Über Grenzen

Michael Seelig

Über Grenzen

Das leuchtend gelbe X, Symbol des Castor-Widerstands, ist noch immer allgegenwärtig. Doch seit dem Ende der Proteste gegen Gorleben als Atommüllendlager weht ein neuer Wind durchs Wendland, angetrieben von Pionieren der Nachhaltigkeit, jungen Visonär*innen und der Kraft der Gemeinschaft. Eine Reise in eine Region des Wandels - über Grenzen hinweg.

Das schmiedeeiserne Tor ist geöffnet. Hinter ihm warten mächtige Kastanien, umgeben von Rotklinker-Fachwerkhäusern mit weißen Sprossenfenstern. Mit Gläsern und Apfelsaft auf einem Tablett kommt Michael Seelig über den kopfsteingepflasterten Hof des Werkhofs Kukate in Waddeweitz, einer knapp 900-Seelen-Gemeinde im östlichsten Zipfel Niedersachsens. Ein Mann mit weißem Haar und Vollbart, ehemals Lehrer, nun 79 Jahre alt und längst in Pension. Und doch so viel mehr. Ein Aktivist und Visionär, einer der großen Engagement-Akteure im Wendland – und das seit Jahrzehnten. Aber das will er über sich selber gar nicht hören. Er versteht sich als Strippenzieher im Hintergrund, der die Menschen miteinander vernetzt. „Ich habe viel angestoßen“, sagt Michael Seelig, „die Arbeit gemacht haben aber häufig andere.“

Werkhof Kukate: Ein Ort der Gemeinschaft
Schon 1975 kauften er und seine Ehefrau Inge den 200 Jahre alten und damals völlig heruntergekommenen Hof. Hier entstand 1995 die „Kulturelle Landpartie“, eine heute weit über die Grenzen des Wendlands hinaus bekannte Kultur-Veranstaltung mit mittlerweile rund hundert Ausstellungs- und Aktionsorten, gerade erst wieder Ende Juli unter dem Motto „Wunderpunkte im Wendland“. Und der Werkhof Kukate ist natürlich bis heute immer mit dabei. Als ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, und sei es nur für ein Wochenende. Inge Seelig, ihre Tochter Juliane und Goldschmied Peter Reddersen kümmern sich um die stets ausgebuchten Handweb-, Goldschmiede- und Tischlerkurse. Die Gäste arbeiten und kochen gemeinsam, schlafen in Einzel- oder Doppelzimmern in dem schmucken Bauernhaus mit großer Diele und offenem Kamin oder in Nebengebäuden.

„Ich bin hier bloß sowas wie der Hausmeister“, sagt Michael Seelig grinsend und scheucht den permanent krähenden Hahn davon. Das ist natürlich arg untertrieben. Der Netzwerker und Anstoßer engagierte sich über die Jahre in etlichen Initiativen und Vereinen. Als Gründungsmitglied des Vereins „Grüne Werkstatt Wendland“ kümmert er sich zum Beispiel seit über zehn Jahren größtenteils darum, junge Leute in die Region zu locken – und zu halten. Den Grundstein dafür legte er mit seinen Kontakten zu Hochschulen und den jährlichen Design-Camps, bei denen Studierende zum kreativen Miteinander auf den Werkhof kommen. „Einige von ihnen sind mittlerweile im Wendland sesshaft geworden“, sagt Seelig stolz.

Ich bin der Strippenzieher im Hintergrund und habe viel angestoßen. Die Arbeit gemacht haben häufig andere.

