen oder sich direkt mit der Gastgeberin auf einen Streifzug durch den alten Barockgarten begeben, saisonales Gemüse und Kräuter pflücken, sie in einem Kochworkshop verarbeiten und an der großen Tafel unter Kronleuchtern und bei Kerzenschein essen. Von „Farm to Fork“ eben.

Lausnitz

Ort:
Lausnitz bei Neustadt an der Orla

Kontakt:
Alexe von Wurmb, gutshof-lausnitz.de

Übernachten:
zehn Ferienzimmer (auch als Gruppe buchbar). Platz für bis zu 20 Personen. Auch ein Wohnmobilstellplatz ist verfügbar.

Wald der Zukunft

Das Projekt: Inmitten monotoner Kiefernwälder hat die Wissenschaftlerin Barbara Ral eine grüne, ein Hektar kleine Oase geschaffen. Sie nennt sie „Insel der Vielfalt“. Vor zehn Jahren hat sie in der Nähe der Stadt Beelitz mit Hilfe eines Forstexperten ein kleines Stück Mischwald probeweise angelegt: verschiedene Ahornarten, Ebereschen, Robinien, Eichen, Lerchen, Sandbirken. Ein Experiment, um herauszufinden, welche Baumarten hier auf dem trockenen Sandboden neben der Kiefer am besten gedeihen. Der damalige Förster hielt sie für verrückt und prognostizierte keinen Erfolg. Ein Jahrzehnt später wächst hier „eine Pracht“, wie eben dieser Förster inzwischen zugibt, so dass die studierte Biologin mit der Waldpflege ganz schön viel um die Ohren hat. Die ist so lange nötig, bis der neue Wald als eingespieltes Ökosystem alleine klar kommt. Bis dahin heißt es, Bäume freischneiden, Wildzäune bauen oder Raupen absammeln, die zu diesem frühen Zeitpunkt den jungen Bäumen noch zu sehr schaden würden.

Mitmachen: Das alles ehrenamtlich und vor allem alleine zu stemmen, wäre nicht möglich. Deshalb richtet Barbara Ral Waldaktionstage aus und lädt Interessierte ein mitzuhelfen: Kinder, Erwachsene, mit oder ohne Vorwissen, Leute aus Beelitz oder Reisende, die entlang des Europaradwegs nicht nur schöne Landschaft bestaunen, sondern auch erhalten wollen. Mit Arbeitshandschuhen und kleinen Handsägen geht es für ein paar Stunden in den Wald. Nebenbei erzählt Barbara Ral Spannendes über die Bäume, gibt Tipps zum Klimaschutz im Alltag und zum persönlichen Schutz vor Hitze.

Beelitz

Ort:
Beelitz, Europaradweg B1

Kontakt:
Barbara Ral, Zebrahof.de, instagram @zeo_zwei

Übernachten:
Nach Anmeldung mit Zelt auf einer Wiese ca. 4km entfernt

Bauernhof als Schule des Lebens

Das Projekt: Vor vier Jahren haben die Lehrerin Lene Waschke und der Landwirt Matthias Peeters die BAUERei Grube gegründet – eine Solidarische Landwirtschaft im ländlichen Grube, einem Ortsteil von Potsdam. Hier verbinden sie das Beste aus ihren zwei Welten: Bildung und Landbau. Und dieses Prinzip findet sich sogar bei der Wahl der Hoftiere wieder. So sind die beiden Esel MarIA und Krawall nicht nur in ihren landbaulichen, sondern auch in ihren pädagogischen Fähigkeiten nicht zu unterschätzen: „Esel sind sehr kooperativ und haben ein sensibles Gespür für ihr Gegenüber. Stimmt etwas nicht, merken es Esel sofort“, erzählt Waschke, die nicht nur deshalb den Bauernhof für den besten Lernort für Kinder und Jugendliche hält. Für sie verschmelzen beim Landbau wichtige Lernerfahrungen von Handwerk über Biochemie bis soziale Interaktion und Natur erleben auf ganz natürliche Weise miteinander.

Mitmachen: Menschen jeden Alters schätzen die fast meditative Kraft der Ackerarbeit – auch Schulklassen aus dem umliegenden Havelland kommen regelmäßig auf den Bauernhof. Von Artischocke bis Zuckermais, über 80 Gemüsesorten werden auf dem 13 Hektar großen Land angebaut, demnächst ist noch Getreideanbau geplant und auch der Hof selbst hat noch viele Baustellen. Sechs Wochen ist derzeit der Minimumaufenthalt für Mitmach-Gäste. Gegen Kost und Logis helfen sie jeden Tag für mehrere Stunden mit. Das Lernen landwirtschaftlicher Grundfertigkeiten steht zwar im Mittelpunkt, aber es geht um mehr: um soziales Zusammenarbeiten, Verantwortungsgemeinschaft, um enkeltaugliche Nahrungsversorgung. Weil sich die beiden HofbesitzerInnen freuen, wenn davon immer mehr angetan sind, organisieren sie immer mal wieder offene Ackertage für interessierte Gruppen oder gerne auch für SchulleiterInnen und BürgermeisterInnen. Denn Waschkes Vision für die Zukunft lautet: „Jeder Schule einen Acker, jedem Kiez eine SoLaWi.“

Grube

Ort:
Grube (Ortsteil von Potsdam)

Kontakt:
Lene Waschke, bauerei-grube.de

Übernachten:
mit eigenem Zelt am Seeufer, im Stallzimmer bei den Schafen oder für Gruppen auch im alten Dorf-Tanz-Saal der BAUERei e.V.

Wir erleben große Umbrüche

Die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern hat in einem 49-köpfigen Zukunftsrat Perspektiven und Handlungs­empfehlungen für die Politik der kommenden Jahre erarbeiten lassen. Der Co-Vorsitzende Prof. Dr. Henning Vöpel über Dorfwerke, CO2-Währungen und Entlohnung für Gemeinwohl-Aktivitäten.
Prof. Dr. Henning Vöpel

Der Mann hat den Überblick. Nicht nur aufgrund seiner Körpergröße und Expertise, sondern allein auch wegen seines Arbeitsplatzes im fünften Stock eines Bürogebäudes mit Blick über den Hamburger Hafen. Und nicht nur über den. Prof. Dr. Henning Vöpel, zum Zeitpunkt des Interviews noch Direktor des renommierten Hamburger WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), schaut aus dem Fenster des Konferenzraums auf die Baustelle direkt zwischen dem Gebäude und einem Seitenarm der Elbe, wo die neue Factory.Hammerbrooklyn ihren Sitz gefunden hat, eine Art Innovationsschmiede für Unternehmen, Start-ups und Wissenschaftler. „Wir sind bald fertig“, sagt er und man sieht ihm die Freude an. Das ist kein Wunder, schließlich gehört Vöpel zu den Mitinitiatoren und Mitgründern des neuen Inkubators. Die Zukunft bauen, darum geht es ihm. Und das eben nicht nur in Hamburg.

Herr Professor Vöpel, sie sind als Wirtschaftsexperte gefragt und arbeiten in Hamburg. Haben die Mitglieder im Zukunftsrat nicht gestutzt, dass jemand außerhalb des Bundeslandes den Vorsitz haben sollte?
Henning Vöpel: Vielleicht ein wenig. Aber die Staatskanzlei hat neben mir mit Frau Tanneberger gleich jemanden in den Vorsitz berufen, die ausgewiesene Kennerin Mecklenburg-Vorpommerns ist. Für mich war es ein spannender Prozess, in ein Land einzutauchen, das man selbst nur am Rande kennt.

Im wahrsten Sinne, gebürtig kommen Sie aus Büchen, direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze.
Ja. Deshalb habe ich gebeten, mich nicht als klassischen Hamburger wahrzunehmen, denen man ja auch mit gewissen Vorurteilen begegnet. Ich komme vom Land und bin sozusagen um die Ecke aufgewachsen.

In Ihrem letzten Buch „Disruption: Neuvermessung einer verrückten Welt“ schreiben Sie, dass die Welt in einem Übergang in eine neue Ordnung sei. Sind die Ergebnisse des Zukunftsrates so etwas wie ein Modell für diese neue Welt?
Es ist der Versuch, das Modell tatsächlich einmal herunter zu brechen. Wir erleben so große Umbrüche, dass es nicht mehr reicht, nur die Symptome zu behandeln. Wir haben es mit tektonischen Bewegungen zu tun, bei denen sich ganz viel zueinander verschiebt. Weil sich das auf der Ordnungsebene abspielt, müssen wir die Grundprinzipien der Dinge, wie wir sie organisieren, grundlegend verändern. Das ist nicht mit einem Gesetz getan.

Sondern?
Die Zusammenhänge verändern sich. Wir haben es mit globalen und zeitlich sich überschneidenden Phänomenen zu tun, weshalb der gesellschaftliche Zusammenhalt zwischen den Generationen viel wichtiger wird. Das heißt, die Aufgabe für Demokratien ist künftig eine ganz andere: Es geht nicht mehr nur darum, in einem abgegrenzten Raum die bestmöglichen Entscheidungen zu treffen, sondern auch immer um die Auswirkungen auf die nächste Generation und die Welt insgesamt. Wir treffen heute als alternde Gesellschaft Entscheidungen, die zulasten der nächsten Generationen gehen. Diesen Punkt haben wir im Rat adressiert durch Klima-Maßnahmen und Vorschläge zu einer stärkeren Beteiligung von Jugendlichen. Das Verfassungsgericht hat ja jüngst angemahnt, auch die Freiheit noch ungeborener Generationen zu schützen.

Wie beurteilen Sie die Umsetzung dieses Verfassungs-Auftrags durch die Politik?
Die Politik versucht, dem irgendwie nachzukommen, aber die Ansätze reichen nicht weit genug. Deshalb haben wir im Zukunftsrat versucht, die Einsicht, dass wir es mit großen Veränderungen auf der Ordnungsebene zu tun haben, in politische Weichenstellungen zu übersetzen, die dem Ausmaß der Umbrüche gerecht werden.

In dem Bericht malen Sie Zukunftsbilder für das Jahr 2030. Darin heißt es etwa: Zur Einschulung bekommt jedes Kind einen Obstbaum und ein Öko-Wertpapier geschenkt, in Dorfwerken entstehen solidarische Formen des Wirtschaftens, Mecklenburg-Vorpommern ist Teil einer grünen Hanse. Wieviel Realität steckt in dieser Utopie?
Wir haben uns bewusst entschieden, die Zukunftsbilder auch in diesem Detaillierungsgrad aufzuschreiben, weil man ein Gefühl dafür bekommen muss, wie sich die Facetten des Lebens konkret verändern. Dass man nicht nur sagt: In Zukunft werden wir klimaneutral sein, sondern wirklich beschreibt, was das konkret für Familie, Beruf, Mobilität, Einkaufen und so weiter heißt. Wie sieht ein Tag im Jahr 2030 aus? Und da wird es natürlich ein bisschen utopisch, aber konkrete Imagination zu entwickeln ist wichtig für utopische Realitäten.

Wie groß ist die Hoffnung, dass die Weichenstellungen nun so gestellt werden, dass wir 2030 in Teilen tatsächlich da ankommen, wo der Zukunftsrat gedanklich bereits ist.
Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass die Arbeit des Zukunftsrats kein Alibi-Prozess war. In den Gesprächen mit Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und den Verantwortlichen in der Staatskanzlei habe ich den Eindruck gewonnen, dass man dort die große Chance erkannt hat, das eigene Land mit einem mutigen Zukunftsentwurf neu zu positionieren.

Glauben Sie nicht, dass die Beharrungskräfte des Faktischen zu stark sind?
Der Status quo hat immer enorme Beharrungskräfte. An seinem Erhalt hängen immer auch mächtige Interessen. Dass sich der Erfolg ja immer zu verteidigen versucht, sehen wir zum Beispiel hier in Hamburg, wo wir uns manchmal einreden, ein paar Dinge zu verändern würde ausreichen, damit es weiterläuft wie bisher. Ich habe der Staatskanzlei in Schwerin immer wieder gesagt, dass das Land die große Chance hat, die Umbrüche radikaler zu interpretieren, die Dinge grundlegender zu verändern und rechtzeitig zu handeln.

Haben Sie sich politisch instrumentalisiert gefühlt?
Nein, zu keinem Zeitpunkt, man hat uns wirklich machen lassen. Das hätten die Mitglieder des Zukunftsrates, die aus sehr unterschiedlichen Perspektiven auf das Land blicken und allesamt unabhängige Persönlichkeiten, auch nie zugelassen. Ich fand es ganz spannend, dass man mit dem Rat versucht hat, außerparlamentarische und -ministerielle Arbeit bewusst in politische Zukunfts-Entscheidungen zu integrieren. Damit hat das Bundesland sicher eine Vorreiterrolle.

Der Zukunftsrat

Die Regierung von Mecklenburg-Vorpommern hatte den 49-köpfigen Zukunftsrat im Herbst 2020 berufen und beauftragt, Entwicklungsfelder für das Land zu definieren und Perspektiven bis zum Jahr 2030 zu entwickeln. Neben Prof. Dr. Henning Vöpel führte Dr. Franziska Tanneberger vom Institut für Botanik und Landschaftsökologie an der Universität Greifswald den Rats-Vorsitz. Die Mitglieder aus allen Bereichen der Gesellschaft kamen zu insgesamt sechs Arbeitssitzungen zusammen. Im März 2021 legte das Gremium seinen Abschlussbericht vor, in dem es die Politik zu raschem Handeln und grundlegenden Reformen auffordert. Als größte Herausforderungen werden der Klima- und Artenschutz, die Gestaltung der Digitalisierung und die Sicherung des gesellschaftlichen Zusammenhalts aufgeführt. „Die Politik muss Nachhaltigkeit zur Allgemeinnorm machen“, sagte Dr. Tanneberger bei der Vorstellung des 64-seitigen Berichts. Er ist abrufbar unter regierung-mv.de, Suchbegriff: Zukunftsrat.

Wie war die Resonanz auf den Abschlussbericht?
Die Ministerien haben ihn kommentiert und überwiegend wohlwollend aufgenommen, genauso wie die Zivilgesellschaft. Dem Rat war es ganz wichtig, Transformation als einen Prozess zu verstehen, der breit getragen wird. Die große Botschaft des Zukunftsprogramms ist die Tatsache, dass sehr viele unterschiedliche Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Bereichen den Bericht im Konsens entwickelt haben. Und immerhin gibt es bereits erste Sofortmaßnahmen, die umgesetzt werden.

Welche sind das?
Das sind zwei. Es gibt ein Maßnahmenkonzept, um die Landesverwaltung klimaneutral zu machen. Und das zweite ist die Wasserstoff-Transferstelle in Rostock. Natürlich gäbe es auch ambitioniertere Punkte aus dem Programm, die man sich hätte vornehmen können. Aber uns war wichtig zu sagen: Beginnt jetzt! Und dieses Signal ist aufgenommen worden.

Werden die Ergebnisse eine Art Auftrag für die neue Regierung sein?
Nein. Aber es gibt Hinweise, dass man das Programm als Grundlage und Inspiration für viele Vorhaben nehmen will. Das hängt natürlich am Ende davon ab, welche Regierung dafür dann legitimiert ist, aber die Vertreter der jetzigen Regierung zumindest haben die Absicht geäußert, das Zukunftsprogramm immer wieder für ihre Arbeit heranzuziehen.

Und wenn das nicht passiert?
Die Mitglieder des Zukunftsrats wollen unabhängig von den Wahlen auch selbst dafür sorgen, dass die Ergebnisse überall in der Gesellschaft ankommen. Das Papier ist zum Beispiel schon in einer Schule diskutiert worden und es gab Anfragen aus Brüssel, weil ja die ländlichen Regionen und deren Entwicklung dort stark im Fokus stehen. Aber wir wollen es noch stärker in die Breite bringen, auch in die Handelskammern und Wirtschaftsverbände.

