Samen für die Menschen

Gute Erde ist nicht nur ein Nährboden für Pflanzenwachstum - sie ist Fundament und Quelle des Lebens. Für einige Orte in Ostdeutschland ist diese Philosophie des Bodens die Basis, um unterschiedliche Lebensbereiche auf neue Weise zu bedenken und zu beackern. Und als Lernorte ihr Wissen weiterzugeben. Vier von ihnen stellen wir hier vor.

Im Frühsommer 2016 steht der ehemalige Investmentbanker Benedikt Bösel auf seinem sandigen, heißen Boden im Osten Brandenburgs und stellt fest, dass er in dieser Dürre keinen Blumentopf mehr gewinnen kann. Dass seine Landwirtschaft, die er von seinem Stiefgroßvater Graf Finck von Finckenstein geerbt hat, angesichts des Klimawandels keine Zukunft hat – wenn Bösel keinen Boden gut macht. Und so krempelt Bösel, inzwischen 37, die Ärmel hoch – und seine 3000 Hektar Land Stück für Stück um.

Das Schlossgut Alt Madlitz, malerisch gelegen zwischen Berlin und Frankfurt an der Oder, ist heute ein innovativer ökologischer Agrar- und Forstbetrieb, der so einige traditionelle Anbaumethoden auf den Kopf stellt. Benedikt Bösel, nun auch studierter Agrarökonom, probiert gemeinsam mit Experten und Pionieren neue regenerative Methoden der Landnutzung aus – sie gehen weit hinaus über eine ökologische Landwirtschaft. Unter der Dachmarke „Gut & Bösel“ firmieren neben dem zertifizierten Biobauernhof auch ein Forst- und Jagdbetrieb mit Wildäsungsflächen und Ruhezonen, eine Baumschule und ein Forschungsbereich. Doch im Zentrum all dessen steht: ein gesunder Boden, der wieder lebt und Feuchtigkeit speichert.

Wo neues Wissen nach draußen getragen wird

Die Kreisläufe schließen

In einer sechs- bis siebenteiligen Fruchtfolge wird auf Gut Madlitz Getreide wie Dinkel, Weizen, Hafer, Gerste und Roggen angebaut, dazwischen wachsen auf den Feldern Leguminosen wie Luzerne, Klee und Lupine. Sie binden den Stickstoff aus der Luft in der Erde – und verbessern so die Qualität des Bodens. Die 150 Angus- und Salers-Rinder des Hofs stehen nicht eingezäunt auf der Weide, sondern auf begrasten Ackerflächen; diese Methode fördert das Wurzelwachstum der Gräser und stärkt das Bodenleben. Die Herde wird stets weiterbewegt und verbringt dabei das ganze Jahr draußen – im Winter frisst das Vieh die aufgehende Untersaat der Felder, auf denen zuvor Wintergetreide geerntet wurde. „Durch diese Art der Beweidung und Bepflanzung bauen wir den Boden wieder auf und schließen unsere Kreisläufe“, sagt Bösel.

Doch das ist längst nicht alles, was Bösel verändert hat. Auf 60 Hektar erforscht das 30-köpfige Bösel-Team verschiedene sogenannte Agroforst-Systeme und führt mit externen Partnern Langzeitstudien durch. Das Agroforst-Konzept sieht vor, lange Baum- und Sträucherreihen bewusst dorthin zu pflanzen, wo sich früher endlose Äcker dehnten. Mit der Absicht: Bäume und Sträucher reichern den Boden an, beschatten die Felder, verbessern das Mikroklima und verringern die Winderosion. Bösel hat gute Erfahrungen mit der Methode gemacht – und sie gleich auf seinen Äckern eingesetzt.

Bodendegradierung aufhalten

Der ehemalige Investmentbanker Benedikt Bösel sieht sein Gut Madlitz als Reallabor.