Das „Elbe Valley“: Eine Modellregion überwindet Grenzen
Das jüngste Projekt, an dem die „Grüne Werkstatt“ mit anderen Organisationen und dem Landkreis
Lüchow-Dannenberg herumschraubt, ist das „Elbe Valley“, eine Modellregion für zukunftsfähigen Strukturwandel, bestehend aus den Teilregionen Lüchow-Dannenberg, Stendal, Prignitz und Ludwigslust. Das Besondere: Die Region ist Deutschlands einziges Vier-Bundesländereck – hier treffen sich Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Die gemeinsame Vision: Die Region nachhaltig, innovativ und krisenfest gestalten. Ihr Leitspruch: „Von Vier zu Wir“. Schwerpunkt sollen die Themen neue Arbeit, neue Wege und neues Wohnen sein. In den Ideenwerkstätten mit etwa 130 TeilnehmerInnen sind bereits Konzepte für 40 innovative Projekte entstanden: Wie beispielsweise ein Baucamp, in dem junge Leute Tiny Häuser bauen, eine Garten-Akademie zur Weiterbildung, ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt, nachhaltige Mobilitätskonzepte und Vernetzungs-Projekte.

Doch um die Zukunftsideen auch umsetzen zu können, muss es erst einmal grünes Licht aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung geben, das die neunmonatige Konzeptphase des „Elbe Valley“ zwar gefördert, über die Finanzierung auch der Umsetzungsphase aber noch nicht entschieden hat. Sollte kein Geld aus Berlin fließen, soll das allerdings nicht das Aus des „Elbe Valley“ bedeuten. Die MacherInnen wollen in jedem Fall weitermachen, auch wenn sie Projekte streichen oder im Umfang reduzieren müssen.

Dieter Schaarschmidt

Dieter Schaarschmidt (65) ist „alter Aktivist“. Heute besitzt er einen Gasthof und vermietet Zimmer an Ankommende.

Ein alter Gasthof für Ankommende
Wo bereits an einer gemeinsamen Zukunft jenseits von Konzeptpapieren gebastelt wird, weiß Strippenzieher Michael Seelig natürlich sehr genau. Zum Beispiel in Göttien. Ein alter Fachwerk-Gasthof. Vor der Tür Rosenbüsche, ein Springbrunnen, auf dem Holztisch ein Krug mit Wasser, in dem Kristalle schwimmen. „Für den Mineralienhaushalt“, sagt Dieter Schaarschmidt. Der 65-Jährige ist „alter Aktivist“ und hat sich während der Atom-Proteste mit seinem Bauchladen voller Aufkleber und Anstecker auf Bauplätzen und Blockaden herumgetrieben. Heute ist er Besitzer des Gasthofs. Ein Haus für Ankommende. Er vermietet kleine Wohnungen mit Bad, großer Gemeinschafts-Küche und -Wohnzimmer an Menschen, die im Wendland leben wollen, ihren endgültigen Platz aber noch nicht gefunden haben. Manche bleiben nur kurz, die meisten für längere Zeit.

Einer von ihnen ist Tobias. Ein junger Zahnarzt, der nach dem Studium in Hamburg aufs Land wollte. Warum gerade das Wendland? „Das ist die einzige ländliche Region, die ich als Kind über viele Jahre im Urlaub erlebt habe.“ Die politische Gesinnung, die Landschaft – das passte für ihn. In die „Tiny-Wohnungen“ von Dieter wollte er allerdings nicht ziehen. Nun bewohnt der Zahnarzt unter dem Dach die einzige große Wohnung – eine ehemalige Heilpraktiker-Praxis, der alte Bewegungs- und Eurythmieraum ist sein Wohnzimmer. Insgesamt zehn MitbewohnerInnen hat Dieter Schaarschmidt momentan. Und eine Warteliste. Er sagt: „Viele junge Leute wollen wegen der Mentalität der Menschen hierherziehen. Aber sie finden keinen Platz, weil es kaum bewohnbaren Wohnraum gibt.“

Der Gasthof-Besitzer, eigentlich gelernter Bio-Bauer und Zimmermann, arbeitet zudem als politischer Berater für die Grünen-Bundestagsabgeordnete Julia Verlinden aus dem hiesigen Wahlkreis. Und er ist Vorreiter in Sachen Erneuerbare Energien. Schon vor Jahren hatte er ein Konzept entwickelt, den Landkreis Lüchow-Dannenberg auf 100 Prozent regenerative Energien umzustellen. Als Vorsitzender des Vereins „Region Aktiv“ stößt er Investitions-Projekte für mehr Windkraft, Photovoltaik oder Biomasse an, wobei es nicht nur um Öko-Strom, sondern jegliche Form der Energie geht. Von der Mobilität bis zur Wärme. Seine Vision, das Wendland mit 100 Prozent Strom aus Erneuerbaren Energien zu versorgen, hat er bereits erreicht. „Nun arbeiten wir an den anderen Bereichen.“

Annika Heinrichs

Annika Heinrichs (37) hat gemeinsam mit FreundInnen ihren Traum verwirklicht und ein ehemaliges Hotel gekauft.