Ist die Wirtschaft angesichts der vielen Nachhaltigkeits-Forderungen nicht eher reserviert?
Das Papier ist ja nicht wirtschaftsfeindlich. Nachhaltigkeit geht nie gegen die Wirtschaft, es geht nur mit ihr. Umgekehrt weiß man aber auch: Wirtschaft geht niemals gegen Nachhaltigkeit. Deshalb ist die die Offenheit dort sehr groß.

Ist diese Offenheit in Mecklenburg-Vorpommern insgesamt höher als in den alten Bundesländern?
Das habe ich so wahrgenommen. Dort ist eine unglaubliche Bereitschaft zur Veränderung, die man tatsächlich ganz oft bei jenen findet, die den Wandel als Chance begreifen und nicht als Bedrohung. Und die Chance ist, das jetzige Zeitfenster für Veränderung zu nutzen, um wirklich voranzukommen. Diese Offenheit habe ich überall in Mecklenburg-Vorpommern gespürt, weshalb die Voraussetzungen dort enorm gut sind.

Offenheit allein reicht aber sicher nicht aus. Das Bundesland gehört zu den wirtschaftlich schwächsten in Deutschland.
Ja, aber die Umbrüche, die wir erleben, spielen Mecklenburg-Vorpommern in die Karten, das passt sehr gut zu dem, was wir an spezifischen Voraussetzungen in dem Land haben: Wir haben die Dezentralität der 6.000 Dörfer, wir haben die natürlichen Ressourcen, die reiche Natur und Weite des Landes, die plötzlich einen Wert für den Erhalt des Klimas und der Biodiversität darstellen.

Was meinen Sie?
Was vorher vielleicht eine Schwäche war, wird jetzt zu einer Stärke, eben weil sich plötzlich der Blick auf die Welt verändert hat. Plötzlich können wir Ressourcen wie zum Beispiel die Moore anders nutzen – auch wirtschaftlich, wenn sie als CO2-Speicher genutzt werden. Oder die 6.000 Dörfer, die sich durch digitale Möglichkeiten zu lernenden und kooperativen Netzwerken zusammenschließen, die ihre gemeinsamen Ressourcen, ihr Wissen und ihre Erfahrungen optimal nutzen. Deshalb glaube ich, dass die Umbrüche genau zur Spezifität der Ressourcen in Mecklenburg-Vorpommern passen. Gepaart mit der Mentalität, das als Chance zu begreifen, ist jetzt vieles möglich.

Hat diese andere Mentalität auch mit einer, vielleicht bedingt durch die Wiedervereinigung, höheren Transformationsbereitschaft zu tun?
Ja, auch wenn im Rat immer die Ambivalenz betont worden ist, dass die Wiedervereinigung auch Enttäuschungen produziert hat und jetzt auch Angst und Skepsis vor den bevorstehenden Veränderungen herrschen. Aber natürlich sind für Transformation immer auch Pragmatismus und Realitätssinn nötig. Schließlich sehen wir ja gerade auf dem Land, dass die Lebensrealitäten andere sind als in den urbanen Bubbles. Man kann nicht einfach von heute in einen völlig anderen Zustand von morgen springen. Entlang einer Transformation haben Leute zu Recht den Anspruch auf einen Job, auf Einkommen und junge Menschen auf Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Das muss alles gleichzeitig aufrechterhalten und mitgedacht werden. Aber ich glaube, je eher und konsequenter wir den Wandel angehen, umso eher können wir das sicherstellen. Wer zu spät kommt, verspielt die Zukunft.

 

Sind Sie optimistisch, dass diese wirtschaftlichen Stabilisierungsanker in der Transformation bewahrt werden können?
Wir haben gar keine Wahl, es muss gelingen. Mehrere Treiber haben eine Unumkehrbarkeit erzeugt, und das Bewusstsein darüber ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das geht nicht mehr weg. Und das ist auch in der Politik angekommen, man kann heute keine Wahl mehr gegen das Klimathema gewinnen. Ich glaube, das gesellschaftliche Narrativ ist mittlerweile so stark, dass die Akzeptanz von Verhaltensänderungen für die Wirtschaft mittlerweile so zentral geworden ist, dass sie das gesellschaftliche Narrativ gerne sogar noch stärker bedienen würde. Deshalb fordert sie von der Politik Planungssicherheit, eine regulatorische Unumkehrbarkeit, um dem gesellschaftlichen Narrativen folgen zu können. Es gibt schon viel stärker einen gesellschaftlichen Konsens als einen Konflikt.

Als einen Baustein gegen den Klimawandel fordern Sie in dem Papier die Etablierung und Förderung von CO2-basierten Regionalwährungen. Was ist das?
Ich komme ja von der Forschung aus der Währungstheorie und Geldtheorie, und persönlich bin ich extrem skeptisch, was solche Regionalwährungen angeht. Aber ich verstehe, was der Hintergrund für diese Art von Forderung ist: Man spart CO2 ein, unterstützt damit das Gemeinwohl und man möchte, dass solch eine Aktivität einen Tauschwert bekommt. Hier war die Idee, dass jemand, der die Natur schützt oder fürs Gemeinwohl arbeitet, eine Währung bekommt, die man tauschen kann, also konvertibel macht zu Währungen, die wirklich Kaufkraft darstellen. Aus meiner Sicht ist das schwierig. Aber die Idee, einen Gemeinwohlwert tauschbar zu machen und ehrenamtliches Engagement einen Wert zu geben, finde ich wichtig.

Viele Engagierte würden sich sicher darüber freuen, wenn sie nicht nur eine Schulterklopfen bekommen, sondern von ihren Gemeinwohl-Aktivitäten leben könnten.
Ja, das ist ein Problem und gehört genau zu dieser Ordnungsebene. Wir befinden uns hier in einem Übergang. Die Wohlfahrt einer Gesellschaft hängt nicht nur davon ab, wie viele private Tauschwerte erzeugt werden, sondern es gibt plötzlich ganz viele Kollektiv-Güter, die für die gesellschaftliche Wohlfahrt eine viel größere Rolle spielen. Aber wie organisiere ich diesen Übergang und wer definiert eigentlich Gemeinwohl? Das haben Gesellschaft und Politik noch nicht gelöst. Vielleicht gibt es in Zukunft tatsächlich einen viel stärkeren öffentlichen Sektor, der sich um ein anders definiertes Gemeinwohl kümmert und die Menschen darin entlohnt.

Als einen zentralen Ankerpunkt für gemeinwohlorientiertes Handeln im ländlichen Raum schlagen Sie sogenannte Dorfwerke vor. Was passiert dort?
Wir wollen damit eine Institution anregen, die das Dorfleben organisiert, wo Leute zusammenkommen, Handwerke lernen können, sich Gemeinschaft bildet und soziale Innovation entwickelt. Um die Umbrüche zu meistern, müssen wir viel mehr an Autonomie zurückgeben, aber in Form einer Institutionalisierung. Es geht um Gemeinschaft stärken vor Ort, denn es sind so viel Kultur und so viele Institutionen ersatzlos aus den Dörfern verschwunden: die Kneipe, der Bäcker, der Metzger, der Sportplatz.

Was Sie beschreiben, passiert schon an einigen Orten. Wie wollen Sie diese Dorfwerke und die Transformation insgesamt in alle 6.000 Dörfer bringen?
Es braucht kooperative Strukturen, die Möglichkeit zu lernen, sich auszutauschen und zu vernetzen. Es muss ein Anfang gemacht werden, damit es ins Laufen kommt. Denn wo viel passiert, dorthin kommen die Leute. Wissen zieht Wissen an, Aktivität löst Aktivität aus. Und die Chance der Digitalisierung ist, dass man diese 6.000 Dörfer auch vernetzen kann, man kann ihr Knowhow in die Cloud bringen, von der alle profitieren können und am Ende sagen: 6.000 Dörfer sind Eins – und immer noch die Vielfalt der 6.000.

Über Grenzen

Michael Seelig

Über Grenzen

Das leuchtend gelbe X, Symbol des Castor-Widerstands, ist noch immer allgegenwärtig. Doch seit dem Ende der Proteste gegen Gorleben als Atommüllendlager weht ein neuer Wind durchs Wendland, angetrieben von Pionieren der Nachhaltigkeit, jungen Visonär*innen und der Kraft der Gemeinschaft. Eine Reise in eine Region des Wandels - über Grenzen hinweg.

Das schmiedeeiserne Tor ist geöffnet. Hinter ihm warten mächtige Kastanien, umgeben von Rotklinker-Fachwerkhäusern mit weißen Sprossenfenstern. Mit Gläsern und Apfelsaft auf einem Tablett kommt Michael Seelig über den kopfsteingepflasterten Hof des Werkhofs Kukate in Waddeweitz, einer knapp 900-Seelen-Gemeinde im östlichsten Zipfel Niedersachsens. Ein Mann mit weißem Haar und Vollbart, ehemals Lehrer, nun 79 Jahre alt und längst in Pension. Und doch so viel mehr. Ein Aktivist und Visionär, einer der großen Engagement-Akteure im Wendland – und das seit Jahrzehnten. Aber das will er über sich selber gar nicht hören. Er versteht sich als Strippenzieher im Hintergrund, der die Menschen miteinander vernetzt. „Ich habe viel angestoßen“, sagt Michael Seelig, „die Arbeit gemacht haben aber häufig andere.“

Werkhof Kukate: Ein Ort der Gemeinschaft
Schon 1975 kauften er und seine Ehefrau Inge den 200 Jahre alten und damals völlig heruntergekommenen Hof. Hier entstand 1995 die „Kulturelle Landpartie“, eine heute weit über die Grenzen des Wendlands hinaus bekannte Kultur-Veranstaltung mit mittlerweile rund hundert Ausstellungs- und Aktionsorten, gerade erst wieder Ende Juli unter dem Motto „Wunderpunkte im Wendland“. Und der Werkhof Kukate ist natürlich bis heute immer mit dabei. Als ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, und sei es nur für ein Wochenende. Inge Seelig, ihre Tochter Juliane und Goldschmied Peter Reddersen kümmern sich um die stets ausgebuchten Handweb-, Goldschmiede- und Tischlerkurse. Die Gäste arbeiten und kochen gemeinsam, schlafen in Einzel- oder Doppelzimmern in dem schmucken Bauernhaus mit großer Diele und offenem Kamin oder in Nebengebäuden.

„Ich bin hier bloß sowas wie der Hausmeister“, sagt Michael Seelig grinsend und scheucht den permanent krähenden Hahn davon. Das ist natürlich arg untertrieben. Der Netzwerker und Anstoßer engagierte sich über die Jahre in etlichen Initiativen und Vereinen. Als Gründungsmitglied des Vereins „Grüne Werkstatt Wendland“ kümmert er sich zum Beispiel seit über zehn Jahren größtenteils darum, junge Leute in die Region zu locken – und zu halten. Den Grundstein dafür legte er mit seinen Kontakten zu Hochschulen und den jährlichen Design-Camps, bei denen Studierende zum kreativen Miteinander auf den Werkhof kommen. „Einige von ihnen sind mittlerweile im Wendland sesshaft geworden“, sagt Seelig stolz.

Ich bin der Strippenzieher im Hintergrund und habe viel angestoßen. Die Arbeit gemacht haben häufig andere.

Das „Elbe Valley“: Eine Modellregion überwindet Grenzen
Das jüngste Projekt, an dem die „Grüne Werkstatt“ mit anderen Organisationen und dem Landkreis
Lüchow-Dannenberg herumschraubt, ist das „Elbe Valley“, eine Modellregion für zukunftsfähigen Strukturwandel, bestehend aus den Teilregionen Lüchow-Dannenberg, Stendal, Prignitz und Ludwigslust. Das Besondere: Die Region ist Deutschlands einziges Vier-Bundesländereck – hier treffen sich Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Die gemeinsame Vision: Die Region nachhaltig, innovativ und krisenfest gestalten. Ihr Leitspruch: „Von Vier zu Wir“. Schwerpunkt sollen die Themen neue Arbeit, neue Wege und neues Wohnen sein. In den Ideenwerkstätten mit etwa 130 TeilnehmerInnen sind bereits Konzepte für 40 innovative Projekte entstanden: Wie beispielsweise ein Baucamp, in dem junge Leute Tiny Häuser bauen, eine Garten-Akademie zur Weiterbildung, ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt, nachhaltige Mobilitätskonzepte und Vernetzungs-Projekte.

Doch um die Zukunftsideen auch umsetzen zu können, muss es erst einmal grünes Licht aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung geben, das die neunmonatige Konzeptphase des „Elbe Valley“ zwar gefördert, über die Finanzierung auch der Umsetzungsphase aber noch nicht entschieden hat. Sollte kein Geld aus Berlin fließen, soll das allerdings nicht das Aus des „Elbe Valley“ bedeuten. Die MacherInnen wollen in jedem Fall weitermachen, auch wenn sie Projekte streichen oder im Umfang reduzieren müssen.

Dieter Schaarschmidt

Dieter Schaarschmidt (65) ist „alter Aktivist“. Heute besitzt er einen Gasthof und vermietet Zimmer an Ankommende.

Ein alter Gasthof für Ankommende
Wo bereits an einer gemeinsamen Zukunft jenseits von Konzeptpapieren gebastelt wird, weiß Strippenzieher Michael Seelig natürlich sehr genau. Zum Beispiel in Göttien. Ein alter Fachwerk-Gasthof. Vor der Tür Rosenbüsche, ein Springbrunnen, auf dem Holztisch ein Krug mit Wasser, in dem Kristalle schwimmen. „Für den Mineralienhaushalt“, sagt Dieter Schaarschmidt. Der 65-Jährige ist „alter Aktivist“ und hat sich während der Atom-Proteste mit seinem Bauchladen voller Aufkleber und Anstecker auf Bauplätzen und Blockaden herumgetrieben. Heute ist er Besitzer des Gasthofs. Ein Haus für Ankommende. Er vermietet kleine Wohnungen mit Bad, großer Gemeinschafts-Küche und -Wohnzimmer an Menschen, die im Wendland leben wollen, ihren endgültigen Platz aber noch nicht gefunden haben. Manche bleiben nur kurz, die meisten für längere Zeit.

Einer von ihnen ist Tobias. Ein junger Zahnarzt, der nach dem Studium in Hamburg aufs Land wollte. Warum gerade das Wendland? „Das ist die einzige ländliche Region, die ich als Kind über viele Jahre im Urlaub erlebt habe.“ Die politische Gesinnung, die Landschaft – das passte für ihn. In die „Tiny-Wohnungen“ von Dieter wollte er allerdings nicht ziehen. Nun bewohnt der Zahnarzt unter dem Dach die einzige große Wohnung – eine ehemalige Heilpraktiker-Praxis, der alte Bewegungs- und Eurythmieraum ist sein Wohnzimmer. Insgesamt zehn MitbewohnerInnen hat Dieter Schaarschmidt momentan. Und eine Warteliste. Er sagt: „Viele junge Leute wollen wegen der Mentalität der Menschen hierherziehen. Aber sie finden keinen Platz, weil es kaum bewohnbaren Wohnraum gibt.“

Der Gasthof-Besitzer, eigentlich gelernter Bio-Bauer und Zimmermann, arbeitet zudem als politischer Berater für die Grünen-Bundestagsabgeordnete Julia Verlinden aus dem hiesigen Wahlkreis. Und er ist Vorreiter in Sachen Erneuerbare Energien. Schon vor Jahren hatte er ein Konzept entwickelt, den Landkreis Lüchow-Dannenberg auf 100 Prozent regenerative Energien umzustellen. Als Vorsitzender des Vereins „Region Aktiv“ stößt er Investitions-Projekte für mehr Windkraft, Photovoltaik oder Biomasse an, wobei es nicht nur um Öko-Strom, sondern jegliche Form der Energie geht. Von der Mobilität bis zur Wärme. Seine Vision, das Wendland mit 100 Prozent Strom aus Erneuerbaren Energien zu versorgen, hat er bereits erreicht. „Nun arbeiten wir an den anderen Bereichen.“

Annika Heinrichs

Annika Heinrichs (37) hat gemeinsam mit FreundInnen ihren Traum verwirklicht und ein ehemaliges Hotel gekauft.