Ort des Austausches

Die Jungbäume dafür stammen aus der hauseigenen Baumschule. Dort werden Obst- und Nussbäume gezüchtet, die mit den sandigen Lausitzer Böden und den sich ins Extreme wandelnden Klimabedingungen besser zurechtkommen als ältere Sorten. Gemeinsam mit Maschinenbau-Experten entwickelt Benedikt Bösel sogar neues Gerät, wenn das handelsübliche für die Ideen nicht mehr passt. „Wir sind ein Reallabor für multifunktionale Landnutzungssysteme“, sagt er, „wir wollen die Bodendegradierung aufhalten, Humus aufbauen, die Biodiversität fördern, den Nährstoffgehalt der Lebensmittel steigern und mehr CO2 und Wasser im Boden speichern.“

In all diese Überlegungen fließt viel traditionelles Wissen aus heißeren Gegenden der Erde ein – es soll der Lausitz und anderen Regionen helfen, mit den Folgen des Klimawandels umzugehen. Gut & Bösel versteht sich als einen Ort des Austauschs – er steht Wissenschaftlerinnen, Start-ups aus dem Agrar- und Forstbereich ebenso wie allen anderen Interessierten offen. 30 Praktikumsplätze sollen dazu beitragen, neues Wissen nach draußen zu tragen. „Wir wollen zeigen: Landwirtschaft ist sehr viel mehr als nur die Produktion von Lebensmitteln“, sagt Bösel. „Landnutzung ist der Schlüssel, um viele der drängendsten Probleme unserer Zeit zu lösen – vom Klimawandel und dem Verlust der Artenvielfalt bis hin zu Hunger und Chancengleichheit.“

Klein Jasedow - ein Ort für enkeltaugliches Leben

Vor 25 Jahren zieht der Öko-Pionier Johannes Heimrath mit seiner intentionalen Gemeinschaft aus Oberbayern nach Klein Jasedow – damals ein aussterbendes Dorf an der Küste vor Usedom. Sie wollen gemeinschaftlich, ökologisch und sozial zusammenleben und arbeiten. Und ihr Plan geht auf: Mehr als 30 Menschen zwischen 2 und 80 Jahren leben heute diese Idee. „Wir sind eine der ältesten intentionalen Gemeinschaften in Deutschland“, sagt Heimrath, inzwischen 69 Jahre alt. „Und wir sind die einzigen aus den 70er Jahren, deren Gründungspersonen nach mehr als 45 Jahren nach wie vor in Frieden und Freundschaft zusammenleben.“

Dank ihnen ist aus Klein Jasedow über die Jahre ein Ort der Vielfalt geworden, der unterschiedlichste Lern- und Lebensangebote, Interessen und Unternehmen miteinander vereint: Unter dem Dach der selbst gegründeten Europäischen Akademie der Heilenden Künste veranstaltet das „Klanghaus am See“ Weiterbildungsstudiengänge, Kurse, Tagungen und Kulturangebote, der Drachen-Verlag publiziert Bücher zum Verhältnis von Mensch und Natur, die Zeitschrift Oya widmet ihre Texte dem enkeltauglichen Leben und die genossenschaftliche Manufaktur Kräutergarten Pommerland vertreibt teils selbst angebaute Teegetränke. In einem Fachwerk-Gebäude mit Lehm, Stroh und ­Naturstein werden Zirkuscamps für Kinder und Workshops für Jugendliche zu Naturerfahrungen aus­gerichtet. Auch ein Naturkindergarten, eine Freie Schule und ein Mehrgenerationenhaus sind in dem einst fast verfallenen Dorf entstanden.

In Klein Jasedow gibt es nicht nur ein Baumfeld mit Esskastanien (Foto), sondern auch die Prinzipien von Agroforst und Gründüngung zu bestaunen und zu lernen.

Johannes Heimrath, eigentlich studierter Musiker, international erfolgreicher Gong-Bauer und
ehemals stellvertretender Bürgermeister, hat sich derweil als Bauer neu erfunden: Er widmet sich auf 35 Hektar Ackerflächen unterschiedlichen Formen ökologischer Landwirtschaft wie Agroforsten und Gründüngung. „Wir versuchen, den Boden zu verstehen und sehen uns als Versuchsort für neue Anbauformen und Fruchtfolgen“, sagt Heimrath. „Der Boden ist die Quelle, von der wir leben, und mit der wir uns verbunden fühlen.“ Daher kämpft der Aktivist mit seinen Initiativen „Ackergifte? Nein Danke!“ und dem „Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft“ auch seit langem gegen Pestizideinsatz an.

