Wir erleben große Umbrüche

Die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern hat in einem 49-köpfigen Zukunftsrat Perspektiven und Handlungs­empfehlungen für die Politik der kommenden Jahre erarbeiten lassen. Der Co-Vorsitzende Prof. Dr. Henning Vöpel über Dorfwerke, CO2-Währungen und Entlohnung für Gemeinwohl-Aktivitäten.
Prof. Dr. Henning Vöpel

Der Mann hat den Überblick. Nicht nur aufgrund seiner Körpergröße und Expertise, sondern allein auch wegen seines Arbeitsplatzes im fünften Stock eines Bürogebäudes mit Blick über den Hamburger Hafen. Und nicht nur über den. Prof. Dr. Henning Vöpel, zum Zeitpunkt des Interviews noch Direktor des renommierten Hamburger WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), schaut aus dem Fenster des Konferenzraums auf die Baustelle direkt zwischen dem Gebäude und einem Seitenarm der Elbe, wo die neue Factory.Hammerbrooklyn ihren Sitz gefunden hat, eine Art Innovationsschmiede für Unternehmen, Start-ups und Wissenschaftler. „Wir sind bald fertig“, sagt er und man sieht ihm die Freude an. Das ist kein Wunder, schließlich gehört Vöpel zu den Mitinitiatoren und Mitgründern des neuen Inkubators. Die Zukunft bauen, darum geht es ihm. Und das eben nicht nur in Hamburg.

Herr Professor Vöpel, sie sind als Wirtschaftsexperte gefragt und arbeiten in Hamburg. Haben die Mitglieder im Zukunftsrat nicht gestutzt, dass jemand außerhalb des Bundeslandes den Vorsitz haben sollte?
Henning Vöpel: Vielleicht ein wenig. Aber die Staatskanzlei hat neben mir mit Frau Tanneberger gleich jemanden in den Vorsitz berufen, die ausgewiesene Kennerin Mecklenburg-Vorpommerns ist. Für mich war es ein spannender Prozess, in ein Land einzutauchen, das man selbst nur am Rande kennt.

Im wahrsten Sinne, gebürtig kommen Sie aus Büchen, direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze.
Ja. Deshalb habe ich gebeten, mich nicht als klassischen Hamburger wahrzunehmen, denen man ja auch mit gewissen Vorurteilen begegnet. Ich komme vom Land und bin sozusagen um die Ecke aufgewachsen.

In Ihrem letzten Buch „Disruption: Neuvermessung einer verrückten Welt“ schreiben Sie, dass die Welt in einem Übergang in eine neue Ordnung sei. Sind die Ergebnisse des Zukunftsrates so etwas wie ein Modell für diese neue Welt?
Es ist der Versuch, das Modell tatsächlich einmal herunter zu brechen. Wir erleben so große Umbrüche, dass es nicht mehr reicht, nur die Symptome zu behandeln. Wir haben es mit tektonischen Bewegungen zu tun, bei denen sich ganz viel zueinander verschiebt. Weil sich das auf der Ordnungsebene abspielt, müssen wir die Grundprinzipien der Dinge, wie wir sie organisieren, grundlegend verändern. Das ist nicht mit einem Gesetz getan.

Sondern?
Die Zusammenhänge verändern sich. Wir haben es mit globalen und zeitlich sich überschneidenden Phänomenen zu tun, weshalb der gesellschaftliche Zusammenhalt zwischen den Generationen viel wichtiger wird. Das heißt, die Aufgabe für Demokratien ist künftig eine ganz andere: Es geht nicht mehr nur darum, in einem abgegrenzten Raum die bestmöglichen Entscheidungen zu treffen, sondern auch immer um die Auswirkungen auf die nächste Generation und die Welt insgesamt. Wir treffen heute als alternde Gesellschaft Entscheidungen, die zulasten der nächsten Generationen gehen. Diesen Punkt haben wir im Rat adressiert durch Klima-Maßnahmen und Vorschläge zu einer stärkeren Beteiligung von Jugendlichen. Das Verfassungsgericht hat ja jüngst angemahnt, auch die Freiheit noch ungeborener Generationen zu schützen.

Wie beurteilen Sie die Umsetzung dieses Verfassungs-Auftrags durch die Politik?
Die Politik versucht, dem irgendwie nachzukommen, aber die Ansätze reichen nicht weit genug. Deshalb haben wir im Zukunftsrat versucht, die Einsicht, dass wir es mit großen Veränderungen auf der Ordnungsebene zu tun haben, in politische Weichenstellungen zu übersetzen, die dem Ausmaß der Umbrüche gerecht werden.

In dem Bericht malen Sie Zukunftsbilder für das Jahr 2030. Darin heißt es etwa: Zur Einschulung bekommt jedes Kind einen Obstbaum und ein Öko-Wertpapier geschenkt, in Dorfwerken entstehen solidarische Formen des Wirtschaftens, Mecklenburg-Vorpommern ist Teil einer grünen Hanse. Wieviel Realität steckt in dieser Utopie?
Wir haben uns bewusst entschieden, die Zukunftsbilder auch in diesem Detaillierungsgrad aufzuschreiben, weil man ein Gefühl dafür bekommen muss, wie sich die Facetten des Lebens konkret verändern. Dass man nicht nur sagt: In Zukunft werden wir klimaneutral sein, sondern wirklich beschreibt, was das konkret für Familie, Beruf, Mobilität, Einkaufen und so weiter heißt. Wie sieht ein Tag im Jahr 2030 aus? Und da wird es natürlich ein bisschen utopisch, aber konkrete Imagination zu entwickeln ist wichtig für utopische Realitäten.

Wie groß ist die Hoffnung, dass die Weichenstellungen nun so gestellt werden, dass wir 2030 in Teilen tatsächlich da ankommen, wo der Zukunftsrat gedanklich bereits ist.
Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass die Arbeit des Zukunftsrats kein Alibi-Prozess war. In den Gesprächen mit Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und den Verantwortlichen in der Staatskanzlei habe ich den Eindruck gewonnen, dass man dort die große Chance erkannt hat, das eigene Land mit einem mutigen Zukunftsentwurf neu zu positionieren.

Glauben Sie nicht, dass die Beharrungskräfte des Faktischen zu stark sind?
Der Status quo hat immer enorme Beharrungskräfte. An seinem Erhalt hängen immer auch mächtige Interessen. Dass sich der Erfolg ja immer zu verteidigen versucht, sehen wir zum Beispiel hier in Hamburg, wo wir uns manchmal einreden, ein paar Dinge zu verändern würde ausreichen, damit es weiterläuft wie bisher. Ich habe der Staatskanzlei in Schwerin immer wieder gesagt, dass das Land die große Chance hat, die Umbrüche radikaler zu interpretieren, die Dinge grundlegender zu verändern und rechtzeitig zu handeln.

Haben Sie sich politisch instrumentalisiert gefühlt?
Nein, zu keinem Zeitpunkt, man hat uns wirklich machen lassen. Das hätten die Mitglieder des Zukunftsrates, die aus sehr unterschiedlichen Perspektiven auf das Land blicken und allesamt unabhängige Persönlichkeiten, auch nie zugelassen. Ich fand es ganz spannend, dass man mit dem Rat versucht hat, außerparlamentarische und -ministerielle Arbeit bewusst in politische Zukunfts-Entscheidungen zu integrieren. Damit hat das Bundesland sicher eine Vorreiterrolle.

Der Zukunftsrat

Die Regierung von Mecklenburg-Vorpommern hatte den 49-köpfigen Zukunftsrat im Herbst 2020 berufen und beauftragt, Entwicklungsfelder für das Land zu definieren und Perspektiven bis zum Jahr 2030 zu entwickeln. Neben Prof. Dr. Henning Vöpel führte Dr. Franziska Tanneberger vom Institut für Botanik und Landschaftsökologie an der Universität Greifswald den Rats-Vorsitz. Die Mitglieder aus allen Bereichen der Gesellschaft kamen zu insgesamt sechs Arbeitssitzungen zusammen. Im März 2021 legte das Gremium seinen Abschlussbericht vor, in dem es die Politik zu raschem Handeln und grundlegenden Reformen auffordert. Als größte Herausforderungen werden der Klima- und Artenschutz, die Gestaltung der Digitalisierung und die Sicherung des gesellschaftlichen Zusammenhalts aufgeführt. „Die Politik muss Nachhaltigkeit zur Allgemeinnorm machen“, sagte Dr. Tanneberger bei der Vorstellung des 64-seitigen Berichts. Er ist abrufbar unter regierung-mv.de, Suchbegriff: Zukunftsrat.

Wie war die Resonanz auf den Abschlussbericht?
Die Ministerien haben ihn kommentiert und überwiegend wohlwollend aufgenommen, genauso wie die Zivilgesellschaft. Dem Rat war es ganz wichtig, Transformation als einen Prozess zu verstehen, der breit getragen wird. Die große Botschaft des Zukunftsprogramms ist die Tatsache, dass sehr viele unterschiedliche Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Bereichen den Bericht im Konsens entwickelt haben. Und immerhin gibt es bereits erste Sofortmaßnahmen, die umgesetzt werden.

Welche sind das?
Das sind zwei. Es gibt ein Maßnahmenkonzept, um die Landesverwaltung klimaneutral zu machen. Und das zweite ist die Wasserstoff-Transferstelle in Rostock. Natürlich gäbe es auch ambitioniertere Punkte aus dem Programm, die man sich hätte vornehmen können. Aber uns war wichtig zu sagen: Beginnt jetzt! Und dieses Signal ist aufgenommen worden.

Werden die Ergebnisse eine Art Auftrag für die neue Regierung sein?
Nein. Aber es gibt Hinweise, dass man das Programm als Grundlage und Inspiration für viele Vorhaben nehmen will. Das hängt natürlich am Ende davon ab, welche Regierung dafür dann legitimiert ist, aber die Vertreter der jetzigen Regierung zumindest haben die Absicht geäußert, das Zukunftsprogramm immer wieder für ihre Arbeit heranzuziehen.

Und wenn das nicht passiert?
Die Mitglieder des Zukunftsrats wollen unabhängig von den Wahlen auch selbst dafür sorgen, dass die Ergebnisse überall in der Gesellschaft ankommen. Das Papier ist zum Beispiel schon in einer Schule diskutiert worden und es gab Anfragen aus Brüssel, weil ja die ländlichen Regionen und deren Entwicklung dort stark im Fokus stehen. Aber wir wollen es noch stärker in die Breite bringen, auch in die Handelskammern und Wirtschaftsverbände.

Ist die Wirtschaft angesichts der vielen Nachhaltigkeits-Forderungen nicht eher reserviert?
Das Papier ist ja nicht wirtschaftsfeindlich. Nachhaltigkeit geht nie gegen die Wirtschaft, es geht nur mit ihr. Umgekehrt weiß man aber auch: Wirtschaft geht niemals gegen Nachhaltigkeit. Deshalb ist die die Offenheit dort sehr groß.

Ist diese Offenheit in Mecklenburg-Vorpommern insgesamt höher als in den alten Bundesländern?
Das habe ich so wahrgenommen. Dort ist eine unglaubliche Bereitschaft zur Veränderung, die man tatsächlich ganz oft bei jenen findet, die den Wandel als Chance begreifen und nicht als Bedrohung. Und die Chance ist, das jetzige Zeitfenster für Veränderung zu nutzen, um wirklich voranzukommen. Diese Offenheit habe ich überall in Mecklenburg-Vorpommern gespürt, weshalb die Voraussetzungen dort enorm gut sind.

Offenheit allein reicht aber sicher nicht aus. Das Bundesland gehört zu den wirtschaftlich schwächsten in Deutschland.
Ja, aber die Umbrüche, die wir erleben, spielen Mecklenburg-Vorpommern in die Karten, das passt sehr gut zu dem, was wir an spezifischen Voraussetzungen in dem Land haben: Wir haben die Dezentralität der 6.000 Dörfer, wir haben die natürlichen Ressourcen, die reiche Natur und Weite des Landes, die plötzlich einen Wert für den Erhalt des Klimas und der Biodiversität darstellen.

Was meinen Sie?
Was vorher vielleicht eine Schwäche war, wird jetzt zu einer Stärke, eben weil sich plötzlich der Blick auf die Welt verändert hat. Plötzlich können wir Ressourcen wie zum Beispiel die Moore anders nutzen – auch wirtschaftlich, wenn sie als CO2-Speicher genutzt werden. Oder die 6.000 Dörfer, die sich durch digitale Möglichkeiten zu lernenden und kooperativen Netzwerken zusammenschließen, die ihre gemeinsamen Ressourcen, ihr Wissen und ihre Erfahrungen optimal nutzen. Deshalb glaube ich, dass die Umbrüche genau zur Spezifität der Ressourcen in Mecklenburg-Vorpommern passen. Gepaart mit der Mentalität, das als Chance zu begreifen, ist jetzt vieles möglich.

Hat diese andere Mentalität auch mit einer, vielleicht bedingt durch die Wiedervereinigung, höheren Transformationsbereitschaft zu tun?
Ja, auch wenn im Rat immer die Ambivalenz betont worden ist, dass die Wiedervereinigung auch Enttäuschungen produziert hat und jetzt auch Angst und Skepsis vor den bevorstehenden Veränderungen herrschen. Aber natürlich sind für Transformation immer auch Pragmatismus und Realitätssinn nötig. Schließlich sehen wir ja gerade auf dem Land, dass die Lebensrealitäten andere sind als in den urbanen Bubbles. Man kann nicht einfach von heute in einen völlig anderen Zustand von morgen springen. Entlang einer Transformation haben Leute zu Recht den Anspruch auf einen Job, auf Einkommen und junge Menschen auf Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Das muss alles gleichzeitig aufrechterhalten und mitgedacht werden. Aber ich glaube, je eher und konsequenter wir den Wandel angehen, umso eher können wir das sicherstellen. Wer zu spät kommt, verspielt die Zukunft.