Acht FreundInnen und ihr großer Traum

Nächster Stopp: Salderatzen. An einer roten Backsteinmauer lehnen große, gelbe Holzkreuze – beklebt mit verwitterten Fotos des Widerstands. Dahinter ein riesiger Hof mit einem Gäste- und einem Wohnhaus, daneben mehrere Scheunen. Aus einer dringen Schreie. „Keine Panik, das ist bloß die Freie Bühne Wendland, die hier gerade Theaterprobe hat“, sagt Annika Heinrichs lachend. Die 37-Jährige ist Teil der Genossenschaft, die das ehemalige „Hotel Herrenhaus“ gekauft hat. Acht FreundInnen aus Berlin und Hamburg verwirklichen hier mit fünf Kindern ihren Traum. „Ein Ding der Möglichkeit“ heißt ihr Projekt, ein „Experimentierfeld für Co-Kreation und Zeitgeist“.

Vorher war mein Leben in Hamburg auf Konsum fixiert. Heute bin ich viel gelassener.

Im alten Kuhstall soll bis Ende April 2022 auf 700 Quadratmetern ein „Kreativ- und Innovationslab“ entstehen. Unten sind Ateliers, ein Workshopraum und eine Holzwerkstatt geplant, oben ein Co-Working-Space und ein „Mindful-Space“ für Yoga und Meditation. Gegenüber kann in den 15 Doppelzimmern im prachtvollen Herrenhaus übernachtet werden, im Gastrobereich kommen vor allem biologische, regionale und saisonale Gerichte auf den Tisch. Daneben steht das Wohnhaus der befreundeten BesitzerInnen. „Wir wollen Workshops, Veranstaltungen und Teambuilding-Formate anbieten“, sagt Annika Heinrichs. In Hamburg war die Digitalstrategin festangestellt als Teamleiterin. Jetzt genießt sie mit ihrem Mann und den zwei kleinen Kindern die Unabhängigkeit auf dem Land. Vorher sei ihr Leben auf Konsum fixiert gewesen. „Heute bin ich viel gelassener. Die Umgebung gibt mir innere Ruhe.“

Die Hofgemeinschaft „7einviertel“
Michael Seelig mahnt zum Aufbruch nach Prießeck. Ein alter Hof mit Haupthaus und mehreren Nebengebäuden. Hier lebt die Hofgemeinschaft „7einviertel“ – wegen der Hausnummer sieben und der vier BesitzerInnen. 2006 zogen Torsten Rösner (48), seine Ehefrau und Freund Patrizio Guida (46) mit seiner Frau und den beiden Kindern von Gifhorn ins Wendland. „Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Hier gibt es eine sehr offene Willkommenskultur. Wir gehörten sofort dazu“, sagt Rösner und serviert im Garten selbstgemachtes Eis mit Beeren, Erdnüssen und frischer Minze. „Ich überlege selber Eis herzustellen“, sagt er.

Eigentlich ist er Tischler mit eigener Werkstatt. Momentan baut er für sich und seine Frau ein Tiny-Haus mit knapp über 30 Quadratmetern am Rande des Gartens. Mit Küche, Bad, Ofen und großem Sofa. Über eine Holztreppe geht es nach oben. Im ersten Stock befindet sich das Schlafzimmer, „weil ich vom Bett auf die Kühe gucken möchte“, erklärt der Mann mit Schiebermütze und Shirt, auf dem „714“ steht. Dass ein reduzierter und dabei nachhaltiger Lebensstil immer mehr Menschen reizt, zeigte 2019 das von Michael Seelig initiierte „Tiny Living Festival“, bei dem sich etliche Aussteller auf dem Hof präsentierten. Statt der erwarteten 600 kamen mehr als 3.000 BesucherInnen.