Bei alldem kommen die Klein Jasedower mit wenig Geld aus. „Wir ernähren uns zu einem großen Teil von unserem Anbau und den eigenen Tieren“, sagt Heimrath. Jungen Menschen, die sich in diesen Lebens- und Landwirtschaftsthemen orientieren wollen, bietet die Gemeinschaft Praktika für einige Wochen oder gar Monate an. „Das ist für beide Seiten ein wichtiger Knowhowtransfer“, sagt Heimrath. „So verstehen wir uns als Lernort.“

Himmelsort für eine Öko-Gärtnerei

Nebelschütz in Ostsachsen, das heißt: der Himmel. So lautet die Übersetzung des sorbischen Ortnamens Njebjelčicy, und es scheint so, als ob die Menschen hier den Himmel auf Erden tatsächlich schaffen wollen. Sie geben alles, um ihr Gemeindeleben enkeltauglich zu gestalten, richten Öko-Allmenden ein und Bildhauerwerkstätten aus, sie betreiben eine Öko-Kita und produzieren mit Sonne, Wind und Biogas dreimal soviel Energie wie sie benötigen. Thomas Noack nennt sein Nebelschütz eine „Revoluzzer-Gemeinde“ und zählt selbst zu den Revoluzzern: Der 59-jährige Geologe ist Permakultur-Berater der Gemeinde und Geschäftsführer der kleinen Unternehmung „Permagold Oberlausitz“, eine schnell wachsende Gärtnerei mit sieben Leuten, sechs Hektar Land und einem Lausitzer Bio-Höfeladen.

Beim alten Steinbruch Miltitz am Ortsrand von Nebelschütz bauen sie seit zwei Jahren mit einer Handvoll Kolleginnen und Kollegen verschiedene Tomatensorten und Bautzener Kastengurken an, daneben Mangold und Portulak, Kohl, Fenchel und Salate, dazwischen Wein und anderes Obst. Kürzlich haben sie 200 Maulbeeren-Sträucher gepflanzt, für die Bio-Seidenraupen-Zucht, die gerade entsteht. Und dank ihrer 25 Bienenstöcke haben sie dieses Jahr schon ihren ersten Honig geerntet.

Der Anbau läuft nach Permakultur- und Agroforst-Prinzipien, um ein regeneratives Ökosystem zu schaffen: in mehrjährigen Mischkulturen mit Beerenhecken und Büschen, Nuss- und Obstbäumen dazwischen. Der Boden wird nicht umgegraben, sondern gemulcht. Gedüngt wird mit Gesteinsmehlen, Pflanzenkohle und Kräuterjauchen. „Wir wollen einen fruchtbaren, nachhaltigen Boden aufbauen“, sagt Thomas Noack. Hin und wieder haben sie Gruppen von Kindern und Jugendlichen zu Besuch, um ihnen von der Gartenarbeit zu erzählen. „Wir sind ein Lehr- und Lernort für Permakultur“, sagt Noack. Gewinne wollen sie mit ihrem Geschäft nicht anhäufen, sich aber ökonomisch selbst tragen und ihre Träume verwirklichen können: größere Flächen, mehr Märkte, mehr Lebensmittelprodukte wie Kräutersalz und Fruchtessig, dazu Hühner auf den Streuobstwiesen.

Für ihre Projekte haben sie einen wichtigen Partner im Rücken: Die Permagold-Genossenschaft in Dresden mit mehr als 300 Mitgliedern, die an der Nebelschützer
Firma beteiligt ist. Sie sammelt Gelder ein, um sich an Permakultur-Betrieben zu beteiligen. Nebelschütz ist ihr erstes Projekt und Thomas Noack sitzt im Beirat. Gemeinsam wollen sie eine ökologische Agrarwende gestalten, mit Beteiligung möglichst vieler Bürger:innen. Dazu bieten sie Workshops, Seminare und Veranstaltungen an. Und irgendwann, sagt Noack, soll ein ganzes Ausbildungszentrum entstehen. Doch Permakultur brauche eben auch: Geduld.

Wangeliner Wissen

Die Geschichte des blühenden Kleinods Wangelin unweit des Plauer Sees beginnt auf einem russischen Schießplatz. Zur Zeit der Wende kämpft eine Gruppe Enthusiasten um den Aktivisten Klaus Hirrich für die Schließung der militärischen Hinterlassenschaft – und hat Erfolg. Der Schießplatz wird bereits im Herbst 1990 geschlossen und unter Naturschutz gestellt. Das Marienfließ ist heute ein Habitat von europäischem Rang. „Aus dem Sieg unseres Bürgerwillens haben wir viel Kraft geschöpft“, erzählt Hirrich, ein gelernter Schlosser, der 1986 aus Dresden nach Wangelin zog. „Wir wollten den Beweis antreten, dass durch gemeinsames Engagement ein nachhaltiges Leben machbar ist.“ Tatsächlich ist Wangelin heute ein ökologisch umgestalteter, lebendiger Vorzeigeort für naturnahe ländliche Entwicklung.