 

Sind Sie optimistisch, dass diese wirtschaftlichen Stabilisierungsanker in der Transformation bewahrt werden können?
Wir haben gar keine Wahl, es muss gelingen. Mehrere Treiber haben eine Unumkehrbarkeit erzeugt, und das Bewusstsein darüber ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das geht nicht mehr weg. Und das ist auch in der Politik angekommen, man kann heute keine Wahl mehr gegen das Klimathema gewinnen. Ich glaube, das gesellschaftliche Narrativ ist mittlerweile so stark, dass die Akzeptanz von Verhaltensänderungen für die Wirtschaft mittlerweile so zentral geworden ist, dass sie das gesellschaftliche Narrativ gerne sogar noch stärker bedienen würde. Deshalb fordert sie von der Politik Planungssicherheit, eine regulatorische Unumkehrbarkeit, um dem gesellschaftlichen Narrativen folgen zu können. Es gibt schon viel stärker einen gesellschaftlichen Konsens als einen Konflikt.

Als einen Baustein gegen den Klimawandel fordern Sie in dem Papier die Etablierung und Förderung von CO2-basierten Regionalwährungen. Was ist das?
Ich komme ja von der Forschung aus der Währungstheorie und Geldtheorie, und persönlich bin ich extrem skeptisch, was solche Regionalwährungen angeht. Aber ich verstehe, was der Hintergrund für diese Art von Forderung ist: Man spart CO2 ein, unterstützt damit das Gemeinwohl und man möchte, dass solch eine Aktivität einen Tauschwert bekommt. Hier war die Idee, dass jemand, der die Natur schützt oder fürs Gemeinwohl arbeitet, eine Währung bekommt, die man tauschen kann, also konvertibel macht zu Währungen, die wirklich Kaufkraft darstellen. Aus meiner Sicht ist das schwierig. Aber die Idee, einen Gemeinwohlwert tauschbar zu machen und ehrenamtliches Engagement einen Wert zu geben, finde ich wichtig.

Viele Engagierte würden sich sicher darüber freuen, wenn sie nicht nur eine Schulterklopfen bekommen, sondern von ihren Gemeinwohl-Aktivitäten leben könnten.
Ja, das ist ein Problem und gehört genau zu dieser Ordnungsebene. Wir befinden uns hier in einem Übergang. Die Wohlfahrt einer Gesellschaft hängt nicht nur davon ab, wie viele private Tauschwerte erzeugt werden, sondern es gibt plötzlich ganz viele Kollektiv-Güter, die für die gesellschaftliche Wohlfahrt eine viel größere Rolle spielen. Aber wie organisiere ich diesen Übergang und wer definiert eigentlich Gemeinwohl? Das haben Gesellschaft und Politik noch nicht gelöst. Vielleicht gibt es in Zukunft tatsächlich einen viel stärkeren öffentlichen Sektor, der sich um ein anders definiertes Gemeinwohl kümmert und die Menschen darin entlohnt.

Als einen zentralen Ankerpunkt für gemeinwohlorientiertes Handeln im ländlichen Raum schlagen Sie sogenannte Dorfwerke vor. Was passiert dort?
Wir wollen damit eine Institution anregen, die das Dorfleben organisiert, wo Leute zusammenkommen, Handwerke lernen können, sich Gemeinschaft bildet und soziale Innovation entwickelt. Um die Umbrüche zu meistern, müssen wir viel mehr an Autonomie zurückgeben, aber in Form einer Institutionalisierung. Es geht um Gemeinschaft stärken vor Ort, denn es sind so viel Kultur und so viele Institutionen ersatzlos aus den Dörfern verschwunden: die Kneipe, der Bäcker, der Metzger, der Sportplatz.

Was Sie beschreiben, passiert schon an einigen Orten. Wie wollen Sie diese Dorfwerke und die Transformation insgesamt in alle 6.000 Dörfer bringen?
Es braucht kooperative Strukturen, die Möglichkeit zu lernen, sich auszutauschen und zu vernetzen. Es muss ein Anfang gemacht werden, damit es ins Laufen kommt. Denn wo viel passiert, dorthin kommen die Leute. Wissen zieht Wissen an, Aktivität löst Aktivität aus. Und die Chance der Digitalisierung ist, dass man diese 6.000 Dörfer auch vernetzen kann, man kann ihr Knowhow in die Cloud bringen, von der alle profitieren können und am Ende sagen: 6.000 Dörfer sind Eins – und immer noch die Vielfalt der 6.000.

Einsteigen bitte!

Auch wenn die Bahn derzeit das Comeback der Gleise postuliert, bleiben dutzende alte Bahnhöfe in Ostdeutschland ungenutzt. Doch es gibt Menschen, die sie aus ihrem Dornröschenschlaf wachküssen - und zu Räumen der Begegnung und Möglichkeiten machen.
Börnicke

Die Zukunft ist ein recht zweischneidiges Schwert. Als die Bahn im Juni diesen Jahres ankündigte, 20 Bahnstrecken mit einer Gesamtlänge von 245 Kilometern zu reaktivieren, dürfte man in den bald wieder ans Netz angeschlossenen Orten wie Barth am Darß, im brandenburgischen Beelitz und in Barby bei Magdeburg gejubelt haben. Und das zu Recht. Schließlich waren nach dem Zusammenschluss von BRD-Bundesbahn und DDR-Reichsbahn zur privatisierten Deutschen Bahn 1994 knapp 2.500 Kilometer Gleise, gut 210 Strecken, allein in Ostdeutschland stillgelegt worden – womit zigtausenden EinwohnerInnen eines ihrer wichtigsten Mobilitätsmittel genommen war. Und was für viele der sichtbare Beleg fürs Abgehängtsein im wiedervereinigten Deutschland bedeutete.

Doch der Klimawandel hat auch bei der Bahn zu einem Umdenken geführt: Um die Klimaschutzziele der Bundesregierung bis 2030 zu erreichen, müssen wieder mehr Personen- und Güterzüge zurück auf die Schienen. Und so sollen die Fahrgastzahlen bis Ende dieses Jahrzehnts verdoppelt werden, der Güterverkehr soll um fünf Punkte auf 25 Prozent zulegen. „Jeder Kilometer Gleis ist aktiver Klimaschutz“, sagte Jens Bergmann, Vorstand Infrastrukturplanung und -projekte der DG Netz bei der Vorstellung der Pläne. Die Menschen erwähnte er dabei nicht.

Trotz der frohen Kunde bleiben damit weiterhin tausende Kilometer Gleise noch immer unbefahren. Und damit auch dutzende Bahnhöfe ungenutzt im Dornröschenschlaf.

Und hier kommen wir zum zweischneidigen Schwert. Denn in einige dieser alten Bahnhöfe ist das Leben zurückgekehrt. Statt schriller Pfiffe des Bahnvorstehers hört man Musik aus Boxen, statt wartender Fahrgäste sieht man Jugendliche am Billardtisch. Vereine, Kommunen, Initiativen sind in die teils über hundert Jahre alten Gebäude gezogen, um ihnen wieder eine Bedeutung zurückzugeben. Und wie damals die Fahrgäste von hieraus auf die Reise gingen, brechen hier nun Engagierte in eine neue Zeit fürs Gemeinwohl auf. Denn Reisen können schließlich auch stattfinden, wenn man Zuhause bleibt.

Der alte Bahnhof in Börnicke ist heute ein Ort der Ruhe im Grünen

BÖRNICKE

Es muss schon ein besonderes Fleckchen Erde sein, wenn man in Frankfurt und Köln, Paris, Chiang Mai und Perth gelebt hat – und sich dann für Börnicke als Lebensmittelpunkt entscheidet. Wie Lisa und Gero Dusil. In einer „mutigen Entscheidung“, wie sie selber bekennen, haben sie 2017 den stillgelegten Bahnhof in dem kleinen Ort nördlich von Nauen nordwestlich von Berlin gekauft – und aufwändig saniert. Perfekt für gestresste Städter. Und sicher nicht nur für sie. Das Haus liegt direkt am Wald und lädt nach einem Seminar oder Retreat in der Work-Remise zum Spaziergang, wenn man nicht vorher auf der Terrasse mit Blick ins Grüne schon versackt ist. Oder bei einem der kleinen Konzerte, bei einer Wein- oder Kaffeeverköstigung. Oder bei der Netzwerkparty: „Berlin kann jeder – Brandenburg muss man (erst) lernen.“ Für letzteres bieten die beiden Stadtmüden im Winter auch „Landleben auf Probe“ an, ganz nach dem Motto: Sommer kann ja jeder.

Börnicke Cafe

Das Ende einer Lok - und der Beginn einer Verlockung...

Esperanto in der halben Welt

HALBE

Das hätte sich der alte Wilhelm sicher auch nicht vorstellen können. Der Kaiserbahnhof im brandenburgischen Halbe südlich von Berlin wurde 1865 eigens für Wilhelm I. und seine Nachfolger errichtet, um von hieraus auf die Jagd zu gehen. Lang ist’s her. Nachdem das Gebäude, eingebettet in ein kleines Gebäude-Ensemble, spätestens seit den 1990er Jahren immer weiter verfallen war und erst in den vergangenen Jahren durch einen neuseeländischen Investor denkmalgerecht saniert worden ist, machen sie hier nun Jagd auf eine neue Zeit: Der Verein Halbe Welt will den Kaiser- und den benachbarten Esperanto-Bahnhof, die noch immer von einer Regionalbahn angefahren werden, zu einem Kulturknotenpunkt machen. Im Kaiserbahnhof soll es ein Café und Ferienwohnungen geben, es sollen Veranstaltungen und Hochzeiten stattfinden. Im benachbarten Esperanto Bahnhof, ehemals das Bahnhofsempfangsgebäude, gibt es bereits Vortrags- und Seminarräume für Menschen aus aller Welt, die die internationale Sprache Esperanto lernen möchten. Der Verein Halbe Welt rahmt all die Aktivitäten mit Kultur und Kunst ein. Wenn das der Kaiser wüsste.

Hier gibt es noch viel Spielraum für eigene Ideen

MEYENBURG

Ein ähnliches Schicksal wie Meyenburg hat auch Karow getroffen. Der Ort in Mecklenburg-Vorpommern war über hundert Jahre von 1887 bis in die 1990er Jahre ein bedeutender Kreuzungs- und Umsteigepunkt auf der Nord-Süd-Achse von Güstrow nach Pritzwalk und auf der West-Ost-Route von Schwerin nach Waren (Müritz). Also nicht unbedeutend. Trotzdem wurde der Personenverkehr im Mai 2015 eingestellt, zuletzt fuhren – aufgrund des massiven Drucks von Bürgerinitiativen – immerhin wenige Züge während der Saison zwischen Juni und August. Ansonsten kommt man nur noch mit einem sogenannten RUF-Bus in den Ort am Plauer See. Der weiträumige Bahnhof von 1882, seine zwei Wassertürme und weitere Gebäude stehen seitdem leer – und unter Denkmalschutz, was eine aufwändige Sanierung bedeuten würde. Eine Wiederbelebung ist nicht in Sicht. Also wenn jemand Lust hat …

KAROW

Ein ähnliches Schicksal wie Meyenburg hat auch Karow getroffen. Der Ort in Mecklenburg-Vorpommern war über hundert Jahre von 1887 bis in die 1990er Jahre ein bedeutender Kreuzungs- und Umsteigepunkt auf der Nord-Süd-Achse von Güstrow nach Pritzwalk und auf der West-Ost-Route von Schwerin nach Waren (Müritz). Also nicht unbedeutend. Trotzdem wurde der Personenverkehr im Mai 2015 eingestellt, zuletzt fuhren – aufgrund des massiven Drucks von Bürgerinitiativen – immerhin wenige Züge während der Saison zwischen Juni und August. Ansonsten kommt man nur noch mit einem sogenannten RUF-Bus in den Ort am Plauer See. Der weiträumige Bahnhof von 1882, seine zwei Wassertürme und weitere Gebäude stehen seitdem leer – und unter Denkmalschutz, was eine aufwändige Sanierung bedeuten würde. Eine Wiederbelebung ist nicht in Sicht. Also wenn jemand Lust hat …

Karow

Leerstand im Denkmal Bahnhof Karow

RÖBLINGEN AM SEE

„Unser Bahnhof ist für einige Menschen eine wichtige Station auf ihrem Lebensweg.“ So umreißt es Amanda Dählmann, wenn sie über ihr Projekt „Lebensraum Röblingen“ erzählt, einer 3000-EinohnerInnen-Stadt westlich von Halle in Sachsen-Anhalt. Und wer sich in dem 150 Jahre alten, etwas schmucklosen Gebäude umsieht, muss ihr Recht geben. In nur drei Jahren haben die Mutter dreier Kinder und andere Engagierte einen Ort der Begegnungen geschaffen: ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt für 15 Menschen, Ferienwohnungen, ein Biogarten, ein Coworking-Space, ein Verschenkeladen – und natürlich viele Kultur-Veranstaltungen für die EinwohnerInnen und Gäste. Das Zusammenleben sei „undogmatisch“, sagt Amanda Dählmann. Und das ist wichtig: Schließlich habe es viele Ressentiments der Einheimischen gegeben, gespeist aus Wendefrust und Perspektivlosigkeit. Mittlerweile ist der noch immer in Betrieb befindliche Bahnhof aber ein Treffpunkt für alle, der bereits sogar zwei Ableger vor Ort hat. Die „Lebensweg-Stationen“ werden mehr.