Acht FreundInnen und ihr großer Traum

Nächster Stopp: Salderatzen. An einer roten Backsteinmauer lehnen große, gelbe Holzkreuze – beklebt mit verwitterten Fotos des Widerstands. Dahinter ein riesiger Hof mit einem Gäste- und einem Wohnhaus, daneben mehrere Scheunen. Aus einer dringen Schreie. „Keine Panik, das ist bloß die Freie Bühne Wendland, die hier gerade Theaterprobe hat“, sagt Annika Heinrichs lachend. Die 37-Jährige ist Teil der Genossenschaft, die das ehemalige „Hotel Herrenhaus“ gekauft hat. Acht FreundInnen aus Berlin und Hamburg verwirklichen hier mit fünf Kindern ihren Traum. „Ein Ding der Möglichkeit“ heißt ihr Projekt, ein „Experimentierfeld für Co-Kreation und Zeitgeist“.

Vorher war mein Leben in Hamburg auf Konsum fixiert. Heute bin ich viel gelassener.

Im alten Kuhstall soll bis Ende April 2022 auf 700 Quadratmetern ein „Kreativ- und Innovationslab“ entstehen. Unten sind Ateliers, ein Workshopraum und eine Holzwerkstatt geplant, oben ein Co-Working-Space und ein „Mindful-Space“ für Yoga und Meditation. Gegenüber kann in den 15 Doppelzimmern im prachtvollen Herrenhaus übernachtet werden, im Gastrobereich kommen vor allem biologische, regionale und saisonale Gerichte auf den Tisch. Daneben steht das Wohnhaus der befreundeten BesitzerInnen. „Wir wollen Workshops, Veranstaltungen und Teambuilding-Formate anbieten“, sagt Annika Heinrichs. In Hamburg war die Digitalstrategin festangestellt als Teamleiterin. Jetzt genießt sie mit ihrem Mann und den zwei kleinen Kindern die Unabhängigkeit auf dem Land. Vorher sei ihr Leben auf Konsum fixiert gewesen. „Heute bin ich viel gelassener. Die Umgebung gibt mir innere Ruhe.“

Die Hofgemeinschaft „7einviertel“
Michael Seelig mahnt zum Aufbruch nach Prießeck. Ein alter Hof mit Haupthaus und mehreren Nebengebäuden. Hier lebt die Hofgemeinschaft „7einviertel“ – wegen der Hausnummer sieben und der vier BesitzerInnen. 2006 zogen Torsten Rösner (48), seine Ehefrau und Freund Patrizio Guida (46) mit seiner Frau und den beiden Kindern von Gifhorn ins Wendland. „Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Hier gibt es eine sehr offene Willkommenskultur. Wir gehörten sofort dazu“, sagt Rösner und serviert im Garten selbstgemachtes Eis mit Beeren, Erdnüssen und frischer Minze. „Ich überlege selber Eis herzustellen“, sagt er.

Eigentlich ist er Tischler mit eigener Werkstatt. Momentan baut er für sich und seine Frau ein Tiny-Haus mit knapp über 30 Quadratmetern am Rande des Gartens. Mit Küche, Bad, Ofen und großem Sofa. Über eine Holztreppe geht es nach oben. Im ersten Stock befindet sich das Schlafzimmer, „weil ich vom Bett auf die Kühe gucken möchte“, erklärt der Mann mit Schiebermütze und Shirt, auf dem „714“ steht. Dass ein reduzierter und dabei nachhaltiger Lebensstil immer mehr Menschen reizt, zeigte 2019 das von Michael Seelig initiierte „Tiny Living Festival“, bei dem sich etliche Aussteller auf dem Hof präsentierten. Statt der erwarteten 600 kamen mehr als 3.000 BesucherInnen.

Nachhaltig leben – das ist auch Patrizio Guida wichtig. Allerdings mag er es größer. Der Ingenieur hat auf dem Gelände ein schickes Holzhaus mit 200 Quadratmetern für sich und seine Familie bauen lassen. Das Besondere: Er ist der Erste, der einen Neubau in einem historischen Rundling errichten durfte. Rundlinge sind eine typische Siedlungsform im Wendland, kennzeichnend sind die kreisförmig um einen Dorfplatz errichteten Häuser. Gegenwärtig bewerben sich mehrere Rundlingsdörfer der Region um die Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe.

Aber nicht nur die BesitzerInnen leben auf dem Hof. Es herrscht reges Treiben. Immer wieder mieten sich Menschen nur zum Arbeiten oder auch zum Wohnen ein, wie derzeit ein Goldschmied oder die Freunde Finn Jessen und Moritz Barre, die über ein Design-Camp ins Wendland kamen und auf dem Hof „SISU Containers“ gründeten. Ein Unternehmen, das aus alten Überseecontainern moderne Tiny Houses baut.

 

Torsten Rösner

Torsten Rösner (48) ist Tischler. Sein neuestes Großprojekt: Er baut für sich und seine Frau ein Tiny-Haus.

Kreativlabor für Wendland-AkteurInnen
Wer bei all den AkteurInnen und ZukunftsmacherInnen den Überblick verliert, ist im „PostLab Kreativlabor“ in Lüchow gut aufgehoben, der Sitz der „Grünen Werkstatt“. Hier laufen die Fäden der Region zusammen: Ein Ort, an dem sich Wendland-AkteurInnen, FreiberuflerInnen und Kreative austauschen. Im Obergeschoss sitzen MitarbeiterInnen des Landkreises. Wie Nicole Servatius, die als Studentin bei einem Design-Camp auf dem Werkhof Kukate Michael Seelig kennengelernt hatte und mittlerweile ins Wendland gezogen ist. „Man kann hier schnell Dinge realisieren, die einen Mehrwert haben, die sinnstiftend sind. Das hat mir sehr gefallen“, sagt die 33-Jährige, die Mitglied der „Grünen Werkstatt“ und beim Landkreis als Leiterin der Stabsstelle Regionale Entwicklungsprozesse angestellt ist.

Wer wissen will, wie „sinnstiftend“ auf handwerklich hohem Niveau, ökologisch sauber und sozial fair geht, muss in dem ehemaligen Postamt nur ein paar Türen weiter bei der Designabteilung und einer Prototypenwerkstatt von „Werkhaus“ vorbeischauen – ein durch sein mit etlichen Designpreisen ausgezeichnetes Stecksystem bekanntes Unternehmen. Hinter „Werkhaus“ stecken Holger (59) und Eva Danneberg (61). Ein Ehepaar mit vier Kindern, fünf Enkeln und bunter Geschichte. Eigentlich wollte Holger Danneberg Bio-Bauer werden. Zu seinem Traum fehlte ihm allerdings das Land. Also verkaufte er auf Flohmärkten erst einmal Tonbroschen mit dem Schriftzug „Atomkraft, nein danke“. Danach baute er Kaleidoskope für Weihnachtsmärkte. Und landete 1984 mit einem besonderen Exemplar sogar im „Guiness-Buch der Rekorde“: Mit einer Länge von drei Metern und einem Durchmesser von einem Meter hatte er das größte Kaleidoskop der Welt gebaut.

Der Umzug von Gifhorn ins Wendland war die beste Entscheidung meines Lebens.

Der aber heute weit über die Grenzen Niedersachsens schillernde Diamant der Familie ist die Firma „Werkhaus“. Vor fast 30 Jahren von der gelernten Erzieherin Eva Danneberg gegründet. Heute werden Möbel, Bürobedarf, Wohnaccessoires und Geschenkartikel produziert. Mit einem einfachen wie genialen Stecksystem – ohne kleben oder schrauben. Auf die mittlerweile patentierte Idee ist Holger Danneberg damals beim Experimentieren mit Holz gekommen. „Aber auch nur, weil ich nichts gelernt habe und mir das System logisch vorkam“, sagt der Mann lachend. Den Anfang machten sie mit 15 Mitarbeitenden. Mittlerweile hat das Unternehmen 160 Mitarbeitende und sieben Shops unter anderem in Hamburg, Berlin, Hannover und Lüneburg. „Früher wurden wir so manches Mal als Okö-Freaks abgetan. Heute gelten wir als Nachhaltigkeitspioniere“, sagt Eva Danneberg.

In der Zentrale steht der Chef am Herd
Auf einem sechs Hektar großen, ehemaligen Gelände der Bundespolizei in Bad Bodenteich (Landkreis Uelzen) befindet sich die „Werkhaus“-Zentrale. Mit Salat in den Händen kommt Holger Danneberg aus der Küche. „Ich muss noch mal eben fertig kochen“, sagt der Mann mit den wilden, halblangen Haaren. Der Koch ist ausgefallen. Für den Chef selbstverständlich, dass er einspringt und für seine Mitarbeitenden das Mittagessen zubereitet. Heute gibt es Salat und Spaghetti mit Spargel, den er schnell noch auf dem Weg an einem Hof-Stand gekauft hat. Beim Essen auf der an den großen Parkplatz grenzenden Terrasse wird geredet und gelacht. Alleine sitzt hier niemand.

Danach führt Eva Danneberg über das Gelände. Eine herzliche Frau, die energiegeladen und trotzdem unaufgeregt wirkt. Sie duzt ihre MitarbeiterInnen, hört ihnen interessiert zu. Die Chefin zeigt auf ein Gebäude. Darauf eine eigene Photovoltaikanlage, die den Strom für die Produktion liefert – 816 Solarmodule auf 3.500 Quadratmetern. Durchschnittlich werden damit 20 Prozent des Bedarfs in der Produktion gedeckt, an Spitzentagen sind es sogar 80 Prozent. Den Rest liefert „Greenpeace Energy“. Das ökologische Bewusstsein ist den Unternehmern enorm wichtig. So werden zum Beispiel nur heimische Holzfaserplatten und Papier aus nachhaltiger Forstwirtschaft verwendet. „Und wir haben auch eine soziale Ader“, sagt Eva Danneberg lächelnd. Sie stellt jede/jeden MitarbeiterIn persönlich ein und achtet dabei auf Vielfalt.

Holga und Eva Danneberg

Früher wurden sie als „Ökofreaks“ bezeichnet, heute gelten sie als Nachhaltigkeitspioniere: Holger (59) und Eva Danneberg (61) von der Firma „Werkhaus“.

Für den Einen selbstverständlich, für den Anderen eine große Leistung
Mehr als zehn Prozent der Mitarbeitenden von „Werkhaus“ haben eine körperliche oder seelische Beeinträchtigung – und damit deutlich mehr als gesetzlich vorgeschrieben. Wie Almut Goecke (56), die seit 1999 in der Firma ist und als Produktionshelferin an einer Druckmaschine arbeitet. Ihre Aufgabe ist es, die Werkhaus-Copyright-Note auf die Produkte zu drucken. Eine Arbeit, die ihr Freude bereitet. Und die sie stolz macht. „Es gehört Mut dazu, so alleine zu arbeiten. Dass ich das schaffe, finde ich toll“, sagt die Frau, die an einer seelischen Beeinträchtigung leidet. Was für andere selbstverständlich erscheint, ist für einige MitarbeiterInnen von „Werkhaus“ eine große Leistung. So auch für Ingo Podleska, der seit 18 Jahren in der Firma tätig ist. Der 51-Jährige, der unter spastischen Lähmungen leidet, ist stellvertretender Leiter der Laserabteilung. „Ich war der Erste, der hier am Laser gearbeitet hat“, sagt der Mann stolz. Eva Danneberg nickt ihm lächelnd zu. Sie freut sich, all ihren MitarbeiterInnen eine berufliche Perspektive bieten zu können – egal welcher Herkunft sie sind oder welches Handicap sie haben.

Die große Vision: Ein ganz besonderer Urlaubsort
Das ökologische Bewusstsein und die soziale Ader sind seit Jahrzehnten der Motor des Ehepaars Danneberg. Ein Motor, der permanent auf Hochtouren zu Laufen scheint. Und so verwirklichten die umtriebigen Unternehmer im Frühjahr 2020 auch noch ihren Traum von nachhaltigem Urlaub: Das „destinature Dorf“ in Hitzacker. Ein ganz besonderer Ort, dessen Konzept vor allem eins ist: konsequent. Nachhaltige Baustoffe und zertifizierte Bioqualität von der Bettwäsche über die Vorhänge bis hin zum Kaffee und Essen. „Die Tourismusbranche ist uns ja eigentlich fremd. Also haben wir alles so umgesetzt, wie wir es selber mögen“, sagt Eva Danneberg. Sie ist voller Leidenschaft. Und das spiegelt sich in dem Natur-Dorf wieder.

Zwischen Bäumen und Feldern am Elberadweg liegen die in der betriebseigenen Schreinerei gebauten 17 Holzhütten und sieben „Bett-to-Go“ – zeltähnliche Mini-Holzhütten. Abgeschirmt hinter Bäumen und Büschen befindet sich der Wellnessbereich mit drei Outdoor-Saunen, Freiluftduschen und zwei Badezubern. Die Tiny-Häuser mit großen Fenstern, eigener Terrasse, Hängematte und klar, Möbeln von „Werkhaus“, sind stilvoll und gemütlich. Einzig das „Goldeimer“-Trockenklo bedarf einer kurzen Eingewöhnung. Doch auch dafür ist gesorgt: An der Tür hängt ein Holzschild mit der Erklärung: „Nach getaner Arbeit das Ergebnis mit einem Glas Kackpulver gleichmäßig bestreuen.“ An der Wand daneben ein Regal mit 20 Gläsern.

Zum Einschlafen begleitet das Froschkonzert vom benachbarten See, zum Aufstehen das Gezwitscher der Vögel. Beim Frühstück gleitet ein Storch über die Terrasse. Wer hier Urlaub macht, ist mitten in der Natur. Fast eine Art Teil davon. Ein Konzept, das ankommt. Schon 2022 wollen die Dannebergs in der Südeifel ein weiteres „destinature Dorf“ eröffnen. Zudem gibt es bereits mehrere Franchise-Unternehmen, die das Konzept einkaufen wollen. Und so könnte schon bald an weiteren Orten Deutschlands ein Stück Wendland entstehen.

Und vielleicht sogar eine Art Blaupause auch für die ländlichen Regionen Ostdeutschlands, vielleicht sogar für den ländlichen Raum insgesamt. Zugegeben: Die Geschichte des Wendlands ist nicht kopierbar, nicht jede Region kann sich von einer Protest-Hochburg zum Sehnsuchtsort entwickeln. Strukturell besehen kann man aber von ihr lernen, wie es gelingen kann, eine Anti- in eine Pro-Haltung umzuformatieren. Früher gemeinsam gegen Atom, heute gemeinsam für nachhaltigen Wandel. Früher als ehemaliges Zonenrandgebiet abgehängt, heute ein Gestaltungsraum für Neues. Die Menschen im Wendland haben sich nicht mit ihrem Schicksal abgegeben, sie sind aufgebrochen, haben auf der Grundlage einer gemeinsamen Identität aus sich heraus selber Perspektiven geschaffen, anstatt sie an anderen Orten zu suchen. Sie haben das Leben selbst in die Hand genommen. Menschen wie Michael Seelig, Dieter Schaarschmidt, die Dannebergs. Und wie noch viele andere.