Allein die Pflanzung von fast 60.000 Bäumen und Sträuchern hat der Landschaft binnen 30 Jahren ein neues Gesicht verliehen. Der Wangeliner Garten ist mit seinen 900 Arten der größte Kräutergarten Mecklenburgs und eine Blumenoase voll heilender Düfte und Pflanzen. Als touristisches Highlight der Region vermittelt er umfangreiches Wissen über ökologische Gartengestaltung und die Geschichte der Kulturpflanzen – es ist ein summendes Refugium für zahllose Insekten und Tierarten, die es anderswo nicht gibt. Durch den Einsatz von Permakultur und Terra preta dient der Garten zugleich als Musterbeispiel für eine nachhaltige Behandlung des Bodens. „Ohne guten Boden“, lautet Hirrichs Mantra, „verändert sich nichts.“

„Lehm ist ein energiearmer, günstiger Baustoff“: In Wangelin gibt es neben Seminaren, Führungen und Kräuterwanderung auch wertvolles Wissen für Lehmbau.

Das gilt ebenso für den Hausbau mit dem Grundstoff Lehm: Mit ihrer europäischen Bildungsstätte für Lehmbau vermitteln die Wangeliner in Workshops umfangreiches Wissen an Handwerker, Bauleute und Laien aus ganz Europa. Sie sanieren einstmals verfallene Häuser und errichten gemeinsam neue Gebäude aus Grubenlehm, die das Leben im Ort bereichern. „Lehm ist ein energiearmer, günstiger Baustoff, der leicht gewonnen und mit Stroh und Holz in wunderbare Häuser verwandelt werden kann“, sagt Hirrich.

Mit seinen vielseitigen Projekten ist das 90-Einwohner-Dorf inzwischen ein ausgezeichneter Lernort für nachhaltige Entwicklung und tiefe Kenntnisse über die Natur, die in Seminaren, Führungen und Kräuterwanderungen weitergegeben werden. Ein Hotel, ein Café im Kräutergarten und ein Hofladen sorgen dabei für den wirtschaftlichen Erhalt der Unternehmungen. Sie sind der Nachhaltigkeit verpflichtet und Arbeitgeber für mehr als 20 Menschen der Region. „Es möchten sogar noch viel mehr Menschen zu uns ziehen“, erzählt Hirrich. „Aber jede Fläche ist zurzeit ausgelastet. Wir haben gar nicht mehr genug Räume.“ Erst ein neuer, anvisierter Bauplatz könnte in Zukunft für neues Wachstum sorgen.

Wo Gemeinwohl wächst

Wo Gemeinwohl wächst

Sie buddeln und graben in Baulücken, auf Brachen und Splitterflächen: Immer mehr Menschen sorgen mit Gärtnern für mehr Gemeinschaft und Toleranz zwischen Kohlrabipflänzchen und Gurkensetzlingen. Ein Besuch im Beet.

Der Tomatenurwald liegt mitten in Magdeburg. Eingebettet zwischen der Haldensleber- und der Hugenottenstraße, inmitten von Wohnhäusern, Plattenbauten und dem wuchtigen Komplex des Gesundheits- und Veterinäramtes, zu DDR-Zeiten erbaut als Poliklinik Nord. Der Tomatenurwald, das ist ein Dickicht aus Tomatenpflanzen, die sich ohne stützende Stöcke oder nach oben korrigierende Bänder über den Boden und ineinander winden, die wachsen, wohin sie wollen. Den Namen „Urwald“ hat Sarah Willmann dem Beet ihres Gartennachbarn Abu gegeben. Ihr eigenes Tomatenbeet sieht ganz anders aus, von Urwald kann hier keine Rede sein. Willmanns Pflanzen sind fein säuberlich aufgebunden, werden an Metallstangen nach oben geführt. „Hier deutsch, da afghanisch“, lacht sie. „Ich beäuge Abus Beet kritisch-interessiert.“