GÜSOW

In Güsen zwischen Brandenburg an der Havel und Magdeburg hält nur noch der RE1. Immerhin. Der Verein bahnhof17 – benannt in Anlehnung an die 17 Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen – hat hier im ehemaligen Kleinbahnhof einen Ort des Aufbruchs etabliert: Im Gründungslabor werden neue Ideen und Unternehmungen aufs Gleis gebracht, an denen man im Coworking Space gleich arbeiten kann. Wie zum Beispiel am Netzwerkgeld, das als komplementäre Währung in der Region für einen eigenen Wirtschaftskreislauf genutzt wird, und von der Drosos-Stiftung unterstützt worden ist. Daneben gibt es Wohnzimmerkonzerte, Clubkino, Integrationsprojekte für Kinder mit Migrationserfahrung, eine Werkstadt. Ganz nach ihrem Motto: „Im bahnhof17 geht es auf die Reise, um Möglichkeiten zu entdecken.“ Doch das ist nicht alles: Der Förderverein BürgerBahnhof Güsen kümmert sich um den Erhalt des Bauwerks und die Aufarbeitung historischer Eisenbahnfahrzeuge wie die V10b von 1962 aus Babelsberg, die es auf 30 km/h schafft. Mit ihr sollen künftig wieder Fahrten für TouristInnen möglich sein.

Der langsame Fluss in die Zukunft

Eine Reise über die Peene ist nicht nur ein Naturschauspiel, sondern auch eine Fahrt an Orte vielfältigen gesellschaftlichen Engagements. Mal wie im Paradies, mal voller Probleme. Ein Trip in eine Zukunft, die noch nicht so recht kommen mag.

Eine Reise über die Peene ist nicht nur ein Naturschauspiel, sondern auch eine Fahrt an Orte vielfältigen gesellschaftlichen Engagements. Mal wie im Paradies, mal voller Probleme. Ein Trip in eine Zukunft, die noch nicht so recht kommen mag.

Die letzten hundert Meter auf dem Weg ins Paradies ist Sache der Schwäne. Theresa, Lena und Andi, die entenvogelgleichen Plastik-Tretboote, liegen vertaut am Steg und glotzen stumm ins Schilf. Startbereit für all die Gäste, die heute wieder einmal zahlreich in ihnen auf die andere Seite der Peene zum Moorbauern hinüberrattern werden, um dort vielleicht nicht gleich in Milch und Honig zu schwelgen, sondern um die Rempliner Wildbratwurst zu probieren oder den Bratbarsch von einem der hiesigen Fischer. Uta Berghöfer steht am anderen Ufer auf den Planken vor der Gaststätte, beschirmt ihre Augen vor der hoch stehenden Sonne mit der Hand und blickt übers Wasser. Sie lächelt. „Egal, wer zu uns kommt, woher sie sind und was sie darstellen“, sagt die 45-Jährige, „das Ankommen bei uns macht alle Menschen erst einmal gleich.“ 

Vorausgesetzt, man findet überhaupt dorthin. Der Moorbauer ist einer dieser Hidden Places, südlich des Kummerower Sees bei Malchin gelegen, inmitten der Weiten Mecklenburg-Vorpommerns am nördlichen Rand der Seenplatte, eine Oase inmitten einer rauen Wildnis (Anfahrt: siehe rechts). Und der perfekte Startpunkt, um von hier aus über die Peene Richtung Norden bis nach Anklam zu schippern, über diesen etwas eigenwilligen, naturbelassenen Fluss, der nicht ohne Grund „Amazonas des Nordens“ genannt wird, und an dessen Ufer nicht nur Seeadler und Störche, Biber und Fischotter zu finden sind – sondern eine besondere Spezies von Menschen. Menschen, die aus müden Dörfern lebendige Orte machen wollen, der Partizipation und des Engagements, des Aufbruchs und der Gemeinschaft. Einer guten Zukunft eben. Die aus dem Nirgendwo ein Dort machen wollen.

Beim Moorbauern nahe Malchin lässt sich nicht nur hervorragend speisen, sondern auch über die Herausforderungen der Zeit diskutieren. Foto: Jörg Gläscher

Menschen wie Uta Berghöfer und ihr Mann Augustin. Die beiden betreiben die Gaststätte, ehemals eine alte Bauernstelle, erst seit 2020, sind gleichzeitig MiteigentümerInnen und PächterInnen. Und anspruchsvoll. Augustin, der nach dem Abitur eine dreijährige Ausbildung zum Koch gemacht hatte, wollte „keine normale Gastronomie“, keine Fertiggerichte, wie man sie in dieser Gegend so häufig bekommt, sondern vor allem mit regionalen, saisonalen und zumeist biologischen Lebensmitteln frisch kochen. Auf einer Tafel in der Gaststube lässt sich das Ergebnis betrachten: Milch von der Gläsernen Molkerei in Dechow ganz am Westen des Bundeslands bis Bio-Taccos aus Rothenklempenow an der polnischen Grenze im Osten, Störtebecker-Bier aus Stralsund im Norden bis Quark vom Siebengiebelhof im südlichen Drenkow.

Kein Wunder also, dass im Paradies heute wieder einmal alle Plätze belegt sind. Doch nicht nur wegen der guten Speisen, sondern wegen einer besonderen Atmosphäre: Wer hier herkommt, hat das Gefühl, zu Gast auf einer Familienfeier zu sein. Kinder springen kreischend in den Fluss und sonnenbaden auf dem Steg, Frösche quaken, Vögel singen, Menschen plappern. „Beim Moorbauern geht es um Gemeinschaft, um eine solidarische Gastronomie. Wir wollen mit den Menschen aus der Region ins Gespräch kommen, um über gesellschaftlich relevante Fragen zu sprechen“, sagt Uta Berghöfer. „Denn so etwas gibt es in Malchin nicht.“

Zum Beispiel auch über die Mobilität im ländlichen Raum reden, über die Bildung der Zukunft, über das Potenzial für Veränderung. Über jene Themen eben, die sie seit vielen Jahren bewegt. Und für die sie sich engagiert. Zuletzt war Uta Berghöfer Mitglied des von der Landesregierung einberufenen Zukunftsrats von Mecklenburg Vorpommern, der eine Vision für 2030 für eines der strukturschwächsten deutschen Bundesländer erarbeitet hat (siehe auch Interview auf Seite 38). Außerdem ist sie eine der rund hundert NeulandgewinnerInnen des gleichnamigen Programms der Robert-Bosch-Stiftung, das nun in den Händen des Thünen Instituts für Regionalentwicklung liegt, und das Pioniere des ländliches Raums unterstützt. Uta Berghöfer wurde für ihr Projekt des „Moortheaters“ aufgenommen, ein mobiles Landschaftstheater für alle Generationen, bei dem Laien und Profis seit 2013 gemeinsam Stücke aus der Welt des Moores einstudieren und aufführen, um die Menschen in Kontakt mit der Landschaft und ihrer Kraft zu bringen. Es geht um Identität und vielfältige Formen des Zusammenlebens.

Doch wie geht das alles zusammen? Zumal ihr Mann Augustin, Umweltwissenschaftler wie Ute Berghöfer selbst, seit fast zwanzig Jahren beim Umweltforschungszentrum Leipzig angestellt ist, sie vier noch minderjährige und schulpflichtige Kinder haben, die zwar tatkräftig im Moorbauern mithelfen, aber doch noch Betreuung und Zuwendung brauchen. Wie gelingt der Spagat zwischen dem Betreiben einer Gaststätte und all den anderen Herausforderungen? „Eine gute Organisation“, sagt Uta Berghöfer. Der Moorbauer ist nur von Donnerstag bis Sonntag in drei Monaten von Juni bis August geöffnet, es gibt viele helfende Hände und eine Eigentümergemeinschaft, die sie unterstützen. Trotzdem bekennt sie: „Es ist eine Herausforderung, die uns auch an die eigenen Grenzen führt.“

Es sei ein ständiger Balanceakt zwischen romantischer Idylle und praktischen Notwendigkeiten, zwischen Kopf- und Handarbeit. Hier geht es nicht ums Geld. Es geht um ein neues Lebensmodell „jenseits des nine to five“, an dem das Eigene – für sich und die Familie – wachsen kann. Und wo gleichzeitig Verantwortung für die Region übernommen wird, in Zukunft etwa mit einem neuen Format, bei dem man Politiker-Innen zu Diskussionsrunden einladen will. Denn: „Es gibt keinen besseren Ort als diesen.“

„Für eine echte Transformation muss man die Komfortzonen ­dehnen“

Vielleicht. Über den See geht es entlang des imposanten Kummerower Schlosses hinauf über die Peene in den Hafen von Demmin, quer durch die Stadt in die Treptower Straße 30, Sitz des nach der Adresse benannten Vereins T30, in ein kleines Ladenbüro an den Tisch von Sarah Dittrich und Hannah Kuke.

Demmin, am Zusammenfluss von Peene, Trebel und Tollense gelegen, 11.000 EinwohnerInnen, ein Mittelalterdorf als touristisches Highlight, bekannt durch regelmäßige rechte Aufmärsche am 8. Mai – und einen langen, düsteren Schatten. In den letzten Kriegstagen wurde die Stadt von den SoldatInnen der Roten Armee heimgesucht, was zu einem Massensuizid von bis zu tausend EinwohnerInnen führte. „Während des Kriegs war hier vielleicht eine Bombe gefallen, und dann brach plötzlich die Hölle los“, sagt Hannah Kuke. „Die Tiefe und das Tempo der Erschütterung wirken bis heute nach.“

Doch das Trauma wurde nie richtig aufgearbeitet, ebenso wenig wie etwa die Folgen der Wendezeit. Vieles liege im Argen, sagt Sarah Dittrich, „wir wollen das Zusammengehörigkeitsgefühl aber nicht über die Vergangenheit und das Meckern darüber schaffen, sondern über das Arbeiten an einer gemeinsamen, besseren Zukunft“. Und so werfen sie die beiden Frauen, die seit rund acht Jahren in der Stadt leben, in zahllose Aktivitäten, um die kulturelle DNA neu zu formatieren. Immer geht es dabei um Mitsprache und -gestaltung, sei es in der Kulturwirtschaft, im Tourismus, in der kommunalen Politik und im Bürgerengagement.

Das T30-Haus ist ihr Knotenpunkt. Hinter dem Ladenbüro hindurch geht es in den Garten in eine Backstein-Remise, wo ein kleiner Co-Working-Space für gemeinnützige Vereine, eine Werkstatt und ein Workshop-Raum eingerichtet wird. Im Haupthaus, das Sarah Dittrich und ihrem Mann gehören, entstehen vier Wohneinheiten. Es ist ein Leben auf einer Baustelle. Und das auch im übertragenen Sinne. Bei all ihren Aktivitäten – der Ideenwettbewerb „Mein Stadtwunsch“, das Aufstellen einer Flüsterbank, Gesprächskreise, Ausstellungen, ein Netzwerk des Engagements spinnen – stoßen sie immer wieder an Grenzen, sowohl in der Verwaltung wie auch bei den BürgerInnen. „Für eine echte Transformation muss man die Komfortzonen dehnen“, beschreibt Hannah Kuke die Aufgabe. „Wandlung und Umbruch passieren nicht von alleine. Man muss machen.“

„Das Leben in Balance ist eine echte Herausforderung“

Das ist auch das Credo von Wibke Seifarth. Mit dem Bus (ab ZOB Demmin Richtung Altentreptow) geht es wenige Kilometer nach Gatschow, südlich von Demmin. Ein Ort mit 80 EinwohnerInnen, an dem sich Fuchs und Hase nicht einmal „Gute Nacht“ sagen können, so weitläufig ist es hier. Und doch ein Ort, an dem das Leben tobt. Ein anderes, ganz eigenes Leben.

Ein Ort für sich, die Familie und die Gemeinschaft – Wibke Seifarth hat mit dem Landkombinat in Gatschow einen Ort des Gemeinwohls geschaffen. Foto: Jörg Gläscher

Wibke Seifarth lebt hier mit ihrer Familie auf einem Hof am Rande des Dorfs, der dem Verein „Landkombinat“ gehört, der den formalen Rahmen für all die Aktivitäten hier bildet und dessen Heimat hier sie mit aufgebaut hat. Derzeit leben und arbeiten insgesamt sechs Erwachsene und zwei Kinder hier. Wer mag, kann gegen Kost und Logis mitmachen. Schließlich gibt es genug zu tun: regelmäßige Repair-Cafés in der alten Backsteinscheune von 1890, internationale Workcamps, eine Mosterei, Gemüseanbau und NaturKulturTage für Schulklassen, Hoffeste, eine offene Werkstatt – ein bunter Strauß fürs Gemeinwohl. Ihre Vision beschreibt Wibke Seifarth so: „Wir wollen einen Lebens- und Arbeitsort, einen Lern- und Begegnungsort für Gemeinschaft und Familie schaffen, verbunden mit dem Boden und den Menschen vor Ort.“

Klingt gut. Und nicht ganz einfach. Doch auch wenn der Anspruch hoch und das Leben bescheiden anmutet, so ist es doch ein selbstbestimmtes und entspanntes Dasein hier. Das Landkombinat hat sich über die Jahre so gut entwickelt, dass Wibke Seifarth kürzlich sogar nach zwei Jahren ihre Arbeit beim Kreisjugendring, die sie sehr schätzte, aufgab, um sich ganz dem Projekt zu widmen, und um ihren Ideen in der Kinder- und Jugendarbeit selbstbestimmt nachzugehen – um so das Landkombinat mit ihrem Berufsleben zu vereinen. Und das hat geklappt. „Für mich ist die beste Entwicklung, dass wir es geschafft haben, Arbeitsbereiche auch an andere abzugeben und nun zu mehreren Verantwortung auf dem Hof tragen“, sagt sie. Aber natürlich sei viel Energie nötig, um die „Dinge im Laufen zu halten“. Und trotzdem: Um noch mehr als bislang schon bewegen zu können, überlegt sie, sich noch mehr in den kommunalen Ausschüssen zu engagieren, schließlich fallen dort die wichtigen Entscheidungen für die Region. Aber noch mehr Aktivitäten? Die studierte Umweltbildnerin zuckt mit den Schulter. „Das Leben in Balance und für die Transformation ist eine echte Herausforderung.“

Da ist es vielleicht gut, wenn man nicht alleine ist oder nur ein paar MitstreiterInnen hat, sondern gleich eine ganze Stadt, die den Wandel wagt.