Die Fichte haben wir aufgegeben

Bärbel Kemper

Die Fichte haben wir aufgegeben

Bärbel Kemper aus dem sächsischen Liebstadt ist mit dem Deutschen Waldpreis 2021 ausgezeichnet worden. Seit der Gründung des Landguts Kemper & Schlomski 2004 engagiert sich Kemper für ökologische Bewirtschaftung, Naturschutz und Umwelt-Kommunikation. Auf 100 Hektar Wald und Grünland hat sie als Leuchtturmprojekt einen „Bienenwald“ angelegt. Ein Gespräch über Arten-Vielfalt, Fichten-Sterben und den Wald der Zukunft.

Klimawandel ist mitunter schwer zu begreifen. Passiert es Ihnen, dass Sie nach einem schönen Regenschauer im Wald stehen und denken, so schlimm wird es vielleicht doch nicht? 
Bärbel Kemper: Ein Waldspaziergang nach einem Landregen ist ein Genuss für die Sinne. Aber wer mit offenen Augen durch unsere Wälder streift, erkennt bereits heute die dramatischen Folgen der Klimaveränderung.

Woran genau?
Die Fichte haben wir praktisch aufgegeben. Durch die Trockenheit der Jahre 2018 bis 2020, welche die Wissenschaft als die verheerendste Hitze- und Dürreperiode seit mehr als 2.000 Jahren ermittelt hat, sind die Fichten so geschwächt, dass der Borkenkäfer ein leichtes Spiel hatte und sie flächenweise zum Absterben brachte. Wir meinen schon, dass dies Zeichen des Klimawandels sind. Trockene Jahre gab es sicherlich immer einmal, so wie 1976 oder 2003, doch drei solche extremen Jahre hintereinander sind doch außergewöhnlich. Es ist ja sicherlich auch kein Zufall, dass die drei heißesten Sommer seit der Wetteraufzeichnung alle nach 2010 lagen.

Sie sind gerade als „Waldbesitzerin des Jahres“ geehrt worden. Was bedeutet das für Sie?
Ich sehe diesen Preis als Mittel, um unser Konzept in die Breite zu tragen. Ich gelte schon etwas als Exotin, aber das war mir immer egal. Ich mache das nicht im Stillen, sondern versuche, andere zu inspirieren. Wir hatten gerade drei Exkursionen mit Schulkindern, jedes hat ein Insektenhotel aus Konservendosen gebastelt und mit nach Hause genommen, das war toll. Jeder kann in seinem Gärtchen, auf dem Balkon etwas für Artenvielfalt tun.

Ihr großes Thema heißt „Bienenwald“ – warum ist das wichtig?
Eine Studie hat ergeben, dass von 1989 bis 2016 in rund 60 Schutzgebieten die Biomasse der Fluginsekten um circa 75 Prozent zurückgegangen ist. Die Insekten sind in unserer Natur ein so zentrales Element in der Nahrungskette, sei es für Kriechtiere, Vögel oder Fledermäuse, dass wir diese Entwicklung dringend umkehren müssen. Der Bienenwald wurde deshalb angelegt, um die Insekten zu fördern. Da „Insektenwald“ halt nicht so gut klingt, haben wir uns der positiv besetzten Biene bedient. Dabei sind wir uns bewusst, dass im Wald nicht die Honigbiene der erste Adressat ist, sondern Wildbienen, Hummeln oder Grabwespen.

Wir als Privatwaldbesitzer begreifen die Krise als Chance, den Wald neu zu denken, mit mutigen Ansätzen.

Wie muss so ein Bienenwald aussehen?
Es wurden nur nektar- und pollentragende Laubbäume und Sträucher gepflanzt. Dabei wurde darauf geachtet, dass diese zu unterschiedlichen Zeiten von früh wie zum Beispiel die Sal-Weide bis spät wie die Winter-Linde im Jahr blühen. Außerdem stellt sich darunter eine Bodenvegetation ein, die das Blütenangebot zusätzlich erhöht.

Das Schlagwort „Wald der Zukunft“ kommt gerade auf und klingt irgendwie optimistisch. Werden wir den Wald noch wiedererkennen?
In der Forstwirtschaft haben wir gern zurückgesehen. Wenn man vor großen alten Bäumen stand, wusste man, diese wieder zu pflanzen, kann nicht falsch sein. Was die Zukunft bringt, wissen wir nicht, dafür gibt es unterschiedliche Prognosen in den verschiedensten Szenarien. Sicher scheint nur, dass uns eine Temperaturerhöhung bevorsteht, die es erdgeschichtlich in so kurzer Zeit noch nie gegeben hat. Ist ein solcher Prozess früher in Jahrtausenden abgelaufen, rechnen wir heute in Jahrzehnten. Für uns heißt das, vielen natürlich hier bereits vorkommenden Baumarten eine Chance zu geben. Die „neue Natur“ wird entscheiden, wer fit ist und wer sich nicht mehr durchsetzen kann.

Die Landwirtschaft experimentiert mit neuen Arten und Sorten, die aus dem heißen Süden stammen. Funktioniert das bei Bäumen auch?
Die Landwirtschaft arbeitet schon seit Jahrtausenden mit Kulturpflanzen aus der ganzen Welt. Diese Züchtungen werden getestet, ehe der Landwirt sie anbaut. Diese Kulturpflanzen werden intensiv gepflegt. Sie müssen gegenüber der Witterung nur ein Jahr lang bestehen. Und wenn es schief geht, kann er es im nächsten Jahr wieder korrigieren. In der Forstwirtschaft müssen sich unsere Bäume in einem komplexen Ökosystem bewähren, wo wir sie durch Kulturpflege und Zaunbau in den ersten Jahren unterstützen können. Doch die übrigen Jahrzehnte sind sie auf sich allein gestellt. Deshalb denken wir, dass Baumarten, die sich seit Generationen in diesem Ökosystem bewährt haben, am besten geeignet sein werden, um auch den bevorstehenden Wandel bestehen zu können. Allerdings werden wir uns an den natürlicherweise hier vorkommenden Baumarten orientieren. Baumarten aus dem Süden werden sicherlich nicht großflächig angebaut. Wir können für unsere Breiten „normale Winter“ ja nicht ausschließen, die solche südländischen Arten einfach nicht überstehen. Solche Winter werden seltener werden, aber bei Standzeiten von über 100 Jahren wollen wir nicht darauf wetten.

 

Die sächsischen Staatsforste rechnen mit sechs Millionen Neupflanzungen pro Jahr. Kann die Forstwirtschaft die schiere Menge überhaupt bewältigen?
Das ist eine gewaltige Aufgabe. Es gibt so viel zu tun im Wald wie noch nie, aber es fehlt an Forstwirten, die das können. Man wird in manchen Bereichen auf Naturverjüngung setzen müssen.

Ändert sich der Charakter des Waldes, wenn zum Beispiel die Fichte verschwindet?
Diese Monokulturen mit dem „Geld-Baum“ Fichte haben auch etwas Bedrohliches, es ist dunkel, keine Vegetation am Boden. Ein Mischwald mit Krautschicht und Schmetterlingen ist für mich natürlicher.

Kann es die Holzwirtschaft wie bisher noch geben?
Die Holzwirtschaft hat länger Zeit, um sich auf die neuen Bedingungen einzustellen, denn unsere Bäume müssen ja erst einmal wachsen. Insofern kann man optimistisch sein, dass diese Anpassung gelingt. Denn an dem klimaneutralen Werkstoff Holz wird kein Weg vorbeiführen.

Wer kann und muss den Wandel vorantreiben: Ministerien und Staatsforste, oder eher private Waldbesitzer?
Aktuell werden alle vom merklichen Klimawandel getrieben. Wir als Privatwaldbesitzer begreifen die Krise als Chance, den Wald neu zu denken, mit mutigen Ansätzen, wie dem einer insektengerechten Aufforstung. Der positive Effekt auf die biologische Vielfalt ist unmittelbar und macht Schule. Inzwischen unterstützen wir andere Waldbesitzer bei der Umsetzung ihrer Waldnaturschutzprojekte im Rahmen unseres Netzwerks BienenwaldSchwärmer.

Wie teuer wird das, und wer kann das alles bezahlen?
Bezahlen werden das alle! Die Waldeigentümer sowieso, der Steuerzahler, weil vermutlich weiterhin Fördermittel gezahlt werden müssen, der Verbraucher, weil er absehbar vielleicht höhere Holzpreise bezahlen muss, der Waldbesucher, weil er sich möglicherweise erst einmal an neue Waldbilder gewöhnen muss.

Wird man in 30 Jahren noch einfach so zu einem Waldspaziergang aufbrechen können?
Das hoffe ich doch, Sie sind zum Spaziergang in unserem Wald herzlich eingeladen. Nach Kurt Mantel stellt der Wald als stärkste Pflanzengesellschaft das extremste und dauerhafteste Ökosystem in der Biosphäre dar. Das sollte auch noch in 30 Jahren gelten.

 

Kult der Kurzfristigkeit

Pseudo-News und Hypes blockieren dringend nötige Debatten wie etwa über den Klimawandel. So kann Zukunft nicht gelingen. Ein Gastbeitrag von Professor Bernhard Pörksen.
Gans Anders

Seit ein paar Tagen geht mir eine Frage nicht mehr aus dem Kopf. Gestellt hat sie Jerry Brown, bis 2019 Gouverneur von Kalifornien, Klimaschützer der ersten Stunde, ein Polit-Profi, der allein dreimal für das Amt des US-Präsidenten kandidierte: „Can we build a civilization based on news and hypes?“
Brown hatte mich auf seine Farm eingeladen, gut zwei Autostunden nördlich von San Francisco. Wir fuhren in einem Geländewagen über verdorrtes Land, endlose, staubige Weiden mit verwelktem Gras. Hier und da ein ausgetrocknetes Bachbett. Inzwischen gebe es hier draußen kaum noch Tiere, erzählte Brown. Nur jede Menge Insekten, Eidechsen, manchmal Kojoten. Die Viehwirtschaft sei längst unrentabel geworden. Und es werde von Jahr zu Jahr heißer. Die Olivenbäume, die noch wachsen, müsse er mit einer Art Sonnenschutzmittel besprühen, damit sie nicht auch noch verdorren. Er könne, hier und jetzt, die Verwüstungen des Klimawandels erleben.

In Jerry Browns unschuldig klingender Frage, ob man auf der Grundlage von News und Hypes eine Zivilisation erschaffen könne, stecken zwei Thesen mit Sprengkraft. Zum einen: Das Neue, das Interessante und medial gerade Dominante ist nicht notwendigerweise das tatsächlich Relevante. Hat ein Politiker mal eben im Flugzeug seine Maske abgesetzt und so gegen die Corona-Auflagen verstoßen? Hat er, konfrontiert mit Leid und Unglück, gelacht, und es gibt davon ein Foto? Sorgt ein Berufsprovokateur mit dem nächsten Hass-Tweet für Aufsehen? Meldet sich Donald Trump mit seinen Lügen zurück? Schon folgt Stellungnahme auf Stellungnahme. Und es entsteht im Zusammenspiel sozialer und redaktioneller Medien ein Hype, orientiert an einzelnen Personen und nicht an Prozessen, fasziniert von Charakterfragen und privater Moral, nicht von Ideologien und Programmen.

Das Problem: Aufmerksamkeit ist unvermeidlich knapp und lässt sich nur einmal investieren. Wer gebannt hinschaut, kann in dieser Zeit über nichts anderes nachdenken. Was im Ergebnis bedeutet: Je dominanter die Pseudo-News und je größer die allgemeine Aufregung über Scheinthemen, desto massiver die Blockade einigermaßen sinnvoller Debatten. Man existiert dann, zumindest für ein paar Tage oder Wochen, gedanklich in einer Sphäre des weißen Rauschens, in Wolken aus Nichtigkeiten. Nichts von all dem bleibt. Nichts davon hat für die Zukunft elementare Bedeutung. Und nichts davon ist handlungsrelevant.

Jerry Browns Frage besitzt jedoch noch eine zweite, grundsätzlichere Dimension. Denn die öffentliche Aufmerksamkeit steckt im Angesicht der drohenden Gegenwartskrisen in der falschen Zeitsphäre fest, so denke ich seit der Tour über die von der Sonne verbrannte Farm und im Angesicht der Bilder der Flutkatastrophe, die aus Deutschland stammen. Wir reagieren im Modus der Kurzfristigkeit auf Gefahren, die den Modus der Langfristigkeit erfordern.

Der US-Ökologe und Autor Stewart Brand hat ein kleines, elegantes Denkmodell entwickelt, das hilft, diesen Gedanken zu präzisieren. Er unterscheidet unterschiedliche Zeitsphären und Geschwindigkeiten der Zivilisation. Veränderungen in der Natur und der Evolution im Tierreich vollziehen sich äußerst langsam, im Rhythmus der Jahrhunderte und Jahrtausende. Auch der kulturelle Wandel benötigt viel Zeit. In der Politik ist – idealerweise – ein mittleres Tempo bestimmend, das sich der Echtzeit-Hektik verweigert. Der Handel reagiert hingegen schnell. Die Welt der Mode schließlich ist maximal flüchtig, stimmungsgetrieben, saisonal, bestimmt vom plötzlich aufschäumenden Hype.

Die grundsätzliche Schwierigkeit, so Stewart Brand, besteht darin, dass der Mensch im Anthropozän seine Umwelt immer massiver und auf Jahrhunderte und Jahrtausende hinaus verändert, aber das menschliche Denken von einer pathologisch kurzen Aufmerksamkeitsspanne regiert wird, das diese Veränderungen in ihrer zeitlichen Tiefendimension nicht erfasst. Und sie eben deshalb auch nicht debattierbar und adressierbar macht.

Hat wieder irgendwer gefordert, Inlandsflüge zu verbieten, den Konsum von Billigfleisch zu reduzieren? Schon ist es da, das große, tagesaktuelle, im Kern bloß modische Spektakel, das von Tugendterror und grüner Hypermoral handelt und die neueste Meinungsumfrage zum Thema referiert. Unbeachtet und undiskutiert bleibt hingegen die alles entscheidende Frage, was grundsätzlich zu tun wäre, um im Angesicht von brennenden Wäldern, von Dürre und Hitzetoten den Klimawandel doch noch irgendwie aufzuhalten. Hier bräuchte es andere Zeithorizonte, langfristige Planung, die streitbare, von Inhalten bestimmte Polarisierung. Und einen Abschied von der Fetischisierung des zeitlich Neuen, aktuell Aufregenden, spektakulär Konflikthaften.

Der Kult der Kurzfristigkeit wirkt toxisch. Denn er lässt politisches Handeln zum überhitzten Reaktionsgeschäft schrumpfen, legt die konzeptionelle Fantasie an die Kette und bedingt ein Syndrom, das die Soziologin Elise Boulding als „temporale Erschöpfung“ bezeichnet hat. „Wenn man geistig immer atemlos ist“, so schrieb sie bereits 1978, „weil man sich ständig um die Gegenwart kümmert, bleibt einem keine Kraft mehr, sich die Zukunft vorzustellen.“ Aber genau dieses Denken in der langen Linie und die im besten Sinne ausgeruhte Debatte über eine andere, ökologisch, sozial und politisch verträgliche Zukunft wäre im Angesicht der Gegenwartskrisen existenziell geboten. Ganz gleich, ob es um den Klimawandel geht, das Artensterben, die Bekämpfung von Pandemien, den Siegeszug eines aggressiven Populismus, die Gefahren der Desinformation oder ein Konzept digitaler Bildung.