Nachhaltig leben – das ist auch Patrizio Guida wichtig. Allerdings mag er es größer. Der Ingenieur hat auf dem Gelände ein schickes Holzhaus mit 200 Quadratmetern für sich und seine Familie bauen lassen. Das Besondere: Er ist der Erste, der einen Neubau in einem historischen Rundling errichten durfte. Rundlinge sind eine typische Siedlungsform im Wendland, kennzeichnend sind die kreisförmig um einen Dorfplatz errichteten Häuser. Gegenwärtig bewerben sich mehrere Rundlingsdörfer der Region um die Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe.

Aber nicht nur die BesitzerInnen leben auf dem Hof. Es herrscht reges Treiben. Immer wieder mieten sich Menschen nur zum Arbeiten oder auch zum Wohnen ein, wie derzeit ein Goldschmied oder die Freunde Finn Jessen und Moritz Barre, die über ein Design-Camp ins Wendland kamen und auf dem Hof „SISU Containers“ gründeten. Ein Unternehmen, das aus alten Überseecontainern moderne Tiny Houses baut.

 

Torsten Rösner

Torsten Rösner (48) ist Tischler. Sein neuestes Großprojekt: Er baut für sich und seine Frau ein Tiny-Haus.

Kreativlabor für Wendland-AkteurInnen
Wer bei all den AkteurInnen und ZukunftsmacherInnen den Überblick verliert, ist im „PostLab Kreativlabor“ in Lüchow gut aufgehoben, der Sitz der „Grünen Werkstatt“. Hier laufen die Fäden der Region zusammen: Ein Ort, an dem sich Wendland-AkteurInnen, FreiberuflerInnen und Kreative austauschen. Im Obergeschoss sitzen MitarbeiterInnen des Landkreises. Wie Nicole Servatius, die als Studentin bei einem Design-Camp auf dem Werkhof Kukate Michael Seelig kennengelernt hatte und mittlerweile ins Wendland gezogen ist. „Man kann hier schnell Dinge realisieren, die einen Mehrwert haben, die sinnstiftend sind. Das hat mir sehr gefallen“, sagt die 33-Jährige, die Mitglied der „Grünen Werkstatt“ und beim Landkreis als Leiterin der Stabsstelle Regionale Entwicklungsprozesse angestellt ist.

Wer wissen will, wie „sinnstiftend“ auf handwerklich hohem Niveau, ökologisch sauber und sozial fair geht, muss in dem ehemaligen Postamt nur ein paar Türen weiter bei der Designabteilung und einer Prototypenwerkstatt von „Werkhaus“ vorbeischauen – ein durch sein mit etlichen Designpreisen ausgezeichnetes Stecksystem bekanntes Unternehmen. Hinter „Werkhaus“ stecken Holger (59) und Eva Danneberg (61). Ein Ehepaar mit vier Kindern, fünf Enkeln und bunter Geschichte. Eigentlich wollte Holger Danneberg Bio-Bauer werden. Zu seinem Traum fehlte ihm allerdings das Land. Also verkaufte er auf Flohmärkten erst einmal Tonbroschen mit dem Schriftzug „Atomkraft, nein danke“. Danach baute er Kaleidoskope für Weihnachtsmärkte. Und landete 1984 mit einem besonderen Exemplar sogar im „Guiness-Buch der Rekorde“: Mit einer Länge von drei Metern und einem Durchmesser von einem Meter hatte er das größte Kaleidoskop der Welt gebaut.

Der Umzug von Gifhorn ins Wendland war die beste Entscheidung meines Lebens.