Sarah, 30, und Abu, 60, sind Mitglieder des IkuGa, des Interkulturellen Gartens Magdeburg, gegründet vor elf Jahren im Stadtteil Neue Neustadt, einem sozialen Brennpunkt nördlich der Altstadt. Auf der Fläche stand früher ein Plattenbau; nach seinem Abriss wurde eine Hundewiese daraus. Bis Studierende des Bachelor-Studiengangs „Cultural Engineering“ an der Otto-von-Guericke-Universität als praktische Semesterarbeit ein soziales Projekt gründen sollten – und auf die Idee mit dem Interkulturellen Garten kamen. Seitdem überlässt die Wohnungsbaugesellschaft WOBAU Magdeburg, ein hundertprozentig städtisches Unternehmen, den Grund und Boden bis auf Widerruf dem IkuGa; Spender wie die Sparkasse, die Stadtwerke und Privatleute unterstützen mit Geld. Deshalb können am Kuckhoffplatz 8, hinter einem grünen Metallzaun, Eritreer und Deutsche, Rentner und junge Leute, Menschen unterschiedlicher Milieus und Lebensformen miteinander ackern.

Gemeinsam zu gärtnern, das ist keine neue Erkenntnis, generiert Begegnung, sorgt für Austausch, schafft Verständigung. Lässt Gemeinschaft wachsen wie Kohlrabipflänzchen oder Gurkensetzlinge. Im besten Fall erntet man am Ende Toleranz und Akzeptanz. Nicht nur in der Neuen Neustadt Magdeburg, sondern überall, wo die Beschäftigung mit Boden und Botanik als gesellschaftliches Therapeutikum eingesetzt wird. Die gemeinnützige Münchener Stiftung „anstiftung“ listet in ihrer Datenbank 878 urbane Gemeinschaftsgärten in Deutschland auf. Entstanden auf Brachen, in Baulücken oder auf Splitterflächen sind sie zumindest Teil einer Antwort auf die immer drängenderen Fragen: Wie wollen wir leben, wirtschaften, uns ernähren? Wie wollen wir unsere Städte gestalten? Wie sieht eine zukunftsfähige Lebensweise aus?

Die Klinke am Gartentor ist kaputt, als Sarah Willmann mit ihrem Freund Tobias Keßler, 32, und ihrem etwas über ein Jahr alten Sohn Simon an diesem heißen Montagnachmittag am Kuckhoffplatz ankommt. „Schon wieder!“, ruft sie, „Vandalismus!“ Willmann kennt diese Spuren von Aggression und Langeweile. Einmal fehlten an ihrem Pfirsichbaum im Garten alle Früchte; sie waren alle noch unreif, Mundraub konnte es nicht gewesen sein. Ein anderes Mal legte jemand Feuer am Gemeinschaftshäuschen und die Weinreben an seiner Außenwand fingen Feuer. Auch der Maschendrahtzaun rund um den Garten wird immer wieder demoliert; der Verein tauscht ihn stückweise gegen einen stabileren aus – immer wieder 20 Meter, wenn eine Spende hereinkommt. Sarah und Tobias bitten unter den Pavillon mit dem rot- und grüngestreiften Stoffdach, da ist Schatten. Um dieses Zentrum herum gruppieren sich die Beete, alle individuell in ihrer Größe, Form, Umrandung und Bepflanzung.

Die bunten Blumenbeete am Eingang pflegt Gabi, eine Rentnerin, die in der Nähe wohnt und jeden Tag da ist. Gabi kümmert sich. Um die Ordnung in der kleinen Kaffeeküche zum Beispiel. Sarah Willmann erzählt, dass Gabi sich oft mit Aster austausche, einer Frau aus Eritrea. „Gabi lässt sich gern inspirieren von dem, was Aster anbaut und wie sie das macht. Diese Beziehung zwischen den beiden hätte es sonst nie gegeben.“ Willmann und Keßler führen von Beet zu Beet, vorbei an dicken Lavendelbüschen, deren Blüten schwarz-blaue Holzbienen umkreisen. Ein Stück weiter wachsen Rote Bete, Mangold und Obststräucher, Reihen voller Kartoffelpflanzen, Kohlgemüse, Erbsen und Bohnen. „Das da ist Gerolds Fläche“, erklärt Sarah, „die hier bewirtschaftet Sven. Und das Beet da vorne gehört Arlind, der ist erst 18 und kommt aus dem Kosovo.“

Das Beet da vorne gehört Arlind,
der ist erst 18 und kommt aus dem Kosovo.