All diese Themen werden vom Stichflammen-Spektakel und dem Hype des Moments nicht einmal im Ansatz berührt. Es ist so, als starre man auf ein paar einzelne Schaumkronen, während es darum ginge, ein Gespür für die tektonischen Verschiebungen in den Tiefen des Ozeans zu entwickeln. Das Gefangensein im Moment wird gefährlich, wenn man schnell und entschieden handeln müsste, global und mit Weitblick, in dem Wissen, dass die Effekte, wie im Falle des Klimawandels, vielleicht erst etliche Jahrzehnte später spürbar sind. Genau in dieser Situation stecken wir nun fest.

Manchmal, in dunklen, pessimistischen Momenten, werde ich das Gefühl nicht los, das eigentliche Attraktivitätsgeheimnis von Nonsens-News und medialen Hypes könnte genau darin bestehen: Verdrängung des Wichtigen und tatsächlich Entscheidenden durch das bloß Spektakuläre, Grelle und Banale, das in betäubender Intensität über Bildschirme und Displays flimmert. Ich will nicht sagen, dass die Ablenkung bewusst geschieht, das wäre verschwörungsmystisches Geraune. Es ist mehr eine Flucht aus der Komplexität und die Dämpfung einer längst spürbaren Zukunftsunruhe durch den Aufreger des Moments.

Weil man sich ständig um die Gegenwart kümmert, bleibt keine Kraft mehr für die Zukunft.

Und doch muss man hinzufügen: Es gibt jede Menge Desinformationsprofis im Mediengeschäft, die Themen setzen und andere abräumen durch breitflächige Vermüllung des öffentlichen Raumes. Etwa der Medienmogul Rupert Murdoch, der die Desorientierung ganzer Gesellschaften zum Geschäftsmodell gemacht hat. Ihm ist es gleich auf drei Kontinenten gelungen, die politischen Verhältnisse zu destabilisieren: In Großbritannien warben seine Leute mit Falschbehauptungen für den Brexit. In Australien erklärten sie die Tatsache des menschengemachten Klimawandels auch dann noch zur Erfindung, als das Land längst in Flammen stand. Und in den USA verhalf Murdochs Sender Fox News Donald Trump zur Wahl.

Aber noch mal: In der Regel geschieht es einfach, dass wir uns ablenken lassen. Nicht weil ein einzelner Medienmogul finstere Pläne verfolgen würde, sondern weil das Zusammenspiel von menschlicher Psychologie, digitaler Ökonomie und moderner Medientechnologie einen Sog erzeugt, den die Schriftstellerin Jenny Odell „Dringlichkeits-Wettrüsten“ nennt: Immer härter wird der Kampf um Aufmerksamkeit, an dem alle postend und kommentierend teilnehmen können. Immer besser und perfekter lassen sich menschliche Sehnsüchte, Intentionen und Faszinationen ausspionieren und gerade erst entstehende Hypes verstärken. Bis am Ende des Tages rund um den Globus Millionen Menschen über dasselbe Video lachen oder über die Frage nachdenken, was wohl aus dem Löwenbaby wurde, das ein Pavian in Südafrika auf einen Baum gezerrt hat, um es dort zu lausen und zu kraulen. Die Löwenbaby-Pavian-Geschichte war, nur mal so nebenbei, ein Hype im Weltmaßstab. Und man weiß, belegt durch die harte Währung der Echtzeit-Quoten, dass sogenannte Interspecies-
Lovestories rasant geklickt werden.

Natürlich sind einzelne Geschichtchen, die viral gehen, nicht das Problem. Das Problem ist die systematische Ausbeutung der menschlichen Aufmerksamkeit. Und über diese Form des Missbrauchs lässt sich nicht allein in den individualistischen, politikfernen Kategorien der Digital-Detox-Enthusiasten und der Achtsamkeitsgurus sprechen, die das Weltproblem der Informationsorganisation in ein persönliches Wellnessproblem verwandeln, nach dem Motto: „Bloß raus aus dem News-Smog, ich brauche mal wieder quality time nur für mich!“

Aufmerksamkeit ist eine elementar politische Kategorie. Und die Echtzeit-Hektik einer Erregungsindustrie, die das Publikum nicht als mündiges Gegenüber begreift, sondern zum Klickvieh herabwürdigt, erhöht nicht nur das Stresslevel für den Einzelnen. Sie vernichtet gesellschaftlich dringend benötigte Zukunftsenergien. Sie raubt der öffentlichen Debatte Substanz. Sie verengt Perspektiven, weil sie eine kollektive Gegenwartsfixierung schafft, eine Atmosphäre des totalen Jetzt.

Was also tun? Wie das langfristige Denken fördern, um den existenziellen Krisen der Gegenwart Gehör zu verschaffen? Ich hätte gerne schnelle Antworten und Fertigrezepte, wirklich. Aber die gibt es nicht. Stewart Brand arbeitet zusammen mit anderen am Bau einer riesenhaften Uhr, die, eingesenkt in einen Berg in Texas, 10.000 Jahre schlagen und als Kultstätte der tiefen Zeit ein langfristigeres Denken anstoßen soll. Jerry Brown attackiert noch als 83-Jähriger in Interviews und Stellungnahmen die Schwächung politischer Vorstellungskraft durch Nonsens-Themen, wählt das Werkzeug der Kritik. Und gewiss braucht es lange schon, so denke ich, eine Art planetarischen Journalismus, der aus der Adlerperspektive Entwicklungen sortiert, ein Denken in der langen Linie vorführt. Der Nachhaltigkeit als Nachrichtenfaktor begreift, effiziente Formen des Krisenmanagements analysiert und gegenüber einer kurzatmig gewordenen Politik mit Wucht einklagt. All das ist wichtig, gewiss.

Aber was könnte jeder Einzelne tun, jetzt und sofort? Hier hat Jenny Odell einen Vorschlag, den sie in ihrem Buch „Nichts tun“ unterbreitet. Dieser Vorschlag lautet schlicht: sich selbst für einige Zeit ins Abseits begeben, abschalten, die Fixierung auf das Spektakel des Moments unterbrechen. Aber nicht – und das ist entscheidend – mit dem Ziel der persönlichen Seelenpflege, sondern als ein Akt der Selbstbehauptung und des Widerstands, als intellektuelle Unabhängigkeitserklärung.

Es gilt, die ureigene gedankliche Spur freizulegen, stets auf der Suche nach neuen Bündnissen und der richtigen Mischung aus Kontemplation und Partizipation, Erkenntnis und Engagement. Und tatsächlich: Diese Freiheit des Rückzugs auf dem Weg zur umso entschiedeneren Einmischung ist nicht verloren. Der Rückzug wird schwieriger, das schon. Aber er bleibt möglich. Denn jeder Mensch ist „Herrscher seines winzigen, schädelgroßen Königreiches“, wie David Foster Wallace einmal sagte. Und das heißt: Man kann den Blick abwenden, die Aufmerksamkeitskannibalen und die Provokateure des Tages ignorieren, um sich dann in einer von Krisen geschüttelten Zeit einer einzigen, tatsächlich dramatischen Frage zuzuwenden: Was ist wirklich wichtig?

Bernhard Pörksen

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaften an der Universität Tübingen. Der Artikel ist ein Beitrag für "55 Voices for Democracy", einer Programmreihe von Thomas Mann House, Süddeutscher Zeitung, Deutschlandfunk und Los Angeles Review of Books.

Einsteigen bitte!

Auch wenn die Bahn derzeit das Comeback der Gleise postuliert, bleiben dutzende alte Bahnhöfe in Ostdeutschland ungenutzt. Doch es gibt Menschen, die sie aus ihrem Dornröschenschlaf wachküssen - und zu Räumen der Begegnung und Möglichkeiten machen.
Börnicke

Die Zukunft ist ein recht zweischneidiges Schwert. Als die Bahn im Juni diesen Jahres ankündigte, 20 Bahnstrecken mit einer Gesamtlänge von 245 Kilometern zu reaktivieren, dürfte man in den bald wieder ans Netz angeschlossenen Orten wie Barth am Darß, im brandenburgischen Beelitz und in Barby bei Magdeburg gejubelt haben. Und das zu Recht. Schließlich waren nach dem Zusammenschluss von BRD-Bundesbahn und DDR-Reichsbahn zur privatisierten Deutschen Bahn 1994 knapp 2.500 Kilometer Gleise, gut 210 Strecken, allein in Ostdeutschland stillgelegt worden – womit zigtausenden EinwohnerInnen eines ihrer wichtigsten Mobilitätsmittel genommen war. Und was für viele der sichtbare Beleg fürs Abgehängtsein im wiedervereinigten Deutschland bedeutete.

Doch der Klimawandel hat auch bei der Bahn zu einem Umdenken geführt: Um die Klimaschutzziele der Bundesregierung bis 2030 zu erreichen, müssen wieder mehr Personen- und Güterzüge zurück auf die Schienen. Und so sollen die Fahrgastzahlen bis Ende dieses Jahrzehnts verdoppelt werden, der Güterverkehr soll um fünf Punkte auf 25 Prozent zulegen. „Jeder Kilometer Gleis ist aktiver Klimaschutz“, sagte Jens Bergmann, Vorstand Infrastrukturplanung und -projekte der DG Netz bei der Vorstellung der Pläne. Die Menschen erwähnte er dabei nicht.

Trotz der frohen Kunde bleiben damit weiterhin tausende Kilometer Gleise noch immer unbefahren. Und damit auch dutzende Bahnhöfe ungenutzt im Dornröschenschlaf.

Und hier kommen wir zum zweischneidigen Schwert. Denn in einige dieser alten Bahnhöfe ist das Leben zurückgekehrt. Statt schriller Pfiffe des Bahnvorstehers hört man Musik aus Boxen, statt wartender Fahrgäste sieht man Jugendliche am Billardtisch. Vereine, Kommunen, Initiativen sind in die teils über hundert Jahre alten Gebäude gezogen, um ihnen wieder eine Bedeutung zurückzugeben. Und wie damals die Fahrgäste von hieraus auf die Reise gingen, brechen hier nun Engagierte in eine neue Zeit fürs Gemeinwohl auf. Denn Reisen können schließlich auch stattfinden, wenn man Zuhause bleibt.

Der alte Bahnhof in Börnicke ist heute ein Ort der Ruhe im Grünen

BÖRNICKE

Es muss schon ein besonderes Fleckchen Erde sein, wenn man in Frankfurt und Köln, Paris, Chiang Mai und Perth gelebt hat – und sich dann für Börnicke als Lebensmittelpunkt entscheidet. Wie Lisa und Gero Dusil. In einer „mutigen Entscheidung“, wie sie selber bekennen, haben sie 2017 den stillgelegten Bahnhof in dem kleinen Ort nördlich von Nauen nordwestlich von Berlin gekauft – und aufwändig saniert. Perfekt für gestresste Städter. Und sicher nicht nur für sie. Das Haus liegt direkt am Wald und lädt nach einem Seminar oder Retreat in der Work-Remise zum Spaziergang, wenn man nicht vorher auf der Terrasse mit Blick ins Grüne schon versackt ist. Oder bei einem der kleinen Konzerte, bei einer Wein- oder Kaffeeverköstigung. Oder bei der Netzwerkparty: „Berlin kann jeder – Brandenburg muss man (erst) lernen.“ Für letzteres bieten die beiden Stadtmüden im Winter auch „Landleben auf Probe“ an, ganz nach dem Motto: Sommer kann ja jeder.

Börnicke Cafe

Das Ende einer Lok - und der Beginn einer Verlockung...

Esperanto in der halben Welt

HALBE

Das hätte sich der alte Wilhelm sicher auch nicht vorstellen können. Der Kaiserbahnhof im brandenburgischen Halbe südlich von Berlin wurde 1865 eigens für Wilhelm I. und seine Nachfolger errichtet, um von hieraus auf die Jagd zu gehen. Lang ist’s her. Nachdem das Gebäude, eingebettet in ein kleines Gebäude-Ensemble, spätestens seit den 1990er Jahren immer weiter verfallen war und erst in den vergangenen Jahren durch einen neuseeländischen Investor denkmalgerecht saniert worden ist, machen sie hier nun Jagd auf eine neue Zeit: Der Verein Halbe Welt will den Kaiser- und den benachbarten Esperanto-Bahnhof, die noch immer von einer Regionalbahn angefahren werden, zu einem Kulturknotenpunkt machen. Im Kaiserbahnhof soll es ein Café und Ferienwohnungen geben, es sollen Veranstaltungen und Hochzeiten stattfinden. Im benachbarten Esperanto Bahnhof, ehemals das Bahnhofsempfangsgebäude, gibt es bereits Vortrags- und Seminarräume für Menschen aus aller Welt, die die internationale Sprache Esperanto lernen möchten. Der Verein Halbe Welt rahmt all die Aktivitäten mit Kultur und Kunst ein. Wenn das der Kaiser wüsste.

Hier gibt es noch viel Spielraum für eigene Ideen

MEYENBURG

Ein ähnliches Schicksal wie Meyenburg hat auch Karow getroffen. Der Ort in Mecklenburg-Vorpommern war über hundert Jahre von 1887 bis in die 1990er Jahre ein bedeutender Kreuzungs- und Umsteigepunkt auf der Nord-Süd-Achse von Güstrow nach Pritzwalk und auf der West-Ost-Route von Schwerin nach Waren (Müritz). Also nicht unbedeutend. Trotzdem wurde der Personenverkehr im Mai 2015 eingestellt, zuletzt fuhren – aufgrund des massiven Drucks von Bürgerinitiativen – immerhin wenige Züge während der Saison zwischen Juni und August. Ansonsten kommt man nur noch mit einem sogenannten RUF-Bus in den Ort am Plauer See. Der weiträumige Bahnhof von 1882, seine zwei Wassertürme und weitere Gebäude stehen seitdem leer – und unter Denkmalschutz, was eine aufwändige Sanierung bedeuten würde. Eine Wiederbelebung ist nicht in Sicht. Also wenn jemand Lust hat …

KAROW

Ein ähnliches Schicksal wie Meyenburg hat auch Karow getroffen. Der Ort in Mecklenburg-Vorpommern war über hundert Jahre von 1887 bis in die 1990er Jahre ein bedeutender Kreuzungs- und Umsteigepunkt auf der Nord-Süd-Achse von Güstrow nach Pritzwalk und auf der West-Ost-Route von Schwerin nach Waren (Müritz). Also nicht unbedeutend. Trotzdem wurde der Personenverkehr im Mai 2015 eingestellt, zuletzt fuhren – aufgrund des massiven Drucks von Bürgerinitiativen – immerhin wenige Züge während der Saison zwischen Juni und August. Ansonsten kommt man nur noch mit einem sogenannten RUF-Bus in den Ort am Plauer See. Der weiträumige Bahnhof von 1882, seine zwei Wassertürme und weitere Gebäude stehen seitdem leer – und unter Denkmalschutz, was eine aufwändige Sanierung bedeuten würde. Eine Wiederbelebung ist nicht in Sicht. Also wenn jemand Lust hat …

Karow

Leerstand im Denkmal Bahnhof Karow

RÖBLINGEN AM SEE

„Unser Bahnhof ist für einige Menschen eine wichtige Station auf ihrem Lebensweg.“ So umreißt es Amanda Dählmann, wenn sie über ihr Projekt „Lebensraum Röblingen“ erzählt, einer 3000-EinohnerInnen-Stadt westlich von Halle in Sachsen-Anhalt. Und wer sich in dem 150 Jahre alten, etwas schmucklosen Gebäude umsieht, muss ihr Recht geben. In nur drei Jahren haben die Mutter dreier Kinder und andere Engagierte einen Ort der Begegnungen geschaffen: ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt für 15 Menschen, Ferienwohnungen, ein Biogarten, ein Coworking-Space, ein Verschenkeladen – und natürlich viele Kultur-Veranstaltungen für die EinwohnerInnen und Gäste. Das Zusammenleben sei „undogmatisch“, sagt Amanda Dählmann. Und das ist wichtig: Schließlich habe es viele Ressentiments der Einheimischen gegeben, gespeist aus Wendefrust und Perspektivlosigkeit. Mittlerweile ist der noch immer in Betrieb befindliche Bahnhof aber ein Treffpunkt für alle, der bereits sogar zwei Ableger vor Ort hat. Die „Lebensweg-Stationen“ werden mehr.