Der aber heute weit über die Grenzen Niedersachsens schillernde Diamant der Familie ist die Firma „Werkhaus“. Vor fast 30 Jahren von der gelernten Erzieherin Eva Danneberg gegründet. Heute werden Möbel, Bürobedarf, Wohnaccessoires und Geschenkartikel produziert. Mit einem einfachen wie genialen Stecksystem – ohne kleben oder schrauben. Auf die mittlerweile patentierte Idee ist Holger Danneberg damals beim Experimentieren mit Holz gekommen. „Aber auch nur, weil ich nichts gelernt habe und mir das System logisch vorkam“, sagt der Mann lachend. Den Anfang machten sie mit 15 Mitarbeitenden. Mittlerweile hat das Unternehmen 160 Mitarbeitende und sieben Shops unter anderem in Hamburg, Berlin, Hannover und Lüneburg. „Früher wurden wir so manches Mal als Okö-Freaks abgetan. Heute gelten wir als Nachhaltigkeitspioniere“, sagt Eva Danneberg.

In der Zentrale steht der Chef am Herd
Auf einem sechs Hektar großen, ehemaligen Gelände der Bundespolizei in Bad Bodenteich (Landkreis Uelzen) befindet sich die „Werkhaus“-Zentrale. Mit Salat in den Händen kommt Holger Danneberg aus der Küche. „Ich muss noch mal eben fertig kochen“, sagt der Mann mit den wilden, halblangen Haaren. Der Koch ist ausgefallen. Für den Chef selbstverständlich, dass er einspringt und für seine Mitarbeitenden das Mittagessen zubereitet. Heute gibt es Salat und Spaghetti mit Spargel, den er schnell noch auf dem Weg an einem Hof-Stand gekauft hat. Beim Essen auf der an den großen Parkplatz grenzenden Terrasse wird geredet und gelacht. Alleine sitzt hier niemand.

Danach führt Eva Danneberg über das Gelände. Eine herzliche Frau, die energiegeladen und trotzdem unaufgeregt wirkt. Sie duzt ihre MitarbeiterInnen, hört ihnen interessiert zu. Die Chefin zeigt auf ein Gebäude. Darauf eine eigene Photovoltaikanlage, die den Strom für die Produktion liefert – 816 Solarmodule auf 3.500 Quadratmetern. Durchschnittlich werden damit 20 Prozent des Bedarfs in der Produktion gedeckt, an Spitzentagen sind es sogar 80 Prozent. Den Rest liefert „Greenpeace Energy“. Das ökologische Bewusstsein ist den Unternehmern enorm wichtig. So werden zum Beispiel nur heimische Holzfaserplatten und Papier aus nachhaltiger Forstwirtschaft verwendet. „Und wir haben auch eine soziale Ader“, sagt Eva Danneberg lächelnd. Sie stellt jede/jeden MitarbeiterIn persönlich ein und achtet dabei auf Vielfalt.

Holga und Eva Danneberg

Früher wurden sie als „Ökofreaks“ bezeichnet, heute gelten sie als Nachhaltigkeitspioniere: Holger (59) und Eva Danneberg (61) von der Firma „Werkhaus“.

Für den Einen selbstverständlich, für den Anderen eine große Leistung
Mehr als zehn Prozent der Mitarbeitenden von „Werkhaus“ haben eine körperliche oder seelische Beeinträchtigung – und damit deutlich mehr als gesetzlich vorgeschrieben. Wie Almut Goecke (56), die seit 1999 in der Firma ist und als Produktionshelferin an einer Druckmaschine arbeitet. Ihre Aufgabe ist es, die Werkhaus-Copyright-Note auf die Produkte zu drucken. Eine Arbeit, die ihr Freude bereitet. Und die sie stolz macht. „Es gehört Mut dazu, so alleine zu arbeiten. Dass ich das schaffe, finde ich toll“, sagt die Frau, die an einer seelischen Beeinträchtigung leidet. Was für andere selbstverständlich erscheint, ist für einige MitarbeiterInnen von „Werkhaus“ eine große Leistung. So auch für Ingo Podleska, der seit 18 Jahren in der Firma tätig ist. Der 51-Jährige, der unter spastischen Lähmungen leidet, ist stellvertretender Leiter der Laserabteilung. „Ich war der Erste, der hier am Laser gearbeitet hat“, sagt der Mann stolz. Eva Danneberg nickt ihm lächelnd zu. Sie freut sich, all ihren MitarbeiterInnen eine berufliche Perspektive bieten zu können – egal welcher Herkunft sie sind oder welches Handicap sie haben.