Ein feiner Aufbruch in Loitz – wären da nicht all die Probleme

Wie die Stadt Loitz, nur wenige Kilometer über die Peene weiter Richtung Norden. Schon 2015 wurde das Dorf mit seinen 4.200 EinwohnerInnen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in das Programm „Zukunftsstadt“ aufgenommen, und die LoitzerInnen schafften es bis in die finale Förderphase, in der ihre in diversen Arbeitsgruppen gemeinschaftlich entwickelten Projektideen nun bis 2030 umgesetzt werden sollen. Doch wer durch die Straßen bummelt, entdeckt zwar viel Stadt, aber wenig Zukunft.

Da ist es hilfreich, dass heute der Verein „Neuland gewinnen e.V.“, ein Ableger des Neulandgewinner-Programms, für einen Tag zu Gast in Loitz ist, um die Aktivitäten sichtbar zu machen. Im renovierten Rathaus diskutiert Bürgermeisterin Christin Witt mit Gästen über die Zukunft der Jugend, ein Paar aus den alten Bundesländern führt durch ihr kürzlich erst erworbenes und heruntergekommenes Haus von 1796, berichtet über Hürden beim Kauf, aber auch über die „tollen Menschen“ hier und ihre gemeinwohlorientierten Visionen. Am Rande des Dorfes können die Gäste bei der Wiederbelebung der ehemaligen und weitläufigen Stärkefabrik mithelfen, die einst 500 Menschen Arbeit gab und Anfang der 1990er Jahre durch die Treuhand abgewickelt wurde – und nun zu einer Art Kultur-Campus ausgebaut werden soll, wenn es nach dem Willen der Engagierten hier geht. Einige munkeln aber auch, dass sich die Stadt gegen einen finanzkräftigen Investor nicht sträuben würde, der die Gebäude abreißen und etwa für einen Hotel-Neubau nutzen würde.

Nicht nur auf den Fassaden, sondern auch dahinter arbeiten die Loitzer an einem neuen Bild für die Stadt. Foto: Jörg Gläscher

Überhaupt, der Leerstand. Wo laut Bürgermeisterin der Zuzug „das große Thema ist“, braucht es kreative Ideen. Das Ehepaar Annika Hirsekorn und Rolando Gonzales haben heute ihr Haus für eine Kleidertauschbörse, Siebdruck und Upcycling geöffnet. Es ist mit dem Projekt „Dein Jahr in Loitz“ Teil der Zukunftsstadt – ein Experiment. Loitz hatte mit der Idee gelockt, dass man ein leerstehendes Gebäude und ein Jahr lang ein Grundeinkommen von monatlich tausend Euro bekommt, wenn man das Haus auf Vordermann bringen und für die Gemeinschaft öffnen würde. Es gab 90 Bewerbungen, Annika aus Ost-Berlin und der in Ecuador geborene Rolando bekamen den Zuschlag. Und sind nun seit April diesen Jahres in Loitz, haben bereits eine kleine Comic-Bibliothek für die Kinder und Jugendlichen eingerichtet und Workshops für sie organisiert. 

„Mir fehlt nichts“, sagt Annika, und auch der selbstständige Videoproduzent Rolando lobt die Offenheit der neuen Mit-BewohnerInnen und dass „viele NachbarInnen bei uns vorbeischauen“. Gemeinsam wollen sie einen Ort des Mitmachens und der Partizipation schaffen, damit „der Edeka nicht der einzige Ort bleibt, wo man die meisten Menschen trifft“, sagt Annika, die in der Hauptstadt bei einem Verein tätig ist und jedes Jahr für zwei Monate in Mexiko arbeitet, weil „ich es nicht mag, das ganze Jahr in Deutschland zu sein“.

Wer sich mit den AkteurInnen unterhält, könnte zu dem Schluss kommen, dass es einen kleinen, aber feinen Aufbruch in der Stadt gibt. Wären da nur nicht all die Probleme.

„Derzeit gibt es einen Stillstand“, sagt Zukunftsstadt-Projektkoordinator Frank Götz-Schlingmann, „verursacht durch Schub und Gegenwind.“ Was er damit meint: Es mangelt nicht an Ideen noch an Engagierten, dafür aber an Einigkeit. Beim Übergang in die derzeitige Umsetzungs-Projektphase habe es einen Bruch gegeben. Zuvor hätten sich die in den diversen Arbeitsgruppen Engagierten mitgenommen gefühlt, das sei nun vorbei. Stattdessen gibt es Schuldzuweisungen: mangelnde Transparenz bei der Fördermittelverwendung, zu viel Geld sei bei DienstleisterInnen versandet und nicht in den Projekten angekommen, das Programm schlichtweg zu groß für eine kleine Verwaltung wie Loitz, Mit-Initiator und Ex-Bürgermeister Michael Sack, heute Landrat Vorpommern-Greifswald und CDU-Landeschef, habe die Stadt im Stich gelassen.

Das beste Rezept gegen den Niedergang einer Kleinstadt wie Loitz: viele helfende Hände – und eine Menge Spaß.
Foto: Jörg Gläscher

Frank Götz-Schlingmann rauft sich die Haare. Der 59-Jährige, auch er ein Neulandgewinner, ist in vielen Gremien Zuhause, ein Netzwerker – und hat gerade einmal einen Vertrag über 15 Stunden in der Woche, um das Herkulesprojekt hier in Loitz ins Leben zu bekommen. Seine Vorgängerin hatte deswegen hingeworfen, und auch er sei kurz davor, bekennt er. Oft müsse er doppelt so viel Zeit in das Projekt stecken, gerade in dieser problembehafteten Phase, da falle viel Anderes hintüber. Zum Beispiel, Natur-Interessierte mit dem Solarboot „UrSolar“ über die Peene zu fahren, was der als „Peenepirat“ bekannte und ehemalige Kapitänleutnant der DDR-Marine wohl am liebsten täte.

Ein Bahnhof und die schwierige Frage des Generationenwechsels

Und so verlässt man Loitz mit gemischten Gefühlen über den Fluss Richtung Anklam, der letzten Station der Reise in eine Zukunft, die hier noch nicht so richtig aus den Puschen zu kommen scheint, hin zu einem Projekt, das schon seit 2014 über die Grenzen der Stadt Bekanntheit erlangen konnte: der Demokratiebahnhof. Und wenn man so will, sind Johanna-Marie Kirchenstein und Christoph Rheinsch die BahnhofvorsteherInnen. Manchmal mehr, als ihnen lieb ist, denn es passiert tatsächlich, dass Fahrgäste in dem Büro der Jugendsozialarbeiterin und des Umweltpädagogen im noch aktiven DB-Bahnhof stehen, um Tickets zu kaufen. „Dann schicken wir sie einmal um die Ecke“, sagt die junge Frau und lächelt ein wenig verlegen.

Gründerin Klara Fries und ihr Team haben hier in ehrenamtlicher Arbeit einen offenen Ort für Kinder und Jugendliche geschaffen, um ihnen eine kostenlose Alternative zu den rechtsextremistischen Angeboten zu machen, mit Musik- und Fitnessraum, einer Fahrradwerkstatt, Tischtennisplatte und Billardtisch, mit Workshops für Siebdruck und Touren in den Kletterpark, Film- und Musikabenden, Arbeitsgruppen zu Demokratie und Toleranz. Und Aktionen gegen Rechts. Manchmal kommt es sogar vor, das Bürgermeister Michael Galander sich bei ihnen meldet um zu erfragen, was sie denn gegen einen der kommenden Neonazi-Aufmärsche geplant hätten. Kein Wunder, dass sie zur Zielscheibe der Rechten geworden sind – im wahrsten Sinne, denn immer wieder fliegen Pflastersteine durch die Fensterscheiben. Vielleicht auch noch aus altem Frust, weil die NPD den Bahnhof ursprünglich für sich nutzen wollte. Daraus ist – auch dank Klara Fries – nichts geworden.

Der Demokratiebahnhof in Anklam ist ein Gemeinschaftsort für die Jugendlichen der Stadt – und mittlerweile ein wichtiger Akteur.
Foto: Jörg Gläscher

Und trotzdem: „Der Demokratiebahnhof ist offen für alle“, sagt Klara Fries. „Und wird von allen gleichermaßen selbstbestimmt mit Leben gefüllt.“ Die jungen Menschen sollen sich hier ausprobieren können, Neues wagen, Selbstwirksamkeit erfahren. Sie selbst ist insbesondere beim Jugendparlament aktiv, das es seit 2018 gibt und die Interessen der jungen AnklamerInnen ins Stadtparlament trägt. Immer wenn es um die Belange von Kindern und Jugendlichen in der Stadt geht, muss der Rat das Jugendparlament mit einbeziehen. Eine eigene Satzung gibt ihm einen Rahmen, Klara Fries begleitet die neun Mitglieder zwischen 11 und 18 Jahren als Honorarkraft ein- bis zweimal im Monat, kümmert sich um die Finanzen und Organisatorisches.

„Endlich spricht man in Anklam über die Probleme, die lange unter den Teppich gekehrt wurden.

Wenn die junge Frau, die Kunst und Geografie auf Lehramt studiert und gerade einen Master-Abschluss in Nachhaltigkeitsgeografie in ihrem Heimatort Greifswald absolviert hat, zurückblickt, dann ist der Jugendtreff „an vielen Stellen so geworden, wie ich es mir vorgestellt habe“. Es läuft hier, auch wenn das viel Durchhaltevermögen gefordert habe. Eine positive Berichterstattung über die Aktivitäten im Demokratiebahnhof und ihre öffentlichkeitsstarken Aktionen hätten zu einer hohen Akzeptanz in Politik und Verwaltung geführt, „so dass man nun endlich in Anklam auch über die Probleme spricht, die zwar offensichtlich sind, aber lange unter den Teppich gekehrt wurden“.

Also alles gut? Fast. Denn selbst die heute noch immer jungen GründerInnen, damals zwischen 16 und 23 Jahre alt, stehen heute vor der schwierigen Frage des Generationenwechsels. Die jungen Gäste bräuchten junge Erwachsene „um andocken zu können“, doch die Suche nach NachfolgerInnen gestalte sich kompliziert, zudem bräuchte man sicher eine zwei- bis dreijährige Übergangsphase, in der man den Neuen den Rücken freihalte. Die heute 28-Jährige selbst sieht sich künftig nicht häufiger im Bahnhof, schließlich steht sie gerade an der Schwelle ins Berufsleben. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Und so endet die Reise über die Peene. Es ist keine Reise in eine neue, schon fertige Zukunft, sondern in das redliche Bemühen um sie. Der Fluss der Erneuerung bewegt sich nur sehr langsam. Manchmal – wie das Wasser der Peene wegen ihres geringen Gefälles und bei Hochwasser in Ostsee und Oder selbst – fließt Engagement sogar in die falsche Richtung zurück wie in Loitz. Manchmal verbirgt es sich wie die Tiere entlang des Flusses, und man muss sehr genau wissen, wo es zu finden ist. Und wie die Peene eingebettet ist in Naturschutzgebiete, einem intakten Ökosystem, so wichtig scheint es auch für die Engagierten zu sein, dass sie verbunden miteinander sind, um sich gegenseitig Kraft zu spenden und Mut zum Weitermachen zuzusprechen. Das ist wichtig. Denn der Weg ins Meer einer anderen, besseren Zukunft ist noch lang. Verdammt lang.

Text: Thomas Friemel, Fotos: Jörg Gläscher

Jene stark machen, die andere mitreißen

Seitdem die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt Mitte 2020 an den Start ging, sind hohe Erwartungen aus der Zivilgesellschaft an sie geknüpft, insbesondere von den AkteurInnen im ländlichen Raum. Vorstand Jan Holze bremst: „Wir können nicht jedes Problem lösen – aber wir können in vielerlei Hinsicht helfen.“

Seitdem die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt Mitte
2020 an den Start ging, sind hohe Erwartungen aus der Zivilgesellschaft an sie geknüpft, insbesondere von den AkteurInnen im ländlichen Raum. Vorstand Jan Holze bremst: „Wir können nicht jedes Problem lösen – aber wir können in vielerlei Hinsicht helfen.“

Wer die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) besuchen möchte, muss in den Wald. Wenige Kilometer östlich von Neustrelitz, umgeben von Kiefern in einem ehemaligen Gebäude der DDR-Volkspolizei, das heute verschiedene öffentliche Verwaltungen beherbergt, hat die im Frühjahr 2020 neu gegründete Bundesstiftung ihren vorläufigen Sitz gefunden. Noch ist alles im Aufbau: Räume werden hergerichtet und bezugsfertig gemacht, gleichzeitig operativ gearbeitet – eine Baustelle auf einer Baustelle. 

Herr Holze, Sie haben erst im Juli 2020 gemeinsam mit Co-Vorständin Katarina Peranic die Arbeit aufgenommen. Aber es sieht so aus, als wäre schon eine Menge zu tun.