Gemüse säen und Teamgeist ernten
Heute ist Christoph Schmitz Ende Dreißig. Der Verein, den er 2014 gemeinsam mit zwei Partner:innen gründete, heißt inzwischen Acker e.V., ganz schlicht. Aus den damals 20 Gärten sind knapp 1300 geworden, auf Schul- und Kita-Geländen im ganzen Land. Fast 55.000 Kinder, sagt Lisa Schäfer, zuständig für Kommunikation, habe man in der ersten Jahreshälfte 2022 bereits erreicht, 162.000 Kinder insgesamt. Kinder und Jugendliche sind heute noch eine wichtige Zielgruppe für den Verein, aber sein Angebot hat sich stark verbreitert – auch Erwachsene lernen jetzt als Schüler:innen am Beet. 2018 startete das Programm „Die Ackerpause“. Kurz gesagt will es Urban Farming- und Office-Farming-Konzepte in Innenhöfe von Wohnungsbaugesellschaften und auf Terrassen von Bürogebäuden tragen. Nach dem Motto: „Gemüse säen, Teamgeist ernten“.

Für jede Firma, für jede Organisation wird ein individueller Plan entworfen – ebenso individuell sind die Kosten ab 390 Euro aufwärts. Mal wird eine Wiese zum Gemüseacker umgegraben, mal Hochbeete für den Parkplatz bestellt, mal Indoorpflanzkästen mit LED-­Beleuchtung aufgebaut, direkt neben dem Schreibtisch oder in der Kantine („Eine großartige Alternative zu Zierpflanzen und Plastikpalmen“, heißt es auf der Webseite). Gepflanzt wird bei allen Anbauformen gemäß den Prinzipien des ökologischen Landbaus; das Lehrmaterial gibt es wöchentlich via Newsletter, in der App sowie in Ackersprechstunden und Workshops vor Ort.

Jede Ackerpause folgt diesem Dreischritt: AckerkickOff mit Anlieferung, Aufbau und Bepflanzung, Ackermittendrin mit erster Ernte, schließlich das Ackerfinale mit „großem Erntefest“. Gelegenheit für Gespräche, die sonst nicht geführt würden. Mit Kollegen oder Nachbarn, die man vielleicht freundlich grüßt, aber erst beim Karotten-Pikieren am Hochbeet wirklich etwas über sie erfährt. „Es entstehen ganz andere Dynamiken als im Konferenzraum oder auf dem Hausflur“, sagt Lisa Schäfer. „Man lernt sich von einer neuen Seite kennen.“ Am Anfang gab es für die Ackerpausen-Teams regelmäßig Aufgaben, die sie an den Beeten lösen mussten. „Kleine Challenges“, nennt Lisa Schäfer das. Doch dann merkten sie und ihre Kolleg:innen, dass die Pflanzen ihre eigene Sogwirkung entfalteten. Auch ohne Ansage und Aufgabe trafen sich die Menschen am Feldrand, Beet oder Pflanzkasten, einen Kaffee in der Hand oder ein Feierabendbier. „Ziel erreicht“, sagt Schäfer, „von da an haben wir die Challenges einfach weggelassen.“

Es entstehen ganz andere Dynamiken als im Konferenzraum oder auf dem Hausflur.

Gärtnern für eine gesunde Gesellschaft
Die Internationale Gesellschaft GartenTherapie (IGGT) hat ihren Sitz im hessischen Grünberg. Ihr Präsident ist der Gärtner und Phytotherapeut Andreas Niepel; er leitet den Gartentherapie-Bereich einer großen Reha-Klinik. Niepel hat in Interviews beschrieben, welch wichtigen Beitrag Gärtnern „für eine gesunde Gesellschaft“ leistet. „Jedes Stückchen Grün hat das Potenzial, therapeutisch und sozial genutzt zu werden“, sagt er. Andere Experten sagen, es tue dem Menschen gut, Obst und Gemüse beim Wachsen zuzusehen. Dem Jahreslauf eines Gartenjahrs zu folgen, das aus Saat und Ernte, aus Wachstum und Vergehen besteht. Bindung und Verbindung zu spüren. Den Bezug zum eigenen Leben. „Das Leben wird immer urbaner“, zitiert das Magazin National Geographic Andreas Niepel. „Es gibt ein starkes Bedürfnis nach überschaubaren sozialen Konstrukten. Kleingärten und Urban Gardening boomen. Das ganze Thema dient dem sozialen Wohlempfinden viel mehr als der Ernährung.“