GÜSOW

In Güsen zwischen Brandenburg an der Havel und Magdeburg hält nur noch der RE1. Immerhin. Der Verein bahnhof17 – benannt in Anlehnung an die 17 Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen – hat hier im ehemaligen Kleinbahnhof einen Ort des Aufbruchs etabliert: Im Gründungslabor werden neue Ideen und Unternehmungen aufs Gleis gebracht, an denen man im Coworking Space gleich arbeiten kann. Wie zum Beispiel am Netzwerkgeld, das als komplementäre Währung in der Region für einen eigenen Wirtschaftskreislauf genutzt wird, und von der Drosos-Stiftung unterstützt worden ist. Daneben gibt es Wohnzimmerkonzerte, Clubkino, Integrationsprojekte für Kinder mit Migrationserfahrung, eine Werkstadt. Ganz nach ihrem Motto: „Im bahnhof17 geht es auf die Reise, um Möglichkeiten zu entdecken.“ Doch das ist nicht alles: Der Förderverein BürgerBahnhof Güsen kümmert sich um den Erhalt des Bauwerks und die Aufarbeitung historischer Eisenbahnfahrzeuge wie die V10b von 1962 aus Babelsberg, die es auf 30 km/h schafft. Mit ihr sollen künftig wieder Fahrten für TouristInnen möglich sein.

Die Kuhpäpstin

Die Kuhpäpstin

Wer in die Zukunft der Landwirtschaft reisen möchte, muss auf eine Weide, kurz vor Polen. Auf dem Hof „Stolze Kuh“ im Odertal haben Anja Hradetzky und ihr Mann Janusz einen Mutter- und Milchkuh-Betrieb aufgebaut, der Naturschutz, ökologischen Landbau und eine wesensgemäße Tierhaltung verbindet. Als gelernte „Kuhflüsterin“ weiß Anja Hradetzky, was das Wesen des Rindviehs ausmacht und gibt dieses Wissen in Seminaren und bei gemeinsamen Streifzügen über die Weiden weiter. Wir gehen mit.

Leicht hat es die Landwirtschaft der Zukunft offenbar nicht, denn Anja Hradetzky ist sauer. Auf dem letzten Demeter-Verbandstreffen hat sie erfahren, dass neue Großbetriebe in den Verband aufgenommen werden und sich zukünftig mit dem strengen Bio-Siegel schmücken dürfen. Betriebe, die in den Augen der jungen Landwirtin viel zu viele Tiere haben, um sie noch wesensgemäß halten zu können, nämlich grasend auf der Weide. Für sie ist es deshalb ein Schritt in die falsche Richtung. Auch die Bundesregierung will als Teil ihres Klimaschutzprogrammes den Ökolandbau bis 2030 ausbauen – und den Anteil der ökologisch bewirtschafteten Fläche von derzeit knapp 10 auf 20 Prozent heben. Was alles unter Ökolandbau fällt, ist allerdings ein weites Feld. Anja Hradetzky und ihr Mann praktizieren seit 2014 die auf den ersten Blick vielleicht radikalste Form. Für die Eltern von zwei Kindern ist es aber der einzig vertretbare Weg, wenn Milch und Fleisch weiter auf unseren Tellern landen sollen.

Um zu erfahren, wie dieser Weg aussieht, treffen wir Anja Hradetzky auf ihrem Hof „Stolze Kuh“ im 300-Seelen-Ort Stolzenhagen am Rande der Uckermark. Es ist mit über 36 Grad eines der heißesten Wochenenden in Brandenburg. Die stolzen Kühe sind träge und haben sich unter den kühlen Schutz der Bäume zurückgezogen. Bei solchen Temperaturen auch einen Gang runter zu schalten, ist für die 34-jährige Landwirtin nicht drin. Sie hat wie jeden Tag ein straffes Programm: Melken, Zäune ziehen, Bauernmarkt, Vertriebstouren, Büroarbeit, Weideführung, Mittagessen für ihre 4- und 7-jährigen Kinder kochen. Zeit für unsere Fragen nimmt sie sich trotzdem.

Wir brauchen eine Landwirtschaft ohne Verschwendung.

Anja, du bist einer von drei Menschen in Deutschland, die eine besonders stressarme Kommunikation mit Kühen praktizieren: das Low Stress Stockmanship. Du wirst deshalb auch oft als Kuhflüsterin bezeichnet. Eine passende Beschreibung?

Anja Hradetzky: Der Begriff Kuhflüsterin kam von den Medien. Aber er gefällt mir. Ich flüstere zwar nicht wirklich, sondern kommuniziere durch mein Laufen, meine Geschwindigkeit und durch den Winkel, in dem ich zu den Kühen stehe. Aber es ist eine ziemlich ruhige Angelegenheit. Wer nicht geübt ist und nicht weiß, wie sonst auf dem Feld geprügelt und geschrien wird, für den sieht es wahrscheinlich sehr unspektakulär aus. Aber gerade wenn es beispielsweise darum geht, ängstliche Kühe auf einen Transporter oder in den Melkstand zu bekommen, dann praktiziere ich schon einen sehr anderen Umgang mit den Kühen als leider sonst üblich.

Nicht nur deine Kommunikation mit Kühen ist besonders, deine Kühe leben und sterben auch anders.

Alle unsere Kühe – auch Bullen und Kälber – sind das ganze Jahr gemeinsam über auf der Weide, auch im Winter. Da wir alte robuste Rassen haben, halten sie das gut aus. Dank unseres mobilen Melkstands können wir sie auch auf der Weide melken. Unsere Kühe fressen ausschließlich Gras und was sie sonst so an Kräutern finden. Deshalb sieht übrigens auch der Käse unserer Käserei immer wieder anders aus. Für die Wintermonate ohne Aufwuchs fressen sie Klee- und Luzerne-Heu, das wir selbst machen. Für uns ist außerdem selbstverständlich, dass wir den Kühen ihre Hörner lassen, da diese ihren Wärmehaushalt regulieren. Kurz: Wir versuchen, sie so wesensgemäß wie möglich in ihrem natürlichen Habitat leben – und sterben zu lassen. Seit einiger Zeit dürfen wir unsere Tiere durch den Kugelschuss auf der Weide töten, das ist die stressärmste Form der Tötung, die möglich ist.

Eine Besonderheit eures Hofes ist die kuhgebundene Kälberaufzucht. Was heißt das?

Statt die Kälber wie üblich von der Mutterkuh zu trennen, lassen wir sie mindestens eine Woche bei der Mutter trinken. Danach gewöhnen wir jeweils zwei Kälber an eine Kuh: Das heißt, eine Kuh begleitet weiterhin ihr eigenes Kalb und ‚adoptiert‘ das Kalb einer anderen. Die andere Kuh kann ihr Kalb weiterhin besuchen und sicher gehen, dass es gut versorgt ist. Das funktioniert sehr gut, auch weil es in der Herde Kühe gibt, die mehr Lust auf die Mutterrolle haben als andere. Das ist wie bei uns Menschen (lacht).

Für euch bedeutet diese Form der Kälberaufzucht aber weniger Milch. Warum hast du dich trotzdem dafür entschieden?

Ein Kalb braucht eine Mutter. Auch das ist wie bei uns Menschen. Es stimmt, für uns heißt das, nur jede zweite Kuh melken zu können, bis die Kälber alt genug sind. Aber die für einen Milchkuhbetrieb gängige Praxis, die Kälber gleich nach der Geburt aus einem Nuckeleimer trinken zu lassen, alleine im Stall ohne Bezugstier, ist einfach nicht wesensgemäß. Außerdem stärkt das Trinken am Euter das natürliche Immunsystem der Kälber und macht sie resistenter gegen Krankheiten. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Kälber so direkt in die Herde integriert werden und von der Kuh soziale Verhaltensweisen lernen: Schau, dort gibt es Wasser; Vorsicht, da ist Strom; Das ist Anja, die will irgendwas von uns; Zäune sind Grenzen. Das wiederum erleichtert meine Arbeit mit der Herde enorm. 

Ihr seid nicht nur ein Milchkuhbetrieb, sondern verwertet auch das Fleisch der Rinder, obwohl diese Form der Zweitnutzung nicht weit verbreitet ist …

Erst hatte ich immer nur an Fleischverarbeitung gedacht. Dann fand ich es aber schade, die Rinder nur zu halten, um die Kälber zu verwursten, wenn man die Kühe doch auch melken kann. Wir halten deshalb alte Zweinutzungsrassen, bei denen beides kombiniert geht. Auch mit dem Vorteil, dass wir die männlichen Kälber der Milchkühe nicht loswerden müssen – was leider oft gängige Praxis ist. Im schlimmsten Fall werden sie nach der Geburt getötet, da sie für die Milchkuhbetriebe wirtschaftlich wertlos sind.

Wie Anja Hradetzkys Kuhhaltung konkret aussieht, zeigt sie am nächsten Morgen, früh um 7 Uhr. Mit dem PickUp geht es in den Nationalpark Unteres Odertal. Hier haben die Hradetzkys 110 Hektar Weidefläche gepachtet. An der Weide angekommen, sind wir noch etwa eine halbe Stunde unterwegs, um die Kühe für die morgendliche Melkroutine abzuholen. Anja Hradetzky läuft schließlich mal rechts, mal links von den Tieren und spricht ruhig mit ihnen. Laut wird sie nie. Dass jeder Schritt wohl durchdacht ist, merkt man erst, wenn man den eingespielten Ablauf zwischen Herde und ihr stört, weil man selbst im falschen Winkel zur Kuh steht und das Tier sich plötzlich nicht mehr von der Stelle bewegt.

Insgesamt haben die Hradetzkys 170 Rinder. Etwa 25 von ihnen melkt Anja Hradetzky an diesem Morgen, jeweils sechs stehen zur gleichen Zeit im offenen Weidemelkstand. Obwohl die studierte Landbäuerin ohne Eile ist, geht es zügig voran, schließlich stehen die Tiere friedlich Schlange, bis sie an der Reihe sind. Die Rinder, Ammenkühe, Kälber und Bullen haben sich derweil schon wieder unter die schattigen Bäume gedrängt und schauen dem Treiben entspannt zu. Ein Paar fällt besonders auf. Es sind der Bulle Hauke und die gerade rindernde (Kuhsprech für läufige) Florentine. Morgen wird er sie wohl befruchten, erklärt Anja Hradetzky, heute gewöhnen sie sich schon mal aneinander, quasi ein kleines Vorspiel. Von künstlicher Besamung oder der separaten Haltung der Bullen, die dann nur zum Decken der Kühe herausgelassen werden, hält sie nichts. Dass die Bullen bei solch einer Haltung irgendwann aggressiv werden und damit ihren schlechten Ruf bestätigen, sei kein Wunder. 

Mit knapp 280 Liter Milch ist das Melkfass auf der Ladefläche des PickUps schließlich befüllt, und es geht zurück zum Hof. Dort findet so wie jeden Samstag der Bauernmarkt statt, den Anja Hradetzky für eine bessere Direktvermarktung ins Leben gerufen hat. GemüsebäuerInnen und ImkerInnen aus der Region verkaufen hier ihre Produkte, auch Anja Hradetzky steht hinter der Käsetheke. Der Markt wird gut angenommen. Vor allem junge Familien aus der Region und WochenendpendlerInnen aus Berlin kommen vorbei. Es ist neben der Belieferung vieler DirektkundInnen, einiger Bioläden und dem Verkauf über viele Marktschwärmereien in Berlin die einzige ganz nahe Vertriebsmöglichkeit für ihre Produkte.

Als Kuhflüsterin bist du in Deutschland ziemlich einzigartig. Aber es gibt immer mehr junge Bäuerinnen und Bauern, die auf eine nachhaltigere Landwirtschaft setzen. Du und dein Mann habt das ‚Bündnis Junge Landwirtschaft‘ mitgegründet. Wächst da gerade eine neue Generation an LandwirtInnen heran?

Ich hoffe es. Aber es ist sauschwer. Allein von den Oder-Jungbäuerinnen und -bauern aus unserer Region sind von anfangs 30 Mitgliedsbetrieben vielleicht nur noch eine Handvoll dabei. Es ist einfach zu schwierig, als Betrieb zu überleben, finanziell lohnt sich bäuerliche Landwirtschaft einfach nicht in Konkurrenz zur Industrie. Es ist viel einfacher, irgendwo anders mehr Geld mit besseren Arbeitszeiten zu verdienen. Und Großbetriebe werden durch die aktuellen Förderstrukturen viel mehr unterstützt. Wenn Landwirtschaft wie am Fließband funktioniert, ist das natürlich viel einfacher und kostengünstiger, als wenn man individuell auf die Tiere eingeht.

Wenn das finanziell schwierig ist, wie schafft ihr es zu überleben?

Ökonomischer im herkömmlichen Sinne sind die Großbetriebe, darüber brauchen wir gar nicht diskutieren. Meine Kühe geben auch weniger Milch. Ich müsste sofort schließen, wenn ich nur die Zahlen betrachte. Aber ich denke ganzheitlich: Was bedeutet es für die Kuh, wenn sie in Herden mit bis zu 250 Kühen lebt? Wenn sie den ganzen Tag den Lüfter statt Vogelgezwitscher hört? Wenn sie direkt nach der Geburt von der Mutter getrennt wird? Und weil ich das auch den Menschen kommuniziere und erkläre, warum unsere Milch, unser Käse und unser Fleisch teurer sind, kann ich meine Produkte trotzdem verkaufen und davon leben. Die Frage ist doch: Wie wollen wir mit unseren Mitgeschöpfen umgehen? Welches Leben gönnen wir ihnen?

Könnt ihr diesen Themen gemeinsam mit dem ‚Bündnis Junge Landwirtschaft‘ eine größere Lobby verschaffen? 

Wir sind schon sehr aktiv und werden auch viel von der Presse angefragt. Politisch fallen wir aber kaum ins Gewicht. Speziell zum Thema kuhgebundene Kälberaufzucht haben wir noch die Interessensgemeinschaft ‚Kuh und Kalb – Zeit zu zweit‘ mitgegründet. Mit diesem neuen Label wollen wir mehr Transparenz für die KonsumentInnen schaffen. Aber auch für mich persönlich sind solche Netzwerke extrem wichtig zur eigenen Motivation, für den Austausch mit Gleichgesinnten und Unterstützung in schwierigen Situationen.

Welche schwierigen Situationen meinst du?

Das ,Bündnis Junge Landwirtschaft‘ hat zum Beispiel eine Flächenplattform gegründet, die EigentümerInnen von Flächen mit JunglandwirtInnen zusammenbringt. Geeignetes und bezahlbares Land zu finden ist sehr schwierig. Und wenn es sich jetzt sogar lohnt, Flächen mit Photovoltaik zuzupflastern, weil der Hektar 2.000 Euro Pacht bringt und damit mehr Geld als je durch Bewirtschaftung für Lebensmittel möglich ist, gestaltet sich für JunglandwirtInnen der Einstieg immer schwieriger. Doch auch wenn diese Schwelle genommen ist, gibt es im kleinbäuerlichen Alltag immer neue Hürden, die einem das Leben schwer machen.