Jan Holze: Ja, so ist es. Wir haben bis zum Ende der Bewerbungsfrist für unser erstes Förderprogramm Anfang November mehr als 12.500 Anträge bekommen. Ich hatte die Mitarbeitenden am Anfang um eine Einschätzung gebeten und versprochen: Wer am nächsten an der Zahl der final eingegangenen Anträge dran ist, bekommt einen Eisbecher von mir. Schon nach kurzer Zeit waren die meisten raus aus dem Rennen.

Das Interesse an Ihrer Arbeit scheint groß.

Absolut. Aber nicht nur das, auch der Bedarf ist enorm. Das angesprochene Förderprogramm ist mehr als zehnfach überzeichnet. Abgesehen von den Anträgen sind viele Engagierte auf uns zugekommen, die uns einerseits ihre Vorhaben vorstellen wollten, aber auch wissen wollten, wohin es mit der Stiftung grundsätzlich geht. Das ist für uns ein sehr wichtiger Prozess, da wir die Stiftung bedarfsorientiert aufbauen wollen. Dabei helfen uns die vielen Gespräche, aber auch die vielen Anträge, um einen bestmöglichen Überblick zu erhalten, wo was gebraucht wird. Nur so können wir unsere Unterstützungsformate konkret auf die Bedarfe hin ausrichten. Das so etwas funktioniert, zeigt unser Förderprogramm, wo wir genau in diesem Sinne vorgegangen sind – erst befragen und dann handeln. 


DSEE in Kürze

Die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) wurde am 25. März 2020 per Gesetz von der Bundesregierung als eine Stiftung des öffentlichen Rechts des Bundes gegründet und hat ihren Sitz in Neustrelitz (M-V). Sie wird insbesondere von drei Bundesministerien getragen: BMFSFJ, BMI und BMEL. Stiftungszweck ist laut Satzung „die Stärkung und Förderung des bürgerschaftlichen Engagements und des Ehrenamts insbesondere in strukturschwachen und ländlichen Räumen im Rahmen der Zuständigkeit des Bundes“. Die Rechtsaufsicht obliegt dem BMFSFJ. Der Stiftungsrat aus 19 Mitgliedern, u. a. drei Bundesminister, hat sich am 11. November 2020 konstituiert. Das DSEE-Team umfasst derzeit 17 Angestellte, soll aber perspektivisch auf 75 aufgestockt werden. Mehr unter: 

deutsche-stiftung-engagement-und-ehrenamt.de


Lässt sich clustern, woher die Anträge kamen?

Das war einem ständigen Wandel unterzogen. Je nachdem, wo das Programm aktiv kommuniziert wurde, konnten wir teilweise direkt am Tageseingang erkennen, dass zum Beispiel offenbar in Rheinland-Pfalz gerade über uns gesprochen wurde. Unterm Strich konnten wir das gesamte Bundesgebiet abdecken. Wir hatten zuvor die Sorge, dass nur Anträge aus dem Nahbereich eingehen. Die Sorge war unbegründet. Unsere Existenz hat sich in ganz Deutschland herumgesprochen.

Kamen mehr Anträge aus Städten oder vom Land?

Ein sehr großer Anteil kam aus den ländlichen Räumen. Das deckt sich mit unserem Stiftungszweck, nach dem wir uns insbesondere den strukturschwachen und ländlichen Räumen widmen sollen.

Warum die Konzentration auf den ländlichen Raum? Ist in den Städten alles gut?

Nein, Engagement birgt überall seine spezifischen Herausforderungen. Aber ich glaube schon, dass die Schwierigkeiten in den ländlichen Räumen noch andere sind, auch was die Unterstützungsmöglichkeiten angeht. Man kann dort eben nicht so einfach mal zum Autohaus, zur Sparkasse oder zu anderen lokalen Unternehmen nebenan gehen und um Unterstützung für sein Vorhaben bitten. Da gibt es in größeren Städten andere Möglichkeiten, ja überhaupt per se Möglichkeiten. Eine weitere besondere Hürde ist die mangelnde Mobilität, die einfache Zusammenkünfte erschwert – und hier rede ich nicht von Corona. Diesen AkteurInnen in den ländlichen Räumen wollen wir uns intensiv widmen und unsere Programme entsprechend den Bedarfen vor Ort ausrichten. Dabei werden wir die Städte natürlich nicht aus dem Blick verlieren.

Sie haben 30 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung …

Ja, das hat der Deutsche Bundestag so beschlossen. Jedes der drei beteiligten Bundesministerien unterstützt uns mit jeweils zehn Millionen Euro aus ihrem Haushalt.

… abzüglich der Personal-, Verwaltungs- und sonstigen Kosten. Wie viel Geld bleibt da für die Förderprogramme übrig?

Es sind nicht nur die Förderprogramme, mit denen wir das Ehrenamt stärken. Wir werden in vielfacher Hinsicht unterstützend tätig sein, ob über Beratungs-, Vernetzungs-, Service- oder Finanzierungsprogramme. Auch das dafür eingesetzte Personal leistet konkrete Hilfe für das Ehrenamt.

Wir wollen und
werden das Ehrenamt
in jeder Hinsicht
stärken und fördern.

Jan Holze, Deutsche Stiftung für Ehrenamt und Engagement

Die DSEE ist als also nicht nur eine fördernde Stiftung?

Wir wollen und werden das Ehrenamt in jeder Hinsicht stärken und fördern. Dabei können wir sowohl operativ – mit Beratung, Service, der Organisation von Fortbildungen und Tagungen –, als auch fördernd – im Rahmen von Förderprogrammen – tätig sein. 

Der Erfolg mit dem ersten Förderprogramm zeigt, wie hoch der Bedarf an Kapital ist. Soll es auch Zustiftungen geben?

In unserem Errichtungsgesetz ist explizit festgehalten, dass wir berechtigt sind, auch private Mittel mit einzubinden. Die Erfahrung aus meiner fünfjährigen Tätigkeit bei der Ehrenamtsstiftung Mecklenburg-Vorpommern ist, dass so etwas Zeit und Vertrauen braucht. Nicht nur, dass die Zivilgesellschaft und die Politik Vertrauen in diese Stiftung aufbauen, sondern auch die Wirtschaft, um gemeinsam mit uns für die Zivilgesellschaft tätig zu werden.

Haben Sie Schwerpunkte im Bereich der Zivilgesellschaft, die Sie ansteuern?

Nicht im Hinblick darauf, welche Form des Engagements wir unterstützen. Wir sind für die gesamte Breite der Zivilgesellschaft zuständig und wollen keine Wertung vornehmen, ob ein Ehrenamt eine höhere Relevanz hat als ein anderes. Uns geht es darum, dass sich Leute überhaupt engagieren und mit ihrem Engagement, das natürlich auf dem Boden des Grundgesetzes fußen muss, zum Gemeinwohl und Zusammenhalt beitragen. Das können auch Menschen in vereinsungebundenem Ehrenamt sein, die sich in Initiativen bewegen, in großen Verbänden, Stiftungen oder kleinen Vereinen.

Gibt es aus dem Bereich der Zivilgesellschaft auch Gegenwind?

Es gab vor der Stiftungsgründung massiven Gegenwind. Einerseits wurde die Frage gestellt: Es gibt ja schon Strukturen in der Zivilgesellschaft, auch Beratungsstrukturen, warum also noch einen Player danebensetzen? Und zum anderen wurde gefragt, warum man Mittel nicht direkt über die vorhandenen Strukturen vergeben will. Ich glaube aber, dass wir mit dem jetzt gewählten Modell einen konkreten Mehrwert bieten können, weil es auf Bundesebene eben noch kein strukturübergreifendes Kompetenz- und Service-Zentrum für das Ehrenamt gibt. Ich sehe uns dabei in einer Art Scharnierfunktion zwischen Öffentlicher Verwaltung und der Zivilgesellschaft.

Was heißt das konkret?

Wir wollen beide Seiten zusammenbringen. Einerseits wollen wir die Belange und Wünsche der Zivilgesellschaft in die Kanäle der Politik sowie der öffentlichen Verwaltung hineintragen. Andererseits wollen wir für Verständnis werben, dass es deshalb einen rechtlichen und verwaltungstechnischen Rahmen braucht, um Begünstigungen wie die Gemeinnützigkeit oder Fördermittel in Anspruch nehmen zu können. Wir hoffen, dass wir in Zukunft hier Vereinfachungen hinbekommen, etwa im Hinblick auf Steuererklärungen oder die DSGVO. Die Stiftung wird auch einen Mehrwert dahingehend liefern, hochprofessionelle juristische Beratung anzubieten, die in Verbänden oder anderen Beratungsstellen nicht abbildbar sind.

Abgesehen von der Beratung: Welche Förderprogramme sind in der Pipeline?

Wir wollen nicht jedes Jahr eine neue Kuh durchs Dorf treiben, sondern ein verlässlicher Partner sein. Einer unserer Schwerpunkte ist die Strukturstärkung, die nicht funktionieren wird, wenn man sich jedes Jahr ein neues Thema ausdenkt – man also versucht, etwas am Anfang des Jahres starkzumachen und am Ende des Jahres wieder fallen lässt. Wir müssen stattdessen langfristig angelegte Programme auflegen.

Was ist 2021 konkret geplant?

Wir bauen ein Zentrum für die Strukturstärkung in ländlichen Räumen auf, aber auch ein Servicezentrum als zentrale Anlaufstelle für Engagement und Ehrenamt sowie ein Kompetenzzentrum, das Themen identifiziert und Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen entwickelt. Zudem werden wir Programme für fortwährende Bedarfe in der Zivilgesellschaft auflegen, Stichwort Digitalisierung. Allerdings muss das Rad nicht immer neu erfunden werden. Es gibt schon ganz tolle Vorhaben und Entwicklungen, denen wir gern zu mehr Bekanntheit und einer höheren Nutzung verhelfen wollen. Schließlich finde ich, dass eine Stiftung auch dafür da sein muss, Dinge auszuprobieren und auch mal scheitern zu können.

Scheitern ist in Anbetracht von Steuermitteln nicht gern gesehen …

Es muss doch möglich sein, dass Menschen, die sich freiwillig und unentgeltlich engagieren, auch mal experimentieren können. Und da muss es eine Stelle geben, die das auch unterstützt und ein Signal der Anerkennung sendet. Wir wollen einen wertschätzenden Umgang pflegen, der es ermöglicht, dass Leute auch zukünftig Lust haben sich zu engagieren.

Um auch junge Menschen fürs Ehrenamt zu begeistern?

Der dritte Engagementbericht des Bundesjugendministeriums zeigt, dass es unter Jugendlichen durchaus angesagt ist sich zu engagieren. Die Herausforderung sehe ich also nicht in der Bereitschaft, sich zu engagieren, sondern woanders: Der rechtliche Rahmen des Vereinsrechts ist schon über 100 Jahre alt und an der einen oder anderen Stelle zu starr. Wir brauchen einerseits auf der Ebene der Organisationen die Bereitschaft, neue Strukturen so zu schaffen, damit auch kurzfristige, flexible Einsatzfelder möglich sind. Auf der anderen Seite müssen wir natürlich Menschen motivieren, sich dauerhaft in Strukturen zu engagieren, sodass sie durch ein kurzfristiges Engagement die Bereitschaft entwickeln, sich dauerhaft zu binden.

Wie kann das gehen?

Es ist notwendig, dass wir diejenigen, die sich engagieren wollen und diejenigen, die andere mitreißen, stark machen und unterstützen, indem wir ihnen immer wieder Anerkennung und Wertschätzung zuteilwerden lassen. Das kann manchmal der Euro sein, manchmal ein Kontakt, manchmal die rechtliche Beratung oder das Fortbildungsangebot. Wir müssen ihnen zeigen, dass wir für sie da sind, damit sie selbst sich auf ihr Engagement konzentrieren und andere mitreißen können.

Sehen Sie da unterschiedliche Herausforderungen im ländlichen Raum und in Metropolen?

Ja. In ländlichen Räumen sind die Wege buchstäblich weiter. Weiter, um sein Engagement auszuüben und weiter, um Unterstützung zu erhalten. Zudem gibt es nicht überall die Anpacker, die Mitreißer, die für ein buntes Vereinsleben gerade in Dörfern und kleinen Gemeinden sorgen, die das Sommerfest und das Weihnachtssingen organisieren. Es muss uns deshalb gelingen, jene Leute zu identifizieren, die solch eine Rolle übernehmen könnten. Und diese Anpacker und Mitreißer wollen wir für ihr Engagement vor Ort qualifizieren, motivieren und wenn gewünscht auch begleiten.

Genau das ist der Ansatz des Programms der Neulandgewinner, das seit Jahren Akteure im ländlichen Raum Ostdeutschlands ermächtigt. Wird es da zu einer Zusammenarbeit kommen?

Ich schätze das Programm sehr. Viele der Initiativen, die ich kenne – gerade in Mecklenburg-Vorpommern – sind wunderbare Beispiele dafür, wie Engagement vor Ort funktionieren kann. Eine Zusammenarbeit – in welcher Form auch immer – wäre aus meiner Sicht sehr wünschenswert.

Wäre es nicht gemäß Ihrem Ansatz klug, dass man genau diese AkteurInnen und ihre Projekte fördert?

Im ersten Schritt wäre es wichtig, mit diesen bestehenden Netzwerken zusammenzuarbeiten. Das sind alles Akteur-
Innen, die Erfahrungen haben und uns deshalb hilfreiche Tipps und Ratschläge geben können. Wir müssen uns jedenfalls immer wieder selbst überprüfen, ob wir mit unseren Angeboten auch die Bedarfe vor Ort treffen. Da sind Akteur-Innen, wie die NeulandgewinnerInnen, gute Gradmesser, die wir andererseits in Ihren Bedarfen auch unterstützen sollten. 