 

Das Prinzip SoLaWi
Auf den Feldern der „Kleinen Beete“ muss niemand, aber darf jede:r anpacken. Am dritten Samstag im Juli, die Wolken ziehen über den sächsischen Himmel, Blau wechselt mit Grau, T-Shirt- mit Pulloverwetter, ist Aktionstag. Wer mag, kommt raus nach Sehlis, den kleinen Weiler gut drei Kilometer entfernt von der Kleinstadt Taucha. Die Handvoll Menschen, die zum Mitarbeiten gekommen sind, hacken kleine Löcher in den Acker, stecken jungen Pak Choi hinein, drücken die Erde wieder fest. Manche tragen Sneaker, manche gehen barfuss übers Feld. Nach getaner Arbeit sitzen sie auf den aus Paletten gezimmerten Bänken vor dem Geräteschuppen, es gibt Kaffee mit Hafermilch und Kartoffeln aus der Pfanne.

Ein „solidarisches Gartenprojekt“ nennt sich der Verein Kleine Beete selbst. Er wirtschaftet nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi). Das bedeutet: Was auf den 1,3 Hektar gepachteter Fläche wächst, landet nicht ano­nym in einer Biokiste, nach dem Motto „Ware gegen Geld“. Die jungen Vereinsmitglieder, alle Leipziger, verstehen sich als „lokale Solidargemeinschaft“, die sich gegenseitig „eine Versorgung mit saisonalen, regionalen, ökologischen Leckereien ermöglicht“. Von den Monatsbeiträgen der Mitglieder kann der Verein als Arbeitgeber das Gartenteam bezahlen; drei Gärtner:innen sind es momentan. Was sie das ganze Jahr über anbauen, reicht für 70 bis 80 Ernteanteile, sprich Mitglieder. „Wir sind komplett selbst organisiert“, sagt Leonie Röhler, die sich um die Verwaltung kümmert, „wir leben von der aktiven Beteiligung unserer Mitglieder. Alle wichtigen Entscheidungen treffen wir gemeinsam in einem monatlichen Plenum.“

 

Alle wichtigen Entscheidungen treffen wir gemeinsam in einem monatlichen Plenum.

Das No-Dig-Prinzip
Nora Rösch ist seit Februar 2021 fest angestellt als Gärtnerin. Sie kommt aus Remscheid bei Köln, lebt in Leipzig, hat Philosophie studiert, aber schnell gemerkt, dass ein akademischer Job nichts für sie ist. Sie arbeitete als Saisonkraft in der Landwirtschaft, wechselte dann auf den Acker nach Sehlis. Ihr Rennrad lehnt an einem der Baucontainer, sie ist seit sechs Uhr morgens auf dem Feld. Es ist so heiß, 36 Grad sind es an diesem Tag, dass sie sich ihr T-Shirt über den Kopf zieht und es unter den Wasserhahn hält, bevor sie es wieder anzieht. „Wir arbeiten hier nach dem No-Dig-Prinzip“, erklärt sie. „Wir versuchen, jedes Umgraben, zu vermeiden. Das zerstört die Struktur des Bodens.“ Fragt man Nora im Schatten hinter dem Bauwagen, welche Art von Gemeinschaft hier entsteht, erzählt sie von der Bindung der Mitglieder an das Projekt – und alles, was es hervorbringt. „Unsere Mitglieder sehen, wie viel Arbeit da reingeht. Sie haben Verständnis, wenn etwas nicht klappt wie geplant. Wenn der Salat nicht keimt oder die Möhren Fraßstellen von Mäusen haben. Sie nehmen es, wie es kommt. Mich drückt die Verantwortung so viel weniger.“

In Taucha wächst neben dem vielen Biogemüse auch eine Gemeinschaft der Produzierenden. Die kleine Stadt hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Art informellem Zentrum der Solidarischen Landwirtschaft entwickelt. Begonnen hat es mit der Gemüsekooperative Rote Beete eG, später kamen das Kollektiv Ackerilla, die Kleinen Beete und die kooperative Landwirtschaft Kola Leipzig dazu. Nora Rösch schätzt den Austausch und die Hilfe untereinander. „Gemüseanbau braucht so viel Erfahrung“, seufzt sie. Warum was nicht wuchs und wie man es in der nächsten Saison besser machen könnte, solche Fragen diskutiert sie gern mit Gärtner:innen der anderen SoLaWis. Oder leiht sich, obwohl sie bewusst ohne Maschinen arbeitet, mal die Fräse bei den Kolleg:innen der Ackerilla. „Ich bin da pragmatisch“, sagt sie. „Wir hätten die Wiese nie so schnell von Hand umgraben können.“