Die große Vision: Ein ganz besonderer Urlaubsort
Das ökologische Bewusstsein und die soziale Ader sind seit Jahrzehnten der Motor des Ehepaars Danneberg. Ein Motor, der permanent auf Hochtouren zu Laufen scheint. Und so verwirklichten die umtriebigen Unternehmer im Frühjahr 2020 auch noch ihren Traum von nachhaltigem Urlaub: Das „destinature Dorf“ in Hitzacker. Ein ganz besonderer Ort, dessen Konzept vor allem eins ist: konsequent. Nachhaltige Baustoffe und zertifizierte Bioqualität von der Bettwäsche über die Vorhänge bis hin zum Kaffee und Essen. „Die Tourismusbranche ist uns ja eigentlich fremd. Also haben wir alles so umgesetzt, wie wir es selber mögen“, sagt Eva Danneberg. Sie ist voller Leidenschaft. Und das spiegelt sich in dem Natur-Dorf wieder.

Zwischen Bäumen und Feldern am Elberadweg liegen die in der betriebseigenen Schreinerei gebauten 17 Holzhütten und sieben „Bett-to-Go“ – zeltähnliche Mini-Holzhütten. Abgeschirmt hinter Bäumen und Büschen befindet sich der Wellnessbereich mit drei Outdoor-Saunen, Freiluftduschen und zwei Badezubern. Die Tiny-Häuser mit großen Fenstern, eigener Terrasse, Hängematte und klar, Möbeln von „Werkhaus“, sind stilvoll und gemütlich. Einzig das „Goldeimer“-Trockenklo bedarf einer kurzen Eingewöhnung. Doch auch dafür ist gesorgt: An der Tür hängt ein Holzschild mit der Erklärung: „Nach getaner Arbeit das Ergebnis mit einem Glas Kackpulver gleichmäßig bestreuen.“ An der Wand daneben ein Regal mit 20 Gläsern.

Zum Einschlafen begleitet das Froschkonzert vom benachbarten See, zum Aufstehen das Gezwitscher der Vögel. Beim Frühstück gleitet ein Storch über die Terrasse. Wer hier Urlaub macht, ist mitten in der Natur. Fast eine Art Teil davon. Ein Konzept, das ankommt. Schon 2022 wollen die Dannebergs in der Südeifel ein weiteres „destinature Dorf“ eröffnen. Zudem gibt es bereits mehrere Franchise-Unternehmen, die das Konzept einkaufen wollen. Und so könnte schon bald an weiteren Orten Deutschlands ein Stück Wendland entstehen.

Und vielleicht sogar eine Art Blaupause auch für die ländlichen Regionen Ostdeutschlands, vielleicht sogar für den ländlichen Raum insgesamt. Zugegeben: Die Geschichte des Wendlands ist nicht kopierbar, nicht jede Region kann sich von einer Protest-Hochburg zum Sehnsuchtsort entwickeln. Strukturell besehen kann man aber von ihr lernen, wie es gelingen kann, eine Anti- in eine Pro-Haltung umzuformatieren. Früher gemeinsam gegen Atom, heute gemeinsam für nachhaltigen Wandel. Früher als ehemaliges Zonenrandgebiet abgehängt, heute ein Gestaltungsraum für Neues. Die Menschen im Wendland haben sich nicht mit ihrem Schicksal abgegeben, sie sind aufgebrochen, haben auf der Grundlage einer gemeinsamen Identität aus sich heraus selber Perspektiven geschaffen, anstatt sie an anderen Orten zu suchen. Sie haben das Leben selbst in die Hand genommen. Menschen wie Michael Seelig, Dieter Schaarschmidt, die Dannebergs. Und wie noch viele andere.

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