Wird denn ein Fokus Ihrer Arbeit speziell auf Ostdeutschland liegen?

Unser Stiftungszweck ist die Stärkung und Förderung des Ehrenamts und bürgerschaftlichen Engagements in ganz Deutschland. Aber: Die Statistik zeigt, dass es im Osten nach 30 Jahren immer noch nicht gelungen ist, die Zahlen tatsächlich anzugleichen. Da muss es also irgendwo einen Knackpunkt geben. Und insofern sehe ich für uns einen natürlichen Auftrag darin, uns diese Regionen gesondert anzuschauen. Aber es gibt auch in den alten Bundesländern Gegenden, in denen Herausforderungen bestehen. Die Erwartungshaltung darf nicht sein, dass wir jedes gesellschaftliche Problem überall im Land lösen können, aber wir können in vielerlei Hinsicht helfen. Das Ziel muss sein, dass jeder, der sich an uns wendet, in irgendeiner Form und im Rahmen des Möglichen Unterstützung erhält. Das muss nicht alles die Stiftung selbst leisten können, nicht jeder Euro für einen Verein muss unser Eigener sein. Wir können auch vermitteln. Wichtig ist, dass die Leute mit Herz und Hand dabei sind. Und wenn sie das sind, dann unterstützen wir sie gerne.


Fotograf: Nils Hasenau

Jan Holze

Er ist ein Kind der Gegend: Sein Elternhaus liegt nur 20 Kilometer von Neustrelitz entfernt. „Ich kenne die Gegend wie meine Westentasche“, sagt der 40-Jährige. Jan Holze studierte BWL und Jura an den Universitäten Rostock, Moskau, Nantes, Frankfurt/M. und Münster. Bevor er Vorstand bei der DSEE wurde, war er Geschäftsführer der Stiftung für Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement in Mecklenburg-Vorpommern und ehrenamtlicher Vorsitzender der Deutschen Sportjugend. 

Katarina Peranic

DSEE-Vorständin Katarina Peranic ist zertifizierte Stiftungsmanagerin und hat Politikwissenschaft in Marburg und Berlin studiert. Katarina Peranic war acht Jahre lang Vorständin der Stiftung Bürgermut und hat dort verschiedene Programme an der digital-sozialen Schnittstelle umgesetzt. Ihre Kernthemen sind die Unterstützung engagierter BürgerInnen bei der Vernetzung, dem Wissenstransfer und der Digitalisierung.

Interview: Thomas Friemel

„Man ist dazu verdammt, Erfolge zu produzieren“

Wie entzündet man Menschen in einer Gemeinde, um sie in die Zukunft zu führen? Kaum einer weiß das besser als Michael Sack. Der langjährige Ex-Bürgermeister von Loitz und heutige Landrat von Vorpommern-Greifswald über die Bedeutung von Erntedankfesten als Leuchttürme, zu viel Bürokratie und Regionalbudgets als freie Gestaltungsmasse.

Wie entzündet man Menschen in einer Gemeinde, um sie in die Zukunft zu führen? Kaum einer weiß das besser als Michael Sack. Der langjährige Ex-Bürgermeister von Loitz und heutige Landrat von Vorpommern-Greifswald über die Bedeutung von Erntedankfesten als Leuchttürme, zu viel Bürokratie und Regionalbudgets als freie Gestaltungsmasse.

Herr Sack, Ihr Herausforderer bei der Bürgermeisterwahl 2017 in Loitz wollte als erste Amtshandlung eine Gasse nach Ihnen benennen. Jetzt sind sie Landrat. Hat Ihre Nachfolgerin das umgesetzt?

Michael Sack (lacht): Nein, es gibt noch keine Sack-Gasse in Loitz.

Sie müssen in Ihrer achtjährigen Amtszeit aber doch einiges richtig gemacht haben.

Als ich das Amt 2010 übernahm, habe ich in meiner Antrittsrede gesagt: Wenn wir diese Region nach vorne bringen wollen, wird es in den nächsten Jahren nicht mehr darauf ankommen, wie viele Straßen wir sanieren und wie viele Häuser wir bauen, sondern wir müssen unsere Menschen fit für die Zukunft machen. Wir müssen dafür sorgen, dass sie verstehen, dass sie alleine das Glück ihrer Region in den Händen halten. Mein Credo war: Wenn sie Ideen haben, kreativ sind und etwas voranbringen wollen, dann wird sich die Stadt und diese Region entwickeln. 

Ein echter Perspektivenwechsel also?

Ja. Ich habe unseren Menschen gesagt, dass wir endlich aufhören müssen darüber nachzudenken und zu jammern, wie viele Leute in den vergangenen zwanzig Jahren weggezogen sind. Immerhin hatten wir bis 2010 dreißig Prozent der Einwohner verloren. Wir müssen vielmehr darüber nachdenken, wie wir die Einwohner zurückbekommen. Also: Ärmel hochkrempeln, besser werden, Leute wieder zurückholen, die uns verlassen haben. Ich war überzeugt: Mit dieser Haltung schaffen wir eine positive Ausstrahlung – und nur, wenn wir nach außen strahlen, werden wir andere für uns begeistern können.

Woher kommt diese zupackende, positive Herangehensweise?

Von meinem Elternhaus bin ich es seit jeher gewohnt, nicht zu jammern, sondern zu machen. Anpacken und los geht’s. Auf wen oder was sollen wir warten? Die zentrale Frage war damals: Wie bekomme ich meine Leute, meine Region ein Stück weit wieder aufgerichtet? Wie gebe ich den Menschen Hoffnung und Kraft anzupacken?

Hilfe bekamen Sie damals vom sogenannten Bundesprojekt MORO, Modellvorhaben der Raumordnung.

Darum hatten wir uns beworben. Es ging darum, eine Datenbasis und eine Grundstrategie zu bekommen: Wo sind unsere Stärken, wo sind unsere Schwächen, wo können wir uns zukünftig entwickeln? Eine Generalinventur also. Und da gab es einen ganz wichtigen Augenblick. Ein Institut hatte die Bevölkerungsentwicklung bei uns hochgerechnet und die Prognose war, dass wir auch bis 2030 noch einmal 30 Prozent der Menschen verlieren werden. Als das Ergebnis im Amtsausschuss vorgestellt wurde, war es so still, dass man eine Nadel hätte fallen hören können. Es war ein Schock. Uns allen war zweierlei klar: Zum einen müssen wir uns darauf einrichten, dass wir weniger und im Durchschnitt älter werden. Zum anderen müssen wir alles tun, damit die Entwicklung nicht so durchschlagend wird. Also haben wir losgelegt.

Wie genau?

Wir haben Projekte ausgelobt und angeschoben, die bis heute Bestand haben. Da entstand zum Beispiel der Kultur-Konsum in Loitz, der heute bis zu 170 Veranstaltungen im Jahr organisiert, oder der Dorfge(h)dankenweg in Görmin. Unsere Aufgabe als Amt war es, die Leute zusammen zu holen, die etwas bewegen wollten, und dann das Geld zu besorgen, damit sie auch ins Machen kamen.

Woher kam das Geld?

Wir als Gemeinde hatten natürlich keins, aber da half uns eben das MORO-Projekt, einen Anschub zu finanzieren. Das Projekt war eine tolle Chance für uns, obwohl wir viel zu klein waren und man uns nicht zugetraut hat, dass wir die Arbeit auch schaffen. Und natürlich war es hilfreich, dass ich als Kreistagspräsident auch Zugang zu den nächsthöheren Ebenen der Politik hatte. Das war eine Phase, in der wir ganz viel gelernt haben, das hat uns inhaltlich viel weitergebracht.

Die Rahmenbedingungen sind das eine. Aber wie haben Sie die Menschen ins Engagement bekommen?

In Loitz und seinen Gemeinden gab es schon immer viel Engagement, auch zur DDR-Zeit. Und das war immer noch da, hat aber etwas geschlafen, obwohl es bei 4.500 Einwohnern 40 Vereine gibt. Aber das Engagement war wenig kanalisiert und gehoben. Da half uns neben MORO das Landes-Erntedankfest Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2013. Das war noch einmal eine Zündung. Nachdem die Gemeinde, die das Fest eigentlich ausrichten sollte, abgesagt hatte, habe ich in meinem jugendlichen Leichtsinn gesagt: Klar machen wir das Fest! Als es dann in die Planung ging, wurden die Herausforderungen immer größer: Sicherheitskonzept, notärztliche Versorgung, Abwasser-Plan – das war eine ganze Menge und alle mussten mitmachen. Und wenn man viele Menschen an Bord holt, muss es eine gute Organisation geben, also klare Hierarchien, klare Entscheidungswege, klare Kompetenzen. Kurz: Man muss verlässliche, beratende Strukturen schaffen. Wir haben das Fest in einer wunderbaren Art und Weise hinbekommen. Und das hat in der Stadt einen Ruck gegeben.

Waren denn alle gleich mit dabei?

Oh nein. Beim ersten Treffen stand ich mit der Feuerwehr allein auf dem Festplatz, niemand war da. Also habe ich den Bürgern ein wenig ins Gewissen geredet: Liebe Leute, wollen wir uns hier so präsentieren?! Im Endeffekt fällt das auf uns alle zurück. Und wir bedienen das Klischee, dass jeder über Loitz hat: alte Häuser, nichts los, keiner kümmert sich. Das hat ein bisschen an der Ehre gekratzt. Und am Ende ist das so rund gelaufen und hat uns das allen großen Spaß gemacht.

Liebe Leute, wollen wir uns hier so präsentieren?! Im Endeffekt fällt das auf uns alle zurück.

Michael Sack

Ja, die Bürger der Stadt haben etwas auf die Beine gestellt, das man ihnen nicht zugetraut hat. Man braucht einen Leuchtturm, um Engagement anstoßen zu können. Die Loitzer haben danach gesagt: Wenn wir alle anpacken, dann passiert hier richtig was, dann sind wir richtig gut. An diesen Erfolg konnten wir nach 2013 immer wieder anknüpfen. Ich sage immer: Man ist dazu verdammt, Erfolge zu produzieren. Bei Misserfolgen gehen einem die Leute von der Fahne. 

Viele sagen, dass auch Anerkennung elementar ist.

Das ist etwas, was die meisten gar nicht wollen. Es geht vielmehr um Wertschätzung. Dass man als Bürgermeister, als Verantwortlicher da ist, sich sehen lässt, bei Themen und Problemlagen immer ansprechbar ist. Die Menschen erwarten nicht, dass Sie vor versammelter Mannschaft hochgelobt werden. Das muss man auch tun, aber das ist nie die Erwartungshaltung. 

Ist Engagement auf dem Land schwieriger als in der Stadt?

Das weiß ich nicht, aber es unterscheidet sich in einem zentralen Punkt: Es gibt in den Städten eine Fülle von sozialen Dienstleistungen der Daseinsfürsorge – auf dem Land nicht. Diese Lücke müssen die Freiwilligen schließen. Und sei es nur das Einkaufen für die Nachbarin, das Mitnehmen zum Arzt, die Kinder von der Schule zum Verein bringen. Das ist ein leises Engagement, über das niemand redet und für Städter gar nicht sichtbar ist. Und immer wichtiger wird.

Die Kommunen sind also mehr als die Metropolen auf die Hilfe Ihrer Bürger angewiesen. Braucht es da nicht eine Strategie, wie man sie dauerhaft gewährleisten kann?

Ich glaube, dass wir die hauptamtlichen Strukturen stärken müssen, um Ehrenamt zu ermöglichen. Auf Landkreisebene werden wir im Rahmen eines Projekts des Bundeslandwirtschaftsministeriums Anfang 2020 drei Mitarbeiter für drei Jahre einstellen, die für die Ehrenamtler, Gemeinden und Vereine den ganzen Papierkrieg übernehmen, also Projektbeantragungen, die ganze Bürokratie bis hin zur Klärung der Projektfinanzierung. Das machen wir als kostenlose Dienstleistung. Damit gewährleisten wir Professionalität, mehr Erfolg bei Anträgen und mehr Freiraum für die Engagierten – denn die haben sich ja einem Thema gewidmet, nicht dem Papierkram.

Gibt es dafür ein Vorbild?

Das haben wir uns in Polen abgeguckt. Die Stadt Swinemünde auf Usedom hat zum Beispiel mehrere solcher Projektschreiber. Das Prinzip ist allerdings ein wenig anders: Diese Dienstleister werden daran gemessen, wieviel Erfolg sie bei der Akquise von Fördermitteln haben.

Planen Sie das auch?

Nein. Wir müssen das sicher erst einmal üben, das braucht eine Anlaufphase. Wenn die drei Kollegen da sind, werden wir gemeinsam mit der Stiftung Ehrenamt auf eine Werbetour gehen. Und weil das zunächst eine Lernphase ist, sind die neuen Kollegen strukturell auch direkt bei mir angesiedelt. Ich muss immer ein Gefühl dafür haben, wie es so läuft, damit ich steuern kann.

Glauben Sie, dass sich der Erfolg von Loitz damit leichter duplizieren lässt?

Ich glaube nicht, das man Erfolg einfach übertragen kann. Man kann sich aber anschauen, warum einige Dinge gelingen und einige nicht. Wir haben 138 Gemeinden hier, das sind auch 138 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, und die ticken natürlich ganz unterschiedlich. Bei einigen läuft es so ähnlich wie in Loitz: Da geht einer vorweg mit einer aktiven Gemeindevertretung, die sind agil, organisieren Dorffeste, die kümmern sich, die ziehen Leute an. Aber es gibt auch Orte, in denen zwischen Gemeindevertretung und Bürgermeister die Chemie nicht stimmt, wo sich innerhalb der Gemeindevertretung Gräben auftun, wo immer nach einem Grund gesucht wird, warum Dinge nicht funktionieren.