Ein Bürgermeister mit Telefon-Joker
Ein Anruf bei Tobias Meier, Bürgermeister von Taucha. Er ist gerade frisch wiedergewählt worden, für weitere sieben Jahre. Meier ist 44 und wird von einem breiten Bündnis aus SPD, Grünen, Linken und der FDP unterstützt. Was bietet seine Stadt, dass sich inzwischen vier Solidarische Landwirtschaften in Taucha niedergelassen haben? Meiers Antwort kommt prompt: „Hier gibt es Leute, die bereit sind, ihr Land zur Pacht an ökologisch arbeitende Gemüsebetriebe abzugeben, wir bieten ein gutes Umfeld, die Bevölkerung ist neuen Ideen wohlgesonnen, wir liegen nah an Leipzig.“ Er betrachte das Konzept der SoLaWi als wichtigen Beitrag zu einer notwendigen Ernährungswende, für ein größeres Bewusstsein, wo unser Essen herkomme.

Dolmetscher sollen das Projekt erklären
Mitglieder aus Taucha haben die Kleinen Beete nicht. Nora Rösch empfindet die Reaktionen der Tauchaer auf das Konzept der SoLaWi als weniger wohlgesonnen als der Bürgermeister. „Ich glaube schon, dass es da noch einige Vorurteile gibt.“ Die vier SoLaWis vor den Toren der Stadt, das hat auch Tobias Meier gesagt, seien ziemlich unterschiedlich. Manche idealistischer, manche politischer, andere mehr auf Wirtschaftlichkeit bedacht. Er selbst setzt auf die größte Kooperative.

In Magdeburg fängt Simon an zu quengeln. Es ist heiß, er ist müde, sein Mittagsschlaf musste wegen der Gartenführung ausfallen. Sarah Willmann und Tobias Keßler packen zusammen. Am Tor mühen sie sich mit der kaputten Klinke ab. In den vergangenen Jahren haben sie einiges versucht, um Menschen aus der Nachbarschaft für den Interkulturellen Garten zu gewinnen. Haben Feste organisiert und alle eingeladen. Die Kinder von nebenan kamen, es lockten Waffeln und eine Hüpfburg. Ihre Eltern blieben zu Hause. Deshalb hat der Vorstand jetzt über verschiedene Fonds eine Förderung beantragt, Geld für Dolmetscher. Sie sollen den Garten-Vorstand an die Haustüren der Nachbarschaft begleiten, um das Projekt zu erklären. Um zu erzählen, dass der Garten für Begegnung und Austausch steht, für Verständnis, Toleranz und Gemeinschaft.

Wenn der Antrag durchgeht, kommen vielleicht ein paar neue Beet-Nachbarn dazu. Eventuell wächst dann bald noch ein Tomatenurwald, mitten in Magdeburg.

Wann klopfte die erste Gemüse-Kooperative in Taucha an? Meier muss kurz überlegen, „2011, glaube ich, aber lassen Sie mich kurz meinen Telefonjoker anrufen“. Er legt den Hörer beiseite und wählt, dann ist Jan-Felix Thon mit im Gespräch, Teil des Vorstands der größten Tauchaer SoLaWi, Kola Leipzig. Thon kann genau sagen, wann die Roten Beete gegründet wurden, er war selbst dabei. 2011 stimmt. Sechs Jahre war Thon anschließend mitverantwortlich für den Freilandanbau der Roten Beete. 2018 kam dann das Angebot des Kirchenvorstands der St. Moritz-Gemeinde Taucha. „40 Hektar erstklassiges Land für den Gemüseanbau“, sagt Thon, „Die Chance konnte ich nicht verstreichen lassen.“ Mit einer kleinen Gruppe gründete er Kola Leipzig und baut nun „eine solidarische Landwirtschaft in einer neuen Dimension auf“. Bis zu 2000 Haushalte kann Kola nach eigener Auskunft mit frischem, regional und fair produziertem Bio-Gemüse versorgen. „Als Privatmann“, sagt Bürgermeister Meier, „bin ich auch Genosse bei Kola.“

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