Welche sind das?

Ein großes Problem ist zum Beispiel die Bürokratie. Von meinem Zehn-bis-Zwölf-Stunden Arbeitstag entfallen bestimmt sieben Stunden aufs Büro, zwei Stunden aufs Melken und eine Stunde auf Orga-Kram. Allein der jährliche Agrar-Antrag für die Subventionen ist so kompliziert, dass ich trotz meines Studiums fast nicht durchsteige. Das ist alles Zeit, die mir fürs Melken oder Zäunen fehlt. Wer 2.000 Hektar Ackerbau mit nur drei Kulturen bestellt, für den ist es einfacher – aber für vielfältigere Betriebe mit zehn Kulturen auf 100 Hektar Land ist es richtig kompliziert. Und manchmal wird es auch einfach nur absurd.

Inwiefern?

Die Hygienevorschrift für Melkstände sieht vor, die gefliesten Wände regelmäßig zu reinigen. Wenn es aber wie bei meinem offenen Weidemelkstand keine Fliesen gibt, wird es kompliziert und erklärungsintensiv. Oder der Kugelschuss auf der Weide: Ich muss für jedes Tier die Genehmigung aufs Neue beantragen. Es wäre viel einfacher, 30 Tiere auf einen Lkw zu verladen und quer durch Europa zum Schlachthof zu schicken – ohne Kontrollen! Das ist total verrückt.

Du sorgst dafür, dass deine Tiere ein gutes Leben haben. Wie sieht es mit der eigenen Work-Family-Balance aus?

Es ist schon sehr viel Arbeit und wir machen vieles selbst. Unsere Kinder sind oft mit dabei, wir haben aber auch ganz klare Familienzeiten. Trotzdem passiert in der Landwirtschaft natürlich auch Unvorhergesehenes: Gerade erst heute Morgen, an einem Tag mit 35 Grad, mussten wir Bullen einfangen, deren Zaun wahrscheinlich von Wild eingerissen wurde – zwei Stunden lang. Da klebt die Zunge am Gaumen. So etwas wird halt einfach keiner mehr machen für ein bisschen mehr als Mindestlohn. Und ich würde lügen, wenn diese Rahmenbedingungen und auch die Entwicklung hin zu immer mehr Großbetrieben auch im Bio-Bereich nicht auch bei mir Zweifel nähren. Dennoch: Aufhören, mich für eine bessere Landwirtschaft und einen achtsameren Umgang mit Tier und Natur einzusetzen, kommt nicht in Frage.

Unser gemeinsamer Streifzug endet mit einem öffentlichen Weidebesuch, zu dem Anja Hradetzky Interessierte einmal im Monat einlädt. Treffpunkt ist eine Brücke am Kanal. Einige Minuten bleiben ihr, bevor es losgeht. Die nutzt sie kurzerhand, um sich durch einen Sprung ins kühle Wasser eine Abkühlung zu gönnen. Mit nassen Haaren begrüßt sie im Anschluss knapp 20 Interessierte: Leute aus der Region, Urlaubsgäste, ein alter Studienkollege aus Berlin. Viele Kinder sind dabei. Anja Hradetzky erzählt Anekdoten von ihren Rindern, erklärt aber auch den jungen ZuhörerInnen ohne Umschweife, wie die Schlachtung der Tiere funktioniert. Sie ist in ihrem Element, belehrt nicht, erzählt einfach, wie es ist und steckt auch ihre Zuhörerschaft mit ihrer Begeisterung für einen ganzheitlichen Blick auf Landwirtschaft an.

Bist du trotz aller Herausforderungen überzeugt, dass der Ökolandbau die Landwirtschaft der Zukunft ist?

Wenn ich sehe, wie die Böden heruntergewirtschaftet werden und gar nichts mehr darin lebt, dann ist eigentlich nur unsere Landwirtschaft zukunftsweisend. Oder nehmen wir die Hochleistungszucht: Die bringt zum Beispiel Kühe mit immer größeren Eutern hervor mit dem Ergebnis, dass das Melkgeschirr nicht mehr an den kurzen Zitzen hält. Dann muss erst eine alte Rasse, die wir Idealisten erhalten, eingekreuzt werden, um wieder längere Zitzen hervorzubringen. Unsere Landwirtschaft geht nachhaltiger mit ihren Ressourcen um. Manche sagen deshalb: Wir werden uns Bio ernähren oder gar nicht. Wirklich zukunftsfähig ist sie aber nur ohne die Konkurrenz der Billig-ProduzentInnen, die auf Kosten der Tiere, Menschen und des Ökosystems wirtschaften. 

Zur Zukunftsfähigkeit gehört auch, sich für den Klimawandel zu wappnen. Sind nachhaltige Betriebe wie eure da besser aufgestellt?

Unsere Rinder sind super an unseren Standort angepasst. Die halten auch mal zwei trockene Jahre aus. Sie geben dann zwar ein bisschen weniger Milch, aber sterben nicht gleich davon. Es ist mir super wichtig, resilient zu wirtschaften. Das hat sich auch während der Corona-Pandemie bewährt, als Futtermittel knapp wurden, schließlich wächst unser Futter auf der Weide und ist nicht von globalen Lieferströmen abhängig. Gerne würden wir auch noch mehr regenerative Landwirtschaft betreiben, und auf unserer Weidefläche mehr Bäume zum CO2-Ausgleich pflanzen. Agroforst nennt man das. Auf der von uns gepachteten Fläche ist uns das aber leider nicht erlaubt.

Wie stehst du zu Vorschlägen, dass sich auch der Ökolandbau gegenüber bestimmten Gen-Techniken und der Digitalisierung öffnen muss, um die Erträge effizienter zu gestalten?

Eine stärkere Digitalisierung zum Beispiel zur Erleichterung der Bürokratie? Ja, gerne! Aber Viehhaltung mit künstlicher Intelligenz? Ich glaube, dass es schwierig ist, wenn Tiere nur noch von Maschinen bedient werden. Es sind Lebewesen! Grundsätzlich glaube ich, wir sollten Landwirtschaft so natürlich halten und so wenig ins System Natur eingreifen wie möglich. Mein Vorschlag für mehr Effizienz: eine Landwirtschaft ohne Verschwendung. Ein Drittel der in Deutschland gehaltenen Schweine landen am Ende im Müll. Wenn wir mit solchen Skurrilitäten aufhören, brauchen wir keine Gen-Technik.

Vieles, was du ansprichst, ruft nach politischen Lösungen. Was kann der Einzelne tun?

Vote with your fork! Das macht den Unterschied. Mit jeder Kaufentscheidung sagt man: Bitte mach mehr davon! Und es wird einfach mehr davon gemacht, egal in welche Richtung.

Der langsame Fluss in die Zukunft

Eine Reise über die Peene ist nicht nur ein Naturschauspiel, sondern auch eine Fahrt an Orte vielfältigen gesellschaftlichen Engagements. Mal wie im Paradies, mal voller Probleme. Ein Trip in eine Zukunft, die noch nicht so recht kommen mag.

Eine Reise über die Peene ist nicht nur ein Naturschauspiel, sondern auch eine Fahrt an Orte vielfältigen gesellschaftlichen Engagements. Mal wie im Paradies, mal voller Probleme. Ein Trip in eine Zukunft, die noch nicht so recht kommen mag.

Die letzten hundert Meter auf dem Weg ins Paradies ist Sache der Schwäne. Theresa, Lena und Andi, die entenvogelgleichen Plastik-Tretboote, liegen vertaut am Steg und glotzen stumm ins Schilf. Startbereit für all die Gäste, die heute wieder einmal zahlreich in ihnen auf die andere Seite der Peene zum Moorbauern hinüberrattern werden, um dort vielleicht nicht gleich in Milch und Honig zu schwelgen, sondern um die Rempliner Wildbratwurst zu probieren oder den Bratbarsch von einem der hiesigen Fischer. Uta Berghöfer steht am anderen Ufer auf den Planken vor der Gaststätte, beschirmt ihre Augen vor der hoch stehenden Sonne mit der Hand und blickt übers Wasser. Sie lächelt. „Egal, wer zu uns kommt, woher sie sind und was sie darstellen“, sagt die 45-Jährige, „das Ankommen bei uns macht alle Menschen erst einmal gleich.“ 

Vorausgesetzt, man findet überhaupt dorthin. Der Moorbauer ist einer dieser Hidden Places, südlich des Kummerower Sees bei Malchin gelegen, inmitten der Weiten Mecklenburg-Vorpommerns am nördlichen Rand der Seenplatte, eine Oase inmitten einer rauen Wildnis (Anfahrt: siehe rechts). Und der perfekte Startpunkt, um von hier aus über die Peene Richtung Norden bis nach Anklam zu schippern, über diesen etwas eigenwilligen, naturbelassenen Fluss, der nicht ohne Grund „Amazonas des Nordens“ genannt wird, und an dessen Ufer nicht nur Seeadler und Störche, Biber und Fischotter zu finden sind – sondern eine besondere Spezies von Menschen. Menschen, die aus müden Dörfern lebendige Orte machen wollen, der Partizipation und des Engagements, des Aufbruchs und der Gemeinschaft. Einer guten Zukunft eben. Die aus dem Nirgendwo ein Dort machen wollen.

Beim Moorbauern nahe Malchin lässt sich nicht nur hervorragend speisen, sondern auch über die Herausforderungen der Zeit diskutieren. Foto: Jörg Gläscher

Menschen wie Uta Berghöfer und ihr Mann Augustin. Die beiden betreiben die Gaststätte, ehemals eine alte Bauernstelle, erst seit 2020, sind gleichzeitig MiteigentümerInnen und PächterInnen. Und anspruchsvoll. Augustin, der nach dem Abitur eine dreijährige Ausbildung zum Koch gemacht hatte, wollte „keine normale Gastronomie“, keine Fertiggerichte, wie man sie in dieser Gegend so häufig bekommt, sondern vor allem mit regionalen, saisonalen und zumeist biologischen Lebensmitteln frisch kochen. Auf einer Tafel in der Gaststube lässt sich das Ergebnis betrachten: Milch von der Gläsernen Molkerei in Dechow ganz am Westen des Bundeslands bis Bio-Taccos aus Rothenklempenow an der polnischen Grenze im Osten, Störtebecker-Bier aus Stralsund im Norden bis Quark vom Siebengiebelhof im südlichen Drenkow.

Kein Wunder also, dass im Paradies heute wieder einmal alle Plätze belegt sind. Doch nicht nur wegen der guten Speisen, sondern wegen einer besonderen Atmosphäre: Wer hier herkommt, hat das Gefühl, zu Gast auf einer Familienfeier zu sein. Kinder springen kreischend in den Fluss und sonnenbaden auf dem Steg, Frösche quaken, Vögel singen, Menschen plappern. „Beim Moorbauern geht es um Gemeinschaft, um eine solidarische Gastronomie. Wir wollen mit den Menschen aus der Region ins Gespräch kommen, um über gesellschaftlich relevante Fragen zu sprechen“, sagt Uta Berghöfer. „Denn so etwas gibt es in Malchin nicht.“

Zum Beispiel auch über die Mobilität im ländlichen Raum reden, über die Bildung der Zukunft, über das Potenzial für Veränderung. Über jene Themen eben, die sie seit vielen Jahren bewegt. Und für die sie sich engagiert. Zuletzt war Uta Berghöfer Mitglied des von der Landesregierung einberufenen Zukunftsrats von Mecklenburg Vorpommern, der eine Vision für 2030 für eines der strukturschwächsten deutschen Bundesländer erarbeitet hat (siehe auch Interview auf Seite 38). Außerdem ist sie eine der rund hundert NeulandgewinnerInnen des gleichnamigen Programms der Robert-Bosch-Stiftung, das nun in den Händen des Thünen Instituts für Regionalentwicklung liegt, und das Pioniere des ländliches Raums unterstützt. Uta Berghöfer wurde für ihr Projekt des „Moortheaters“ aufgenommen, ein mobiles Landschaftstheater für alle Generationen, bei dem Laien und Profis seit 2013 gemeinsam Stücke aus der Welt des Moores einstudieren und aufführen, um die Menschen in Kontakt mit der Landschaft und ihrer Kraft zu bringen. Es geht um Identität und vielfältige Formen des Zusammenlebens.

Doch wie geht das alles zusammen? Zumal ihr Mann Augustin, Umweltwissenschaftler wie Ute Berghöfer selbst, seit fast zwanzig Jahren beim Umweltforschungszentrum Leipzig angestellt ist, sie vier noch minderjährige und schulpflichtige Kinder haben, die zwar tatkräftig im Moorbauern mithelfen, aber doch noch Betreuung und Zuwendung brauchen. Wie gelingt der Spagat zwischen dem Betreiben einer Gaststätte und all den anderen Herausforderungen? „Eine gute Organisation“, sagt Uta Berghöfer. Der Moorbauer ist nur von Donnerstag bis Sonntag in drei Monaten von Juni bis August geöffnet, es gibt viele helfende Hände und eine Eigentümergemeinschaft, die sie unterstützen. Trotzdem bekennt sie: „Es ist eine Herausforderung, die uns auch an die eigenen Grenzen führt.“

Es sei ein ständiger Balanceakt zwischen romantischer Idylle und praktischen Notwendigkeiten, zwischen Kopf- und Handarbeit. Hier geht es nicht ums Geld. Es geht um ein neues Lebensmodell „jenseits des nine to five“, an dem das Eigene – für sich und die Familie – wachsen kann. Und wo gleichzeitig Verantwortung für die Region übernommen wird, in Zukunft etwa mit einem neuen Format, bei dem man Politiker-Innen zu Diskussionsrunden einladen will. Denn: „Es gibt keinen besseren Ort als diesen.“

„Für eine echte Transformation muss man die Komfortzonen ­dehnen“

Vielleicht. Über den See geht es entlang des imposanten Kummerower Schlosses hinauf über die Peene in den Hafen von Demmin, quer durch die Stadt in die Treptower Straße 30, Sitz des nach der Adresse benannten Vereins T30, in ein kleines Ladenbüro an den Tisch von Sarah Dittrich und Hannah Kuke.

Demmin, am Zusammenfluss von Peene, Trebel und Tollense gelegen, 11.000 EinwohnerInnen, ein Mittelalterdorf als touristisches Highlight, bekannt durch regelmäßige rechte Aufmärsche am 8. Mai – und einen langen, düsteren Schatten. In den letzten Kriegstagen wurde die Stadt von den SoldatInnen der Roten Armee heimgesucht, was zu einem Massensuizid von bis zu tausend EinwohnerInnen führte. „Während des Kriegs war hier vielleicht eine Bombe gefallen, und dann brach plötzlich die Hölle los“, sagt Hannah Kuke. „Die Tiefe und das Tempo der Erschütterung wirken bis heute nach.“

Doch das Trauma wurde nie richtig aufgearbeitet, ebenso wenig wie etwa die Folgen der Wendezeit. Vieles liege im Argen, sagt Sarah Dittrich, „wir wollen das Zusammengehörigkeitsgefühl aber nicht über die Vergangenheit und das Meckern darüber schaffen, sondern über das Arbeiten an einer gemeinsamen, besseren Zukunft“. Und so werfen sie die beiden Frauen, die seit rund acht Jahren in der Stadt leben, in zahllose Aktivitäten, um die kulturelle DNA neu zu formatieren. Immer geht es dabei um Mitsprache und -gestaltung, sei es in der Kulturwirtschaft, im Tourismus, in der kommunalen Politik und im Bürgerengagement.