Die Lösungen für die Probleme der Stadt findet man nur im Land.

Michael Sack

Was können Sie da als Landrat tun?

Ich kann nun schauen, wer etwas bewegen will und meine Unterstützung braucht. Wer nichts bewegen will, den werde ich auch nicht dazu hinkriegen. Da muss ich meine Kraft sinnvoll einsetzen.

Zum Beispiel auch in den Abbau von zu viel Bürokratie?

Das ist sicherlich ein Thema. Ein Beispiel: Bei der Projekt-Förderung im Grenzgebiet müssen Vereine oder Gemeinden erst einmal in Vorleistung gehen, führen also das Projekt erst einmal durch und können dann erst das Geld dafür abrufen. Das ist natürlich hochgradig risikobehaftet, daran scheitern ganz viele Projekte. Man bringt möglicherweise seinen Verein in Gefahr und muss auch noch den Kopf dafür hinhalten. Das ist absurd. Und dann kommt ein so umfangreiches Beantragungsverfahren hinzu, dass viele es einfach lassen. Das muss deutlich besser werden.

Gibt es weitere Stellschrauben?

Ja, die Rolle der Finanzämter. Die haben derzeit einen schärferen Blick auf das Thema Gemeinnützigkeit. Weil wir aber keine Volljuristen in den Vereinen sitzen haben, sollte man den Druck dort wieder etwas rausnehmen. Natürlich muss rechtlich alles sauber sein, aber die Frage muss doch erlaubt sein: Mache ich mit einem scharfen fiskalischen Blick nicht viel kaputt im Engagement vor Ort? Das muss abgewogen werden.

Das klingt nach Landesebene.

Natürlich. Mit dem Staatssekretär im Finanzministerium habe ich gerade das Thema Ehrenamt und Gemeinnützigkeit lange diskutiert, mit dem Staatssekretär im Wirtschaftsministerium das ganze Thema Förderung in der Grenzregion. Als Landrat sehe ich mich in der Rolle, diese Themen auf die Landesebene zu transportieren.

Auch das Thema mehr finanzielle Mittel für Engagement in den Kommunen?

Wir haben eine Großzahl von Gemeinden, denen das Wasser bis zum Hals steht. Vielen fehlt jeglicher Mut, Ideen zu entwickeln, weil sie davon ausgehen, dass sie es vor dem Hintergrund der klammen Kassen ohnehin nicht umgesetzt kriegen. Wenn wir den Gemeinden wieder Verantwortung für ihr Gemeindegebiet und ihnen das dafür notwendige Geld geben, über das sie frei entscheiden können, dann wäre das ein wichtiger Schritt. Die große Frage dahinter ist: Sind die Fördermittelprogramme auf die wahren Bedarfe abgestimmt? Häufig sind sie so eng geschrieben, dass man sich verbiegen muss, um ans Geld zu kommen. Ich würde mir wünschen, dass wir mehr in Richtung Regionalbudgets kommen, über die man frei verfügen kann, also Gestaltungsmasse hat.

Ist Digitalisierung für Sie so wichtig, wie alle immer sagen oder nur einer von vielen anderen wichtigen Bausteinen für die Entwicklung des ländlichen Raums?

Es ist ein essenzieller Baustein. Wir werden den ländlichen Raum verlieren, wenn wir ihn nicht digitalisieren. Früher waren Dörfer Arbeits- und Wohnort der Bauern. Heute findet man die kaum noch. Die Höfe sind zwar bewohnt, aber nicht von Bauern oder von in der Landwirtschaft tätigen Menschen. Das heißt: Das Dorf hat seine Aufgabe als Arbeitsort verloren. Deshalb müssen wir es schaffen, den Dörfern wieder den Charakter des Arbeitsortes zu geben, und diese Chance haben wir mit der Digitalisierung. Wenn das gelingt, mache ich mir über den ländlichen Raum überhaupt keine Sorgen. Denn dann hat der ländliche Raum einen großen Vorteil gegenüber den Ballungsräumen.

Das müssen Sie erklären.

Die Städte werden ihre Probleme wie Wohnungsknappheit oder zu viel Verkehr nicht in den Griff bekommen. Die Lage dort wird sich verschärfen – und die Lösungen findet man nur im Land. Und das müssen wir gut gestalten, wozu auch die Digitalisierung gehört. Damit werden wir attraktiver für alle, die bei der Erbringung von Dienstleistungen ortsunabhängig arbeiten können – für Menschen der Kreativwirtschaft, für Softwareentwickler, Konzepteschreiber und Strategieentwickler. An die will ich ran! Der ländliche Raum mit Wasser, Wald und weitem Horizont bietet Perspektiven, die für Kreative doch ein Segen sind, weshalb Co-Working-Räume im ländlichen Raum ein echt großes Thema sind.

Klingt, als hätten Sie noch viel vor. Haben Sie jemals bereut, aus Loitz fortgegangen und heute Landrat zu sein?

Ich bin mit Herz und Seele Bürgermeister gewesen, also richtig gerne. Ich habe den Wechsel aber nie bereut. Mich hat diese große Aufgabe gereizt. Es war die richtige Entscheidung.


Der 1973 in Demmin geborene und bei Jarmen aufgewachsene Michael Sack lernte Bauzeichner und studierte Bauingenieurwesen in Weimar. Die Sehnsucht nach „Wind und Wasser“ und natürlich seiner in Loitz lebenden Frau zogen ihn zurück in die Heimat. Politisch hatte er nach eigenem Bekunden „gar keine Ambitionen“, trotzdem trat er in die CDU ein und bei den Kommunalwahlen 2009 an, weil „sich in Loitz nichts bewegte“. 2010 wurde er zum Bürgermeister gewählt und nach überaus erfolgreicher Arbeit sieben Jahre später im Amt bestätigt. Gleichzeitig war er zwischen 2011 und 2018 Kreistagspräsident, was ihm tiefe Einblicke auf die Landkreisebene verschaffte. Seit Oktober 2018 arbeitet er nun als Landrat des Landkreises Vorpommern-Greifswald.

Interview: Thomas Friemel

Die Neuvermessung des Landes

Grobe und teils veraltete Statistiken zeichnen ein nur unzureichendes Bild vom Leben auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern. Das Projekt „Landinventur“ will das ändern. Seine Methode: Bürgerwissenschaft. Sein Ziel: Dörfer zurück auf die Landkarte bringen.

Grobe und teils veraltete Statistiken zeichnen ein nur unzureichendes Bild vom Leben auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern. Das Projekt „Landinventur“ will das ändern. Seine Methode: Bürgerwissenschaft. Sein Ziel: Dörfer zurück auf die Landkarte bringen.

So eine Inventur ist eine knifflige und zeitraubende Angelegenheit. Wer eine Bilanz erstellt, muss ziemlich genau hinschauen, was alles erfasst und bewertet werden muss, schließlich geht es qua Ursprung des Worts aus dem Lateinischen um die „Gesamtheit des Gefundenen“. Für ein ganzes Bundesland ist das eine wahre Herkulesaufgabe. Die Ministerien und sonstigen Stellen der öffentlichen Hand behelfen sich da insbesondere mit den statistischen Daten, die erhoben werden – so weiß man zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern sehr genau, dass von den rund 2,33 Millionen Hektar Fläche die Siedlungen knapp 129.000 Hektar ausmachen, dass Neustrelitz mit 74 Meter über dem Meeresspiegel die „Zugspitze“ des Bundeslands ist und dass Ende 2018 rund 1,6 Millionen Menschen im Nordosten Deutschlands lebten.

Aber reicht das? Wer sich die Daten einmal genauer ansieht, stellt schnell fest, dass die Lupe blinde Flecken hat. Die Fokussierung auf Metropolen und Wachstumszentren hat den ländlichen Raum zunehmend auch in seiner Erfassung abgehängt. Wie genau sieht es also eigentlich in den vielen Dörfern in Mecklenburg-Vorpommern aus? Schließlich machen die Gemeinden bis tausend Einwohnern gut 68 Prozent aller Siedlungen im Bundesland aus. Und seit 2014 verzeichnet das Land sogar wieder mehr Zuzügler aus den großen Städten als Abwanderer in die Metropolen. Im ländlichen Raum scheint es also etwas zu geben, was sich der statistischen Wahrnehmung anhand der klassischen demographischen, sozialstrukturellen und ökonomischen Indikatoren bisher entzogen hat. Doch was genau ist das? Es ist also dringend an der Zeit, eine präzisere Inventur des Landes vorzunehmen. Wie gut, dass es da Eleonore Harmel und ihr Team gibt.

„Wir wollen Vielfalt zeigen“

Eleonore Harmel vom Thünen-Institut für Regionalentwicklung leitet ein Projekt mit dem Namen „Landinventur“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird. Das Ziel: Die Vielfalt der Dörfer wieder sichtbar machen. „Forschung, Politik und Planung wissen zu wenig über die Situation vor Ort in den einzelnen Dörfern. Statistiken bilden nur die Fläche ab, die Daten sind teils veraltet, während sich das Land teils dynamisch entwickelt“, erklärt die Wissenschaftlerin. „Über die kleinste gesellschaftliche Einheit, das Dorf, wissen wir eigentlich sehr wenig. Genau hier will die Landinventur das Bild des ländlichen Raums ergänzen, seine Vielfalt zeigen.“

Das Team aus Gestaltern, Raumforschern, Sozialwissenschaftlern und Programmierern rund um Frau Harmel hat dazu ein Jahr lang eine umfangreiche digitale Plattform (landinventur.de) entwickelt, auf der die Bewohner vor Ort „ihr“ Dorf in etwa 30 Minuten kartieren können. Zugänglich ist die Auswertung der Daten jedem. So erfährt man etwa mit einem Klick, dass in Groß Wüstenfelde im Herzen des Bundeslandes 350 Einwohner leben, von denen 200 „eigentlich immer“ vor Ort sind. Dass seit 1990 immer mehr Kinder geboren werden und seit 2000 Menschen zuziehen. Dass es dort entgegen aller Klischees keinen Leerstand gibt. Dass es dort 30 Traktoren gibt, dass das Internet eine 4G-Qualität hat und dass nicht einmal am Tag ein Bus dort hält. Aber auch: Dass es eine Vielzahl von Menschen gibt, die sich in der Jagdgenossenschaft, in der Blaskapelle, im Kulturverein oder bei den Landfrauen engagieren. Und dass natürlich gefeiert wird: bei Osterfeuer, Karneval oder Silvesterball.

„Wir wollen ein alltagsnahes Bild des ländlichen Raums zeigen“, so Harmel. Das geht nicht ohne Hilfe. Und hier hat sich das Team einen besonderen Clou ausgedacht – Stichwort Bürgerwissenschaft. Mit ihrer mobilen Forschungsstation, einem Wohnmobil, touren sie übers Land, stellen sich ins jeweilige Herz der Dörfer, lassen die Marquise herunter und kommen so mit den Menschen ins Gespräch. „Die Hemmschwelle wird über dieses Setting heruntergesetzt, die Leute sind interessiert und finden gut, was wir machen“, so Harmel. Viele geben gleich vor Ort ihr Wissen weiter, andere informieren sich, um die Daten dann selbst auf der Plattform einzutragen. „So werden sie als Dorfbotschafter zu Akteuren einer kollektiven Raumbeobachtung. Sie erleben das als Wertschätzung und korrigieren das Bild, das sie selber mitunter vom Leben in ihrem Ort haben.“

Daten als Chancen für den Raum

Wissenschaft an der Basis sozusagen. Der Bereich der Bürgerwissenschaften ist ein noch recht junger Zweig innerhalb der akademischen Welt, knüpft aber gleichzeitig an alte Erhebungsverfahren aus dem 19. Jahrhundert an, als man noch mit Papier und Stift über die Lande zog, um Daten zu ermitteln. Mithilfe der Digitalisierung sehen die Wissenschaftler hier nun eine Vielfalt neuer Möglichkeiten – nicht nur die Vereinfachung der Datenerhebung, sondern auch die Chance, die gesammelten Zahlen und Fakten mit bereits vorhanden Datensätzen zu verbinden und sie für bessere Planungsprozesse im ländlichen Raum nutzbar zu machen. Interessenten gibt es bereits: Das Biosphärenreservat Schaalsee würde gerne mit der Landinventur kooperieren. Und zudem ist dieses Projekt natürlich auch auf andere Bundesländer und Regionen übertragbar.

Bei der Landinventur steht man noch am Anfang. Mittlerweile sind über hundert Gemeinden auf der Plattform vertreten, tausende Daten verarbeitet und ansprechend aufbereitet worden. Gab es Überraschungen? „Für mich war es interessant zu sehen, wie viele Menschen sich außerhalb bestehender Strukturen zum Beispiel in Vereinen für ihr Dorf engagieren“, sagt Eleonore Harmel. „Rund ein Drittel der Aktiven braucht keinen festen Rahmen, sondern macht einfach.“ Zeit, dass sie sichtbar werden.

Thomas Friemel

Aufbruch in neue Welten

Im äußersten Nordosten des Landes blüht ein kleines Wunder. Auf dem Bio-Bauernhof Rothenklempenow ist ein „Campus der Kooperationen“ entstanden mit Food-Startups, Weltacker – und einer Vision, die das Dorf zusammenwachsen lässt.

Wer die Zukunft sehen will, muss an die Ränder des Realen gehen. Es geht über Kopfsteinpflaster an verfallenen Häusern, Höfen und Holzkreuzen am Wegesrand mit dem Namen Laura darauf vorbei und hinein in ein Dorf, an dessen Laternenpfählen Plakate zur „Bumsparty“ mit DJ Melody einladen. Wer dann noch die Dorfkirche hinter sich lässt, kommt schließlich an. Nicht nur am Rand des Dorfs. Sondern auch an den äußersten Rand Deutschlands. Und an den Rand zu einer anderen Welt.

Rothenklempenow. Nichtgeografen würden vielleicht sagen: in Deutschland ganz weit rechts oben. Polen und die Ostsee liegen in Spuckweite, es gibt ein Schloss im Fachwerkstil, den Fangelturm und sogar ein kleines Heimatmuseum, das von der über 800jährigen Geschichte erzählt – insbesondere von den vergangenen Jahrzehnten, als sich das Dorf Pionierort der DDR nennen durfte und hunderte Menschen hier in der LPG arbeiteten. Heute leben noch gut 600 Menschen hier. „Einige Familien blicken auf eine jahrhundertealte Geschichte allein hier im Dorf zurück“, sagt Tobias Keye und nickt Richtung Dorfstraße. „Sie sind das kulturelle Erbe, auf dem wir hier aufsetzen – ohne es zu ersetzen.“

Wenn man so will, ist Tobias Keye so etwas wie der Zukunftsmacher. Der ehemalige Schauspieler aus Düsseldorf hat sich früh der Nachhaltigkeit verschrieben und kam 2016 für die BioBoden Genossenschaft hierher, die auf dem alten LPG-Gelände ihren Sitz hat. Das noch junge Unternehmen kauft seit seinem Bestehen 2015 landwirtschaftliche Nutzflächen, um sie für die ökologische Bewirtschaftung zu sichern. Mittlerweile sind es über 60 Partnerhöfe, auf denen die Genossenschaft deutschlandweit engagiert ist und sie so auch dem Zugriff von Landspekulanten entzieht. Drei der BioBoden-Höfe liegen hier in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander: Neben dem Betrieb in Rothenklempenow sind das der Haffwiesenhof und das Landgut Seegrund. Insgesamt 2.500 Hektar Land, davon 60 Prozent Weide, 40 Prozent Acker. 1.500 Tiere sind hier zuhause, auf den Feldern gedeihen Getreide, Mais, Kartoffeln und Gemüse. Alles in Bioland-Qualität. Alles Teil einer großen Vision.

Denn BioBoden mit seinen drei Höfen, die sich für eine bessere Vermarktung zur Höfegemeinschaft Pommern zusammengeschlossen haben, sind gleichzeitig Teil und bilden den Rahmen für den „Campus der Kooperationen“, wie Keye den Ort bezeichnet. Bio-Waren erzeugen kann schließlich jeder. Sie aber als Herz zu verstehen, das viele andere Organe versorgt und damit ein neues Lebewesen schafft, können nur die wenigsten. Tobias Keye und seinen vielen anderen Mitstreitern gelingt es.

Wir wollen den Menschen ein Bewusstsein dafür vermitteln, woher die Dinge kommen, dass unser Planet endlich ist, dass wir sorgsam mit unserem Boden umgehen müssen.

„Aus gutem Boden wächst Gutes.“

Wer Keye über den teils heruntergekommenen Hof bis hinein in die Räume der renovierten Gutsanlage begleitet, kann schon einmal den Überblick darüber verlieren über all das, was hier passiert. Da hilft es, einen festen Boden unter den Füßen zu haben, um nicht die Orientierung zu verlieren. Zum Beispiel den Weltacker, gleich hinter der Scheune. Warum er so heißt, ist ganz simpel: Teilt man die globale Ackerfläche von 1,5 Milliarden Hektar durch die 7,5 Milliarden Erdenbewohner, kommt man auf 2000 Quadratmeter, die jedem einzelnen von uns rein rechnerisch zustehen. Auf diesem Weltacker muss also alles wachsen, was jeder von uns zum Leben braucht: Getreide fürs Brot, Reis, Kartoffeln, Obst, Gemüse, Öl, Zucker, aber auch das Futter für die Tiere, von deren Fleisch, Milch und Eier wir uns schließlich ernähren. Ganz zu schweigen von der Baumwolle für die Jeans oder die nachwachsenden Rohstoffe für die Industrie. „Wir wollen den Menschen ein Bewusstsein dafür vermitteln, woher die Dinge kommen, dass unser Planet endlich ist, dass wir sorgsam mit unserem Boden umgehen müssen“, so Keye. „Und wenn wir beginnen, Boden gut zu machen, dann wächst auch etwas Gutes daraus.“

Und das nicht nur in Form von gesunden Lebensmitteln, sondern auch in der Haltung. Für Keye ist der Weltacker Dreh- und Angelpunkt: Hier kommen Schulklassen und Studierende her, um auf ihm zu arbeiten und Zusammenhänge zu verstehen. Hier kommen die Mitarbeitenden der Nachhaltigkeitsbank GLS aus Bochum her, um zu ackern und so ihr Zahlen-Tageswerk mit Leben zu füllen. Und hier kommen jene her, die blauen Mais machen können.

Interessante Option: Blauer Mais

Anna Wertenbroch ist die Gärtnerin von BioBoden und nutzt die Fläche als Experimentierfeld. Das herkömmliche Gemüse zieht sie auf dem Acker oder im selbst mitgebrachten Tunnel hoch, um den Hofladen und die Biokisten für den Lieferservice für die Menschen rund um Rothenklempenow zu bestücken. Aber blauer Mais ist da schon eine andere Liga. „Wir wollen alte Sorten wiederbeleben“, sagt sie, die zuletzt in Köln einen eigenen Gemüsebetrieb geführt hat. „Samenfeste Sorten, die man kaum noch kennt.“ Als samenfest wird eine Pflanzensorte bezeichnet, wenn aus ihrem Saatgut Pflanzen wachsen, die über exakt dieselben Eigenschaften und dieselbe Gestalt haben wie die Elternpflanze. Heißt: Die Sorte kann sich wie früher natürlich vermehren. In Zeiten von Monsanto und Co. ist das eine Seltenheit geworden.

Und einer dieser samenfesten Sorten ist eben der blaue Mais, einer von 200 Mais-Arten insgesamt. Und für Daniel Möhler eine interessante Option. Gemeinsam mit Co-Gründer Carl Eugen Jahke hat Möhler hier auf dem Gelände das Food-Startup Tlaxcalli angesiedelt. Tlaxcalli kommt aus dem Aztekischen und heißt Maisfladen – der Name ist hier also Programm. Das junge Unternehmen mit seinen sieben Mitarbeitenden produziert hier die ersten und einzigen Bio-Tortillas Europas. Und das ziemlich erfolgreich: Waren es 2017 noch acht Tonnen, sind es zwei Jahre später schon zwanzig.

Verkauft werden die Fladen insbesondere in Gastro- und Delikatessläden Berlins, aber zunehmend auch in ganz Europa, vor allem in Lissabon, wo Möhler zu einer Verkostung war – die Qualität der Tortillas haben sich herumgesprochen. Und nicht nur dort. „Wir bekommen Emails von vielen Mexikanern in Deutschland, die unsere Produkte haben wollen“, so Möhler. Ein echtes Kompliment.

Abfall für Bio-Plastik?

Das kommt nicht von ungefähr. Möhler war nach viereinhalb Jahren in den USA dreieinhalb Jahre in Mexiko, wo er eine Bäckerei in Mexiko-Stadt betrieb. Er weiß also sehr genau, wie man Original-Tortillas macht. Und was man dazu braucht. Zum Beispiel das „Biest“. Die Maschine haben sie eigens aus dem mittalamerikanischen Land importiert, hier wird der Mais gekocht, in einer Vulkansteinmühle zu Teig gemahlen, geformt und auf befeuerten Eisenplatten gebacken. Jeden Tag frisch. Das ist besonders. „Wenn man so will, ist unser Verfahren wie Sauerteig machen im Gegensatz zu Toast herstellen“, sagt Möhler. Was er damit meint: Durch die besondere Herstellung werden Proteinketten aufgespalten und so leicht verdaulich gemacht, der Körper kann andere Nährstoffe leichter aufnehmen, und ganz nebenbei wird das Produkt natürlich haltbar gemacht. Kein Wunder also, dass Tlaxcalli schon den „Next-Organic-Award“ gewinnen konnte.

Und warum sind sie nun ausgerechnet hier? Im letzten Winkel der Republik? „Der Mais hier ist der beste“, sagte Möhler und lässt Tobias Keye strahlen. Die Sorte Padrino von den Feldern in Rothenklempenow hat in einer Blindverkostung gewonnen, da war es klar, dass man sich dem Projekt hier anschließen wollte. Und nicht nur wegen des Mais’. Auch die Vision des Orts war ein Pluspunkt. „Mais ist eine erstaunliche Pflanze“, so der Gründer. „Sie kann die Antwort auf die Frage sein, wie wir den Hunger bekämpfen können.“ Denn: „Mais wächst überall und wie verrückt.“

Die perfekte Rohware also für ganz neue Ideen. Man könnte die Pflanze auch auf andere Gebiete transferieren, so Möhler. „Den Mais-Abfall, also die äußere Schale, könnte man zur Herstellung von Bio-Plastik nutzen“, erklärt er. „Das kalziumhaltige Wasser, das in der Produktion entsteht, könnte auf den Feldern als natürlicher Dünger ausgebracht werden.“

Nichts verschwenden, schonend mit den Ressourcen umgehen, vermeintliche Abfälle für Neues nutzen, in Kreisläufen denken – das ist her die gemeinsame Haltung. „Wir arbeiten hier an einer neuen Landwirtschaft, die vom Boden bis auf den Teller bis in den Körper denkt“, sagt Keye. Und wo man eben auch herumexperimentieren kann. Stichwort: der blaue Mais. Die ersten Samen vom Weltacker haben es schon auf zwei Hektar geschafft – im kommenden Jahr wird Tlaxcalli also ein neues Produkt auf den Markt bringen. „In Zukunft werden wir weitere Maissorten ausprobieren“, so Möhler. Der Vorteil, den sie hier haben: Sie können gemeinsam mit anderen auf Zuruf einfach mal ausprobieren.

Öko-Anbau als Mittel zum Zweck

Das ist nicht nur bei Tlaxcalli so. Auch das andere Food-Startup Lunch Vegaz von Gründerin Govinda Thaler profitiert von der gemeinsamen Haltung, dem gemeinsamen Standort, der gemeinsamen Vision. Lunch Vegaz mit seinen elf Mitarbeitenden produziert fertige Bio-Gerichte komplett ohne Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker. Für die bis zu 30-tägige Haltbarkeit werden die Gerichte lediglich vakuumisiert – was den Vorteil zum Beispiel gegenüber Tiefkühlkost hat, dass die wertvollen Inhaltsstoffe erhalten bleiben. Die Rohwaren kommen – natürlich – von den Feldern direkt vor der Haustür.

Und so ließe sich die Liste noch weiter und weiter und weiter fortsetzen. Sechs neue Startups stehen in den Startlöchern, außer dem Weltacker soll es bald die Weltweide und den Weltwald geben, auch eine Tinyhouse-Siedlung soll entstehen, ebenso wie eine Gaststätte und eine Brauerei fürs gesamte Dorf. Ach ja, und das RCE Stettiner Haff hat hier seinen Sitz, also das Regional Centre of Expertise, ein regionales Kompetenzzentrum für Bildung für Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen Universität, aus dem nun Stipendien im Rahmen des Projekts ResidenZukunft vergeben werden an Menschen, die an einer neuen Landwirtschaft arbeiten wollen.

 

„Wir sind eine Modell-Werkstatt für die Gesellschaft von Morgen“, sagt Tobias Keye. Gemeinsam mit den Bewohnern des Dorfs und der Umgebung wollen sie hier eine neue Form des Zusammenlebens erproben, in dem eine ökologische Landwirtschaft auch Mittel zum Zweck für mehr Gemeinschaft, mehr Miteinander, mehr gegenseitiger Verantwortung bietet. Im Sommer gehen sie zusammen im nahegelegenen See schwimmen, spielen Fußball, sitzen am Lagerfeuer. Bei alldem nehmen sie die Menschen vor Ort mit – und das auf eine ernste und empathische Weise: Sie bauen auf ihr Wissen, auf ihre Erfahrung, auf ihre Geschichte. „Die Menschen fühlen sich hier normalerweise nicht gesehen“, glaubt Keye. Man müsse ihnen wieder wertschätzend begegnen und motivierend mit in eine andere Zukunft nehmen. Das klappt nicht bei allen, die Skepsis gegenüber den „Öko-Freaks“ ist noch hoch. Doch es werden immer mehr – und es sind nicht nur die jungen Leute, die sich dem Experiment von Tobias Keye öffnen. „Die ehemalige LPG-Chefin ist unsere treueste Anhängerin“, erzählt er.

Das war nicht immer so. Als BioBoden sich hier ansiedelte, gab es schnell Gerüchte, dass irgendwelche Wessis wieder nur „fette Geschäfte“ machen wollten, diesmal mit Bio-Lebensmitteln, was ja ohnehin alles „Beschiss“ sei. Das hat sich verändert. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer sind die gegenseitigen Vorurteile zwar auch hier in Rothenklempenow noch zu spüren. Aber sie werden jeden Tag kleiner. Man hat hier den Eindruck, dass die Menschen aus West und Ost an einer wirklichen Einheit arbeiten, an einer gemeinsamen Zukunft. Nach dreißig Jahren und viel Frust ist etwas auferstanden aus den Ruinen. Hier, am Rande der Republik.

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