Das T30-Haus ist ihr Knotenpunkt. Hinter dem Ladenbüro hindurch geht es in den Garten in eine Backstein-Remise, wo ein kleiner Co-Working-Space für gemeinnützige Vereine, eine Werkstatt und ein Workshop-Raum eingerichtet wird. Im Haupthaus, das Sarah Dittrich und ihrem Mann gehören, entstehen vier Wohneinheiten. Es ist ein Leben auf einer Baustelle. Und das auch im übertragenen Sinne. Bei all ihren Aktivitäten – der Ideenwettbewerb „Mein Stadtwunsch“, das Aufstellen einer Flüsterbank, Gesprächskreise, Ausstellungen, ein Netzwerk des Engagements spinnen – stoßen sie immer wieder an Grenzen, sowohl in der Verwaltung wie auch bei den BürgerInnen. „Für eine echte Transformation muss man die Komfortzonen dehnen“, beschreibt Hannah Kuke die Aufgabe. „Wandlung und Umbruch passieren nicht von alleine. Man muss machen.“

„Das Leben in Balance ist eine echte Herausforderung“

Das ist auch das Credo von Wibke Seifarth. Mit dem Bus (ab ZOB Demmin Richtung Altentreptow) geht es wenige Kilometer nach Gatschow, südlich von Demmin. Ein Ort mit 80 EinwohnerInnen, an dem sich Fuchs und Hase nicht einmal „Gute Nacht“ sagen können, so weitläufig ist es hier. Und doch ein Ort, an dem das Leben tobt. Ein anderes, ganz eigenes Leben.

Ein Ort für sich, die Familie und die Gemeinschaft – Wibke Seifarth hat mit dem Landkombinat in Gatschow einen Ort des Gemeinwohls geschaffen. Foto: Jörg Gläscher

Wibke Seifarth lebt hier mit ihrer Familie auf einem Hof am Rande des Dorfs, der dem Verein „Landkombinat“ gehört, der den formalen Rahmen für all die Aktivitäten hier bildet und dessen Heimat hier sie mit aufgebaut hat. Derzeit leben und arbeiten insgesamt sechs Erwachsene und zwei Kinder hier. Wer mag, kann gegen Kost und Logis mitmachen. Schließlich gibt es genug zu tun: regelmäßige Repair-Cafés in der alten Backsteinscheune von 1890, internationale Workcamps, eine Mosterei, Gemüseanbau und NaturKulturTage für Schulklassen, Hoffeste, eine offene Werkstatt – ein bunter Strauß fürs Gemeinwohl. Ihre Vision beschreibt Wibke Seifarth so: „Wir wollen einen Lebens- und Arbeitsort, einen Lern- und Begegnungsort für Gemeinschaft und Familie schaffen, verbunden mit dem Boden und den Menschen vor Ort.“

Klingt gut. Und nicht ganz einfach. Doch auch wenn der Anspruch hoch und das Leben bescheiden anmutet, so ist es doch ein selbstbestimmtes und entspanntes Dasein hier. Das Landkombinat hat sich über die Jahre so gut entwickelt, dass Wibke Seifarth kürzlich sogar nach zwei Jahren ihre Arbeit beim Kreisjugendring, die sie sehr schätzte, aufgab, um sich ganz dem Projekt zu widmen, und um ihren Ideen in der Kinder- und Jugendarbeit selbstbestimmt nachzugehen – um so das Landkombinat mit ihrem Berufsleben zu vereinen. Und das hat geklappt. „Für mich ist die beste Entwicklung, dass wir es geschafft haben, Arbeitsbereiche auch an andere abzugeben und nun zu mehreren Verantwortung auf dem Hof tragen“, sagt sie. Aber natürlich sei viel Energie nötig, um die „Dinge im Laufen zu halten“. Und trotzdem: Um noch mehr als bislang schon bewegen zu können, überlegt sie, sich noch mehr in den kommunalen Ausschüssen zu engagieren, schließlich fallen dort die wichtigen Entscheidungen für die Region. Aber noch mehr Aktivitäten? Die studierte Umweltbildnerin zuckt mit den Schulter. „Das Leben in Balance und für die Transformation ist eine echte Herausforderung.“

Da ist es vielleicht gut, wenn man nicht alleine ist oder nur ein paar MitstreiterInnen hat, sondern gleich eine ganze Stadt, die den Wandel wagt.

Ein feiner Aufbruch in Loitz – wären da nicht all die Probleme

Wie die Stadt Loitz, nur wenige Kilometer über die Peene weiter Richtung Norden. Schon 2015 wurde das Dorf mit seinen 4.200 EinwohnerInnen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in das Programm „Zukunftsstadt“ aufgenommen, und die LoitzerInnen schafften es bis in die finale Förderphase, in der ihre in diversen Arbeitsgruppen gemeinschaftlich entwickelten Projektideen nun bis 2030 umgesetzt werden sollen. Doch wer durch die Straßen bummelt, entdeckt zwar viel Stadt, aber wenig Zukunft.

Da ist es hilfreich, dass heute der Verein „Neuland gewinnen e.V.“, ein Ableger des Neulandgewinner-Programms, für einen Tag zu Gast in Loitz ist, um die Aktivitäten sichtbar zu machen. Im renovierten Rathaus diskutiert Bürgermeisterin Christin Witt mit Gästen über die Zukunft der Jugend, ein Paar aus den alten Bundesländern führt durch ihr kürzlich erst erworbenes und heruntergekommenes Haus von 1796, berichtet über Hürden beim Kauf, aber auch über die „tollen Menschen“ hier und ihre gemeinwohlorientierten Visionen. Am Rande des Dorfes können die Gäste bei der Wiederbelebung der ehemaligen und weitläufigen Stärkefabrik mithelfen, die einst 500 Menschen Arbeit gab und Anfang der 1990er Jahre durch die Treuhand abgewickelt wurde – und nun zu einer Art Kultur-Campus ausgebaut werden soll, wenn es nach dem Willen der Engagierten hier geht. Einige munkeln aber auch, dass sich die Stadt gegen einen finanzkräftigen Investor nicht sträuben würde, der die Gebäude abreißen und etwa für einen Hotel-Neubau nutzen würde.

Nicht nur auf den Fassaden, sondern auch dahinter arbeiten die Loitzer an einem neuen Bild für die Stadt. Foto: Jörg Gläscher

Überhaupt, der Leerstand. Wo laut Bürgermeisterin der Zuzug „das große Thema ist“, braucht es kreative Ideen. Das Ehepaar Annika Hirsekorn und Rolando Gonzales haben heute ihr Haus für eine Kleidertauschbörse, Siebdruck und Upcycling geöffnet. Es ist mit dem Projekt „Dein Jahr in Loitz“ Teil der Zukunftsstadt – ein Experiment. Loitz hatte mit der Idee gelockt, dass man ein leerstehendes Gebäude und ein Jahr lang ein Grundeinkommen von monatlich tausend Euro bekommt, wenn man das Haus auf Vordermann bringen und für die Gemeinschaft öffnen würde. Es gab 90 Bewerbungen, Annika aus Ost-Berlin und der in Ecuador geborene Rolando bekamen den Zuschlag. Und sind nun seit April diesen Jahres in Loitz, haben bereits eine kleine Comic-Bibliothek für die Kinder und Jugendlichen eingerichtet und Workshops für sie organisiert. 

„Mir fehlt nichts“, sagt Annika, und auch der selbstständige Videoproduzent Rolando lobt die Offenheit der neuen Mit-BewohnerInnen und dass „viele NachbarInnen bei uns vorbeischauen“. Gemeinsam wollen sie einen Ort des Mitmachens und der Partizipation schaffen, damit „der Edeka nicht der einzige Ort bleibt, wo man die meisten Menschen trifft“, sagt Annika, die in der Hauptstadt bei einem Verein tätig ist und jedes Jahr für zwei Monate in Mexiko arbeitet, weil „ich es nicht mag, das ganze Jahr in Deutschland zu sein“.

Wer sich mit den AkteurInnen unterhält, könnte zu dem Schluss kommen, dass es einen kleinen, aber feinen Aufbruch in der Stadt gibt. Wären da nur nicht all die Probleme.

„Derzeit gibt es einen Stillstand“, sagt Zukunftsstadt-Projektkoordinator Frank Götz-Schlingmann, „verursacht durch Schub und Gegenwind.“ Was er damit meint: Es mangelt nicht an Ideen noch an Engagierten, dafür aber an Einigkeit. Beim Übergang in die derzeitige Umsetzungs-Projektphase habe es einen Bruch gegeben. Zuvor hätten sich die in den diversen Arbeitsgruppen Engagierten mitgenommen gefühlt, das sei nun vorbei. Stattdessen gibt es Schuldzuweisungen: mangelnde Transparenz bei der Fördermittelverwendung, zu viel Geld sei bei DienstleisterInnen versandet und nicht in den Projekten angekommen, das Programm schlichtweg zu groß für eine kleine Verwaltung wie Loitz, Mit-Initiator und Ex-Bürgermeister Michael Sack, heute Landrat Vorpommern-Greifswald und CDU-Landeschef, habe die Stadt im Stich gelassen.

Das beste Rezept gegen den Niedergang einer Kleinstadt wie Loitz: viele helfende Hände – und eine Menge Spaß.
Foto: Jörg Gläscher

Frank Götz-Schlingmann rauft sich die Haare. Der 59-Jährige, auch er ein Neulandgewinner, ist in vielen Gremien Zuhause, ein Netzwerker – und hat gerade einmal einen Vertrag über 15 Stunden in der Woche, um das Herkulesprojekt hier in Loitz ins Leben zu bekommen. Seine Vorgängerin hatte deswegen hingeworfen, und auch er sei kurz davor, bekennt er. Oft müsse er doppelt so viel Zeit in das Projekt stecken, gerade in dieser problembehafteten Phase, da falle viel Anderes hintüber. Zum Beispiel, Natur-Interessierte mit dem Solarboot „UrSolar“ über die Peene zu fahren, was der als „Peenepirat“ bekannte und ehemalige Kapitänleutnant der DDR-Marine wohl am liebsten täte.

Ein Bahnhof und die schwierige Frage des Generationenwechsels

Und so verlässt man Loitz mit gemischten Gefühlen über den Fluss Richtung Anklam, der letzten Station der Reise in eine Zukunft, die hier noch nicht so richtig aus den Puschen zu kommen scheint, hin zu einem Projekt, das schon seit 2014 über die Grenzen der Stadt Bekanntheit erlangen konnte: der Demokratiebahnhof. Und wenn man so will, sind Johanna-Marie Kirchenstein und Christoph Rheinsch die BahnhofvorsteherInnen. Manchmal mehr, als ihnen lieb ist, denn es passiert tatsächlich, dass Fahrgäste in dem Büro der Jugendsozialarbeiterin und des Umweltpädagogen im noch aktiven DB-Bahnhof stehen, um Tickets zu kaufen. „Dann schicken wir sie einmal um die Ecke“, sagt die junge Frau und lächelt ein wenig verlegen.

Gründerin Klara Fries und ihr Team haben hier in ehrenamtlicher Arbeit einen offenen Ort für Kinder und Jugendliche geschaffen, um ihnen eine kostenlose Alternative zu den rechtsextremistischen Angeboten zu machen, mit Musik- und Fitnessraum, einer Fahrradwerkstatt, Tischtennisplatte und Billardtisch, mit Workshops für Siebdruck und Touren in den Kletterpark, Film- und Musikabenden, Arbeitsgruppen zu Demokratie und Toleranz. Und Aktionen gegen Rechts. Manchmal kommt es sogar vor, das Bürgermeister Michael Galander sich bei ihnen meldet um zu erfragen, was sie denn gegen einen der kommenden Neonazi-Aufmärsche geplant hätten. Kein Wunder, dass sie zur Zielscheibe der Rechten geworden sind – im wahrsten Sinne, denn immer wieder fliegen Pflastersteine durch die Fensterscheiben. Vielleicht auch noch aus altem Frust, weil die NPD den Bahnhof ursprünglich für sich nutzen wollte. Daraus ist – auch dank Klara Fries – nichts geworden.

Der Demokratiebahnhof in Anklam ist ein Gemeinschaftsort für die Jugendlichen der Stadt – und mittlerweile ein wichtiger Akteur.
Foto: Jörg Gläscher

Und trotzdem: „Der Demokratiebahnhof ist offen für alle“, sagt Klara Fries. „Und wird von allen gleichermaßen selbstbestimmt mit Leben gefüllt.“ Die jungen Menschen sollen sich hier ausprobieren können, Neues wagen, Selbstwirksamkeit erfahren. Sie selbst ist insbesondere beim Jugendparlament aktiv, das es seit 2018 gibt und die Interessen der jungen AnklamerInnen ins Stadtparlament trägt. Immer wenn es um die Belange von Kindern und Jugendlichen in der Stadt geht, muss der Rat das Jugendparlament mit einbeziehen. Eine eigene Satzung gibt ihm einen Rahmen, Klara Fries begleitet die neun Mitglieder zwischen 11 und 18 Jahren als Honorarkraft ein- bis zweimal im Monat, kümmert sich um die Finanzen und Organisatorisches.

„Endlich spricht man in Anklam über die Probleme, die lange unter den Teppich gekehrt wurden.

Wenn die junge Frau, die Kunst und Geografie auf Lehramt studiert und gerade einen Master-Abschluss in Nachhaltigkeitsgeografie in ihrem Heimatort Greifswald absolviert hat, zurückblickt, dann ist der Jugendtreff „an vielen Stellen so geworden, wie ich es mir vorgestellt habe“. Es läuft hier, auch wenn das viel Durchhaltevermögen gefordert habe. Eine positive Berichterstattung über die Aktivitäten im Demokratiebahnhof und ihre öffentlichkeitsstarken Aktionen hätten zu einer hohen Akzeptanz in Politik und Verwaltung geführt, „so dass man nun endlich in Anklam auch über die Probleme spricht, die zwar offensichtlich sind, aber lange unter den Teppich gekehrt wurden“.

Also alles gut? Fast. Denn selbst die heute noch immer jungen GründerInnen, damals zwischen 16 und 23 Jahre alt, stehen heute vor der schwierigen Frage des Generationenwechsels. Die jungen Gäste bräuchten junge Erwachsene „um andocken zu können“, doch die Suche nach NachfolgerInnen gestalte sich kompliziert, zudem bräuchte man sicher eine zwei- bis dreijährige Übergangsphase, in der man den Neuen den Rücken freihalte. Die heute 28-Jährige selbst sieht sich künftig nicht häufiger im Bahnhof, schließlich steht sie gerade an der Schwelle ins Berufsleben. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Und so endet die Reise über die Peene. Es ist keine Reise in eine neue, schon fertige Zukunft, sondern in das redliche Bemühen um sie. Der Fluss der Erneuerung bewegt sich nur sehr langsam. Manchmal – wie das Wasser der Peene wegen ihres geringen Gefälles und bei Hochwasser in Ostsee und Oder selbst – fließt Engagement sogar in die falsche Richtung zurück wie in Loitz. Manchmal verbirgt es sich wie die Tiere entlang des Flusses, und man muss sehr genau wissen, wo es zu finden ist. Und wie die Peene eingebettet ist in Naturschutzgebiete, einem intakten Ökosystem, so wichtig scheint es auch für die Engagierten zu sein, dass sie verbunden miteinander sind, um sich gegenseitig Kraft zu spenden und Mut zum Weitermachen zuzusprechen. Das ist wichtig. Denn der Weg ins Meer einer anderen, besseren Zukunft ist noch lang. Verdammt lang.

Text: Thomas Friemel, Fotos: Jörg Gläscher

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